Gesucht: Strategien gegen den Fachkräftemangel

Der Personalbedarf in der Kinder- und Jugendhilfe steigt zumindest in Westdeutschland bis zum Jahr 2025 weiter an. Um mehr Fachkräfte zu gewinnen, werden unter anderem Ausbildungsgänge konzeptionell verändert. Sind dadurch Qualitätsstandards bedroht? Aktuelle und zukünftige Herausforderungen in der Personalentwicklung

Von Karin Beher[1], Christiane Meiner-Teubner[2] und Thomas Mühlmann[3]

Seit dem Jahr 2006 lautet eine der wichtigsten Informationen zur Kinder- und Jugendhilfe, dass ihre Bedeutung nicht nur stetig, sondern auch steil zunimmt. Dies wird am deutlichsten sichtbar daran, dass ihre wichtigste Ressource – das Personal – zwischen 2006 und 2019 um 67 Prozent auf inzwischen mehr als 950.000 Personen gestiegen ist (siehe Abbildung 1). Insgesamt sind mehr als 380.000 Beschäftigte in diesem Sektor hinzugekommen, davon allein rund 300.000 im Bereich der Kindertagesbetreuung. Diese Wachstumsdynamik erscheint besonders eindrücklich im Vergleich zu anderen gesellschaftlich bedeutenden Arbeitsbereichen: So sind in der Kinder- und Jugendhilfe inzwischen deutlich mehr Personen beschäftigt als in der Automobilindustrie oder als Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen. Die Entwicklung verläuft dabei ähnlich dynamisch wie die der Pflegekräfte in der alternden Gesellschaft.

Arbeitsmarkt mit immer mehr jüngeren Beschäftigten

Das Wachstum hat die Kinder- und Jugendhilfe nicht nur vergrößert, sondern – mit Unterschieden nach Arbeitsfeldern – auch verändert. In der Kindertagesbetreuung, aber insbesondere in den ambulanten und stationären Hilfen zur Erziehung sowie im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) haben Beschäftigte unter 30 Jahren überproportional zum Wachstum beigetragen und bilden inzwischen eine der größten Altersgruppen (siehe Abbildung 2). In der Kindertagespflege ist hingegen ausschließlich die Anzahl der älteren Personen gestiegen. Die Kinder- und Jugendarbeit ist wiederum ein Beispiel dafür, dass nicht alle Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe ausgebaut wurden. Im Jahr 2018 waren in diesem Arbeitsfeld weniger Menschen beschäftigt als 2006. In den vergangenen Jahren ist die Tendenz aber wieder steigend.

Diese Befunde verdeutlichen, dass die Kinder- und Jugendhilfe auch als Berufsperspektive für junge Menschen immer bedeutender wird. Zugleich wachsen die Herausforderungen an die Organisationen und ihre Leitungskräfte, (gute) Fachkräfte zu gewinnen, diese zu halten sowie den Wissenstransfer zu gewährleisten.

Trotz Personalanstieg in der Kindertagesbetreuung in Westdeutschland teilweise ungedeckter Fachkräftebedarf

Mit Blick auf das Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung deutet sich an, dass die Kinder- und Jugendhilfe zumindest in Westdeutschland quantitativ weiter an Bedeutung für den Arbeitsmarkt gewinnen wird. Vorausberechnungen des Personalbedarfs bis zum Jahr 2030 zeigen, dass allein zur Erfüllung des Rechtsanspruchs für Kinder ab dem ersten Geburtstag bis zum Schuleintritt mehr Personal benötigt wird, als bislang in den Kitas und der Kindertagespflege tätig ist. Dies hängt vor allem mit den demografischen Entwicklungen zusammen sowie der zum Teil deutlichen Lücke von bis zu 20 Prozentpunkten zwischen der Inanspruchnahmequote und dem Anteil der Eltern, die sich einen Platz in der Kindertagesbetreuung für ihr Kind wünschen (BMFSFJ 2020). Dementsprechend ist zu erwarten, dass die Anzahl des pädagogisch tätigen Personals in Kindertageseinrichtungen in Westdeutschland auf ein Maximum im Jahr 2025 steigt, wenn bis dahin alle Elternbedarfe erfüllt werden (siehe Abbildung 3). Anschließend würde der Bedarf an Personal wieder leicht zurückgehen.

