Jugend braucht mehr als Bildung

Eine gute Bildung ist für künftige Jugendgenerationen wichtiger denn je – doch Jugendliche sind nicht nur Schülerinnen und Schüler, Auszubildende, Studierende und künftige Fachkräfte. Warum das auch die Wissenschaft stärker berücksichtigen muss

Von Birgit Reißig[1]

Über Jugend ist schon immer viel und kontrovers debattiert worden. Das Spektrum der Meinungen reicht dabei von Skepsis bis zu großen Erwartungen, die mit der heranwachsenden Generation verbunden werden. Kritische Einschätzungen gab es bereits in der Antike, eine der bekanntesten stammt von Aristoteles: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ Aber es finden sich auch positive Gedanken: „Die Jugend ist uneigennützig im Denken und Fühlen und denkt und fühlt deshalb die Wahrheit am tiefsten und geizt nicht, wo es gilt eine kühne Teilnahme an Bekenntnis und Tat“, schreibt Heinrich Heine gegen Ende der Romantik.

Diese Bandbreite an Meinungen findet sich, wenn auch in etwas abgeschwächter Form, heute immer noch. Dabei sprechen wir historisch gesehen noch gar nicht so lange von Jugend als einer eigenständigen Lebensphase. Erst im 19. Jahrhundert setzt sich dies mehr und mehr durch. Jugend ist damit eine Erfindung der Moderne. Seitdem findet sich ein gesellschaftlich nachweisbares Interesse, die Eigenwelt von Jugendlichen überhaupt zu registrieren und zu reflektieren (Brachmann/Lübcke/Schwertfeger 2014). In eine seit Jahrzehnten andauernde Debatte darum, was die Lebensphase Jugend auszeichnet, mischen sich seit dem Ende des 20. Jahrhunderts außerdem Diagnosen der Entgrenzung und Pluralisierung (Schröer 2004). Unstrittig scheint heute, dass wir es mit einer zeitlichen Ausdehnung dieser Lebensphase zu tun haben, zu der, neben dem Jugendalter, nun auch das junge Erwachsenenalter gehört.

Vorhersagen über Jugendgenerationen waren stets schwierig

Prognosen zukünftiger Entwicklungen gestalten sich dabei schwierig, schon deshalb, weil es immer wieder Aspekte und Ereignisse gibt, die nicht vorhersehbar sind. Die Corona-Pandemie ist dafür das beste Beispiel. Aber auch weithin unhinterfragte Vorhersagen, wie der demografische Wandel in Deutschland, müssen sich einer wiederholten Überprüfung stellen. So sehen sich Regionen, die sich bereits langfristig auf einen Bevölkerungsschwund eingerichtet hatten, plötzlich doch einem einsetzenden Zuzug gegenüber. Das betrifft insbesondere städtische Regionen wie Leipzig oder Jena. Andere, vor allem ländliche, Regionen leiden nach wie vor unter dem Mangel gerade an jungen Bevölkerungsgruppen, wie Mansfeld-Südharz oder Altenburger Land (Statista 2021).

Um auf sich abzeichnende Entwicklungen für junge Menschen eingehen zu können, ist zunächst ein Blick zurück ratsam. Immer wieder gab es Versuche, zentrale Anforderungen zu umreißen, denen sich Jugendliche stellen müssen. In diesem Zusammenhang entstand das Konzept der Entwicklungsaufgaben. Bereits Ende der 1940er-Jahre hatte der US-amerikanische Soziologe und Erziehungswissenschaftler Robert J. Havighurst einen wichtigen Grundstein bei der Ausformulierung solcher Entwicklungsaufgaben auch für das Jugendalter gelegt (Havighurst 1953). Insgesamt benannte er acht normativ geprägte Aufgaben, zum Beispiel die Übernahme der jeweiligen Geschlechterrollen, die emotionale Unabhängigkeit von den Eltern, die Vorbereitung auf die berufliche Karriere und die Ausbildung von Werten und eines ethischen Systems. Es werden also biologische, psychische und soziale Bereiche adressiert. Diese Entwicklungsaufgaben haben sich als zeitgeschichtlich relativ stabil erwiesen (Gelhaar 2010). So benennt der 15. Kinder- und Jugendbericht unter dem Vorsitz von Thomas Rauschenbach drei Kernherausforderungen, vor denen junge Menschen stehen: „Verselbständigung“, „Selbstpositionierung“ und „Qualifizierung“ (Deutscher Bundestag 2017).

