Projektkonzeption und theoretischer Rahmen

 Theoretisch-konzeptionell bezog sich das Projekt auf Ansätze aus der Frauen-, Männer- und Geschlechterforschung, auf die auch in der Debatte um Gender Mainstreaming Bezug genommen wurde, um sowohl den Begriff Gender als auch das Prinzip des Gender Mainstreaming zu erklären. In Prozessen des Gender Mainstreaming kann auf präzise Analysen sozialer Ungleichheitslagen im Geschlechterverhältnis nicht verzichtet werden; die geschlechtliche Substruktur einer Organisation (Döge/Meuser 2001) bzw. eine tradierte, nicht mehr zeitgemäße Geschlechterordnung in Institutionen (Krüger 2002) etwa können erst dann abgebaut werden, wenn sie sichtbar gemacht worden sind. Weitere theoretisch-konzeptionelle Bezugspunkte waren daher auch Ansätze aus der Organisations- und der Personalentwicklung (Preskill/Torres 1999).

Im Zusammenhang mit Gender Mainstreaming musste darüber hinaus das Konzept der Geschlechtergerechtigkeit in intensiven Diskurs- und Aushandlungsprozessen als neues Relevanzkriterium für die Kinder- und Jugendhilfe „kleingearbeitet“ und gefüllt werden, um es sowohl auf der personellen und der organisatorischen Ebene wie auch auf der Ebene der fachlichen pädagogischen Arbeit realisieren zu können. Die Verwirklichung von Gender Mainstreaming bedeutet für die Organisationen, dass hier ein neues regulatives Prinzip institutionalisiert wird, d.h., ein neues "diffiziles Relevanzkriterium" (Heiner 1998: 45). Die Frage der Gleichstellungspolitik soll durch Gender Mainstreaming in das Zentrum des organisatorischen und politischen Handelns rücken. Die Konkretisierung dieses Prinzips in "alltagstaugliche Interventionen" (vgl. Heiner 1998) stellt für die Organisationen eine Herausforderung dar: Handlungskonzepte lassen sich nicht einfach aus dem Prinzip ableiten. Stellt man sich eine Organisation als "lernende" vor, müssen individuelles Lernen, Aushandlungsprozesse und "kollektives" Lernen verknüpft werden auf der Basis der Etablierung reflexiver Prozesse, d.h. konstanten evaluativen Denkens in der Organisation. Organisationsentwicklung ist ein selbstreflexiver Prozess, der einen kulturellen Wandel hervorbringen kann, wenn die gesellschaftlichen und organisationsintern herrschenden Normen in Frage gestellt werden.

Die wissenschaftliche Begleitung der Implementierung von Gender Mainstreaming in KJP-geförderten Organisationen hatte eine doppelte Aufgabe: Sie verband „entwicklungsorientierte Praxisforschung/-begleitung“ mit dem Ziel der Überprüfung der Umsetzung gesetzlicher Maßnahmen, d.h. in diesem Fall mit der Frage danach, wie die in den Förderrichtlinien des Kinder- und Jugendplan vorgegebene Anforderung, Gender Mainstreaming umzusetzen, erfüllt wird. Sie stand somit an einer komplexen Nahtstelle im Spannungsfeld zwischen Politik und Praxis, was es im Forschungsprozess zu reflektieren galt.

Ziel des bisherigen Projektes war es, den Stand der Umsetzung von Gender Mainstreaming in den aus dem Kinder- und Jugendplan geförderten Organisationen zu erfassen und herauszuarbeiten, welche Bedingungen sich förderlich bzw. hemmend auf die Implementierung auswirken. Das DJI-Projekt hatte die Aufgabe, die Organisationen bei der Entwicklung, Erprobung und dauerhaften Implementierung von Umsetzungsstrategien und -verfahren des Gender Mainstreaming durch Analyse, Information, Rückvermittlung von Forschungsergebnissen und Dokumentation wissenschaftlich zu begleiten. In der Zusammenarbeit mit teilnehmenden Trägern hatte das DJI-Projekt exemplarisch herausgearbeitet, auf welche Art und Weise Gender Mainstreaming in unterschiedlichen Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe (von unterschiedlichen FunktionsträgerInnen) aufgegriffen, verstanden und umgesetzt wurde.

Das Ergebnis zeigt, dass Gender Mainstreaming – im Großen und Ganzen – bei den aus dem Kinder- und Jugendplan geförderten Trägern zum damaligen Zeitpunkt als Anforderung angekommen ist, der sich offensichtlich nur noch wenige Träger entzogen haben. Als fachliche Herausforderung scheint Gender Mainstreaming akzeptiert zu sein.
Im Fortgang und der inhaltlichen Ausgestaltung des Umsetzungsprozesses wurden dabei allerdings neue Hürden und Widerstände sichtbar: „Ein Ökologie-Projekt soll etwas mit Gender zu tun haben?“/„Ehrenamtliche sind nicht zu gewinnen“ – so und ähnlich lauten die Rückmeldungen. In dieser Hinsicht meldeten die „change agents“, d.h. die für die Umsetzung Verantwortlichen – auch der Organisationen, die Gender Mainstreaming schon auf den unterschiedlichen Ebenen der fachlichen Arbeit und/oder im personellen sowie organisatorischen Bereich verfolgt haben –, Bedarf an weiterer Unterstützung des Umsetzungsprozesses an.

