Kindheit im Schatten
Kinder psychisch kranker Eltern sind besonders gefährdet, selbst psychisch zu erkranken. Doch häufig erhalten sie aus Scham und Angst keine professionelle Unterstützung. Wie Barrieren ins Hilfesystem abgebaut werden können.
Von Annika Schunke
Kinder psychisch kranker Eltern wachsen häufig unter erschwerten Bedingungen auf und gelten als besonders gefährdet, selbst im Verlauf ihres Lebens psychisch zu erkranken: Studien zufolge ist das Risiko hierfür bei diesen Kindern im Vergleich zu Kindern gesunder Eltern drei- bis siebenmal so hoch (Wiegand-Grefe u.a. 2009). Die Gründe dafür sind vielfältig. Neben einer genetischen Disposition verstärken insbesondere die mit der elterlichen Erkrankung einhergehenden psychosozialen Belastungen wie etwa finanzielle Probleme oder soziale Isolation das Erkrankungsrisiko der Kinder. Damit wirkt die Erkrankung eines Elternteils als Dauerbelastung für die gesamte Familie und die Gestaltung des Familienlebens (Lenz 2014). Rund ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland lebt mit einem psychisch kranken Elternteil zusammen (Christiansen u.a. 2019). Der Unterstützungsbedarf dieser Familien ist hoch.
Genutzt wird vor allem Hilfe durch Familie, Freunde und Nachbarn
In Deutschland haben Familien die Möglichkeit, Angebote eines breit aufgestellten Hilfesystems, unter anderem aus der Kinder- und Jugendhilfe, dem Gesundheitssystem und der Sozialhilfe, in Anspruch zu nehmen. Sie reichen von niederschwelligen Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten, beispielsweise Krabbelgruppen oder Jugendtreffs, über indizierte therapeutische Maßnahmen sowie Schul- und Familienhilfen bis hin zur (teil-)stationären Aufnahme von Kindern und Jugendlichen in betreuten Wohngruppen oder Kliniken (Bienioschek u.a. 2024). Der Anspruch auf diese Angebote ist jeweils in verschiedenen Sozialgesetzbüchern geregelt, die Leistungen für Krankenbehandlung im Fünften Sozialgesetzbuch (SGB V), Hilfen für Familien im Achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII) und die Allgemeine Sozialhilfe im Zwölften Sozialgesetzbuch (SGB XII). Es wird außerdem zwischen nieder- und hochschwelligen Hilfen unterschieden, je nachdem ob eine vorherige Beantragung oder Überweisung erfolgen muss.
Tatsächlich genutzt werden Studien nach vor allem nicht professionelle Hilfen im sozialen Umfeld, etwa durch Familienangehörige oder Freunde, sowie leicht zugängliche ambulante medizinische Behandlungen und Hilfen für Familien wie Krabbelgruppen oder Beratungsstellen (Bienioschek u.a. 2024). Angebote, die aufwendiger zu beantragen sind, zum Beispiel (teil-)stationäre Hilfen oder die stationäre Jugendhilfe, werden nur dann in Anspruch genommen, wenn die Kinder von den Eltern als stärker auffällig eingeschätzt werden. Im Vergleich zur Normalbevölkerung schätzen psychisch kranke Eltern ihre Kinder – beispielsweise anhand von Elternfragebögen über deren Verhalten in kinderärztlichen oder psychotherapeutischen Praxen – zwar um ein Vielfaches häufiger als klinisch auffällig und somit als behandlungsbedürftig ein, tatsächlich aber kommt im Hilfesystem jedoch nur ein kleiner Anteil dieser Eltern und Kinder an (Kölch u.a. 2008, Schunke u.a. 2022).
Es fehlt Wissen über die individuellen Bedürfnisse der Familien
Gründe für die mangelnde Inanspruchnahme von Hilfen können in der Unkenntnis über spezifische Angebote liegen (Hefti u.a. 2016, Wahl/Otto/Lenz 2019), aber auch in Ängsten der Eltern: zum Beispiel vor einer Trennung vom Kind, vor Sorgerechtsentzug (Hefti u.a. 2016) oder Stigmatisierung (Domhan/In-Albon/Pfeiffer 2023). Auch Ressentiments gegenüber dem Jugendamt hindern Eltern mitunter, sich professionelle Hilfe zu suchen (Kölch/Schmid 2008). Barrieren können auch aufseiten der Einrichtungen liegen: Da die Angebote für Familien in unterschiedlichen Sozialgesetzbüchern geregelt sind, betrifft ein Antrag oftmals verschiedene Verantwortungsbereiche, deren Abstimmung mitunter die Kommunikation und Bearbeitung erschwert. Eine langwierige und bürokratische Antragstellung kann zur Abschreckung der betroffenen Familien führen, was insbesondere angesichts der Belastungslage psychisch auffälliger Kinder und Eltern und der Dringlichkeit ihres Anliegens folgenschwer ist. Außerdem existiert häufig nicht genug Wissen über die individuellen Bedürfnisse dieser Familien, die als sehr sensible Adressatengruppe gelten (Bienioschek u.a. 2024, Hefti u.a. 2016). Für den Zugang zu Psychotherapie nicht zu vernachlässigen ist schließlich der Wohnort: Im Vergleich zu Menschen in städtischen Regionen sind Menschen im ländlichen Raum hier im Nachteil (Kassenärztliche Bundesvereinigung 2019).
