Engagement junger Menschen im Gegenwind
Eine Erhebung des Deutschen Jugendinstituts zeigt: Fast drei Viertel der Jugendverbände verstehen sich als Akteure der Demokratiebildung. Für ihre Arbeit brauchen sie – gerade angesichts der aktuellen rechtspopulistischen Anfeindungen – verlässliche Strukturen.
Von Liane Pluto, Christian Peucker und Andreas Mairhofer
Jugendverbände bieten Gelegenheiten, in denen sich junge Menschen selbstbestimmt und selbstorganisiert treffen, Spaß haben, ihren Interessen nachgehen, Kompetenzen erwerben und sich für Dinge, die ihnen wichtig sind, engagieren können. Die Bandbreite der Jugendverbände ist sehr groß und reicht von den Pfadfindern, helfenden Verbänden wie der Jugend der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG-Jugend) über konfessionelle und gewerkschaftliche Verbände bis hin zu postmigrantischen Selbstorganisationen und Gruppen, in denen sich queere junge Menschen zusammenschließen und unterstützen.
Nach dem Survey des Deutschen Jugendinstituts (DJI) „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“, kurz AID:A, sind 60 Prozent der 12- bis 29-Jährigen in einem Verein aktiv, mit Abstand am häufigsten in Sportvereinen. 21 Prozent der weiblichen und 24 Prozent der männlichen jungen Menschen engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen oder Verbänden (Gille 2022). Unter ihnen sind etwas häufiger als in der jeweiligen Vergleichsgruppe junge Menschen in höheren Bildungsgängen beziehungsweise mit höheren Abschlüssen, ohne Migrationshintergrund und aus nicht von Armut betroffenen Haushalten sowie aus Westdeutschland (van Santen/Herz 2025).
Die Interessen der jungen Menschen artikulieren und vertreten
In der Programmatik der Jugendverbände ist ihre Rolle als bedeutsamer Akteur zur Förderung der Demokratie unter dem Schlagwort „Werkstätten der Demokratie“ (Deutscher Bundesjugendring 2002) fest verankert. Jugendverbände bieten durch ihre Prinzipien und ihre Organisationsform jungen Menschen auf unterschiedlichen Ebenen Möglichkeiten der Mitbestimmung und Mitverantwortung. In den Gruppentreffen, die den Kern vieler Jugendverbände darstellen, gestalten junge Menschen gemeinschaftlich das Verbandsleben. Dabei lernen sie, in Diskussionen eigene Positionen zu entwickeln, diese zu vertreten und demokratische Entscheidungsprozesse aktiv mitzugestalten.
Die in der Regel vereinsförmig organisierte Jugendverbandsarbeit bietet neben der informellen Beteiligung und Mitsprache im Rahmen der regelmäßigen Gruppenstunden häufig weitere Beteiligungsmöglichkeiten: Dazu zählen unter anderem das Wahlrecht der Vereinsorgane sowie die Mitwirkung in Gremien und Vorständen. Jugendverbände verfügen aber nicht nur über binnendemokratische Partizipationsstrukturen, sondern erfüllen zugleich eine politische Funktion nach außen: Sie artikulieren und vertreten die Interessen der jungen Menschen in der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit (§ 12 SGB VIII).
Jugendverbände bieten viele Beteiligungsmöglichkeiten
Wie steht es nun empirisch um die Beteiligungsmöglichkeiten in den Jugendverbänden? Im DJI-Projekt „Jugendhilfe und sozialer Wandel“ wurden im Jahr 2024 Jugendverbände auf kommunaler Ebene zu ihrem Selbstverständnis sowie zu verschiedenen Aspekten der Beteiligung und Mitbestimmung befragt. 71 Prozent der Verbände verstehen sich demnach grundsätzlich als Akteur der Demokratiebildung. Die Beteiligung von jungen Menschen im Verband ist mit Abstand das am häufigsten genannte Thema, das die befragten Jugendverbände in den letzten Jahren besonders beschäftigt hat.

Wie die Erhebung zeigt, schätzt die Hälfte der Jugendverbände den Einfluss von Ehrenamtlichen, Mitgliedern und Teilnehmenden auf übergeordnete Jugendverbandsebenen als (sehr) hoch ein, während nur 8 Prozent nahezu keine Einflussmöglichkeiten sehen. Deutlich weniger Einflussmöglichkeiten werden in Bezug auf den Erwachsenenverband wahrgenommen: Lediglich 15 Prozent der Jugendverbände halten ihren Einfluss für (sehr) groß, 19 Prozent sehen dagegen fast keinerlei Möglichkeiten dazu. Diese Diskrepanz ist auch darauf zurückzuführen, dass in vielen Fällen Beteiligungsstrukturen in die Erwachsenenverbände hinein fehlen – ein Befund, den auch andere Studien bestätigen (zum Beispiel Riekmann 2011). Mehr als 40 Prozent der befragten Jugendverbände gaben zugleich an, dass die Verbesserung von Mitwirkungsstrukturen in den vergangenen zwei Jahren ein zentrales Thema ihrer Arbeit war – ein Hinweis auf ein Bewusstsein für Reformbedarf.
Strukturelle Barrieren in der Verbandsarbeit abbauen
Eine Form der Interessenvertretung von jungen Menschen – auch über die Jugendverbandstruktur hinaus – findet über die Jugendringe statt. In ihnen schließen sich vielerorts Jugendverbände zusammen, um unter anderem die Interessen der jungen Menschen und der im Jugendring vertretenen Jugendorganisationen zu bündeln und in politische Prozesse einzubringen. Viele kommunale Jugendringe sehen sich dabei als erfolgreiche und wichtige Akteure der lokalen Jugendpolitik (Peucker/Pluto/van Santen 2019). Neben anderen Formen der Interessenvertretung verfügen Jugendringe vielerorts auch über institutionalisierte Beteiligungsmöglichkeiten, beispielsweise durch die Mitgliedschaft im Kinder- und Jugendhilfeausschuss oder die Mitwirkung an kommunalen Jugendparlamenten. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, die Stimme junger Menschen auch über den Verband hinaus hörbar zu machen.
