Ergebnisse

Stieffamilien bilden heute hochkomplexe Familienkonstellationen mit höchst unterschiedlichen Strukturen, an denen meist mehrere Haushalte beteiligt sind (Alltags- und Wochenendfamilien). Empirsch bedeutsam sind drei Typen von Alltagsfamilien: Verheiratete Stiefvaterfamilien mit bzw. ohne gemeinsame leibliche Kinder sowie nichteheliche Stiefvaterfamilien ohne gemeinsame leibliche Kinder.
Stieffamilien sind vergleichsweise selten. Von den Kindern unter 18 Jahren leben 6% aktuell mit einem Stiefelternteil zusammen. Dabei weist Ostdeutschland mit etwas mehr als 10% einen doppelt so hohen Anteil an Stiefkindern auf wie Westdeutschland. Zwei Drittel der Kinder leben in ehelichen Stieffamilien, ein Drittel in nichtehelichen Lebensgemeinschaften.
Hinsichtlich ihrere ökonomischen Situation unterscheiden sich Stieffamilien nicht wesentlich von anderen Paarfamilien mit Kindern. Die Analysen zeigen vielmehr, dass vor allem alleinerziehende Mütter häufig in einer finanziell prekären Situation leben.
Bei der Schulsituation zeigt sich, dass Jungen aus Stieffamilien häufiger mit Problemen zu kämpfen haben als Kinder aus Kernfamilien bzw. Kinder Alleinerziehender. Jungen aus Stieffamilien besuchen seltener ein Gymnasium und müssen häufiger eine Klasse wiederholen. Für Mädchen zeigen sich diese Unterschiede nicht.
Der Kontakt zum leiblichen Vater gestaltet sich oft schwierig. Stiefkinder sehen ihren außerhalb lebenden Vater nicht nur seltener als Kinder Alleinerziehender, sondern haben auch häufiger keinerlei Kontakt mehr zu ihm.
Stiefväter sind wichtige Bezugspersonen. Sie stehen in ihrer subjektiven Bedeutsamkeit für das Kind nicht hinter dem leiblichen Vater zurück. Dies gilt auch dann, wenn das Kind häufigen Kontakt mit dem leiblichen Vater hat.

 

Zur Lebenssituation von Stieffamilien

Stieffamilien sind keine Erfindung der Neuzeit, sondern haben eine lange Geschichte. Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren Stieffamilien in der Regel eine durch Schicksalsschläge erzwungene Lebensform. Der Gründung ging meist die Verwitwung eines Elternteils voraus. Um das wirtschaftliche Überleben der Familie zu sichern, war der verwitwete Elternteil gezwungen erneut zu heiraten. Die geringe Lebenserwartung und hohe Müttersterblichkeit führte im 18. und 19. Jahrhundert zu einem sehr hohen Anteil an Stieffamilien. Heute hingegen werden Stieffamilien frei gewählt und entstehen meist nach einer Scheidung oder Trennung. Durch die Veränderung der Entstehungshintergründe haben sich auch die Familienstrukturen gewandelt. Stieffamilien bilden heute meist komplexe Familiensysteme.

Die strukturelle Vielfalt von Stieffamilien

Es macht wenig Sinn, von "der" Stieffamilie zu sprechen. Mit dem Begriff Stieffamilie wird eine Vielzahl unterschiedlicher Familienformen bezeichnet, der jedoch eines gemeinsam ist: Zu den beiden leiblichen Elternteilen tritt mindestens ein sozialer Elternteil hinzu oder ein verstorbener Elternteil wird durch einen sozialen gewissermaßen ersetzt. Im Anschluss an eine Trennung der Eltern spielt sich das Familienleben in verschiedenen Haushalten ab. Es gibt den Haushalt, in dem das Kind mit einem leiblichen Elternteil wohnt und in dem es die meiste Zeit lebt (Alltagsfamilie). Daneben besteht oft der Haushalt des außerhalb lebenden Elternteils, den das Kind in den Ferien oder an den Wochenenden besucht (Wochenendfamilie). In beiden Haushalten können neue Partner als soziale Elternteile hinzutreten, wodurch eine Stiefkonstellation entsteht. Diese Sichtweise fokussiert nicht nur auf die eheliche Stieffamilie, sondern schließt auch nichtehelich Zusammenlebende und Paare mit getrennten Haushalten ein und betont die haushaltsübergreifende Struktur heutiger Stieffamilien.

