Armut bedeutet in Deutschland auch Bildungsarmut

Entsprechend der Vielschichtigkeit von prekären Lebenssituationen sind auch die Auswirkungen derselben auf unterschiedlichen Ebenen anzusiedeln. So sind die Kinder häufig in einem schlechten gesundheitlichen Zustand, werden sozial ausgegrenzt, haben schlechtere Bildungschancen und eine schlechtere Lebensqualität.

In kaum einem anderen Land bestimmt die soziale Lage eines Kindes so sehr seine Bildungsbeteiligung und Bildungschancen wie in Deutschland. Bescheinigt wird der Zusammenhang zwischen Bildungschancen und sozialer Herkunft durch die PISA-Studie (Deutsches PISA-Konsortium, 2001). Eine derartige Benachteiligung setzt bereits im Vorschulalter ein, denn Kinder aus einkommensschwachen Familien besuchen seltener den Kindergarten. Dementsprechend sind die Möglichkeiten der professionellen pädagogischen Förderung dieser Kinder in den verschiedenen Entwicklungsbereichen (vor allem Sprache, Sozial- und Arbeitsverhalten) begrenzt, denn die Betreuung der Kinder erstreckt sich im wesentlichen auf den familialen Kontext. Gerade aber das sind Fähigkeiten in einer Gesellschaft, deren wichtigster Standortfaktor die Bildung sein sollte, die basale Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung darstellen.
Das Ziel gleicher Bildungschancen für Kinder aus sozial benachteiligten Gruppen ist in der Bundesrepublik noch nicht in Sicht. Kinder mit solchen Beeinträchtigungen in der frühen Bildung haben auch Schwierigkeiten in der Schule, denn die vorhandenen Defizite dieser Kinder werden durch das Bildungssystem verstärkt und es kommt zu Selektionseffekten. So werden beispielsweise Kinder aus sozioökonomisch schlechter gestellten Haushalten später eingeschult und zeigen eine schlechtere Anpassung an den Schulalltag (Holz, 2003). Geschlechtsspezifische Effekte bestehen dahingehend, dass Jungen höchstens einen Hauptschulabschluss erreichen, Mädchen hingegen maximal einen Realschulabschluss (Lauterbach/Lange, 1998).
Als Ergebnis dieser Selektionseffekte im Bildungssystem entstehen vielfach zu wenig qualifizierte oder im Extremfall gar keine Bildungsabschlüsse. Auf dem prekären Ausbildungsmarkt entscheiden aber gerade qualifizierte Bildungsabschlüsse über die Chance auf einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz.
Kindern (und Jugendlichen), die schlechter qualifiziert sind als ihre Altersgenossen, fehlt es an den Möglichkeiten zur Teilhabe an einem den Normalitätsvorstellungen entsprechenden gesellschaftlichen Leben, so dass sie soziale Ausgrenzung aufgrund ihres Bildungshintergrundes erleben. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder später einmal auf sozialstaatliche Leistungen zur Sicherstellung des Lebensunterhalts angewiesen bzw. Empfänger von Niedrigeinkommen sind, ist erhöht. Soziale Benachteiligung wird so von der einen Generation auf die andere Generation weitergegeben. Aufgrund der ansteigenden Einkommensmobilität und der damit wachsenden Zahl von Menschen, die für einen mehr oder weniger langen Zeitraum sozioökonomische Benachteiligung erfahren können, steigt auch die Zahl derjenigen, die potenziell schlechtere Bildungschancen haben.