Die Umsetzung von Gender Mainstreaming ist, nachdem Gender Mainstreaming vom Grundsatz her akzeptiert zu sein scheint, bei den „Mühen der Ebenen“ angekommen. FachreferentInnen bspw., die aufgrund der Förderrichtlinie gefordert sind, Gender-Bezüge ihrer jeweiligen Themen herzustellen (von der Ökologie bis hin zur Arbeit der sozialen Hilfsdienste, bei der Planung von Jugendlagern, Jugendreisen und/oder Tagungen und in Tanzprojekten, in der Jugendberufshilfe, in Projekten, die sich mit Interkulturalität auseinander setzen usw.) und dem auch relativ offen gegenüber stehen, stellte sich die Frage, wie die Perspektive der Berücksichtigung des Geschlechts zu einem integralen Bestandteil ihrer Arbeit werden kann, d.h. in ihre fachlichen Themen eingebettet werden kann.

Eine weitere offene Frage im Umsetzungsprozess von Gender Mainstreaming, die an die oben genannte anknüpft, wurde bei jenen Verbänden sichtbar, in denen Ehrenamtliche wesentliche Leistungen erbringen – also allen voran die Jugendverbände. Aufgabe der bundeszentralen Träger ist die Koordinierung und Anregung sowie die politische Vertretung der im Verband ehrenamtlich Tätigen. Zudem werden auf Bundesebene gemeinsame gesellschaftspolitische Positionen erarbeitet und verabschiedet. Positionen und politische Programme wie z.B. Gender Mainstreaming lassen sich aber nicht Top-Down von der zentralen Organisationsebene hin zu den ehrenamtlich Tätigen durchsetzen. Die Vermittlungsproblematik von Gender Mainstreaming in überwiegend ehrenamtlich strukturierten Organisationen kristallisierte sich somit als eine weitere Aufgabe und Fragestellung der wissenschaftlichen Begleitung heraus: Es galt einerseits, die Bedarfe der im Verband in der Jugendarbeit Engagierten zu eruieren, die Widerstände und Vorbehalte, damit der Verband auf Bundesebene weiß, was die JugendleiterInnen brauchen, um in ihrer Jugendarbeit und ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement Gender Mainstreaming als sinnvollen Ansatz umzusetzen. Es galt andererseits, Wege zu finden, um den Transfer programmatischer Forderungen wie z.B. Gender Mainstreaming von der Bundesebene in Richtung Ehrenamtlich Tätige überzeugend zu gestalten. Wie können fachliche Gender-Qualifikationen auch und insbesondere bei Ehrenamtlichen gefördert werden?

Ein zentrales Ziel war es, einen Überblick über die Hindernisse und Blockaden einer Implementierung, die „lessons learned“ (Fetterman et.al.1996), zu geben, damit Erfahrungen transparent gemacht werden für den weiteren Praxisdiskurs und das Verständnis für die im Umsetzungsprozess auftretenden Probleme wächst. Mit dem Instrument der Information durch "bewährte Praxis", sei es als "lessons learned", als "Erfolgsgeschichte", als Fallstudien oder Katalog von Ideen sollten Resultate dokumentiert und generelle Wissenstransfer-Prozesse ermöglicht werden.

 

Zitierte Literatur:

Döge, Peter/Meuser, Michael (Hrsg.) (2001): Männlichkeit und soziale Ordnung. Neuere Beiträge zur Geschlechterforschung. Opladen: Leske + Budrich

Fetterman, David M./Kaftarian, Shakeh J./Wandersman, Abraham (Hrsg.) (1996): Empowerment Evaluation. Knowledge and Tools for Self Assessment and Accountability. Thousand Oaks, CA: Sage Publications

Heiner, Maja (1998): Lernende Organisation und Experimentierende Evaluation. Verheißungen Lernender Organisationen. In: Heiner, M. (Hrsg.) Experimentierende Evaluation. Weinheim/München: Juventa Verlag: S. 11-54

Krüger, Helga (2002): Gesellschaftsanalyse: der Institutionenansatz in der Geschlechterforschung. In: Knapp, G. A. / Wetterer, A. (2002) (Hrsg.): Soziale Verortung der Geschlechter. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, S. 63-90

Preskill, Hallie S./Torres Rosalie T. (1999): Evaluative inquiry for learning in organizations. Thousand Oaks, CA: Sage Publications

Kontakt

+49 89 62306-267
Deutsches Jugendinstitut
Nockherstr. 2
81541 München

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