Aber auch wenn man sich auf die Alltagsfamilie bzw. Primäre Stieffamilie beschränkt, zeigt sich ein hohes Maß an struktureller Vielfalt. In der Regel handelt es sich bei Primären Stieffamilien heute um Stiefvaterfamilien, d.h. das Kind lebt im Alltag mit seiner leiblichen Mutter und ihrem neuen Partner zusammen. Stiefmutterfamilien sind sehr selten. Stieffamilien unterscheiden sich aber auch durch die Konstellation der Kinder:

So können ein oder beide Partner Kinder mit in die Beziehung bringen (Einfache / Zusammengesetzte Stieffamilien) und zu den Stiefkindern können gemeinsame leibliche Kinder hinzukommen (Komplexe Stieffamilien). Die Kombination der genannten Unterscheidungskriterien (Geschlecht des Stiefelternteils, Kinderkonstellation, Partnerschaftsform) macht die strukturelle Vielfalt heutiger Stieffamilien deutlich.

Wie viele Stiefkinder gibt es in Deutschland?

Thesen, denen zufolge jedes zweite der gegenwärtig in Deutschland geborenen Kinder damit rechnen muss, vor Erreichen der Volljährigkeit Mitglied einer Stieffamilie zu werden, haben sich nicht bestätig. Auch Schätzungen aus den 80er Jahren scheinen im Nachhinein deutlich zu hoch gegriffen. Von den 15,3 Millionen Kindern, die 1999 in Familien lebten, sind rund 850.000 Stiefkinder im engeren Sinne, d.h. sie leben mit einem leiblichen und einem Stiefelternteil zusammen (6%). Dabei ist der Anteil in den neuen Bundesländern (NBL) mit 10% etwa doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern (ABL). Bezogen auf die Zahl aller Kinder in Ehen bzw. nichtehelichen Lebensgemeinschaften bedeutet dies, dass es sich bei etwa 4% der Kinder in Ehen um Stiefkinder handelt (ABL 3%, NBL 9%), aber etwa jedes zweite Kind, das bei unverheirateten Eltern aufwächst, ein Stiefkind ist (ABL 47%, NBL 35%).

Tabelle 1: Stiefkinder unter 18 Jahren nach Familienform (Deutschland 1999)*

* Datenbasis: Hochrechnung der Ergebnisse des DJI-Familiensuveys 2000 auf Basis des Mikrozensus

Erweitert man den Begriff des Stiefkindes um Kinder, die mit einem leiblichen Elternteil zusammenleben, dessen neuer Partner aber nicht mit im Haushalt lebt (Stiefkinder in LAT), dann erhöht sich die Zahl um rund 315.000 auf 1,17 Millionen Stiefkinder (7,6% aller Kinder in Familien). Im Vergleich mit den USA, aber auch mit Ländern wie Schweden oder den ehemaligen Ostblockstaaten, haben wir in Deutschland gegenwärtig einen niedrigen Anteil an Stiefkindern.

Die Beziehung zum außerhalb lebenden Vater

Stiefkinder sind heute in der Regel mit zwei Vätern bzw. Vaterfiguren konfrontiert. Wie wirkt sich diese Doppelbesetzung der Vaterposition, also das Vorhandensein eines sozialen Vaters in der Alltagsfamilie, auf die Beziehung zum leiblichen Vater aus? Klinische Studien betonen, dass es für die Entwicklung von Kindern prinzipiell wichtig ist, die Beziehung zum außerhalb lebenden Elternteil aufrechtzuerhalten. Sie verdeutlichen aber auch Probleme, die damit verbunden sein können, wie bspw. Loyalitätskonflikte des Kindes oder Konflikte zwischen den leiblichen Eltern.

