Junge Menschen beteiligen, Forschung bereichern

Die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen stehen am Deutschen Jugendinstitut (DJI) im Mittelpunkt: Ihre Lebenswelten werden nicht nur in vielfältigen Studien erforscht, die jungen Menschen gestalten die Forschung auch aktiv mit. Wie Mitbestimmung gelingen kann.

Von Angelika Guglhör-Rudan und Thorsten Naab 

Partizipation ist ein Gewinn – für die Jugend ebenso wie für die Wissenschaft

Neben etablierten Formen der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen – beispielsweise in Schulen, Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, Gerichtsverfahren und politischen Prozessen – sind Partizipationsmöglichkeiten auch in Praxis- und Forschungsprojekten von zentraler Bedeutung (Angelöw/Psouni 2025). Sie fördern das Capacity Building auf Seiten der Kinder und Jugendlichen, indem diese gezielt Wissen, Kompetenzen und Ressourcen in Bereichen aufbauen, die ihre Lebenswelt unmittelbar betreffen. Damit leistet Partizipation einen Beitrag zum Empowerment, also zur Stärkung von Selbstbestimmung, Teilhabe und Handlungsfähigkeit junger Menschen (Ozer 2017).

Die direkte Einbindung der jungen Menschen trägt darüber hinaus dazu bei, Daten zu gewinnen, die eine höhere Authentizität und Validität aufweisen (Christensen/James 2008). Kinder und Jugendliche können Perspektiven und Zusammenhänge aufdecken, die erwachsenen Forscher:innen möglicherweise verborgen bleiben. Demzufolge liegt es nahe, dass Forschungsprojekte mit Kinder- und Jugendbeteiligung auch eine höhere Praxisrelevanz aufweisen und eine Grundlage für bedarfsgerechtere Interventionen sein können. 

Auch aus forschungsethischer Sicht gibt es gute Gründe, junge Menschen ernsthaft einzubeziehen. Zugleich muss der besonderen Schutzwürdigkeit sowie den altersspezifischen Bedürfnissen minderjähriger Teilnehmer:innen Rechnung getragen werden (Joos/Alberth 2022). Neben der Adaption wissenschaftlicher Methoden und Beteiligungsverfahren an die kognitiven und emotionalen Entwicklungsstände verschiedener Altersgruppen erfordern Fragen der Anonymität, des Datenschutzes und möglicher psychischer Belastungen besondere Aufmerksamkeit. 

Kinder und Jugendliche können in alle Forschungsphasen einbezogen werden

Beteiligung in der Forschung bedeutet mehr, als junge Menschen nach ihrer Meinung zu einem Thema zu befragen (Lundy/McEvoy 2012). Kinder und Jugendliche können aktiv in nahezu alle Phasen eines Projekts einbezogen werden. Dabei gibt es eine wichtige Unterscheidung: Geht es um eine Beteiligung durch Forschung an gesellschaftlichen Prozessen oder ermöglicht das Projekt eine Beteiligung an einem Forschungsprojekt (Althaus 2024)?

Der erste Fall – die Beteiligung durch Forschung – zielt darauf ab, gesellschaftliche Prozesse zu unterstützen: etwa indem Forschungsergebnisse gemeinsam erarbeitet und so aufbereitet werden, dass sie in politische Entscheidungsprozesse einfließen können. Solche Projekte schaffen im Idealfall Möglichkeiten, damit junge Menschen mittelbar Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen können. Allerdings ist dabei nicht sichergestellt, dass ihre Beiträge tatsächlich berücksichtigt werden. Einige Projekte des Deutschen Jugendinstituts (DJI) arbeiten in diesem Sinne daran, Kinder und Jugendliche an politischen und gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen, wie zum Beispiel die Service- und Monitoringstelle zur Umsetzung des Nationalen Aktionsplans „Neue Chancen für Kinder in Deutschland“.

Ergänzend oder kontrastierend dazu gibt es Forschungsprojekte, die einen Rahmen für eine Beteiligung am Projekt selbst bieten. Eine solche Beteiligung ist grundsätzlich in allen Phasen des Forschungsablaufs, von der Entwicklung der Forschungsidee über die Durchführung einer Erhebung bis hin zur Verbreitung und Nutzung von Ergebnissen möglich. Wichtig ist, dass Forschende im Vorfeld eines Projekts Gelegenheiten zur Beteiligung identifizieren und auch die Intensität der Partizipation und die zu erwartende Reichweite der Partizipation klar kommunizieren. 

