Demokratie leben lernen

In Kitas und Grundschulen können Kinder Partizipation direkt erfahren und einüben – vorausgesetzt, die Bildungsinstitutionen arbeiten selbst nach demokratischen Prinzipien. Wie frühe Demokratiebildung gestärkt werden kann.

Von Judith Durand und Leonhard Birnbacher

Demokratie basiert auf Mitgestaltung, der Anerkennung unterschiedlicher Sichtweisen und der Fähigkeit zum Kompromiss. All das ist nicht einfach gegeben, sondern muss gesellschaftlich stets aufs Neue – sowohl über die Lebensspanne als auch in der Generationenfolge – hergestellt werden. Demokratie zu lernen und zu erproben gehört damit zu den Schlüsselaufgaben, denen eine Demokratie zur Sicherung ihrer eigenen Zukunft und Stabilität zwingend nachkommen muss. In der aktuell von tiefen Veränderungen und zahlreichen sich überlagernden Krisen geprägten Zeit hat diese Aufgabe nochmals zusätzlich an Bedeutung und Dringlichkeit gewonnen. Bildungspolitisch wird daher zunehmend – wie sich unter anderem am Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung zeigt – gefordert, dass demokratische Werte und Prinzipien bereits „von früher Kindheit an erlernt werden“ (Bundesregierung 2025, S. 103). 

Junge Kinder fühlen sich in Institutionen wenig beteiligt

Erste öffentliche Bildungsinstitutionen wie Kita und Ganztagsgrundschule haben nicht nur den Auftrag, Wissen zu vermitteln, sondern müssen, wie etwa im Achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII) oder in den Schulgesetzen festgeschrieben ist, auch gemeinschaftsfähige Persönlichkeiten bilden, Teilhabe ermöglichen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken (Peyerl/Züchner/Dotzert 2021). Damit dies möglich wird, sollten Kita und Ganztagsgrundschule Bildungsangebote initiieren, die Kindern insbesondere Partizipationserfahrungen in Aussicht stellen. Verschiedene Studien über die letzten Jahrzehnte zeigen allerdings, dass die Mitbestimmungsmöglichkeiten für junge Kinder in Institutionen konstant auf niedrigem Niveau verharren und Kinder sich wenig gehört und beteiligt fühlen (zum Beispiel de Boer u.a. 2022). 

Zahlreiche fachpolitische Initiativen und pädagogische Konzepte zu Partizipation und Demokratiebildung sind in den letzten Jahren entstanden, um die pädagogische Praxis anzuleiten. Wie genau allerdings die Lehr- und Fachkräfte in Kitas und Ganztagsgrundschulen gegenwärtig Demokratiebildungsprozesse mit jungen Kindern verstehen und diese ausgestalten, ist bisher empirisch noch wenig erforscht. Am Deutschen Jugendinstitut (DJI) wurde darum jüngst in zwei aufeinanderfolgenden explorativen Studien untersucht, wie Demokratiebildung in der Kita sowie im grundschulischen Ganztag gelingt (Eberlein/Durand/Birnbacher 2021, Birnbacher u.a. 2023, Birnbacher u.a. 2024). 

Kinder lernen insbesondere über körperliche und soziale Erfahrungen

Die Kindheitsforschung zeigt, dass die ersten Jahre in der Entwicklung von Kindern prägend sind. In dieser Zeit werden wesentliche Grundlagen der Identität und Persönlichkeit gelegt. Kinder übernehmen als nachwachsende Generation durch Alltagserfahrungen mimetisch das bereits existierende bewusste wie unbewusste Regelwerk sozialer und kultureller Codes (Wulf 2005). Dabei wird bestehendes Handlungswissen nicht nur erlernt und von den älteren Generationen übernommen, sondern gleichsam weiterentwickelt und sich zu eigen gemacht. Vor allem Selbstwirksamkeitserfahrungen spielen hierbei eine entscheidende Rolle. 

Kinder lernen in jungen Jahren insbesondere über körperliche und soziale Erfahrungen im alltäglichen Leben und beginnen so unter anderem mit der Entwicklung eines Werte- und Normensystems (Keller 2007). Maßgeblich dafür sind die Erlebnisse, die junge Kinder in ihrer familiären und außerfamiliären Lebenswelt machen. Dabei entwickeln sie ein Bild von sich selbst als Teil des sozialen Gefüges (Ittel u.a. 2014) und wie sie dieses mitgestalten können. Und gerade darin liegt eine große Chance: Als erste „wertebildende pädagogische Instanz“ (Schubarth/Tegeler 2016, S. 266) bieten Kitas und der grundschulische Ganztag für die Entwicklung von Kompetenzen zur Partizipation und für demokratisch ausgerichtete Normen und Werte großes Potenzial – vorausgesetzt, diese Institutionen bieten Möglichkeiten, sich zu beteiligen, und arbeiten selbst nach demokratischen Prinzipien. 