Ein beachtlicher Anteil der Stiefkinder, der eine Trennung oder Scheidung erlebt hat, hat keinen Kontakt mehr zum außerhalb lebenden Vater (32%). Etwa gleich viele sehen ihren leiblichen Vater nur sporadisch (mehrmals im Jahr), 29% sehen ihn mehrmals im Monat und nur jedes 10. Stiefkind sieht den leiblichen Vater häufiger, nämlich mehrmals die Woche bzw. täglich. Der Vergleich mit Kindern Alleinerziehender zeigt, dass Stiefkinder ihren leiblichen Vater nicht nur seltener sehen, sondern auch häufiger keinerlei Kontakt mehr zu ihm haben.

Insgesamt lassen sich drei Faktoren ausmachen, die die Kontaktwahrscheinlichkeit negativ beeinflussen und zwei mit positivem Einfluss. Ein negativer Einfluss geht von der Trennungsdauer aus, d.h. die Kontakte nehmen mit der Zeit, die seit der Trennung vergangen ist, ab. Darüber hinaus haben Kinder aus verheirateten Stieffamilien seltener Kontakt mit dem leiblichen Vater als Kinder aus nichtehelichen Stieffamilien. Drittens wirkt sich eine Partnerschaft des externen Elternteils ebenfalls negativ auf die Kontaktwahrscheinlichkeit aus. Dagegen trägt das gemeinsame Sorgerecht dazu bei, dass der Kontakt zwischen Stiefkind und außerhalb lebendem Elternteil erhalten bleibt. Förderlich ist auch ein hoher Schulabschluss der Mutter, da Mütter mit höherer Bildung offenbar stärker darauf achten, dass der Kontakt zum leiblichen Vater erhalten bleibt.

Die Beziehung zum Stiefvater

Von der therapeutisch orientierten Forschung wird die Beziehung zwischen Kind und Stiefvater überwiegend als problematisch beschrieben. Begründet wird dies häufig damit, dass das Kind durch den Stiefvater seine enge Beziehung zur Mutter bzw. zum leiblichen Vater bedroht sieht. Ferner manifestiert sich in der Person des Stiefvaters für viele Kinder die Endgültigkeit der Trennung der Eltern. Erschwert wird die neue Lebenssituation durch die mangelhafte Institutionalisierung der Stieffamilie. Während es für die Rolle des leiblichen Vaters gesellschaftlich anerkannte Leitbilder und Normen gibt, fehlen diese für die Rolle des Stiefvaters. Es gibt keine Richtlinien, an denen Stiefväter die Angemessenheit der eigenen Erwartungen und Verhaltensweisen einschätzen können.

Die Analysen der Zusatzuntersuchung zeigen, dass Stiefväter zwar nicht die gleiche Funktion wie Mütter im familialen Netzwerk von Kindern und Jugendlichen haben, sie können aber sehr wohl eine bedeutsame Rolle im Leben der Kinder spielen. Aus Kindersicht gehört der Stiefvater in der Regel zu den Personen in der Familie, zu denen eine enge Beziehung besteht. Mit dem Stiefvater sprechen Stiefkinder häufig über persönlich wichtige Dinge, über ihre Ziele und Wünsche. Es zeigt sich, dass Stiefväter in ihrer subjektiven Bedeutsamkeit nicht hinter dem leiblichen Vater zurückstehen. Dies gilt auch dann, wenn das Kind häufigen Kontakt zum leiblichen Vater hat.

Stieffamilien zwischen Normalität und Konflikt

Stieffamilien unterscheiden sich nicht nur strukturell, sondern sie unterscheiden sich auch in ihrer Selbstdefinition – also der Frage, wer eigentlich zur Familie gehört -, ihren Kommunikationsmustern und Konfliktpotentialen. Dies zeigen die Ergebnisse der Zusatzuntersuchung, bei der mehrere Personen aus einer Stiefkonstellation befragt wurden (Mutter, Stiefvater, Kind, leiblicher Vater). Idealtypischerweise lassen sich drei Arten von Stieffamilien voneinander abgrenzen.

