Publikationen
Wissen als wesentliche Konstituente der Lerndisposition junger Kinder
| Fried, Lilian In: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.) (2005): Wissen als wesentliche Konstituente der Lerndisposition junger Kinder. Theorie, Empirie und pädagogische Schlussfolgerungen. Expertise im Auftrag des Deutschen Jugendinstituts. Deutsches Jugendinstitut Download[1] | [2] |
| Die vorliegende Expertise von Lilian Fried ist mit Unterstützung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Kontext des Projektes „Bildungs- und Lerngeschichten“ entstanden, in dem das Deutsche Jugendinstitut ein Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren entwickelt, um die Umsetzung des Bildungsauftrags in Kindertageseinrichtungen zu unterstützen. Eine wesentliche Grundlage der „Bildungs- und Lerngeschichten ist das von Margaret Carr in Neuseeland entwickelte Konzept der „Learning Stories“ als eine Form des „assessment“ von Lernprozessen bei Kindern in Kindertageseinrichtungen. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Ansatz das Konzept der „Lerndispositionen“, mit dem die Interessen der Kinder und die motivationale Seite ihrer Beschäftigung mit der sozialen und gegenständlichen Umwelt in den Vordergrund gerückt werden. So berechtigt diese Akzentuierung, dass der motivationale Aspekt nicht die allein entscheidende Größe für effektive Lernprozesse ist. Besondere Bedeutung kommt auch dem Wissen zu, über das die Lernenden bereits verfügen und an dem ihr weiteres Lernen anknüpft. Auch Carr hat diese Seite des Lernens in ihren ausführlichen Darstellungen der Lerndispositionen angesprochen, allerdings eher am Rande und ohne sich weiter auf die hierzu vorliegende Literatur zu beziehen. Genau hier setzt Lilian Fried mit der vorliegenden Arbeit an. Nach einer einleitenden Darstellung theoretischer Ansätze zum Wissenserwerb von Kindern geht sie der Frage nach, was denn die Forschung bisher über das Wissen und die Deutungsmuster von Klein- und Kindergartenkindern an den Tag gebracht hat. Zu diesem Zwecke hat sie in einer umfangreichen Recherche eine enorme Menge an empirischen Untersuchungen gesichtet, zusammengetragen und ausgewertet, um den Forschungsstand über das Wissen der Kinder, gewissermaßen deren „Weltwissen“, zusammenzutragen und vorzustellen. Die Ergebnisse werden zum einen gegliedert nach zwei Altersstufen: den Kindern bis zum Alter von drei Jahren, die einem Vorläufer- und Transitionsstadium der Wissensentwicklung zugerechnet werden und den Kindern zwischen vier und sechs Jahren, ein Alter, dem die „Basisstufe“ des Wissenserwerbs zugeschrieben wird. Zum anderen folgt die Literaturauswertung den Fragen, was Kinder „durchschnittlich“ über die „Sach-Welt“, die „Ichwelt“ und die „Sozialwelt“ wissen, wobei die Erkenntnisse in diesen drei Bereichen noch einmal weiter in spezifischere Wissensbereiche unterteilt werden. Das Ergebnis ist eine reichhaltige Information über Wissensstand und Deutungsmuster zu unterschiedlichsten Sachverhalten von Kindern im Alter bis zu sechs Jahren. Im abschließenden Teil „Pädagogische Folgerungen“ weist Fried mit zahlreichen Belegen aus empirischen Untersuchungen darauf hin, wie wichtig es ist, dass Kinder individuell herausgefordert und unterstützt werden, sich neues Wissen zu erschließen und dass es jeweils darum geht, dass sie Neues mit bereits Bekanntem verknüpfen können. Wie ist dieser Text mit Blick auf die praktisch-pädagogische Arbeit einzuordnen? – Nicht gedacht ist er als Anleitung dazu, wie „nächste Schritte“ einzuleiten sind, was aus welchen Einsichten über das „durchschnittliche“ Wissen von Kindern mit Blick auf die weitere Arbeit mit einzelnen Mädchen und Jungen abgeleitet werden kann. Eine solche Aufbereitung von empirischen Forschungsergebnissen für die pädagogische Arbeit ist ein eigener, weiterer Schritt, der mit erheblichem Aufwand verbunden ist, zumal die Forschungsergebnisse aus unterschiedlichsten Untersuchungen zusammengestellt sind, mit denen auch keine zusammenhängende Fragestellung verfolgt wurde. Nicht geeignet ist der Text auch als Vorlage um zu prüfen, ob das Wissen und die Deutungen von Kindern, mit denen es die Erzieherinnen zu tun haben, auch einer bestimmten Altersnorm entsprechen und daraus gegebenenfalls „pädagogischen Handlungsbedarf“ abzuleiten. Eine solche an einer Altersnormierung orientierte Betrachtung widerspricht der Absicht dieses Textes, ganz abgesehen davon, dass ihn allein schon die sehr grobe Altersdifferenzierung für eine solche Betrachtung nicht tauglich erscheinen lässt. Das Spannende und Wichtige an dieser Arbeit sind die vielfältigen Hinweise darauf, wie Kinder sich Dinge erklären und was sie davon wissen. Solche Hinweise können eine sehr nützliche Unterstützung sein, wenn es darum geht, Kinder zu verstehen, aufzugreifen, welche Ereignisse und Informationen von ihnen in welchem Sinne gedeutet und interpretiert werden und was Begriffe und Konzepte für sie bedeuten (können), die Erwachsene tagtäglich benutzen. In diesem Sinne sind sie eine wertvolle Hilfe für das Erkunden und Verstehen von und mit Kindern, wie es in der Rede von Erzieherinnen als Forscherinnen besonders prägnant zum Ausdruck kommt. Für sie bietet der Text eine Fülle von Informationen und Anregungen. | |
