Soziale Ungleichheit und kulturelle Diversität in Systemen der frühkindlichen Bildung

Das Internationale Zentrum Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (ICEC) beschäftigt sich in einem seiner Schwerpunkte mit der Frage, welche Rahmenbedingungen notwendig sind, damit auch Kinder aus Familien in benachteiligten Lebenslagen die gleiche Chance haben, eine Kita zu besuchen und an frühkindlicher Bildung teilzuhaben. Denn Kinder aus Familien in benachteiligten Lebenslagen nehmen weniger häufig und erst zu einem späteren Zeitpunkt Angebote der Kindertagesbetreuung in Anspruch.

Wenn es um Chancengleichheit für Kinder unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft geht, wird der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) heute eine Schlüsselrolle zugewiesen. Allerdings bestehen bei der Nutzung von Angeboten der Kindertagesbetreuung Barrieren für Familien in weniger privilegierten Lebenslagen: Beispielsweise können Kosten oder Öffnungszeiten den Zugang zu solchen Angeboten für Kinder dieser Familien erschweren. Und auch wenn diese Kinder einen passenden Betreuungsplatz erhalten und nutzen, profitieren sie nicht unbedingt im gleichen Maße von Bildungsangeboten, wenn diese den unterschiedlichen Ausgangsbedingungen der Kinder nicht ausreichend berücksichtigen.

Obwohl es einen internationalen Konsens gibt, soziale Ungleichheiten beim Zugang zu Bildung zu verringern, bestehen weiterhin große Unterschiede zwischen den Ländern, was die Zugangs- und Teilhabesituation verschiedener sozialer Gruppen betrifft.

Das ICEC fördert den (internationalen) Austausch zu politischen Rahmenbedingungen und Maßnahmen, die Zugang und Teilhabe für bestimmte Gruppen erleichtern oder erschweren. Auf der vom ICEC organisierten internationalen Fachtagung Gleicher Start für alle? Selektive Teilhabe und inklusive Ansätze frühkindlicher Bildung in internationaler Perspektive (Juli 2014) nahmen über 60 TeilnehmerInnen aus Forschung, Fachpolitik und Praxis die Gelegenheit wahr, Selektivitätsmechanismen sowie inklusive Strategien und Programme aus der FBBE in Belgien, Deutschland, England und Frankreich kennenzulernen und zu diskutieren.

Die Equal Access Study

Anfang 2017 wurde im Internationalen Zentrum Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (ICEC) eine ländervergleichende Studie zum Zugang zu hochwertiger Frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) von Kindern und Familien aus benachteiligten Lebenslagen in Deutschland, Kanada und Schweden gestartet. Das aktuelle Forschungsprojekt nimmt eine besondere Perspektive ein, indem es den Fokus auf Mechanismen und Strategien von FBBE-Systemen legt und herausarbeitet, wie diese den Zugang zu hochwertiger FBBE für bestimmte soziale und kulturelle Gruppen erleichtern oder erschweren (vgl. Vandenbroeck/Lazzari 2014).

Internationale Fachtagung "Zugangshürden im Kita-System abbauen"
22./23. Oktober 2019, Berlin

Hintergrund des empirischen Forschungsprojektes ist der aktuelle Sozialinvestitionsdiskurs, in dem FBBE als ein Schlüsselfaktor zur Verringerung sozialer Ungleichheit und Ermöglichung sozialer Mobilität dargestellt wird. Studien zufolge haben jedoch gerade Kinder aus benachteiligten Lebensverhältnissen seltener Zugang zu FBBE im Allgemeinen und zu hochwertigen Bildungs- und Betreuungsangeboten im Besonderen. Dies ist deshalb ein entscheidender Befund, da sich dadurch bestehende Ungleichheiten zwischen Kindern aus benachteiligten und solchen aus privilegierteren Verhältnissen sogar noch verschärfen könnten. In Bezug auf das Potenzial von FBBE zur Verringerung sozialer Ungleichheiten spielen nicht nur der Zugang zu jeder Art von FBBE eine wichtige Rolle, sondern auch Eigenschaften der Betreuung wie Umfang und Qualität. Darüber hinaus arbeitet das ICEC in dem Forschungsprojekt heraus, wie der Zugang zu FBBE mit weitergefassten Sozialpolitikfeldern (zu Arbeit, Betreuung und Familie) und dem Wohlfahrtssystem zusammenhängt.