Die Als-ob-Normalfamilie: Stieffamilien diesen Typs verstehen sich als Kernfamilien und negieren ihre stieffamilialen Besonderheiten, was sich an der Ausgrenzung des leiblichen Vaters manifestiert. Das Familienklima wird in der Regel von allen als harmonisch erlebt. Familien diesen Typs können funktionieren, wenn das Kind keinen Kontakt zum außerhalb lebenden Vater sucht und auch der leibliche Vater seinerseits keinen Kontakt möchte bzw. den Kontaktabbruch akzeptiert. Problematisch ist dieser Typus dann, wenn bspw. Mutter und Stiefvater die Familie quasi als Kernfamilie erleben, das Kind diese Familiendefinition aber nicht teilt.

Die gescheiterte Stieffamilie: Für diesen Typus ist charakteristisch, dass die Integration des Stiefvaters in die Familie misslungen ist. Auch nach längerer Zeit akzeptiert das Kind den Stiefvater weder als väterlichen Freund noch als Partner der Mutter. Unter den dauernden Konflikten leidet das Familienleben und letztlich auch die Beziehung zwischen den Partnern, so dass eine Trennung der (Stief-) Eltern oder die Ausgrenzung des Kindes (z.B. durch Unterbringung in einem Internat) unausweichlich wird. Der leibliche Vater spielt im Familiennetzwerk in der Regel keine Rolle.

Die erweiterte Stieffamilie: Dieser Typus der Stieffamilie zeichnet sich durch erweiterte Familiengrenzen und ein intensives haushaltsübergreifendes Kommunikations- und Interaktionsgeschehen aus. Der Stiefelternteil – und häufig auch seine Herkunftsfamilie – sind in die Fortsetzungsfamilie integriert. Gleiches gilt für den außerhalb lebenden leiblichen Vater und dessen Eltern. Jeder hat das Vertrauen, sich in schwierigen Situationen auf die Hilfe der anderen Familienmitglieder verlassen zu können. Die erweiterte Stieffamilie bietet Kindern nicht zuletzt aufgrund ihrer Größe besondere Entwicklungschancen und erlaubt es, die Kinderbetreuung auf mehrere Personen (leibliche Eltern, Stiefeltern, Großeltern etc.) zu verteilen.

Familie ist jedoch kein statisches Gefüge, sondern immer ein dynamischer Prozess. Insofern lassen sich Stieffamilien nicht dauerhaft einem Typ zuordnen. Stieffamilien entwickeln sich und ähneln in manchen Aspekten des Familienlebens bzw. Phasen ihres Bestehens eher dem einen oder anderen Idealtyp. Häufig sind es die Kinder, deren Familiennetzwerk über die Alltagsfamilie hinausreicht, indem sie ihren leiblichen Vater, dessen Eltern oder die neue Partnerin des Vaters als zu ihrer Familie gehörend betrachten.

Am Beispiel der erweiterten Stieffamilie wird deutlich, dass sich Eltern wie Kinder dann besonders wohlfühlen, wenn es ihnen gelingt, ein gemeinsames Familienbild zu entwickeln, das die Besonderheiten der Stieffamilie akzeptiert.

Markus Teubner

 

Kontakt

+49 89 62306-322
Deutsches Jugendinstitut
Nockherstr. 2
81541 München

Gefördert / finanziert durch

Bundesministerium für Famile, Senioren, Frauen und Jugend

Diese Seite verwendet Cookies um die Funktionalität sicherzustellen, Zugriffe zu analysieren und die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern.
Durch die weitere Verwendung stimmen Sie der Verarbeitung von Cookies zu. Weitere Informationen und Hinweise zum Widerspruch finden Sie in der Datenschutzerklärung.