Raphaela Reindl, M.A.

Multilokale Geschwisterbeziehungen in Patchwork-Familien

 

 

Julia und Lina sind Schwestern. Sie sind irgendwie Schwestern, denn Julia und Lina haben nicht dieselben biologischen Eltern. Sie wohnen auch nur an etwa 4 Tagen im Monat zusammen, nämlich nur alle zwei Wochen für ein Wochenende, wenn Lina zu ihrem leiblichen Vater, dessen neuer Ehefrau und deren Tochter Julia zu Besuch nach Ulm kommt. Eigentlich lebt Lina nämlich bei ihrer Mutter in Bremerhaven. Trotzdem bezeichnen sich die beiden Mädchen als Schwestern.Aber warum? Warum und vor allem wie bauen sie eine Geschwisterbeziehung zueinander auf?Thema der Magisterarbeit: Das Projekt untersuchte die Geschwisterbeziehungen zwischen Halb-bzw. Stiefgeschwistern in multilokalen Patchwork-Familien. Genauer wurde der Frage nachgegangen, wie Kinder ihre Geschwisterbeziehung zueinander konstruieren und gestalten, wenn sie nicht bzw. nur teilweise biologisch verwandt sind und ihr Zusammenleben durch die mehr-örtige Lebensführung von einem von ihnen zusätzlich auch noch zeitlich stark limitiert ist. Gefragt wurde, wie es den Kindern in den meist relativ kurzen Phasen des gemeinsamen Zusammenlebens gelingt, eine Geschwisterbeziehung zueinander aufzubauen. Besonderes Augenmerk wurde auf die Praktiken gelegt mit denen die Geschwister nach Phasen des Getrenntseins wieder zu einem gemeinsamen Alltag finden. Ferner wurde in den Blick genommen, inwieweit es zu Konkurrenzsituationen zwischen den Geschwistern kommt, sobald sie die Aufmerksamkeit der erwachsenen Familienmitglieder oder aber materielle Dinge wie z.B. Spielsachen, Kinderzimmer etc. miteinander teilen müssen. Ziel des Vorhabens war es unter anderem, durch empirische Einblicke in das Thema aus der Perspektive von Kindern auf blinde Flecken der bisherigen Forschung aufmerksam zu machen. Methodisches Vorgehen: Das Sample umfasste 3 Patchwork-Familien. In der personalen Konstellation der Patchwork-Familien war eine größtmögliche Variabilität gegeben, ebenso auch in der Entfernung der Familienhaushalte (760 km, 15 km, 0,5 km) zueinander. Insgesamt wurden 9 offene Leitfadeninterviews Interviews geführt, davon 3 mit mehr-örtig lebenden Kindern, 3 mit deren mono-lokal lebenden Halb- bzw. Stiefgeschwistern und schließlich 3 mit den Stiefmüttern des multilokal lebenden Kindes. Die interviewten Kinder waren zwischen 10 und 15 Jahren alt, die multilokal lebenden Kinder verbrachten jedes zweite Wochenende bei ihrer „anderen“ Familie. Ein Kurzfragebogen diente der Erhebung sozio-demographischer Daten der Familien. Die Auswertung erfolgte nach der dokumentarischen Methode (Nohl 2009).Ergebnisse der Magisterarbeit: „Gemeinsame Zeit verbringen“ und „miteinander Spielen“ wurden als Komponenten ausgemacht, die für die Konstruktion von multilokalen Halb- bzw. Stiefgeschwisterbeziehungen besonders wichtig sind. Dazu zählen auch gemeinsame Familienurlaube, da dort Zeit sehr intensiv miteinander verbracht werden kann. Körperlichkeit war in der Konstruktion der Beziehung auf sehr unterschiedliche Weise wichtig: Zum einen im Kontext von Handgreiflichkeiten bei Streitigkeiten und zum anderen beim Kuscheln. Deutlich wurde auch, dass die Konstruktion der Beziehung nicht alleine durch die Kinder erfolgt, sondern gemeinsam mit ihrer sozialen Umwelt. Die Eltern spielen dabei eine bedeutende Rolle – wenn sie der Geschwisterbeziehung negativ gegenüber stehen, gestaltet sich auch die Beziehung zwischen den Kindern als komplizierter. Generalisierbare Aussagen in Bezug auf strukturelle Faktoren, die sich förderlich oder behindert auf eine positive Entwicklung multilokaler Geschwisterbeziehungen auswirken, können aufgrund der geringen Fallzahl in dieser empirischen Untersuchung nicht getroffen werden. Das gleiche Geschlecht und ein nicht zu großer Altersabstand der Geschwister scheinen sich jedoch positiv auf die Beziehung auszuwirken. Dagegen scheint die Entfernung zwischen den Elternhäusern des multilokalen Kindes nur eine untergeordnete Rolle für die Geschwisterbeziehung zu spielen. Die Überwindung großer Entfernung zwischen den Haushalten bedeutet für die Eltern und das multilokal lebende Kind zwar ein Mehr an Kosten sowie Zeit- und Planungsaufwand, direkte Auswirkungen auf die Geschwisterbeziehung sind jedoch nicht erkennbar. Lediglich im Vergleich zu der Beziehung von zwei Stiefbrüder lassen sich Unterschiede erkennen: Beide leben nur 5 Minuten Fußweg voneinander entfernt und sehen sich des Öfteren auch außerhalb der vereinbarten Besuchswochenenden. Ihre Alltagswelten überschneiden sich ein Stück weit, was verbindend wirkt.Dass sich zwischen Stief- bzw. Halbgeschwistern in multilokalen Patchwork-Familien überhaupt Geschwisterbeziehungen entwickeln, ist jedoch keinesfalls selbstverständlich (zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Sieder 2008).

 

Kontakt

+49 89 62306-317
Deutsches Jugendinstitut
Nockherstr. 2
81541 München

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