Beteiligt – aber nicht gleichberechtigt
Jugendliche und junge Erwachsene bringen ihre Expertise in politische Beratungsprozesse auf Bundesebene ein. Doch erwachsenenzentrierte Strukturen und ungleiche Machtverhältnisse begrenzen die Wirksamkeit. Welche Standards eine echte Mitgestaltung sicherstellen können.
Von Sofie Jokerst und Wolfgang Schröer
Es ist ein kinder- und jugendpolitischer Irrglaube, dass die Beteiligung junger Menschen notwendigerweise im sozialen Nahraum beginnt und sich erst mit zunehmendem Alter schrittweise auf weitere politische Ebenen ausweitet – als müsse die Beteiligung parallel zum Erwachsenwerden wachsen. Längst haben die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen anerkannt, dass junge Menschen in allen Altersstufen an politischen Beratungsprozessen zu beteiligen sind. Entsprechend sollte es selbstverständlich sein, sie auf bundes- und landespolitischer Ebene und natürlich auch im sozialen Nahraum in solche Prozesse einzubeziehen.
Beteiligungsformate der Bundespolitik richten sich kaum an Kinder
Auf Bundesebene finden sich meist Beteiligungsformate, die von (politischen) Institutionen, wie Ministerien oder Verbänden, initiiert werden und junge Menschen zur Mitwirkung einladen, wie ein im Jahr 2025 erschienener Bericht des Bundesjugendkuratoriums (BJK) zeigt. Diese Beteiligung – in Gremien, Projekten, Konferenzen und anderen Formaten – kann als Form zivilgesellschaftlicher Politikberatung verstanden werden. Ziel ist es, die Expertise junger Menschen in der Wissensgenerierung zur Vorbereitung politischer Entscheidungen einzubeziehen (BJK 2019). Das bedeutet: Junge Menschen bringen ihr Wissen in einer grundlegend adultistisch strukturierten politischen Entscheidungswelt ein, formulieren ihre Interessen und Anliegen unter schwierigen Machtasymmetrien, tauschen sich untereinander und mit anderen Sachverständigen aus und stellen letztlich politisch Verantwortlichen ihr Wissen für die Entscheidungsfindung zur Verfügung (ebd.).
Politikberatung auf Bundesebene bedeutet demnach auch, dass sich junge Menschen in erwachsenenzentrierten Strukturen bewegen und zurechtfinden müssen (BJK 2019). Erwachsene bestimmen dabei häufig nicht nur die Rahmenbedingungen der Beteiligungsformate, sondern auch, was als Sachverstand gilt und wie dieser zu kommunizieren ist (ebd.). Die Strukturen sind somit durch Adultismus gekennzeichnet, denn junge Menschen müssen ihre Expertise immer wieder besonders legitimieren. Zudem ist die Gremienarbeit oft stark auf den Alltag und die Berufswelt Erwachsener zugeschnitten und daher vielfach nicht mit den Lebensumständen junger Menschen vereinbar (BJK 2025a).
Kinder werden in der Politikberatung auf Bundesebene bisher kaum eingebunden, wenngleich dies den rechtlichen Verpflichtungen zur Beteiligung von Kindern, etwa in der UN-Kinderrechtskonvention, widerspricht und Kinder von bundespolitischen Entscheidungen durchaus stark betroffen sind. Es genügt daher nicht, sie – wenn überhaupt – nur auf kommunalpolitischer Ebene zu beteiligen. Bisher richten sich die Formate jedoch vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene, da diese besser zu den etablierten Strukturen und Ausdrucksformen der Politikberatung passen. Es wäre von besonderer Bedeutung, Kinder stärker in die Beratungsprozesse einzubeziehen – gerade in der aktuellen Situation, in der die Qualität der Kindertagesbetreuung politisch neu verhandelt wird. Dies heißt aber nicht – um einem häufigen Missverständnis vorzubeugen –, dass Kinder nicht auch in anderen politischen Themenfeldern, wie etwa Klima oder Infrastruktur, beteiligt werden sollten.