Die Jugendphase reicht heute weit ins junge Erwachsenenalter hinein

Auch der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann und die Bildungssoziologin Gudrun Quenzel beschäftigen sich mit der Tragfähigkeit des Konzepts der Entwicklungsaufgaben für das heutige Aufwachsen. Sie plädieren für eine Re-Definition, die sich insbesondere um eine stärkere historische und kulturelle Einbettung bemüht (Hurrelmann/Quenzel 2015). Bezugnehmend auf ihre Sozialisationstheorie, die Persönlichkeitsentwicklung als produktive Realitätsverarbeitung begreift, werden dabei Cluster von Entwicklungsaufgaben aufgeführt. Diese sind: „Qualifizieren“, „Binden“, „Konsumieren“ und „Partizipieren“. Hierbei zeigen sich allerdings auffällige Veränderungen im Vergleich zu früheren Generationen: Der Übergang von der Jugendphase ins Erwachsenenalter ist heute nicht zu einem festen Zeitpunkt abgeschlossen, gerade, wenn beispielsweise keine Familie gegründet oder noch lange kein eigenes Einkommen erzielt wird. Entwicklungen erscheinen hier weitaus variabler, aber ebenso unsicherer (ebd.).

In diesem Zusammenhang zeigt sich ein entscheidender Unterschied zwischen früheren und aktuellen Vorstellungen zum Übergang in das Erwachsenenalter. Ging es in der Vergangenheit (bis weit in das 20. Jahrhundert hinein) darum, dass sich Jugendliche an die Welt der Erwachsenen anpassen und möglichst die gesellschaftlich vorgegebenen Rollen übernehmen, so sind sie heute vielmehr als aktive Gestalter ihrer selbst und ihrer Umwelt gefordert. Das eröffnet Spielräume für eine individuellere Ausformung des eigenen Lebens. Dennoch handelt es sich um eine äußerst herausfordernde Lebensphase, die potenziell Stolpersteine bereithält. Vor allem lassen sich Einflussfaktoren wie die soziale, ethnische oder regionale Herkunft nicht negieren.

Ablösung vom Elternhaus und eigene Familiengründung rücken zeitlich nach hinten

Aktuelle Befunde zeigen, dass junge Erwachsene noch bis weit in das dritte Lebensjahrzehnt hinein bei den Eltern wohnen. Junge Männer verlassen ihr Elternhaus durchschnittlich im Alter von 24,4 und junge Frauen im Alter von 22,9 Jahren (Statista 2019). Die Corona-Pandemie scheint diese Trends noch zu verstärken, das gilt gerade für junge Studierende, die vermehrt im Elternhaus verbleiben. Aber auch insgesamt kann eine größere Hinwendung zu den Eltern konstatiert werden: „Die Beziehung zu den Eltern wird nicht aufgelöst, nur weil die Peers eine Rolle spielen, sondern neu definiert. Faktisch sind heutige Eltern-Kind-Beziehungen lebenslange Bindungen und so auch immer wechselseitige Lern- und Anpassungsprozesse“ (Oelkers 2009, S. 5).

Veränderungen zeigen sich auch bei der Familiengründung. Zwar lassen sich nach wie vor frühe sexuelle Beziehungen konstatieren; Heirat und Kinder werden lebenszeitlich jedoch nach hinten geschoben. Der Wunsch nach Kindern und Familie nimmt aber eher zu (Gille u.a. 2006). Auch die Geburtenraten sind bis 2019 kontinuierlich gestiegen, sind nun wieder leicht rückläufig. Ihr erstes Kind erwarten junge Frauen mit durchschnittlich 29,8 Jahren (Destatis 2019). Das durchschnittliche Heiratsalter lediger Frauen in Deutschland lag im Jahr 2019 bei 32,2 und bei Männern bei 34,7 Jahren. Seit den frühen 1990er-Jahren hat sich damit das durchschnittliche Heiratsalter für Frauen und Männer um rund sechs Jahre erhöht (Statista 2019).

Kompensiert werden fehlende Haushaltseigenständigkeit und die Familiengründung beispielsweise durch einen Bedeutungszuwachs der Peerbeziehungen. Der erste Auszug aus dem Elternhaus erfolgt oftmals, um mit Gleichaltrigen zusammenzuziehen (Tatjes 2016; Deutscher Bundestag 2017). Die genannten Verzögerungen stehen in engem Zusammenhang mit veränderten Verlaufsmustern beim Übergang von der Schule in den Beruf. Insbesondere späte Eintritte in Ausbildung, ein höherer Anteil an Studierenden sowie, damit verbunden, verzögerte Platzierungen auf dem Erwerbsmarkt sind ein Grund für die ebenfalls spätere finanzielle Eigenständigkeit und Haushaltsgründung.