In der bisherigen Praxis findet eine Beteiligung von jungen Menschen meist während der Durchführungs- und Auswertungsphase statt. Kinder und Jugendliche lassen sich aber beispielsweise auch bei der Entwicklung von Forschungsdesign und Methodik einbinden. Selbst wenn nur bestehende Untersuchungsmethoden kommentiert oder gemeinsam mit den Forschenden weiter verbessert werden, ist dies ein wertvoller Beitrag. Letztlich lässt sich Beteiligung in unterschiedlicher Tiefe realisieren: von punktuellen Rückmeldungen bis hin zur genuin partizipativen Forschung, die junge Menschen als Co-Forschende versteht (Shier 2001). Exemplarische Good-Practice-Beispiele für eine Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im Rahmen der aktuellen Forschungsarbeiten am DJI zeigen auf, wie vielfältig die Möglichkeiten sind. 

Echte Beteiligung erfordert wissenschaftliches Know-how, Zeit und Geld

Partizipation kann Forschung bereichern – fachlich und methodisch. Forschende erhalten Einblicke in Sichtweisen und Erfahrungen, die über die eigene Perspektive hinausgehen. Gleichzeitig kann Forschung für junge Menschen greifbarer und nachvollziehbarer werden – und damit auch zugänglicher. Allerdings ist Beteiligung kein Selbstläufer. Sie braucht Ressourcen, Zeit, Fortbildungen für Forschende und ein ernsthaftes Interesse an den Beiträgen junger Menschen (Morrow/Boyden 2021). Sobald eine Beteiligung über eine punktuelle Einbindung von jungen Menschen hinausgeht, sind spezialisierte Kompetenzen und längere Projektlaufzeiten für die intensive Betreuung und Schulung junger Co-Forscher:innen unabdingbar (Loveridge u.a. 2023) Nur wenn diese Bedingungen gegeben sind, kann Beteiligung ihr Potenzial entfalten – für die Forschung, aber auch für die Beteiligten selbst.

Althaus, Nadja (2024): Chancen und Herausforderungen partizipativer Forschung mit jungen Menschen – Erkenntnisse eines deutschsprachigen Literaturreviews. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 18. Jg., H. 4, S. 561–584

Angelöw, Amanda / Psouni, Elia (2025): Participatory Research with Children: From Child-Rights Based Principles to Practical Guidelines for Meaningful and Ethical Participation. International Journal of Qualitative Methods, 24.

Christensen, Pia Monrad / James, Allison (2008): Research with Children: Perspectives and Practices (2. Aufl.). London

Joos, Martin / Alberth, Larissa (2022): Forschungsethik in der Kindheitsforschung. Weinheim

Loveridge, Judith u.a. (2023): Ethical challenges and participatory methods involving children living in vulnerable contexts. In: International Journal of Inclusive Education, 27. Jg., H. 3, S. 259–277

Lundy, Laura / Mcevoy, Leona (2012): Researching children’s views: A relational approach to credible participation. In: Children & Society, 26. Jg., H. 4, S. 258–267

Morrow, Virginia / Boyden, Jo (2021): Ethische Fragen in der Forschung zu kindlichem Well-being. In: Thomas, Susanne u.a. (Hrsg.): Partizipation in der Bildungsforschung (2., überarb. Aufl.). Weinheim, S. 67–99

Ozer, Emily J. (2017): Youth-led participatory action research: Overview and potential for enhancing adolescent development. In: Child Development Perspectives, 11. Jg., H. 3, S. 173–177

Prengel, Annedore (2010): Pädagogik der Vielfalt. Verschiedenheit und Gleichberechtigung in Interkultureller, Feministischer und Integrativer Pädagogik. Opladen

Shier, Harry (2001): Pathways to participation: Openings, opportunities and obligations. Children & Society, 15(2), 107–117

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 3+4/2025 von DJI Impulse „Besser beteiligen – warum die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen wichtig ist – und wie sie gelingen kann“ (Download PDF).

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