Partizipation zu ermöglichen, ist pädagogisch komplex

Partizipation kann nicht gelehrt werden, sondern muss durch die Erfahrung von Zugehörigkeit in Vielfalt und durch die Möglichkeit zur Beteiligung an alltäglichen Entscheidungsprozessen erlebbar werden. Kinder müssen sich in Kita und Ganztagsgrundschule in unterschiedlichen Beteiligungsformaten erproben können und erfahren, dass ihre Bedürfnisse und Meinungen ernst genommen werden. 

Für die pädagogische Arbeit können vier zentrale Ebenen der Demokratiebildung unterschieden werden (Eberlein/Durand/Birnbacher 2021, Richter/Lehmann/Sturzenhecker 2017, Höhme-Serke/Beyersdorff 2011). Auf formalpartizipatorischer Ebene können Beteiligungsformate strukturell verankert sein, wie zum Beispiel über einen Kitarat, Schulkonferenzen, Beschwerdeverfahren oder eine Kitaverfassung. Kinder können hierbei lernen, eigene Sichtweisen und Anliegen zu artikulieren. Schon junge Kinder können beispielsweise in regelmäßig stattfindenden Kinderkonferenzen über Erlebnisse oder Konflikte reden, Regeln zum Umgang miteinander diskutieren und beschließen. Auf diesem Wege üben sich Kinder darin, ihre Position und Bedürfnisse zu artikulieren und andere Perspektiven zu akzeptieren. Sie erleben, dass sie auf Entscheidungen in ihrem Umfeld Einfluss haben.

Es gilt, die angemessene Balance zwischen Beteiligung und Struktur zu finden

Die alltagspartizipatorische Ebene wiederum richtet den Blick auf die Gestaltung der Interaktionen zwischen Fachkräften und Kindern im Alltag, die auf Wahrnehmung und Berücksichtigung von kindlichen Bedürfnissen abzielen, wie unter anderem beim Essen, Schlafen, bei der Auswahl von Spielorten oder Bildungsthemen. Wenn Kinder beispielsweise im Vorfeld von Gruppenarbeiten selbstständig ihre Partner:innen suchen können, erfahren sie, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse ernst genommen werden, und können sich in der Übernahme von Verantwortung für die Gemeinschaft üben. 

Herausfordernd dabei ist, eine angemessene Balance zwischen Beteiligung und Struktur zu geben. Denn einerseits ist das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern durch unterschiedliche Aspekte wie Alter, Lebenserfahrung, Kompetenzvorsprung oder physische Überlegenheit durch Asymmetrie gekennzeichnet. Pädagogische Fachkräfte tragen dadurch die Verantwortung, ihre eigene Gestaltungsmacht zu reflektieren und sicherzustellen, dass sie Kindern selbstbestimmte Erfahrungsräume ermöglichen. Andererseits müssen Fach- und Lehrkräfte dabei die individuellen Voraussetzungen und den Entwicklungsstand der Kinder mitberücksichtigen. Denn selbstverständlich dürfen Kinder durch Beteiligung nicht überfordert werden. 

Im Kontakt mit Gleichaltrigen können Kinder sich im sozialen Miteinander erproben.

Weiter ist querliegend die gesamtinstitutionelle Wertebene bedeutend. Es muss in den Bildungseinrichtungen ein offener Diskurs darüber geführt werden, welche Normen und Werte den Umgang miteinander und das professionelle Selbstverständnis der Akteure leiten. Denn die Interaktionen im Team und mit den Kindern, die Interaktionen der Kinder untereinander ebenso wie die alltäglich wiederkehrenden Situationen und Rituale wie ein Morgenkreis, die Begrüßung von Kindern und Familien transportieren bereits Werte und Normen. Dazu gehört auch, dass Fach- und Lehrkräfte dafür sensibel sind, wie Kinder untereinander agieren, und sie proaktiv Vorurteile der Kinder untereinander oder auch Ausgrenzungen thematisieren. Denn Partizipationsangebote sind eng mit der Zielrichtung verbunden, allen Kindern gleichermaßen Bildungschancen zu ermöglichen. Sie müssen deshalb daraufhin reflektiert werden, ob sie so gestaltet sind, dass sie Kinder nicht aufgrund ihrer Kompetenzen oder Ausgangslage ausgrenzen.

