„Politische Bildung muss Demokratie als Lebensform begreifen“

Warum sich der Soziologe Heinz Bude[1] Sorgen um die Demokratie macht, wieso er vor allem die Volksparteien in der Verantwortung sieht und welche Konsequenzen die politische Bildung ziehen muss.

DJI Impulse: Herr Professor Bude, Sie untersuchen, wie sich allgemeine Stimmungen im Laufe der Zeit verändern. Wie beschreiben Sie die momentane Gemütslage der Deutschen?

Heinz Bude: Sie ist gespalten. Fragt man die Menschen nach ihrer persönlichen Zukunft, schätzen die meisten ihre beruflichen und finanziellen Aussichten als relativ gut ein. Fragt man dieselben Menschen nach der Zukunft des Landes, sind sie besorgt.

Heinz Bude (Foto: Dawin Meckel/Ostkreuz)

Wovor fürchten sich die Menschen?

Sie nehmen wahr, dass sie in einer Welt des Umbruchs leben: Ökologische Krisen spitzen sich zu, die soziale Spaltung in der Gesellschaft vertieft sich, Berufsperspektiven sind immer weniger planbar und die internationale politische Situation wird zunehmend unübersichtlich. Diese rasanten Entwicklungen erzeugen ein ganz grundsätzliches Unbehagen.

Aber gab es Zukunftssorgen nicht schon immer?

Natürlich, zu allen Zeiten haben Menschen Zukunftssorgen. Doch die Jahrgänge, die in ihrer Jugend noch den Krieg oder dessen unmittelbare Folgen miterlebt haben, waren von dem Gedanken geprägt, dass das Schlimmste hinter ihnen lag. Die nach 1964 Geborenen hingegen leben in dem Gefühl, dass das Schlimmste noch kommt. Und sicher ist, dass sie den Klimawandel, die weltweite Migration oder einen Krieg nicht als Einzelne werden abwenden oder bewältigen können. Schutz ist deshalb ein riesiges Thema in der gesamten westlichen Welt. Gleichzeitig ist das Verlangen nach Orientierung groß.

… nicht selten gelingt es Populisten, diese Verunsicherung für ihre Sache zu nutzen.

Ja, denn viel deutlicher als in früheren Jahrzehnten gibt es heute eine große Gruppe von Menschen, die das Gefühl hat, dass ihre Stimme in unserer Demokratie nicht zählt. Das sind Leute, die Pakete austragen, Gebäude reinigen oder in der Pflege arbeiten, Menschen, die sich angesichts ihrer geringen Löhne um ihre Anstrengungen betrogen fühlen. Es sind aber auch Verbitterte mit einem höheren Bildungsabschluss, deren Fähigkeiten und Erfahrungen nicht mehr nachgefragt werden. Ihre Befürchtung, keinen Platz mehr für sich im Ganzen zu finden, lässt Misstrauen entstehen: gegenüber dem System, den Reichen, der Presse oder der politischen Klasse. Manche halten die demokratischen Regierungen angesichts der komplexen globalen Herausforderungen nicht mehr für handlungsfähig und sehnen sich nach autoritären Alternativen.

Weder die rechte noch die linke Volkspartei haben Vorstellungen über das, was in der Gesellschaft vor sich geht. Die Folgen lassen sich in anderen Ländern bereits beobachten.

Müssen wir um unsere Demokratie fürchten?

Man kann zumindest nicht behaupten, dass der Begriff der Krise zu Überzeichnungen führt. Weder die rechte noch die linke Volkspartei haben Vorstellungen über das, was in der Gesellschaft vor sich geht – geschweige denn strategische Ideen, wie man damit politisch umgehen kann. Die Folgen lassen sich in anderen Ländern bereits beobachten: Traditionsparteien werden gekapert durch politische Unternehmer, wie beispielsweise Donald Trump in den USA oder Sebastian Kurz in Österreich. Oder plötzlich auftauchende Bewegungsparteien wie Emmanuel Macrons »En Marche« in Frankreich mischen das gesamte politische System auf. In Deutschland dachten wir immer, das könnte uns alles nicht passieren, aber das kann heute niemand mehr ernsthaft glauben.

