Thomas Mühlmann vom Forschungsverbund DJI/TU Dortmund erläutert, warum vorübergehende Schutzmaßnahmen weiterhin hohe Bedeutung haben und inwiefern diese nicht in allen Fällen mit einer Wegnahme der Kinder durch das Jugendamt gleichzusetzen sind.

2017 haben die Jugendämter in Deutschland 61.400 Inobhutnahmen durchgeführt
und Kinder und Jugendliche beispielsweise vorübergehend in Heimen oder bei Pflegefamilien untergebracht, um sie vor Gefahren, Gewalt oder Vernachlässigung zu schützen. Ein Drittel der Inobhutnahmen betraf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Bei den übrigen Kindern und Jugendlichen waren die Eltern zumeist mit der Fürsorge überfordert. Betrachtet man die Entwicklung der Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen ohne unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, ist die Anzahl seit 2005 von rund 25.000 um 58 Prozent auf 39.000 im Jahr 2016 kontinuierlich angestiegen und blieb im Jahr 2017 nahezu gleich hoch. 

„Die Entwicklung zeigt, dass sich der Bedeutungszuwachs der Schutzmaßnahmen verstetigt hat“, erläutert Thomas Mühlmann von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik im Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/TU Dortmund. Dies verdeutliche, dass die Jugendämter ihre Verantwortung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen wahrnehmen. Deren Allgemeine Soziale Dienste befänden sich derzeit aufgrund wachsender Aufgaben, eines deutlichen Personalausbaus und eines Generationenwechsels in einem tiefgreifenden Wandel. „Ob die Vielzahl der Inobhutnahmen positiv zu bewerten ist, weil vielen Kindern und Jugendlichen in Not geholfen wurde, oder ob sie umgekehrt ein Warnsignal ist, dass andere Unterstützungssysteme nicht ausreichend wirksam waren, geht aus der Statistik nicht hervor“, so Mühlmann.

Bis zu 0,3 Prozent der Minderjährigen werden pro Jahr vorübergehend in Obhut genommen

„Zu berücksichtigen ist aber auch, dass trotz der vergleichsweise hohen Zahl der Inobhutnahmen nur ein geringer Anteil der Minderjährigen in der Bevölkerung pro Jahr davon betroffen ist: Im Jahr 2016 waren es 0,3 Prozent“, erläutert Mühlmann und ergänzt: „Nur bei einem Teil dieser Fälle hat das Jugendamt in Familien eingegriffen.“ Fast ein Drittel der Betroffenen lebte bereits vor der Inobhutnahme nicht bei ihren Eltern. 20 Prozent der Inobhutnahmen geschahen auf Wunsch der Kinder und Jugendlichen selbst. Und 41 Prozent der in Obhut genommenen Minderjährigen kehrten nach einer vorübergehenden Schutzmaßnahme in die Herkunftsfamilie zurück.

Die Inobhutnahmen der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge gingen 2017 verglichen mit dem Vorjahr um 75 Prozent zurück. Das liegt vor allem daran, dass deutlich weniger junge Geflüchtete ohne Eltern nach Deutschland kamen. Der Vergleich mit dem Vorjahr wird allerdings dadurch erschwert, dass die amtliche Statistik 2017 erstmals zwischen vorläufigen und regulären Inobhutnahmen differenziert.

Kontakt
Dr. Thomas Mühlmann
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik
Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/TU Dortmund
thomas.muehlmann@tu-dortmund.de
0231/755 - 5554

Der Forschungsverbund DJI/TU Dortmund

Der Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund führt unter anderem Forschungsprojekte zu den Themen Kindertagesbetreuung, Hilfen zur Erziehung, Familien und Frühe Hilfen, Kinder- und Jugendarbeit sowie Personal und Qualifikation durch. Zu den Aufgaben des Forschungsverbunds gehören zum einen wissenschaftsbasierte Dienstleistungen und zum anderen die Beratung von Politik und Fachpraxis auf allen föderalen Ebenen.

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