Junge Frauen und Männer investieren stärker als früher in ihre Bildung
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Anteile der Jugendlichen, die sich in Bildung, Ausbildung oder Erwerbsarbeit befinden, grundlegend verschoben. Die Bildungsstationen der jungen Frauen und Männer dauern länger an. Das durchschnittliche Alter, in dem mit einer beruflichen Ausbildung begonnen wird, liegt nach wie vor erst bei 20 Jahren  (BIBB 2020). Das erste Studium wird durchschnittlich erst mit circa 22 Jahren begonnen (Statista 2019). Es lässt sich außerdem eine deutlich gestiegene Bildungsbeteiligung im Tertiärbereich (beispielsweise an Fachhochschulen oder Fachakademien) beobachten. Die Studienberechtigungsquote liegt derzeit bei mehr als 50 Prozent eines Altersjahrgangs (ebd.). Man kann somit konstatieren, dass junge Frauen und Männer heute sehr viel stärker in ihre persönliche Bildung investieren als früher. In diesem Zusammenhang wird bereits von der „Scholarisierung“ des Jugendalters gesprochen (Fraij/Maschke/Stecher 2015).

Bildungsanforderungen nehmen durch gesellschaftliche Megatrends zu

Die aktuellen Rahmenbedingungen für das Aufwachsen von Jugendlichen sind geprägt von Entwicklungen, die auch für die kommenden Jahre von Bedeutung sein werden. Diese „Megatrends“ können drei Bereichen zugeordnet werden: der technisch-ökonomischen Entwicklung, der demografischen Entwicklung sowie den gesellschaftlichen Veränderungen (Walter u.a. 2013). Bei den technisch-ökonomischen Veränderungen steht neben der Globalisierung vor allem die Digitalisierung im Vordergrund, die sowohl das Arbeitsleben als auch den Alltag durchdringt. Demografische Entwicklungen führen, allerdings regional unterschiedlich ausgeprägt, zu einer weiteren Alterung der Gesellschaft. Damit hängt auch die Debatte um fehlenden Nachwuchs auf dem Arbeitsmarkt zusammen. Gravierende gesellschaftliche Entwicklungen stehen im Zuge des Klimawandels und einer Verknappung wichtiger natürlicher Ressourcen bevor.

All diese Entwicklungen verweisen darauf, dass das Thema Bildung ein zentrales bleiben wird. Das betrifft Umfang und Qualität von Wissen und Kompetenzen, die im Jugendalter erworben werden, aber auch die Fähigkeit, sich flexibel weiterzubilden. Ein stärkeres Ineinandergreifen von formaler, non-formaler und informeller Bildung könnte dabei an Bedeutung gewinnen. Inhalte zum Thema Nachhaltigkeit oder soziale Kompetenzen werden nicht allein über formale Bildung erlernt, sondern ebenso in non-formalen und informellen Kontexten wie beispielsweise außerschulischen Arbeitsgruppen, im Sportverein oder Freundeskreis. Die Bildungsanforderungen an Jugendliche scheinen zukünftig also eher zu- als abzunehmen.

Eine Umkehr der schon seit Längerem zu beobachtenden Ausdifferenzierung von Übergangsprozessen im Jugendalter – mit seinen längeren Bildungsphasen und seiner späterer Haushalts- und Familiengründung – zeichnet sich kaum ab. Allerdings könnten Anforderungen der Arbeitswelt wie etwa der große Fachkräftebedarf in vielen Bereichen dazu führen, dass Eintritte in das Berufsleben wieder zeitiger erfolgen (sollten), zum Beispiel über eine Stärkung dualer Studiengänge.

Jugendliche müssen in ihrer gesamten Lebenswelt betrachtet werden – das fordert auch die Wissenschaft heraus

Die aufgezeigten Entwicklungslinien zielen stark auf den Schwerpunkt der Qualifizierung im Jugendalter ab. Das ist freilich nur ein Lebensbereich, dem junge Menschen sich stellen müssen. Jugendliche sind mehr als Schülerinnen und Schüler, Studierende, Auszubildende oder zukünftige Fachkräfte. Gerade weil aber die mit ihnen verbundenen Zukunftserwartungen hoch sind, wird oft nur auf ihre gesellschaftliche Funktionalität abgehoben. Jugendliche müssen jedoch in ihrer gesamten Lebenswelt betrachtet werden. Suchbewegungen in dieser Zeit des Aufwachsens sind normal, und ein Ausprobieren muss zugelassen werden. Es geht eher um ein Begleiten als ein Belehren von Jugendlichen auf diesem Weg und darum, sie als aktiv gestaltende Subjekte anzuerkennen.