Damit Jugendverbände und Jugendringe ihre Interessenvertretungsfunktion wirkungsvoll wahrnehmen können, sind geeignete strukturelle und finanzielle Rahmenbedingungen erforderlich. Aktuell bestehen in nur etwa zwei Dritteln der Jugendamtsbezirke Jugendringe, und von diesen sehen sich viele nicht ausreichend ausgestattet, um ihre Aufgaben erfüllen zu können (Peucker/Pluto/van Santen 2019). Ebenso gibt es strukturelle Hürden, insbesondere für postmigrantische oder kleine Jugendverbände und -gruppen. Viele von ihnen sind (noch) keine Mitglieder in den Jugendringen, da sie die Aufnahmebedingungen nur schwer erfüllen können (Chehata 2021). Und auch innerhalb der Verbände selbst bestehen Barrieren, etwa für junge Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte. Dies wird in den Jugendverbänden schon lange thematisiert, und ein Teil von ihnen arbeitet aktiv daran, Zugangshürden abzubauen, zum Beispiel durch eine stärkere Vernetzung mit Jugendzentren und Schulen, um junge Menschen, die die Jugendverbände bislang nicht kennen, auf die Angebote aufmerksam zu machen (Thimmel 2013).
Herausforderungen für Jugendverbände als demokratische Akteure
Die dargestellten Befunde verdeutlichen, dass die verbandliche Jugendarbeit ein großes Potenzial besitzt, politische Teilhabe junger Menschen zu fördern und praktisch erfahrbar zu machen. Dabei steht die politische Teilhabe junger Menschen in der Jugendverbandsarbeit vor neuen Herausforderungen. Akteure des rechten politischen Spektrums versuchen die Arbeit von Jugendverbänden zu delegitimieren, indem sie versuchen, deren aktives Eintreten für die Demokratie mit dem Verweis auf ein falsch interpretiertes Neutralitätsgebot (zum Beispiel Jugend- und Familienministerkonferenz 2025, Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten/Deutscher Bundesjugendring 2024) zu behindern. In der Folge vermeiden manche Jugendverbände Äußerungen zur aktuellen Politik oder verzichten auf die Teilnahme an Demonstrationen. Der DJI-Jugendverbandserhebung im Jahr 2024 zufolge äußern 21 Prozent der Jugendverbände (sehr) große, weitere 71 Prozent leichte Befürchtungen, aufgrund ihrer gesellschaftspolitischen Aktivitäten ihre Gemeinnützigkeit zu verlieren – die Kampagne des rechten politischen Spektrums scheint zumindest teilweise zu verunsichern.
Fest steht: Jugendverbände haben das Recht und die Pflicht (§ 12 SGB VIII), Anliegen und Interessen junger Menschen zu vertreten (Deutscher Bundestag 2024) und sich in ihrem vielfältigen Wertefundament aktiv gestaltend für die Demokratie zu engagieren. Gerade vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, die Jugendverbände in ihrem Engagement zu stärken – von der innerverbandlichen Beteiligung bis zur öffentlichen Interessenvertretung. Nur mit verlässlichen Strukturen können sie ihre Rolle als „Werkstätten der Demokratie“ weiterhin wirksam ausfüllen.
Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten/Deutscher Bundesjugendring (2024): Mythos Neutralitätsgebot. Eine Handreichung. Berlin
Chehata, Yasmine (2021): Postmigrantische Jugendarbeit. In: Dubiski, Judith u.a. (Hrsg.): Praxisforschung in der non-formalen Bildung. Frankfurt a. M., S. 133–156
Deutscher Bundesjugendring (DBJR) (2002): Mitwirkung mit Wirkung. Berlin
Deutscher Bundestag (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. BT-Drucksache 20/12900. Berlin
Gille, Martina (2022): Zivilgesellschaftliches Engagement von jungen Menschen: Beteiligung in Vereinen sowie Übernahme freiwilliger Aufgaben. In: Berngruber, Anne / Gaupp, Nora (Hrsg.): Erwachsenwerden heute. Stuttgart, S. 194–206
Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK) (2025): Beschluss: Jugendarbeit stärken – Für einen demokratischen Diskurs. 22./23. Mai 2025 in Hamburg
Peucker, Christian / Pluto, Liane / Santen, Eric van (2019): Status Quo Jugendringe. Bundesweite empirische Befunde zu Situation und Perspektiven. München
Riekmann, Wibke (2011): Demokratie und Verein. Wiesbaden
Santen, Eric van / Herz, Andreas (2025): Die Integrationskraft der Angebote der offenen und verbandlichen Jugendarbeit. Empirische Hinweise. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 20. Jg., H. 1, S. 101–117
Thimmel, Andreas (2013): Interkulturelle Öffnung in der verbandlichen Jugendarbeit – Stand, Möglichkeiten und Hindernisse der Realisierung. In: Drücker, Ansgar (Hrsg.): Die interkulturelle Öffnung der Jugendverbandsarbeit. Bestandsaufnahme und Erfahrungen aus Projekten. Düsseldorf

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 3+4/2025 von DJI Impulse „Besser beteiligen – warum die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen wichtig ist – und wie sie gelingen kann“ (Download PDF).


