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Psychische Störungen bei Studierenden nehmen zu und haben nicht nur Auswirkungen auf den Studienerfolg und das zukünftige Wohlbefinden, sondern auch wirtschaftliche und strukturelle Konsequenzen für das Hochschul- und Universitätswesen. Diese Zunahme erhält weltweit immer mehr Aufmerksamkeit. Meta-Analysen zeigen, dass etwa ein Viertel der Studierenden über depressive Symptome berichten, etwa jede:r siebente über suizidale Gedanken und etwa jede:r dritte über klinisch relevante Angstsymptome. Während der Corona-Pandemie stieg der Anteil von Studierenden mit psychischen Problemen auf über ein Drittel.

Die Forschungslage ist jedoch heterogen und häufig auf Querschnittsdaten beschränkt, wodurch Vergleiche zwischen Ländern und Hochschulstandorten erschwert werden. Zudem konzentrieren sich viele Studien auf Studierende der Humanmedizin, während andere Fachrichtungen deutlich seltener untersucht werden. Zahlreiche Studien haben Risiko- und Resilienzfaktoren der psychischen Gesundheit von Studierenden untersucht. Es fehlt jedoch ein übergreifender Rahmen, der diese Faktoren systematisch mit der Wirksamkeit von Interventionen verknüpft und relevante Stakeholder einbindet. Für Deutschland liegen zudem nur begrenzte Übersichten vor, und viele Studien basieren ausschließlich auf Selbstauskünften der Studierenden, wodurch Verzerrungen nicht ausgeschlossen werden können. Diese Forschungslücke wird durch das Verbundprojekt StaR_MHI (Students at Risk for Mental Health Issues) unter Leitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg adressiert, an dem das Deutsche Jugendinstitut (DJI) mit einem Teilprojekt mitwirkt.

Ziel dieses Projekts ist es, die psychische Gesundheit von Studierenden an mehreren Hochschulen und über einen längeren Zeitraum hinweg zu untersuchen. Dadurch sollen individuelle und strukturelle Risikofaktoren psychischer Belastungen besser verstanden, besonders gefährdete Studierende frühzeitig erkannt und Schutzfaktoren wie Resilienz gestärkt werden.

Ein zentrales Anliegen des Projekts ist dabei die Validierung identifizierter Risiko- und Schutzfaktoren sowie die Untersuchung ihrer prognostischen Bedeutung in einem hochfrequenten Längsschnittdesign. Auf dieser Grundlage werden Prognosemodelle entwickelt, die individuelle und strukturelle Risikokonstellationen („red flags“) feststellen und Beratungs- und Unterstützungsangebote an Hochschulen verbessern helfen.

Darüber hinaus werden bestehende resilienzfördernde Interventionen weiterentwickelt und zielgruppengerecht bereitgestellt. Langfristig ist eine Ausweitung der Ansätze auf weitere Bildungsbereiche vorgesehen, um die psychische Gesundheit junger Menschen zu stärken, Ausbildungsabbrüche zu reduzieren und Resilienz im Umgang mit den Anforderungen einer zunehmend komplexen Arbeitswelt zu fördern.

Das Verbundprojekt verfolgt einen dreistufigen, multimetho­dischen Ansatz. Zunächst erfolgt eine kritische Synthese der Literatur zu Risiko- und Resilienzfaktoren bei Studierenden, ergänzt durch Analysen von Versicherungsdaten sowie Querschnittsdaten des DJI, um eine fundierte Evidenzbasis für prospektive Analysen zu schaffen. Im zweiten Schritt werden Studierende über Online-Befragungen zu Risiko- und Unterstützungs­faktoren befragt. Diese Daten werden genutzt, um den Verlauf psychischer Belastungen mithilfe von Kohorten­studien und intensiven ökologischen Momentanbeobachtungen (EMA) zu untersuchen. Teilstichproben werden zusätzlich durch (neuro-)biologische Messungen mittels mobiler Technologien ergänzt. Ein Schwerpunkt liegt auf Mental Health Literacy sowie auf Resilienzfaktoren wie Bewegung und Schlaf. Im dritten Schritt erfolgt der Praxistransfer. Ergebnisse werden in Fokusgruppen diskutiert und Handlungsempfehlungen abgeleitet. Auf Grundlage der identifizierten Risikofaktoren wird ein Online-Tool entwickelt, das in die psychologische Studienberatung sowie in Programme wie „Gesund studieren“ und „Wohlfühlcampus“ integriert werden soll. Bestehende Online-Interventionen werden angepasst und die Wirksamkeit eines analogen Selbstreflexionstagebuchs zur Förderung der mentalen Gesundheit untersucht.

Das am DJI angesiedelte Teilprojekt zum Monitoring arbeitet auf quantitativer Grundlage Resilienz- und Risiko-Faktoren der Depressivität von Studierenden heraus. Als Datengrundlage dient der repräsentative DJI-Survey „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A) 2023. Es wird untersucht, wie individuelle Erfahrungen und gesellschaftliche Faktoren zusammenwirken, um das Risiko von Depressivität zu erklären. Daraus leiten sich Auswertungsfragen nach den Beziehungskonstellationen des sozialen Umfelds von Studierenden mit Blick auf die Ausprägung von Depressivität, nach den Einflüssen von Differenzkriterien wie Migrationshintergrund oder sozioökonomischem Status der Herkunftsfamilie sowie nach den dabei auftretenden Intersektionalitäten ab. Bei den querschnittlichen Analysen werden zudem Vergleiche zu Auszubildenden gezogen, um die spezifische Belastungssituation im Kontext des Studiums zu untersuchen.