Eltern wünschen sich flexiblere Betreuungsangebote

Nicht alle Familien wollen einen Ganztagsplatz für ihr Grundschulkind. Wie stark der Betreuungsbedarf variiert, zeigen aktuelle Ergebnisse der DJI-Kinderbetreuungsstudie

23. Februar 2021// Eltern von Grundschulkindern sollen ab 2025 das Recht auf einen ganztägigen Betreuungsplatz haben, das hat die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart. Diskutiert wird ein Anspruch auf acht Stunden an jedem Schultag – inklusive der Unterrichtszeiten – und an einem Großteil der Ferien. Um dies bedarfsgerecht zu realisieren, müssten Bund, Länder und Gemeinden mehrere hunderttausende zusätzliche Ganztagsplätze schaffen und Milliarden investieren. Die aktuellen Ergebnisse der Kinderbetreuungsstudie (KIBS) des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zeigen allerdings: Auch wenn insgesamt 74 Prozent der befragten Eltern einen Betreuungsbedarf haben, so wünscht sich doch nur etwa jede fünfte Familie ein tägliches ganztägiges Angebot. 10 Prozent der befragten Eltern eines Grundschulkinds brauchen stattdessen eine Betreuung von mehr als acht Stunden pro Tag und 23 Prozent würden weniger als 8 Stunden pro Tag bevorzugen. Weitere 14 Prozent der Eltern gaben an, nur an drei oder vier Tagen pro Woche eine Betreuung zu benötigen. „Gefragt sind zeitlich flexiblere, aber auch kürzere Angebote“, sagt KIBS-Projektleiterin PD Dr. Susanne Kuger. „Dies ist bei der Planung des weiteren Ausbaus zu berücksichtigen.“ 

Die DJI-Kinderbetreuungsstudie erhebt jährlich für alle Bundesländer repräsentativ den Betreuungsbedarf der Eltern mit Kindern unter 12 Jahren. Im Jahr 2019 wurden mehr als 8.000 Eltern von Kindern im Grundschulalter befragt und dabei neben Ganztagsschulen und Horten als Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe auch die Übermittagsbetreuung einbezogen. Letztere wird in der amtlichen Statistik bislang nicht als eigenständiges Angebot erfasst und damit im Rahmen der Förderung des Bundes für den Ganztagsausbau bisher nicht berücksichtigt.

Jede sechste Familie in Deutschland hat einen Betreuungsbedarf, der nicht oder nicht ausreichend gedeckt ist

Die Analysen zeigen auch die Lücke zwischen potentiellem Bedarf und aktueller Nutzung: Zum Zeitpunkt der Befragung im Jahr 2019 hatten deutschlandweit 6 Prozent der Eltern von Grundschulkindern keinen Betreuungsplatz, obwohl sie einen bräuchten. Dies betrifft mehr Eltern in Westdeutschland als in Ostdeutschland (6 Prozent versus 3 Prozent). 11 Prozent der befragten Eltern nutzen zwar bereits ein Angebot, benötigen aber eigentlich einen größeren zeitlichen Umfang von mindestens 5 Stunden mehr pro Woche. Ihr Anteil ist in den ostdeutschen Ländern größer als in den westdeutschen (13 Prozent versus 10 Prozent). Etwa die Hälfte der Grundschulkinder in Deutschland wird bedarfsdeckend betreut, ein Viertel der Eltern von Grundschulkindern hat keinen Betreuungsbedarf.

 

Übermittagsangebote als eigenständiges Angebot in die Statistik aufnehmen

Von den Eltern, die bei der DJI-Kinderbetreuungsstudie einen Betreuungsbedarf geäußert haben, wünscht sich zwar ein knappes Drittel einen Platz in einer Ganztagsschule und ein Viertel in einem Hort, jeweils mit einem wöchentlichen Umfang von durchschnittlich 37 bis 39 Stunden inklusive Unterricht. Etwa jede fünfte Familie bevorzugt aber eine kürzere Betreuung mit durchschnittlich 30 Stunden pro Woche. „Dieser Elternwunsch sollte in die Diskussion über die Planung des weiteren Ausbaus der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder einbezogen werden“, fordert Kuger. Übermittagsangebote sollten zudem als eigenständiges Angebot in die amtliche Statistik aufgenommen werden.

In Ostdeutschland werden Ganztagsplätze, in Westdeutschland kürzere Betreuungszeiten bevorzugt

Die Übermittagsbetreuung wird der DJI-Kinderbetreuungsstudie zufolge vor allem in westdeutschen Bundesländern nachgefragt, während in Ostdeutschland der Hort bevorzugt wird. Neben den Formaten unterscheidet sich auch die gewünschte Dauer: Eltern in den ostdeutschen Bundesländern benötigen für ihr Grundschulkind eine Betreuung von durchschnittlich 40 Stunden pro Woche, in Westdeutschland sind es im Schnitt nur 35 Stunden. Ausschlaggebend für den Bedarf ist häufig die Erwerbstätigkeit der Mütter, die in Ostdeutschland historisch bedingt höher liegt als in Westdeutschland. Außerdem benötigen Alleinerziehende eher als Paarfamilien einen Betreuungsplatz für ihr Grundschulkind.

Qualität der Angebote stärker berücksichtigen

Neben der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die der Ganztagsausbau den Eltern erleichtern soll, plädiert Kuger dafür, die Qualität der Angebote nicht aus dem Blick zu verlieren: „In der Grundschule, im Hort und in der Übermittagsbetreuung müssen wie in Kindertageseinrichtungen Fachkräfte eingesetzt werden und neue pädagogische Konzepte erarbeitet werden. Nur so kann der Rechtsanspruch dazu beitragen, die Lern- und Entwicklungschancen aller – und vor allem die der benachteiligten – Kinder zu verbessern“. Auch der Personalschlüssel, also die Frage, wie viele Kinder auf eine Fachkraft kommen, sei zu diskutieren.


Die Analysen der DJI-Kinderbetreuungsstudie sind im DJI-Kinderbetreuungsreport 2020 neu erschienen:

Der Betreuungsbedarf bei U3- und U6-Kindern (PDF Download Studie 1)[1]Der Betreuungsbedarf bei Grundschulkindern (PDF Download Studie 2)[2]
Sechs weitere Teile der Studie, etwa zu den Themen Nicht-Inanspruchnahme von Kindertagesbetreuung, Zufriedenheit mit der Kindertagesbetreuung und Kosten, erscheinen in den kommenden Monaten.

Erste zentrale Ergebnisse der Elternbefragung, die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) finanziert, wurden zudem in der Broschüre „Kindertagesbetreuung kompakt - Ausbaustand und Bedarf 2019“ veröffentlicht:

Ausgabe 05a: Kinder bis zum Schuleintritt[3]Ausgabe 05b: Kinder im Grundschulalter[4]
Weitere zentrale Ergebnisse aus der DJI-Kinderbetreuungsstudie 2020[5]Weitere Berichte zum Thema Ganztagsschule[6]Weitere Berichte zum Thema Kindertagesbetreuung[7]

Kontakt
PD Dr. Susanne Kuger
Projektleitung KIBS und Leitung der Abteilung Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden
089-62306-322
kuger@dji.de

Uta Hofele
Abteilung Medien und Kommunikation
089-62306-173
hofele@dji.de