Junge Engagierte stehen vor etlichen praktischen Herausforderungen
Auf Bundesebene zeigt sich in Deutschland aktuell ein vielfältiges Spektrum an Beteiligungsformaten für junge Menschen. Neben Austauschforen wie den Jugendpolitiktagen oder der Bundesjugendkonferenz finden sich unter anderem Jugendgremien, etwa der Jugendbeirat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) oder das Jugendforum youpaN, in dem sich junge Menschen ehrenamtlich an der Umsetzung des Nationalen Aktionsplans „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ beteiligen. Zudem existieren Gremien mit Jugendbeteiligung, wie beispielsweise das BJK der 20. Legislaturperiode und der jugendpolitische Beirat des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ).
Je nach Format beteiligen sich junge Menschen an Diskussionsforen oder Konferenzen, wirken bei der Entwicklung von Konzepten und Strategien mit oder tauschen sich direkt mit politischen Entscheidungsträger:innen aus, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen. Die Formate unterscheiden sich dabei nicht nur in ihrer Zusammensetzung, sondern auch in ihrer strukturellen Anbindung – sie können beispielsweise direkt an Ministerien oder an spezifische politische Prozesse wie den Nationalen Aktionsplan (NAP) für Kinder- und Jugendbeteiligung gekoppelt sein. Im Rahmen dieses NAP entwickelten junge Menschen unter anderem die Idee einer Beteiligungsplattform, die einen Überblick über bestehende Formate bieten und den Austausch zwischen jungen Engagierten und Interessierten – sowohl erfahrenen als auch neu hinzukommenden – sowie Initiativen und Institutionen ermöglichen soll (BMFSFJ 2025).
Auch in einem Workshop des BJK im Sommer 2024 zur Politikberatung junger Menschen auf Bundesebene wurden die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Beteiligungsformate thematisiert. Die Teilnehmenden schilderten praktische Herausforderungen ihres Engagements, etwa den hohen zeitlichen und organisatorischen Aufwand sowie die mitunter beträchtlichen (Reise-)Kosten (BJK 2025a). Gefordert wurde eine größere Transparenz sowohl in Bezug auf die Beteiligungsbedingungen als auch hinsichtlich der Verwertung der Beratungsergebnisse. Denn oft bleibe unklar, inwieweit die Empfehlungen der jungen Menschen tatsächlich in politische Prozesse einfließen oder zumindest diskutiert werden (ebd.).
Ein wertschätzender Umgang mit den jungen Engagierten und ihren Vorschlägen wurde dabei als zentrale Voraussetzung für eine gelingende Politikberatung hervorgehoben. Unterstützend wirkten aus Sicht der Teilnehmenden zudem feste, gut erreichbare Ansprechpersonen. Kritisch bewertet wurden dagegen ungleiche Zugänge zu Beteiligungsformaten und mangelnde Diversitätssensibilität bei der Gremienzusammensetzung. Insgesamt zeigte sich der Wunsch nach einer inklusiven Gestaltung und nachhaltigen Verankerung der Politikberatung junger Menschen auf Bundesebene. Einige dieser Erkenntnisse decken sich mit den Ergebnissen des Beteiligungsprozesses des 17. Kinder- und Jugendberichts (Deutscher Bundestag 2024).
Wirksame Jugendbeteiligung braucht eine strukturelle Verankerung
Basierend auf diesen Ergebnissen und der langjährigen Auseinandersetzung mit dem Thema junger Menschen in der Politikberatung formulierte das BJK einen Appell mit zentralen Eckpunkten für die Weiterentwicklung der Beteiligungsformate auf Bundesebene (BJK 2025b). In jedem Bundesministerium wie auch im Bundeskanzleramt brauche es demzufolge eine feste Zuständigkeit für die Politikberatung junger Menschen. Zudem fordert das BJK, dass grundlegende Standards in der Kinder- und Jugendbeteiligung sichergestellt werden. Das Sachverständigengremium betont darüber hinaus die Notwendigkeit, dass junge Menschen „eine altersgerechte, transparente sowie prozess- und gegenstandsbezogene Rückmeldung über die Folgen ihrer Beratungsleistung erhalten“ (BJK 2025b, S. 2). Wirksame Jugendbeteiligung müsse über einmalige Beteiligungsprojekte hinausgehen.