Auch Forschungsperspektiven haben dies zu berücksichtigen. Insofern ist ein Zusammendenken klassischer Themen der Jugendforschung (beispielsweise die Rolle von Freizeit und Jugendkultur, Peers, Jugendarbeit oder freiwilligem Engagement) mit denen der Bildungsforschung (vor allem im Sinne von Bildungsverlaufsforschung) weiter zu stärken. Aber auch Aspekte der physischen und psychischen Gesundheit geraten zu Recht zunehmend ins Blickfeld der Jugend- und jungen Erwachsenenforschung. Trotz der Ausdifferenzierung von Übergangswegen und weiterer Individualisierungsprozesse scheint es für einen offenen Forschungsblick auf Jugendliche und junge Erwachsene nicht angebracht, die ganz großen Linien verschwimmen zu lassen. Denn nicht zuletzt bleiben beispielsweise Fragen nach ungleichen Chancen – aufgrund sozialer oder ethnischer Herkunft, der Region des Aufwachsens oder des Geschlechts – auch weiterhin zentral.

Brachmann, Jens / Lübcke, Claudia / Schwertfeger, Anja (Hrsg.) (2014): Jugend. Perspektiven eines sozialwissenschaftlichen Forschungsfeldes. Bad Heilbrunn

Bundesinstitut für Berufsbildung (2020): Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2020. Bonn

Deutscher Bundestag (2017): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. 15. Kinder- und Jugendbericht und Stellungnahme der Bundesregierung. Berlin

Destatis (2019): Das erste Kind kommt immer später. https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Bevoelkerung-Arbeit-Soziales/Bevoelkerung/Alter-bei-Geburt.html[9]

Fraij, Amina / Maschke, Sabine / Stecher, Ludwig (2015): Die Scholarisierung der Jugendphase – ein Zeitvergleich. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, Jg. 10, H. 2, S. 167–182

Gelhaar, Tim (2010): Stress und Coping in der Adoleszenz. Ein Kulturvergleich von Jugendlichen in 10 europäischen Ländern. Marburg

Gille, Martina / Sardei-Biermann, Sabine / Gaiser, Wolfgang / De Rijke, Johann (2006): Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland. Lebensverhältnisse, Werte und politische Beteiligung 12 - 29-Jähriger. Jugendsurvey, Band 3. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Havighurst, Robert James (1953): Human development and education. London

Hurrelmann, Klaus / Quenzel, Grudrun (2015): Lost in transition: status insecurity and inconsistency as hallmarks of modern adolescence. In: International Journal of Adolescence and Youth, H. 3, S. 261–270

Oelkers, Jürgen (2009): Über die Entwicklung der Jugend in Zukunft. Vortrag auf der Jahreskonferenz der Landesjugendreferate Österreichs am 13. März 2009 in Absam

Schröer, Wolfgang (2004): Befreiung aus dem Moratorium? Zur Entgrenzung von Jugend. In: Lenz, Karl/Schefold, Werner/Schröer, Wolfgang (Hrsg.): Entgrenzte Lebensbewältigung. Jugend, Geschlecht und Jugendhilfe. Weinheim/München, S. 19–74

Statista (2021): Bevölkerungsentwicklung: Landkreise und kreisfreie Städte mit dem größten prognostizierten Rückgang in Deutschland bis 2040. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1220919/umfrage/prognose-bevoelkerungsrueckgang-kreise/[10]

Statista (2019): Durchschnittsalter junger Menschen* beim Verlassen des elterlichen Haushalts nach Geschlecht in der EU im Jahr 2020. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/73631/umfrage/durchschnittliches-alter-beim-auszug-aus-dem-elternhaus/[11]

Tatjes, André (2016): Wege aus dem Elternhaus: Gründung eines eigenen Haushalts oder Zusammenzug mit dem Partner? In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, H. 3, S. 246–263

Walter, Norbert u.a. (2013): Die Zukunft der Arbeitswelt. Auf dem Weg ins Jahr 2030. Stuttgart

Weitere Analysen gibt es in Ausgabe 2/2021 von DJI Impulse „Familie, Kindheit, Jugend 2030 – Lösungsansätze für eine lebenswerte Zukunft“ (Download PDF[12]).

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