Daraus ergeben sich zwei Herausforderungen: Erstens braucht es in naher Zukunft weiterhin ein deutliches Personalwachstum. Zweitens wird die erwartete Anzahl an Neuausgebildeten nicht ausreichen, um bis mindestens zum Jahr 2025 den Personalbedarf zu decken. Werden kurzfristig keine zusätzlichen Anstrengungen unternommen, weiteres Personal für die Kindertagesbetreuung zu gewinnen, dürfte im Maximum eine Personallücke zwischen 20.400 im Jahr 2023 und 72.500 Fachkräften im Jahr 2025 entstehen. Diese Kurzfristigkeit ist eine besondere Herausforderung, da bereits in den vergangenen etwa 15 Jahren vielfältige Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung erfolgt sind, die mittlerweile nahezu ausgeschöpft sein dürften. Außerdem ist davon auszugehen, dass künftig weiterer Personalbedarf aufgrund der Maßnahmen entsteht, die die Bundesländer im Rahmen des sogenannten Gute-Kita-Gesetzes[4] zur Verbesserung der Qualität in den Einrichtungen getroffen haben – und aufgrund des gegebenenfalls notwendigen Ausbaus der Angebote für Kinder im Grundschulalter.

Personalbedarf in Ostdeutschland mittelfristig rückläufig

Ostdeutschland steht hingegen vor anderen Herausforderungen. Hier sind bereits jetzt – mit regionalen Ausnahmen – die Kinderzahlen rückläufig und die Lücke zwischen Elternwünschen sowie der Inanspruchnahmequote deutlich kleiner als in Westdeutschland, sodass kaum noch Ausbaubedarf zur Erfüllung der Rechtsansprüche besteht (siehe Abbildung 4). Daraus ergibt sich, dass maximal noch kurzfristig mit einem geringen Personalwachstum in den Kindertageseinrichtungen zu rechnen ist. Bis zum Jahr 2030 werden sogar weniger als die derzeit tätigen Fachkräfte benötigt. Rechnerisch entsteht damit keine Personallücke (siehe Abbildung 4). Bei gleichbleibenden Absolventenzahlen stünden dem Arbeitsmarkt sogar zusätzliche, neu ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung.

Für Ostdeutschland bietet sich dadurch die Chance, nachhaltig in Qualitätsverbesserungen zu investieren – beispielsweise um die immer noch schlechteren Personalschlüssel im Vergleich zu den westdeutschen Ländern anzugleichen (Böwing-Schmalenbrock/Tiedemann 2021).

Ausbildungsqualität sichern und Potenziale der Akademisierung nutzen

Die starke Personalexpansion der vergangenen 15 Jahre wurde unter anderem durch den Ausbau der Ausbildungskapazitäten in sozialpädagogischen Ausbildungen (insbesondere zum/zur Erzieher/in) bewerkstelligt. Zuletzt zeichneten sich hier erste Sättigungstendenzen ab. Demgegenüber haben die Hochschulen, speziell die neuen Studiengänge der Kindheitspädagogik, zahlenmäßig nur wenig zur Deckung des Fachkräftebedarfs beigetragen.

Unterhalb der Ebene der formalen Berufsausbildungsabschlüsse zeigt sich jedoch eine Transformation des Ausbildungssystems. Als Folge und Begleiterscheinung zahlreicher Programme und Kampagnen von Bund und Ländern mit dem Ziel, neue Zielgruppen zu erschließen, werden inzwischen unzählige, zum Teil sehr unterschiedliche Ausbildungsmodelle an Berufsfach- und Fachschulen angeboten. Diese gehen in einigen Bundesländern mit einem niedrigeren Ausbildungsniveau und einem höheren Spezialisierungsgrad einher.

