Zum Aktionstag #4GenderStudies

 

Gender-Forschung am Deutschen Jugendinstitut 

Im DJI ist Gender-Forschung eine Querschnittsaufgabe. Das bedeutet, dass in vielen, wahrscheinlich sogar den meisten, Forschungsprojekten auch auf Fragen von Geschlecht eingegangen wird.

Für den Aktionstag #4Gender Studies haben wir Kolleg*innen aus den unterschiedlichsten Forschungsprojekten, Abteilungen und Fachgruppen gebeten, uns in einem kurzen Statement mitzuteilen, welche Bedeutung die Dimension Geschlecht für die eigene Forschung hat und wie der Blick auf Geschlecht die Ergebnisse bereichern kann. Anhand der gesammelten Zitate, die wir heute auf der Homepage vorstellen, zeigt sich sehr deutlich, dass der Blick auf Geschlecht einen wesentlichen Beitrag zur Beleuchtung der verschiedensten sozialwissenschaftlichen Forschungsfragen leistet, denen in vergangenen Jahren bzw. aktuell am DJI nachgegangen wird.

Dies bezieht sich zum einen selbstverständlich auf Forschungsprojekte, die Geschlecht ins Zentrum der Analyse rücken, was z.B. bei den Themen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt oder neuer Vaterschaft der Fall ist. Zum anderen wird klar, dass jedoch auch Forschungsprojekte, die sich nicht explizit mit dem Thema Geschlecht befassen, dank der Berücksichtigung dieser Kategorie an Schärfe, Nuancen und Differenziertheit maßgeblich gewinnen. Dies trifft beispielsweise auf Themen wie Digitalisierung, Migration, Verselbständigung, Familie oder Kriminalitätsprävention zu.

Von daher hält die Arbeitsstelle Gender DJI es für unabdingbar, Geschlecht sowohl bei allgemeinen Forschungsfragen stets mitzudenken als auch im Rahmen von spezifischen Forschungsvorhaben zum Schwerpunkt zu machen. Des Weiteren begrüßt und unterstützen wir die universitäre Verankerung von Gender Studies als wichtigen, selbstverständlichen und unerlässlichen Teil von Wissenschaft und Forschung.

Im Folgenden finden Sie einige Beispiele dafür, wie die Perspektive auf Gender zu einer Fokussierung von Ergebnissen beitragen kann:

    »Beschäftigt man sich mit der institutionellen Bearbeitung von Gewaltdelinquenz und Alkohol im Jugendalter, stellt man schnell fest, dass die ambulanten Maßnahmen der Jugendhilfe ein Geschlechterbias aufweisen. Zwar gibt es spezielle Maßnahmen für straffällig gewordene Mädchen, jedoch stellen diese eine Seltenheit dar und werden dann mit sehr spezifischen Konzepten hinterlegt, während in den ‚allgemeinen‘ Maßnahmen vor allem männliche Jugendliche teilnehmen. Eine vorschnelle Lesart wäre zu sagen, dass alkoholbedingte Jugendgewalt ein männliches Phänomen darstellt. Vielmehr zeigt sich eine geschlechterspezifische Beurteilung und Bewertung von Gewalthandlungen, die sich auch im institutionellen Umgang äußert.«

Lena Weihmayer über das Projekt„Gewaltdelinquenz und Alkohol im Jugendalter – Herausforderungen für die Jugendhilfe“

 

    »Während sich Mütter heute mehr Zeit für Erwerbstätigkeit wünschen, würden Väter gerne mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen. Von einer Vollzeit-Erwerbstätigkeit wollen zwar die wenigsten Väter weg, aber auf die vielen Überstunden, die sie darüber hinaus noch leisten, könnte der Großteil gut und gerne verzichten. Vielleicht wären dann nicht nur Väter und ihre Kinder glücklicher, sondern es blieben auch mehr Spielräume für eine umfassendere Erwerbstätigkeit von Müttern?«

      Dr. Claudia Zerle-Elsäßer über das Projekt „Väterreport“

       

        »Das expandierende Arbeitsfeld der Frühen Bildung ist mit rund 94% weiblichen pädagogisch und leitend Tätigen weiterhin ein vor allem von Frauen gewähltes Arbeitsfeld. Dennoch hat sich der Männeranteil zwischen 2006 und 2018 zumindest von 3,1 auf 6,2% verdoppelt und in immer mehr Einrichtungsteams ist mindestens eine männliche Fachkraft beschäftigt.«

      … aus der Autorengruppe Fachkräftebarometer 2019

       

        »Nach wie vor sind Lebensentwürfe, die nicht heteronormativen Vorstellungen entsprechen, nicht selbstverständlich. Acht von zehn lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* oder queeren Jugendlichen (LSBT*Q) haben in unterschiedlichen Kontexten, wie z.B. der Familie, an Bildungs- und Arbeitsstätten, im Freundeskreis oder der Freizeit Diskriminierung erlebt, die sich auf ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Zugehörigkeit bezieht.«

      Dr. Claudia Krell über das Projekt: Coming-out und dann…?! Coming-out-Prozesse und Diskriminierungserfahrungen von LSBT*Q Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland

       

        »Sport ist ein Freizeitbereich, in dem die Wirksamkeit von Geschlecht bzw. Geschlechternormen besonders deutlich wird: Nur 66% der befragten LSBT*Q Jugendlichen treiben Sport, womit ihre Beteiligung am Breitensport deutlich geringer ist als der von nicht-LSBT*Q Jugendlichen. Binäre Strukturen, wie z.B. die Einteilung in Frauen- und Männerteams, geschlechterspezifische Umkleidekabinen oder Sanitäranlagen sowie Erwartungen daran, was eine „Frauen- bzw. Männersportart“, prägen die sportlichen Aktivitäten von LSBT*Q Jugendlichen bzw. schränken diese ein.«

      Dr. Claudia Krell über das Projekt: Queere Freizeit. Inklusions- und Exklusionserfahrungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und *diversen Jugendlichen in Freizeit und Sport.