Die vergleichende Studie des ICEC zielt darauf ab, institutionelle Rahmenbedingungen, Steuerungsentscheidungen und die Art, wie diese Ungleichheiten hervorbringen, verringern oder verstärken, besser zu verstehen. Dazu werden zwei Steuerungsebenen betrachtet. Die erste Ebene bilden Rahmenbedingungen auf der Makroebene, in die die FBBE-Regelungen und -Steuerung eingebettet sind. Insbesondere sind hier wohlfahrtsstaatliche Rahmenbedingungen und angrenzende sozialpolitische Felder von Interesse. Die zweite Ebene bezieht sich auf die Umsetzung von FBBE. Hier geht es um Ansätze auf lokaler Ebene, die Ungleichheiten im Zugang adressieren. Anhand des Vergleichs dreier Länder mit unterschiedlichen institutionellen Rahmenbedingungen untersucht die Studie, was unter welchen Bedingungen funktioniert. Im Einzelnen werden die folgenden Forschungsfragen bearbeitet:

  • Welche Muster selektiver Inanspruchnahme von (hochwertiger) FBBE sind in verschiedenen Ländern zu beobachten?

  • Welche politischen Regelungen und Rahmenbedingungen innerhalb eines FBBE-Systems beeinflussen den Zugang benachteiligter Gruppen zu (hochwertiger) FBBE?

  • Welche Strategien und Maßnahmen werden auf den unterschiedlichen Steuerungsebenen ergriffen, um Ungleichheit zu reduzieren, und welche Akteure sind in den Prozess eingebunden?

  • Wie und mit welchem Erfolg adressieren die Verantwortlichen soziale Ungleichheit beim FBBE-Zugang?

  • Lassen sich in unterschiedlichen wohlfahrtsstaatlichen Systemen unterschiedliche Selektionsmuster bzw. ein unterschiedliches Ausmaß an Ungleichheit beobachten, und zeigen sich hier Konvergenzen zwischen den beobachteten Systemen?

Bei dem Projekt handelt es sich um einen systematischen Ländervergleich, in dem verschiedene Methoden miteinander kombiniert werden. Untersuchungsgegenstand sind politische Regularien, Steuerungsstrategien und Interaktionen zwischen politischen Akteuren in den FBBE-Systemen in Deutschland, Kanada und Schweden. Die Umsetzung des Forschungsprojekts erfolgt in vier Schritten:

1.  Auf Basis von Berichten und Sekundärdaten wird ein Überblick zur sozialen Ungleichheit im Zugang zu FBBE in den drei Ländern anhand von Parametern wie Betreuungsquoten und Selektionsmustern sowie deren Entwicklung im Zeitverlauf gegeben.

2.  Die sozialpolitischen Rahmenbedingungen und Regularien, in die die FBBE- Systeme in Deutschland, Kanada und Schweden eingebettet sind, werden anhand einer qualitativen Analyse politischer Dokumente untersucht. Von besonderem Interesse sind hier Politikfelder mit Bezug zu Arbeit, Familie und Betreuung/Pflege von Familienangehörigen sowie deren Zusammenhang mit den Betreuungssystemen.

3.  In jedem der drei Länder führt das ICEC explorative Fallstudien in zwei ausgewählten Kommunen durch. Durch die Kombination von Experteninterviews und Gruppendiskussionen mit politischen Akteuren auf der lokalen Ebene wird der Komplexität von lokaler Steuerung und der Einbettung von FBBE in Wohlfahrtsarrangements Rechnung getragen. Ziel ist es, Maßnahmen, Strategien und Angebote in ausgewählten Kommunen zu untersuchen und herauszuarbeiten, welche Akteure sich auf welche Weise an Entscheidungen und Maßnahmen beteiligen bzw. beteiligt werden, um Ungleichheit entgegenzuwirken.

4.  Auf der Basis der sechs Fallstudien werden mögliche Inkonsistenzen und Spannungen im Zusammenwirken der Steuerungsebenen identifiziert und analysiert. Ein Ländervergleich zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Ergebnisse aus Deutschland, Kanada und Schweden unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Rahmenbedingungen der drei Länder.

Die qualitative Dokumentenanalyse zum Thema „Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in Deutschland“ wurde im Jahr 2017 durchgeführt. Für die Erhebung in Kanada und Schweden hat ICEC Expertisen an renommierte Wissenschaftler/innen in diesen beiden Ländern vergeben. Seit 2018 werden  Experteninterviews und Gruppendiskussionen in Deutschland, Kanada und Schweden geführt. Die Datenerhebung soll bis Mai 2019 abgeschlossen werden. 2019 werden die qualitativen Daten ausgewertet und die Ergebnisse 2020 in einer Monographie und in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht.

 

Kontakt

Sabrina Mannebach - Wissenschaftliche Referentin
Telefon: 089-62306-387
Email: mannebach@dji.de

Britta Menzel - Wissenschaftliche Referentin
Telefon: 089-62306-128
Email: menzel@dji.de

Dr. Antonia Scholz – Wissenschaftliche Referentin
Telefon: 089-62306-370
Email: ascholz@dji.de

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