Kita-Ausbau in Deutschland: erstaunliche Erfolge, beträchtliche Herausforderungen
Für Kinder in den ersten Lebensjahren ist die »Kita« zu einem selbstverständlichen Ort des Aufwachsens geworden. Der enorme Bedeutungszuwachs der Frühen Bildung bietet viele Chancen, stellt aber auch hohe Anforderungen – zumal die Nachfrage nach Betreuungsplätzen noch weiter steigen wird. Zehn ThesenVon Thomas Rauschenbach und Christiane Meiner-Teubner
1. In der Kindertagesbetreuung sind im vergangenen Jahrzehnt mehr als eine Viertelmillion neuer Arbeitsplätze entstanden. Diese Branche ist damit einer der größten Wachstumsmärkte in Deutschland geworden.

2. Der massive Ausbau der Kindertagesbetreuung hat zudem für eine Viertelmillion Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert.

3. Die Kita ist im frühen 21. Jahrhundert zu einem alltäglichen Ort des Aufwachsens geworden – für alle Kinder.
Diese Ausweitung der Betreuungsangebote seit gut 20 Jahren hatte mehrere Facetten: Schon zu Beginn des neuen Jahrhunderts wurde deutlich, dass immer mehr Dreijährige in die damaligen Kindergärten kamen – eine Altersgruppe, die wenige Jahre zuvor in den Einrichtungen noch kaum präsent war. Dann begann, basierend auf zwei Bundesgesetzen, der nachhaltige und massive U3-Ausbau: Das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) von 2004 und das Kinderförderungsgesetz (KiföG) von 2008 führten dazu, dass hunderttausende Kita-Plätze für Ein- und Zweijährige geschaffen wurden. Dieser rekordverdächtige Ausbau führte beispielsweise dazu, dass in Deutschland inzwischen mehr als die Hälfte aller Zweijährigen in einer Kita oder in Tagespflege betreut wird – eine Tatsache, die in Westdeutschland Ende der 1990er-Jahre noch völlig unvorstellbar schien.
Erkennbar wird darin eine neue Normierung des Aufwachsens, wobei sich Westdeutschland interessanterweise an den ostdeutschen Verhältnissen orientiert: In der DDR begann der massive Kita-Ausbau – damals vor allem aus staatlichem Interesse an mütterlicher Erwerbstätigkeit – bereits in den 1960er-Jahren. Man könnte sagen: Dies ist eines der wenigen gesellschaftlichen Felder, in denen der Osten nach der Wiedervereinigung zum Vorbild für den Westen wurde – nicht in den pädagogischen Inhalten, aber in der arbeitsmarktorientierten Ausgestaltung.
4. Kindertageseinrichtungen werden immer deutlicher zu einem frühen und eigenständigen institutionellen Bildungsort für Kinder in den ersten Lebensjahren.
Mit dieser Neuakzentuierung der Frühen Bildung wird ein familiennahes, lebensweltliches Bildungskonzept zum Leitmotiv, das andere Schwerpunkte setzt als die (Grund-)Schule. Wie sämtliche Kinder »von Anfang an« möglichst umfassend gefördert und gut betreut werden, ist damit von einem Randthema zu einem sozial- und bildungspolitischen Topos der »Bildungsrepublik Deutschland« geworden. Die Kita ist auf diese Weise – nach der Familie – zum ersten institutionellen Bildungsort in fast allen kindlichen Biografien mutiert und übernimmt somit eine Rolle, die früher der Grundschule zukam.
5. Dass die Kita zu einem selbstverständlichen Ort der institutionellen Bildung „von Anfang an“ geworden ist, kann insbesondere für Kinder mit Zuwanderungsgeschichte hilfreich sein.
Dies gelingt heutzutage zwar deutlich öfter als vor ein paar Jahren, dennoch bleibt hier noch einiges zu tun. So besuchen Kinder mit Migrationshintergrund unter drei Jahren nur halb so häufig eine Kita wie unter Dreijährige ohne Migrationshintergrund (20 zu 41 Prozent). Immerhin: Die Teilnahme hat im klassischen „Kindergartenalter“ (Dreijährige bis zur Einschulung) seit Jahren deutlich zugenommen. In diesem Alter gehen seit Jahren mehr als acht von zehn Kindern mit Migrationshintergrund in eine Kita.
Insgesamt ist seit Jahren bei Kindern aus Familien, bei denen zu Hause vor allem die Herkunftssprache gesprochen wird, ein kontinuierlicher Anstieg des Kita-Besuchs zu beobachten: Die Zahl dieser Kinder ist innerhalb eines Jahrzehnts von 393.000 (2008) auf 598.000 (2018), also um mehr als 200.000 Kinder, gestiegen. Diese Kinder profitieren von einem frühen Kita-Besuch in besonderem Maße, da sie dadurch von klein auf sehr viel selbstverständlicher und intensiver mit der deutschen Sprache in Berührung kommen.
6. Aufgrund von Geburtenanstieg, Zuwanderung und zunehmender Nachfrage nach Betreuungsangeboten für unter dreijährige Kinder steht die Kindertagesbetreuung auch in Zukunft vor einem erheblichen Wachstum.
- Die Geburtenzahlen sind zuletzt in erstaunlichem Umfang gestiegen. Allein in den Jahren 2016 und 2017 kamen jeweils etwa 790.000 Kinder zur Welt; und 2018 werden es nicht viel weniger gewesen sein. Das sind nicht nur jährlich gut 100.000 Neugeborene mehr als im Vergleichsjahr 2008, in dem der Kita-Rechtsanspruch für Ein- und Zweijährige beschlossen wurde, sondern es sind auch sehr viel mehr als das Statistische Bundesamt noch vor zehn Jahren vorhergesagt hat, als beharrlich ein weiterer Geburtenrückgang bis auf Werte um die 600.000 Geburten pro Jahr prognostiziert wurde. Mit diesem müssen allerdings ab sofort die ostdeutschen Bundesländer rechnen – mit einigen wenigen lokalen Ausnahmen.
- In den Jahren 2015 und 2016 sind zahlreiche Familien mit jungen Kindern zugewandert – und auch in den nachfolgenden Monaten war die Zuwanderung höher als davor. Allein zwischen 2015 und dem 1. Halbjahr 2018 wurden 240.000 Asylerstanträge für Kinder gestellt, die sich noch im Kita-Alter befanden. Hinzu kommen weitere Zuwanderungen aus der Europäischen Union (Stichwort: EU Binnenwanderung). Beides zusammen, die steigenden Geburtenzahlen und die phasenweise hohe Zuwanderung, hat dazu geführt, dass zwischen 2012 und 2017 die Zahl der unter 6,5-jährigen Kinder um fast eine halbe Million zugenommen hat. Deshalb läuft vor allem der U3-Ausbau dieser Entwicklung ständig hinterher, obwohl weiter ausgebaut wird.
- Schließlich ist seit 2006 der Anteil der Eltern, die sich eine außerfamiliale Tagesbetreuung wünschen, um knapp 10 Prozentpunkte gestiegen, zuletzt auf eine Größenordnung von 45 Prozent aller Familien mit Kindern unter drei Jahren. Und das dürfte – zumindest in Westdeutschland – noch nicht das Ende der Entwicklung sein.
7. Die Müttererwerbstätigkeit wird in Zukunft aller Voraussicht nach weiter zunehmen. Eine Veränderung der männlichen Erwerbsmuster ist dagegen bisher nicht erkennbar.