Hilfsangebote besser aufeinander abstimmen
Um die Hürden ins Hilfesystem abzubauen, braucht es unter anderem besser vermittelnde Zugangswege zwischen den verschiedenen Akteur:innen. Dass dies bislang nicht einwandfrei funktioniert, zeigt eine Veröffentlichung von DJIWissenschaftler:innen mit dem Titel „Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten in Familien mit einem psychisch belasteten Elternteil“ (Schunke u.a. 2022): Ein Drittel der teilnehmenden psychisch belasteten Eltern befand sich in psychologischer Behandlung. Die Wahrscheinlichkeit der Inanspruchnahme weiterer Angebote für die Familie und die Kinder war zwar erhöht. Dennoch befanden sich nur bei knapp 8 Prozent dieser Eltern die ebenso auffälligen Kinder und Jugendlichen in Psychotherapie. Es stellt sich also die Frage, wie betroffene Familien und insbesondere die Kinder und Jugendlichen besser erreicht und ins Hilfesystem integriert werden können.
Die von der Bundesregierung beauftragte interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Kinder psychisch- und suchtkranker Eltern“, in der auch DJI-Wissenschaftler:innen mitwirkten, plädiert in diesem Zusammenhang für einen flächendeckenden Auf- und Ausbau der Hilfen, orientiert am realen Bedarf der betroffenen Familien (Arbeitsgruppe Kinder psychisch- und suchtkranker Eltern 2020). Für psychisch kranke Eltern ist insbesondere ein direkter und unbürokratischer Zugang zu Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe notwendig, möglichst ohne vorherige zeitaufwendige formale Antragstellung. Um Kinder und Jugendliche psychisch kranker Eltern selbst besser zu erreichen, wäre beispielsweise eine barrierefreie Online-Plattform mit Informationen und Anlaufstellen für eine anonyme Beratung der betroffenen Kinder und Jugendlichen denkbar. Auch präventive Maßnahmen für Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen sowie für deren Familien sollten leichter zugänglich gemacht werden. Als besonders vielversprechend gilt in diesem Rahmen das Förderprogramm des „GKV-Bündnisses für Gesundheit“, das die systematische Weiterentwicklung und Stärkung der kommunalen Prävention und Gesundheitsförderung sowie die Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit fokussiert. Wichtig ist demnach, dass die Kommunen das an sie gerichtete Förderprogramm auch tatsächlich in Anspruch nehmen. Hierfür wurden Programmbüros eingerichtet, die verstärkt unterstützt werden sollen, um die Teilnahmequote zu erhöhen.
Die Arbeitsgruppe „Kinder psychisch- und suchtkranker Eltern“ empfiehlt die bessere Verzahnung der bestehenden Hilfs- und Unterstützungsangebote, um den teils komplexen Bedarfslagen der Familien gerecht zu werden. Dies kann durch einen zielgerichteten Austausch und eine Zusammenarbeit der jeweils beteiligten Akteur:innen erreicht werden. Durch Lotsen in örtlichen und regionalen Netzwerken beispielsweise können Zugänge zu Unterstützungsmaßnahmen an den Schnittstellen unterschiedlicher Leistungssysteme erleichtert und ermöglicht werden. Dies wäre gerade für Kinder psychisch erkrankter Eltern besonders wichtig (Arbeitsgruppe 2020).
Arbeitsgruppe Kinder Psychisch- Und Suchtkranker Eltern (2020): Abschlussbericht. AFET-Bundesverband für Erziehungshilfe e.V.
Bienioschek, Stefanie u.a. (2024): Unterstützung für Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil. Welche Hilfen nehmen psychisch erkrankte Eltern in Anspruch und welche wünschen sie sich? In: Der Nervenarzt, 95. Jg, H. 1, S. 18–27
Christiansen, Hanna u.a. (2019): Children of Mentally III Parents at Risk Evaluation (COMPARE): Design and Methods of a Randomized Controlled Multicenter Study-Part I. In: Frontiers in Psychiatry,10. Jg., H. 128, S. 1–12
Domhan, Dominic / In-Albon, Tina / Pfeiffer, Simone (2023): Erfassung von Barrieren und Faszilitatoren zur Aufnahme einer Psychotherapie im Kontext ambulanter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. In: Die Psychotherapie, 68. Jg., H. 6, S. 466–474
Hefti, Stephanie u.a. (2016): Welche Faktoren beeinflussen, ob psychisch belastete psychisch kranken Elternteil Hilfen erhalten? In: Kindheit und Entwicklung, 25. Jg., H. 2, S. 89–99
Kassenärztliche Bundesvereinigung (2019): Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 2019. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. März/April 2019
Kölch, Michael / Schmid, Marc (2008): Elterliche Belastung und Einstellungen zur Jugendhilfe bei psychisch kranken Eltern: Auswirkungen auf die Inanspruchnahme von Hilfen. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 57. Jg., H. 10, S. 774–788
Kölch, Michael u.a. (2008): Belastung Minderjähriger aus Sicht der psychisch kranken Eltern. In: Nervenheilkunde, 27. Jg., H. 6, S. 527–532
Lenz, Albert (2014): Kinder psychisch kranker Eltern. Göttingen
Schunke, Annika u.a. (2022): Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten in Familien mit einem psychisch belasteten Elternteil. In: Psychotherapeut, 67. Jg., H. 1, S. 13–19
Wahl, Patricia / Otto, Christina / Lenz, Albert (2019): Beeinflussende Faktoren bei der Inanspruchnahme von Hilfen. In: Prävention und Gesundheitsförderung, 14. Jg., H. 2, S. 119–124
Wiegand-Grefe, Silke u.a. (2009): Kinder psychisch kranker Eltern: Zusammenhänge zwischen subjektiver elterlicher Beeinträchtigung und psychischer Auffälligkeit der Kinder aus Elternsicht. In: Kindheit und Entwicklung, 18. Jg., H. 2, S. 111–121

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 1/2024 von DJI Impulse „Psychisch stark werden“ (Download PDF).