       

        »Wenn wir uns mit den Belastungslagen von Müttern und Vätern mit Kindern bis zu drei Jahren beschäftigen, lernen wir aus der Folgestudie zur Hauptstudie KiD 0-3, dass Mütter stärker psychosozial belastet sind als Väter. Sie berichten u.a. eine höhere Stressbelastung und haben höhere Zweifel an ihrer elterlichen Kompetenz. Zugleich erleben mehr Väter als Mütter Schwierigkeiten, sich in ihr Kind einzufühlen. Diese Befunde sind zentral für unser Verständnis von geschlechtsspezifischen Risikofaktoren für die kindliche Entwicklung auf der Ebene der Eltern.«

      Dr. Ulrike Lux über das Projekt KiD0-3

       

        »Unsere Forschung zur Übertragung von Familienbildern zeigt, dass die Vorstellungen Jugendlicher zu geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungsmustern stark durch das Elternhaus geprägt werden. Dabei spielt auch das Geschlecht des Kindes eine Rolle. Während auf die Vorstellungen der Söhne neben dem praktizierten Erwerbsumfang ihrer Eltern auch die mütterlichen Einstellungen zu Frauen in Führungspositionen durchschlagen, zeigt sich für Töchter nur der praktizierte Erwerbsumfang der Mütter einflussreich für den Erwerbsumfang, den sie für Mütter als ideal ansehen. Dies könnte damit zusammenhängen, dass Töchter neben ihren Müttern noch weitere einflussreiche Geschlechterrollenvorbilder haben oder auch, dass Töchter weniger „empfänglich“ für übermittelte egalitäre Einstellungen sind, da sie die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf sensibler erfassen.«

      Dr. Claudia Zerle-Elsäßer über das Projekt: Entwicklung von Familienbildern - AID:A-Panel III

       

        »In Spiele-Apps für Kinder finden sich häufig traditionelle Vorstellungen von geschlechtlicher Identität. Besonders beliebt sind sogenannte ‚Mädchen-Apps‘, die Genderklischees auf die Spitze treiben. Nach einer Stichprobe des DJI lässt sich unter den verbreitetsten Kinder-Apps jede fünfte diesem Genre zuordnen. Auf Platz vier der beliebtesten Apps findet sich z. B. „Barbie Dreamhouse Adventures“, das gleich ein ganzes Spektrum an traditionellen „Mädchen“-Klischees bündelt: Traumhäuser, Mode-Accessoires, Partys und „niedliche Hündchen“ - das alles präsentiert in Pink und Rosa. Besonders erschreckend erscheint der Trend zu Apps, mit denen (vor allem) Mädchen (aber auch Jungen) dazu aufgefordert werden, an sich selbst virtuelle Schönheitsoperationen durchzuführen.«

      Dr. Marc Urlen über das Projekt Apps für Kinder – Angebote und Trendanalysen

       

        »Im Rahmen einer wirksamen jungenspezifischen Gewaltprävention müssen jene Verhaltensformen von Jungen, die – von wem auch immer – als Gewalt bezeichnet werden, zunächst auch in ihrer geschlechtsspezifischen, biographischen und situativen Bedeutung nachvollzogen werden, um adäquates pädagogisches Handeln und die Herausbildung anderer weniger gewaltförmiger Verhaltensweisen zu ermöglichen.«

      Annemarie Schmoll aus der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention

       

        »In der Forschung über Partnerschaften von jungen Geflüchteten in Deutschland zeigt sich, dass Selbstpositionierungen und Geschlechtervorstellungen junger Geflüchteter nicht nur äußerst vielfältig sind, sondern darüber hinaus in Veränderungsprozessen begriffen, die durch Spannungsfelder unterschiedlicher Erwartungen und durch ambivalente Wunschvorstellungen geprägt sind. Als Besonderheit zeigt sich, dass die Frage des sicheren bzw. unsicheren Aufenthaltsstatus und damit langfristigen Perspektiven hohe Bedeutung auch für die Geschlechterbeziehungen einnimmt.«

      Claudia Lechner und Anna Huber über das Projekt „Ankommen nach der Flucht“

       

        »Junge Frauen ziehen früher aus dem Elternhaus aus und kohabitieren auch früher als junge Männer. Das Erwachsenwerden erfolgt zudem insgesamt bei jungen Frauen zeitlich 'verdichteter' als bei den jungen Männern. Damit ist zu vermuten, dass Frauen - in Abhängigkeit vom jeweiligen Bildungsabschluss -  ihre Entscheidung aus dem Elternhaus auszuziehen oder mit dem Partner zusammenzuziehen, stärker von der Realisierung der Übergänge in Ausbildung bzw. Studium oder Erwerbstätigkeit abhängig machen, als Männer.«

        Dr. Anne Berngruber aus dem AiD:A Kompetenzteam Jugend

         

          »Jungen und Mädchen mit Förderstatus Lernen machen an inklusionsorientierten Schulen unterschiedliche Erfahrungen mit ihrem Förderstatus. Schülerinnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf Lernen berichten verstärkt von Erfahrungen der Stigmatisierung und fühlen sich auf ihre Hilfsbedürftigkeit als Förderschülerinnen von Mitschülerinnen und Mitschülern und von Lehrkräften reduziert und festgelegt.«

          Irene Hofmann-Lun zum Projekt „Schülerinnen und Schüler in inklusiven Ganztagsschulen“

           

           

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