Was schlagen Sie vor?

Wir leben in einer parlamentarischen Konkurrenzdemokratie, da muss für die Mitte der Gesellschaft eine Alternative zwischen einem eher rechten und einem eher linken Weg erkennbar sein. Sonst kann »Integration durch Konflikt«, wie der Soziologe Ralf Dahrendorf das genannt hat, nicht funktionieren. Die Parteien als Arenen der politischen Willensbildung will ich angesichts einer offenen Zukunft nicht aus der Verantwortung entlassen.

In welcher Verantwortung sehen Sie die Parteien?

Sie müssen dem Publikum schon sagen, was es heute heißt, konservativ zu sein, und was es heißt, sozialdemokratisch zu sein. Eine konservative Partei, die über keinen Begriff der Nation als Ort der Solidarität oder der Familie als Keimzelle der Gesellschaft verfügt, legt das politische Leben genauso lahm wie eine sozialdemokratische Partei, die keine Idee zur sozialen Frage unserer Zeit hat. Wenn in dieser Hinsicht keine Differenz dramatisierbar ist, dann nimmt die Demokratie Schaden. Dann nutzen Demagogen die Verunsicherung in der Gesellschaft für ihre Sache, schüren die Angst vor der Zurücksetzung und der Ausschließung und  verstärken so die Polarisierung der Gesellschaft.

Welche Rolle spielen soziale Medien?

Sie treiben diese Dynamik zweifellos an. Die vielstimmige Öffentlichkeit hat offenbar die glaubhaften Vermittlungsinstanzen verloren, die die Wahrheiten der einen mit den Wahrheiten der anderen abgleichen, um so einen Übersetzungsprozess in Gang zu bringen, der eine demokratische Willensbildung ermöglicht. Die Presse als vierte Gewalt dankt voller Selbstzweifel ab und überlässt den Schwärmen im Netz die Deutung unserer Situation.

Als ein wirksames Rezept gegen Rechtspopulismus und antidemokratische Tendenzen gilt die Bildung.

In der Tat wachsen die Anforderungen an Bildung angesichts der tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Aber auch Bildungspolitik muss ein Gegenstand des politischen Streits sein. Welches Anrecht auf verlässliche Beschulung haben Mittelklasse-Eltern und welches Anrecht auf Kompensation haben die Kinder aus benachteiligten Elternhäusern? Das wird von der konservativen Partei in Bayern anders gesehen als von dem eher linken Parteienbündnis in Berlin. Die PISA-Debatte hat unter der Ägide einer wertneutralen empirischen Bildungsforschung so getan, als könnte es einen solchen politischen Streit nicht geben, weil die Fakten auf dem Tisch liegen. Das aber ist ein Denkfehler. Die Bewertung der Ergebnisse solcher Schulleistungsstudien ist umstritten und muss in der Demokratie umstritten sein.

Was sind aus Ihrer Sicht unumstrittene Bildungsziele in einer liberalen Gesellschaft?

Die lassen sich relativ einfach definieren: Jeder Mensch muss in der Lage sein, komplexe Situationen auf Dinge zu reduzieren, die er handhaben kann. Jeder Mensch muss in der Lage sein, für seine Entscheidungen angesichts anderer Ansichten und Bewertungen Verantwortung zu übernehmen. Und jeder Mensch muss in der Lage sein, seine Talente zu erkennen, um auf dieser Grundlage ein gutes Leben führen zu können.

Was konkret bedeutet das für die politische Bildung?

Politische Bildung muss den Heranwachsenden die politische Frage näherbringen. Die Frage lautet: Wie wollen wir leben? Es wäre für die Demokratie meiner Ansicht nach sehr förderlich, wenn die politische Bildung den Kindern und Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte vermitteln könnte, wie wir diese Frage in der Demokratie behandeln, wie diese Frage sich heute anders stellt als vor dreißig Jahren, also vor dem Fall der Berliner Mauer 1989, vor Nine-Eleven, vor dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008, vor der europäischen Staatsschuldenkrise und vor der Konfrontation mit einer neuen Zuwanderungssituation im Jahre 2015 – und vor allem, was bei dieser Frage für uns alle auf dem Spiel steht. 

