Forderungen an die berufliche Ausbildung
Ein Spannungsfeld zwischen Unternehmen und Jugendlichen am Übergang?
Hintergrund des Forschungsprojekts ist der anhaltende, eklatante Fachkräftemangel und der Rückgang an Auszubildenden im Handwerk (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2024). Ein zentrales Problem stellt die fehlende Passung zwischen den Arbeitsvorstellungen junger Menschen und den Anforderungen der Handwerksbetriebe dar – sie wird zunehmend als eine wesentliche Ursache für das Nichtzustandekommen oder das vorzeitige Scheitern von Ausbildungsverhältnissen betrachtet. Mittlerweile ist von einem sogenannten Passungsproblem die Rede, das die paradoxe Situation beschreibt, dass einerseits viele Jugendliche keinen Zugang zur Ausbildung finden, andererseits aber zahlreiche Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben. Gleichzeitig wird im Handwerk ca. ein Drittel der Ausbildungsverträge vorzeitig beendet.
Angesichts einer zunehmend heterogenen Zielgruppe – Jugendliche mit unterschiedlichen schulischen und außerschulischen Bildungserfahrungen sowie vielfältigen Lebenslagen – untersucht das Projekt, wie eine gelingende Passung im Auswahlprozess hergestellt werden kann. Ziel ist es einerseits, Ausbildungsberufe attraktiver zu gestalten, und andererseits, Ausbildungsabbrüchen entgegenzuwirken.
Die Studie konzentriert sich auf die bislang in der Forschung wenig beleuchteten Bereiche Bau- und Ausbaugewerbe, Holz- und Kunststoffgewerbe sowie Nahrungsmittelgewerbe. Dabei werden sowohl die Perspektiven der Ausbildungsbetriebe als auch der Auszubildenden einbezogen. Die Analyse umfasst die Bundesländer Sachsen, Bayern, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, wodurch sowohl neue als auch alte Bundesländer vertreten sind und die regionale Vielfalt sowie Unterschiede innerhalb Deutschlands berücksichtigt werden. Das Forschungsprojekt wird von der Hans-Böckler-Stiftung mit einer Laufzeit von zwei Jahren gefördert.
Gründe für den Fachkräftemangel in Deutschland werden allgemein in der demografischen Entwicklung, dem Anstieg junger Menschen mit Hochschulabschluss und dem Rückgang von ausbildenden Betrieben gesehen. Neben solchen strukturellen Gründen, sind die Qualität der Ausbildung, Kompetenzen Auszubildender und bestehende Hürden in der Ausbildung relevant (Deutscher Gewerkschaftsbund 2025). Fragen der Passung von Arbeitsvorstellungen von (potenziellen) Auszubildenden und die der Unternehmen des Handwerks wurden hingegen in der Forschung weniger beachtet (beispielsweise Ulrich 2016; Granato et al. 2018).
In Rahmen des Projekts wird das Forschungsdesiderat aufgegriffen, indem unter anderem die Werte- und Arbeitsvorstellungen von Ausbildungsbetrieben und Auszubildenden im Handwerk untersucht werden, um aufzuzeigen, in welchen Konstellationen eine Passung bereits vor Ausbildungsbeginn hergestellt und wie sie im Ausbildungsverlauf gefördert werden kann, um den Ausbildungserfolg junger Menschen zu unterstützen. Das Spezifische der Studie liegt demzufolge einerseits in dem Fokus auf die Handwerksbereiche Bau- und Ausbaugewerbe, Holz- und Kunststoffgewerbe und Lebensmittelgewerbe, andererseits in der vergleichenden Perspektive von Ergebnissen aus den Befragungen von Fachkräften und Auszubildenden in Handwerksbetrieben.
Das Forschungsprojekt verfolgt einen Mixed-Methods-Ansatz. In einem ersten Schritt werden Expertinnen und Experten aus Interessensvertretungen des deutschen Handwerks mittels leitfadengestützter qualitativer Experteninterviews zu den Herausforderungen bei der Umsetzung der beruflichen Ausbildung befragt.
Anschließend werden in quantitativen Onlinebefragungen sowohl die Seite der Ausbildungsbetriebe als auch die Auszubildenden selbst befragt. Die Auszubildenden werden zu Beginn der Ausbildung und im weiteren Verlauf der Ausbildung erneut befragt. Nachverfolgt werden auch Auszubildende, die beim zweiten Zeitpunkt die Ausbildung bereits vorzeitig beendet haben, um Gründe für die Abbrüche betrachten zu können.
Im Nachgang zu der quantitativen Onlinebefragung werden qualitative Leitfadeninterviews mit Fachkräften aus Ausbildungsbetrieben sowie mit Auszubildenden erhoben, um Ergebnisse der Onlinebefragung zu präzisieren und offene Fragen zu beantworten.
Bundesministerium für Bildung und Forschung (2024): Berufsbildungsbericht 2024. Bonn.
Deutscher Gewerkschaftsbund (2025). Ausbildungsreport 2025. Berlin.
Granato, Mona/Milde, Bettina/Gerd, Joachim (2018): Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt: eine vertiefende Analyse für Nordrhein-Westfalen. Hg. v. Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung e.V. (FGW). Düsseldorf.
Ulrich, Joachim Gerd (2016): Berufsmerkmale und ihre Bedeutung für die Besetzungsprobleme von betrieblichen Ausbildungsplatzangeboten. In: Zeitschrift des Bundesinstituts für Berufsbildung 45, S. 16–20.