Bildungsinstitutionen benötigen fachliche und politische Unterstützung

Entscheidend ist schließlich, dass sich nicht nur die pädagogische Praxis, sondern die gesamte Institution an demokratisch-partizipatorischen Grundwerten orientiert. Auch in der Zusammenarbeit der Leitung mit dem Team oder in multiprofessionellen Teams zeigt sich, ob das Miteinander demokratisch ausgerichtet ist. Wenn pädagogische Fachkräfte selbst wenig Gestaltungsspielraum in der Institution haben, wird es wiederum schwierig, Kindern Mitgestaltung authentisch zu ermöglichen. Die Bedingungen gilt es in der gesamten Institution zu schaffen. Dafür ist eine entsprechende Unterstützung aus Fachpolitik und den Stützsystemen der Kinder- und Jugendhilfe notwendig, beispielsweise über Weiterbildungen, fachliche Beratung sowie personelle und materielle Ressourcen. Bildungsinstitutionen für junge Kinder sind schließlich durch ihre strukturelle Verankerung in der Gesellschaft und ihr pädagogisches Potenzial prädestiniert dazu, einen bedeutsamen Beitrag zur Verfestigung und beständigen Erneuerung der Demokratie zu leisten. Die Verantwortung dafür können sie allerdings nicht alleine tragen. Dies kann immer nur im Zusammenspiel mit anderen gesellschaftlichen Schlüsselakteuren gelingen.


Birnbacher, Leonhard u.a. (2023): Bildung und Demokratie. Empirische Perspektiven auf Kita und Schule. Weinheim/Basel

Birnbacher, Leonhard u.a. (2024): Demokratiebildung im Ganztag. Ergebnisse von qualitativen Befragungen und Beobachtungen im grundschulischen Ganztag. München

Boer de; Heike / Velten, Katrin (2022): Partizipation aus der Perspektive von Schüler*innen. In: Bennewitz, Hedda/Boer de, Heike/Thiersch, Sven (Hrsg.): Handbuch der Forschung zu Schülerinnen und Schülern. Münster, S. 163–172

Bundesregierung (2025): Verantwortung für Deutschland. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 21. Legislaturperiode. 

Eberlein, Noemi / Durand, Judith / Birnbacher, Leonhard (2021): Bildung und Demokratie mit den Jüngsten. Eine Bestandsaufnahme der Diskurse, Bezugstheorien und Konzepte zur Demokratiebildung in der Kindertagesbetreuung. Weinheim/Basel 

Höhme-Serke, Evelyne / Beyersdorff, Sabine (2011): Mit Kindern Demokratie leben. Aachen

Ittel, Angela / Raufelder, Diana / Scheithauer, Herbert (2014): Soziale Lerntheorien. In: Ahnert, Liselotte (Hrsg.): Theorien in der Entwicklungspsychologie. Heidelberg, S. 330–351

Keller, Monika (2007): Moralentwicklung und moralische Sozialisation. In: Horster, Detlef (Hrsg.): Moralentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Wiesbaden, S. 17–50

Peyerl, Katrin / Züchner, Ivo / Dotzert, Anna (2021): Demokratieförderung im Grundschulalter: Perspektiven auf den Hort und die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe in der Ganztagsgrundschule. Eine Expertise für das Deutsche Jugendinstitut. München/Halle 

Richter, Elisabeth / Lehmann, Teresa / Sturzenhecker, Benedikt (Hrsg.) (2017): So machen Kitas Demokratiebildung. Empirische Erkenntnisse zur Umsetzung des Konzepts „Die Kinderstube der Demokratie“. Weinheim/Basel

Schubarth, Wilfried / Tegeler, Julia (2016): Anregungen und Empfehlungen für eine offensive Wertebildung. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Werte lernen und leben. Theorie und Praxis der Wertebildung in Deutschland. Gütersloh 

Wulf, Christoph (2005): Zur Genese des Sozialen. Mimesis, Performativität, Ritual. 1. Auflage. Bielefeld

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 3+4/2025 von DJI Impulse „Besser beteiligen – warum die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen wichtig ist – und wie sie gelingen kann“ (Download PDF).

Bestellung und Abonnement von DJI Impulse