Es zeigt sich, dass die Notwendigkeit der politischen Beteiligung junger Menschen auch auf bundespolitischer Ebene an vielen Stellen erkannt und adressiert wird. Dies ist jedoch nur ein Anfang, durch den erst der Entwicklungsbedarf sichtbar wurde, um adultistisch geprägte Strukturen in der Politikberatung zu öffnen, Beteiligungsformate nachhaltig und strukturell zu verankern sowie grundlegende Standards und Transparenz sicherzustellen.
Weiter ist querliegend die gesamtinstitutionelle Wertebene bedeutend. Es muss in den Bildungseinrichtungen ein offener Diskurs darüber geführt werden, welche Normen und Werte den Umgang miteinander und das professionelle Selbstverständnis der Akteure leiten. Denn die Interaktionen im Team und mit den Kindern, die Interaktionen der Kinder untereinander ebenso wie die alltäglich wiederkehrenden Situationen und Rituale wie ein Morgenkreis, die Begrüßung von Kindern und Familien transportieren bereits Werte und Normen. Dazu gehört auch, dass Fach- und Lehrkräfte dafür sensibel sind, wie Kinder untereinander agieren, und sie proaktiv Vorurteile der Kinder untereinander oder auch Ausgrenzungen thematisieren. Denn Partizipationsangebote sind eng mit der Zielrichtung verbunden, allen Kindern gleichermaßen Bildungschancen zu ermöglichen. Sie müssen deshalb daraufhin reflektiert werden, ob sie so gestaltet sind, dass sie Kinder nicht aufgrund ihrer Kompetenzen oder Ausgangslage ausgrenzen.
Bildungsinstitutionen benötigen fachliche und politische Unterstützung
Entscheidend ist schließlich, dass sich nicht nur die pädagogische Praxis, sondern die gesamte Institution an demokratisch-partizipatorischen Grundwerten orientiert. Auch in der Zusammenarbeit der Leitung mit dem Team oder in multiprofessionellen Teams zeigt sich, ob das Miteinander demokratisch ausgerichtet ist. Wenn pädagogische Fachkräfte selbst wenig Gestaltungsspielraum in der Institution haben, wird es wiederum schwierig, Kindern Mitgestaltung authentisch zu ermöglichen. Die Bedingungen gilt es in der gesamten Institution zu schaffen. Dafür ist eine entsprechende Unterstützung aus Fachpolitik und den Stützsystemen der Kinder- und Jugendhilfe notwendig, beispielsweise über Weiterbildungen, fachliche Beratung sowie personelle und materielle Ressourcen. Bildungsinstitutionen für junge Kinder sind schließlich durch ihre strukturelle Verankerung in der Gesellschaft und ihr pädagogisches Potenzial prädestiniert dazu, einen bedeutsamen Beitrag zur Verfestigung und beständigen Erneuerung der Demokratie zu leisten. Die Verantwortung dafür können sie allerdings nicht alleine tragen. Dies kann immer nur im Zusammenspiel mit anderen gesellschaftlichen Schlüsselakteuren gelingen.
Bundesjugendkuratorium (2019): Junge Menschen in der Politikberatung – Empfehlungen für mehr Beteiligung der jungen Generation auf Bundesebene. Stellungnahme 11/2019. München
Bundesjugendkuratorium (2025a): Erfahrungen junger Menschen in der Politikberatung – Beteiligungspraxis junger Menschen auf Bundesebene. Bericht. München
Bundesjugendkuratorium (2025b): Zentrale Eckpunkte zur Weiterentwicklung der Beteiligungsformate junger Menschen auf Bundesebene. Appell. München
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2025): Nationaler Aktionsplan für Kinder- und Jugendbeteiligung. Abschlussdokumentation. Berlin
Deutscher Bundestag (2024): 17. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. BT-Drucksache 20/12900. Berlin

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 3+4/2025 von DJI Impulse „Besser beteiligen – warum die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen wichtig ist – und wie sie gelingen kann“ (Download PDF).