8. Der sozialpolitische Anspruch, soziale Disparitäten durch die Kita nachhaltig zu verringern, überschätzt die aktuellen Möglichkeiten der Kindertagesbetreuung.
So nutzen Eltern mit niedrigen Bildungsabschlüssen (mit Hauptschulexamen oder ohne Schulabschluss) deutlich seltener eine Kindertagesbetreuung für ihre unter dreijährigen Kinder als Familien mit mittleren oder höheren Abschlüssen: Liegt die Bildungsbeteiligungsquote von Kindern unter drei Jahren aus Familien mit maximal einem Hauptschulabschluss bei nur 14 Prozent, so beläuft sich die Quote der Inanspruchnahme bei Eltern mit mittlerem Abschluss auf 27 Prozent und bei jenen mit Hochschulreife gar auf 36 Prozent, wie DJI-Berechnungen für das Jahr 2017 zeigen.
Dass sich bereits an dieser Stelle eine soziale Schere öffnet, steht dem Streben nach Bildungsgerechtigkeit fundamental entgegen. Deshalb ist die Politik doppelt gefordert: Zum einen müssen vor Ort genügend Plätze zur Verfügung gestellt werden, damit nicht schon beim Zugang ein Teil der Familien benachteiligt wird. Zum anderen darf ein Kita-Besuch nicht an finanziellen Hürden scheitern. Das bedeutet nicht zwingend, dass Kitas immer und für alle gebührenfrei sein müssen – doch sie sollten auf jeden Fall so gestaffelt sein, dass zumindest die Familien, die von Armutsrisiken betroffen oder in Niedriglohngruppen zu finden sind, von Gebühren befreit werden.
9. Die finanziellen Herausforderungen, die sich wegen des starken Ausbaubedarfs der Kitas stellen, können in den Zuständigkeiten im derzeitigen Föderalismus nicht mehr angemessen gelöst werden.
10. Die von allen Seiten befürwortete Qualitätsoffensive in der Kindertagesbetreuung droht in Anbetracht des erheblichen zusätzlichen Bedarfs an Plätzen und Personal in den Hintergrund zu rücken.

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 1/2019 der DJI Impulse „Frühe Bildung. Bilanz und Perspektiven für Deutschland“.