Politische Bildung funktioniert nicht nach Schema F. Eine Lehrkraft kann ihre Rolle nur ausfüllen, wenn sie sich als ganze Person in das Unterrichtsgeschehen einbringt.

Hätte man in den neuen Bundesländern die politische Bildung nach der Wende anders gestalten müssen?

Bis heute hat die politische Bildung in Ostdeutschland den Charakter der Reeducation. Im Mittelpunkt steht dabei die Institutionenlehre. Wenn es aber stimmt, dass in den neuen Bundesländern nach wie vor das Empfinden besteht, in einer Gesellschaft zweiter Klasse zu leben, dann muss politische Bildung die Demokratie als Lebensform begreifen, nicht nur als Verfahrensweise. Welcher Begriff der Person, welche Idee der Rechte, welche Konzeption von Macht und welche Zumutung an Beteiligung sind mit der Demokratie verbunden? Das ist allerdings eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe, die die Lehrperson sehr herausfordert. Sie kann ihre Rolle nur ausfüllen, wenn sie sich als ganze Person in das Unterrichtsgeschehen einbringt. Das funktioniert nicht nach Schema F.

Schulforscher aus Bielefeld kritisieren, dass die politische Bildung an vielen deutschen Schulen zu kurz kommt. In Bayern stehe politische Bildung beispielsweise nur ein Jahr lang, in der zehnten Klasse, als eigenständiges Fach auf dem Stundenplan.

Die Frage, welche Bildung junge Menschen in einer offenen Gesellschaft brauchen, muss eine Mathematiklehrerin genauso beschäftigen wie einen Sozialkundelehrer. Insofern ist politische Bildung Aufgabe aller Schulfächer. Urteilskraft, Verantwortungsbewusstsein und Zivilcourage können bei unterschiedlichen Gelegenheiten im Unterricht aufgegriffen werden. Politische Bildung ist Teil des Selbstverständnisses einer Person, die für sich selbst Verantwortung übernimmt, aber auch weiß, was sie anderen und sogar der Gesellschaft insgesamt schuldig ist.

Die Zeichen der Zeit stehen auf mehr Partizipation. Gerade digitale Technologien bieten viele Chancen, die Jüngeren stärker zu beteiligen.

Die digitalen Medien machen das Verhältnis von schulischer, sozialer, medialer und politischer Sozialisation ganz neu auf: Welchen Anteil haben die Lehrpersonen am Prozess der Bildung als Selbstbildung, welchen die Mitschülerinnen und -schüler und welchen die Smartphones als portable Maschinen des Always-on? Dazu sind intelligente Bildungskonzepte notwendig, die ich leider noch nicht einmal in Ansätzen erkenne. Schlecht wäre es, wenn sich die Heranwachsenden beim Thema digitale Medien innerlich müde abwenden, weil sie den Eindruck gewinnen, dass das Lehrpersonal mit der digitalen Welt nicht vertraut ist. Dann hat man sie verloren. Digitale Bildung ist ein großes, aber leider noch nicht begriffenes Thema für die Bildung von autonom handlungsfähigen Individuen, die sich auf der Suche nach sich selbst und ihrem Platz in der Welt befinden. Beim Umgang mit einer zwischen Mensch und Maschine verteilten Intelligenz, beim Verständnis für die algorithmische Konstruktion von Wirklichkeit in Suchmaschinen und sozialen Netzwerken und bei den verhaltensprägenden Effekten von digitalen Spielen darf man die Heranwachsenden nicht alleinlassen.

Was sollte sich die Bundesregierung im Hinblick auf die politische Bildung für die aktuelle Legislaturperiode vornehmen?

Am wichtigsten ist es, eine Praxis von Demokratie zu verkörpern, in der die Beteiligten sich streiten, weil es ihnen um etwas geht, in der sie aber auch  Übereinstimmungen finden, die für das Land eine Zukunft versprechen, an die man glauben kann.

Interview: Birgit Taffertshofer[2]

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 1/2018 der DJI Impulse[3] „Demokratie lernen –  Wie sich politische Bildung in Zeiten von Digitalisierung und gesellschaftlicher Polarisierung wandeln muss“.

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