Besonders auf dem Vormarsch sind neben den bereits bestehenden (berufsbegleitenden) Teilzeitmodellen vergütete, praxisintegrierende Ausbildungsformate im Bereich der Erzieherinnenausbildung, die mit der vollzeitschulischen Tradition der Berufe des Sozial- und Erziehungswesens brechen. Inzwischen verbirgt sich in den einzelnen Bundesländern hinter dem vereinheitlichenden Etikett Erzieher/in teilweise sehr Unterschiedliches. Angesichts dieser „verdeckten Entstandardisierung“ (Fuchs-Rechlin/Rauschenbach 2021) stellt sich die Frage nach der Qualität der Ausbildungsgänge sowie – im Fall der Erzieherinnenausbildung – auch die des Ausbildungsniveaus in Zukunft neu.

Im Hinblick auf die Deckung des aktuellen und zukünftigen Fachkräftebedarfs ist außerdem auffällig, dass sich die bildungspolitischen Antworten selten auf das Hochschulwesen richten, das heißt auf die (sozial-)pädagogischen Bachelor- und Master-Studiengänge und den großen Pool fachlich affiner Hochschulausgebildeter. Neben der Personalgewinnung bildet dies zugleich eine Möglichkeit, den bislang ausgesprochen niedrigen Professionalisierungs- und Akademisierungsgrad in Kindertageseinrichtungen zu erhöhen.

Steuerungsprozesse für die Gewinnung von Fachkräften werden immer komplexer

Insgesamt wird damit deutlich, dass der äußerst dynamische Personalausbau sowohl die Kinder- und Jugendhilfe selbst als auch die fachlich relevanten Ausbildungen bereits stark verändert hat. Diese Entwicklung wird zwar weitergehen, allerdings ist der Ausbaubedarf sowohl zeitlich als auch räumlich begrenzt: Er besteht vor allem kurzfristig und überwiegend in Westdeutschland. Dort ist auch in den nächsten Jahren mit einem Fachkräftemangel zu rechnen. In Ostdeutschland kann es hingegen bereits bald dazu kommen, dass zumindest in der Kindertagesbetreuung weniger Personal benötigt wird. Dies zeigt exemplarisch, dass die Anforderungen an eine bedarfsgerechte Planung und Steuerung auf den unterschiedlichen Ebenen immer komplexer werden.

Autorengruppe Fachkräftebarometer (2021): Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2021[12]. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte. München

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen Und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.) (2020): Kindertagesbetreuung Kompakt. Ausbaustand und Bedarf 2019. Ausgabe 05a. Berlin

Böwing-Schmalenbrock, Melanie / Tiedemann, Catherine (2021): Kita-Personalschlüssel – Das „Gute-KiTa-Gesetz“ und Demografie begünstigen bestehenden Verbesserungstrend weiter. In: KomDat Jugendhilfe, Jg. 24, H. 1, S. 16–21

Fuchs-Rechlin, Kirsten / Rauschenbach, Thomas (2021): Erzieher*innen – ein Qualifikationsprofil in der Zwickmühle. Seitenwege, Irrwege, Auswege. In: Bildung und Erziehung, Jg. 74, H. 2, S. 200–218

Rauschenbach, Thomas u.a. (2020): Plätze. Personal. Finanzen. Bedarfsorientierte Vorausberechnungen für die Kindertages- und Grundschulbetreuung bis 2030. Teil 1: Kinder vor dem Schuleintritt. Forschungsverbund DJI/TU Dortmund

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2/2021 von DJI Impulse „Familie, Kindheit, Jugend 2030 – Lösungsansätze für eine lebenswerte Zukunft“ (Download PDF[13]).

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