Die Weichenstellerin

Die neue DJI-Direktorin Sabine Walper wird in den kommenden Jahren richtungsweisende Entscheidungen treffen und möchte durchaus eigene Akzente setzen. Den Dialog mit Politik und Fachpraxis suchte die Psychologin schon als junge Wissenschaftlerin.

Die Nachricht kam durchaus überraschend, dass sie als Direktorin des Deutschen Jugendinstituts (DJI) auf Thomas Rauschenbach folgt – das will Prof. Dr. Sabine Walper gar nicht verhehlen. Lange war in München nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin für den scheidenden Direktor gesucht worden, ohne Erfolg. Schließlich bat das Bundesfamilienministerium die 65-Jährige, die seit neun Jahren Forschungsdirektorin am DJI ist, selbst an die Spitze zu rücken. Ihre Zusage kam prompt. „Es ist eine tolle Herausforderung“, sagt Walper, „ich freue mich sehr auf die kommenden Jahre.“ Sie wird die Geschicke des Instituts bis mindestens 2023 leiten.

Das ist kein allzu langer Zeitraum, aber es reicht, um die erfolgreiche Arbeit der vergangenen Jahre einerseits weiterzuführen und andererseits einige richtungsweisende Entscheidungen zu treffen. Walper will durchaus eigene Akzente setzen. Da ist zum Beispiel das Thema Arbeitsteilung und interne Organisation. Jahrzehntelang ruhte die inhaltliche und strategische Steuerung des DJI auf den Schultern des jeweiligen Direktors; erst im Jahr 2012 wurde aufgrund des starken personellen Wachstums die Forschungsdirektionsstelle geschaffen. Seitdem hatten Walper und Rauschenbach die Verantwortung entlang der DJI-Abteilungen untereinander aufgeteilt. Da ihre bisherige Position nun vakant ist, landet künftig erstmal alles auf Walpers Tisch. Um Nadelöhr-Effekte zu vermeiden, will die neue Direktorin die Abteilungsleitungen mit ihrer Erfahrung und Expertise künftig stärker in Leitungsentscheidungen und bei der Qualitätskontrolle einbinden. „Das wird eine tiefgreifende Umstrukturierung, aber ich erhoffe mir davon auch neuen Schwung.“
 

Westberliner Studienjahre prägen sie bis heute

Impulse will Walper außerdem beim Ausbau internationaler Kooperationen setzen. „Schon jetzt ist das Deutsche Jugendinstitut über Deutschland hinaus vernetzt“, betont sie. Der Blick über den Tellerrand soll in Zukunft noch selbstverständlicher werden. Zwar unterliegt die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland vielen Besonderheiten; die Strukturen des hochgradig ausdifferenzierten Systems lassen sich mit denen anderer Länder kaum vergleichen. Das habe dazu geführt, dass oft „innerhalb des eigenen Bezugsrahmens“ gearbeitet und publiziert werde. Walper will das unbedingt aufbrechen. Aus ihrer Sicht gibt es ausreichend Anknüpfungspunkte: „Viele Länder sind mit ähnlichen Fragen des Kinderschutzes, der Jugendarbeit und der Familienhilfen konfrontiert.“ Oft seien die länderspezifischen Lösungsansätze gar nicht weit voneinander entfernt. „Bereichernd und lehrreich“ sei daher der internationale Austausch, den Walper in Form von Tagungen oder Gastaufenthalten stärken will. „Die eigene Forschung in einen breiteren Kontext zu stellen, das ist für mich eine wesentliche Maxime.“

„Sie ist eine der führenden Wissenschaftlerinnen beim Thema Familienarmut. Ihre großen Stärken sind ihre wertschätzende Kommunikation und ihre ausgeprägte Teamfähigkeit.“
Rudolf Tippelt, em. Professor der LMU München

Diese Prägung bringt Sabine Walper schon aus dem Studium mit. Geboren und aufgewachsen ist sie in Düsseldorf. Dort beginnt sie 1975 ihr Psychologiestudium. Das Fach interessiert sie auch deshalb brennend, weil sie im Freundeskreis und in der Familie psychische Belastungen erlebt hat. Die Mischung aus natur- und geisteswissenschaftlichen Inhalten gefällt der Studentin sehr. „Das war für mich die ideale Kombination.“ Ende der 1970er-Jahre wechselt Walper zum Hauptstudium an die Technische Universität (TU) Berlin, dort wählt sie als Nebenfach Pädagogik. Die Zeit im Berlin der 1980er-Jahre beschreibt sie als einschneidend für ihren weiteren Werdegang. Hier erlebt Walper die geteilte Stadt, die politisch aufgeheizte Atmosphäre an den Westberliner Universitäten, die lautstarke Forderung der jungen Generation nach gesellschaftlichen Reformen. Sie selbst engagiert sich im Studentischen Delegiertenrat der TU. Betreuer ihrer Diplomarbeit und später auch ihr Doktorvater wird Rainer K. Silbereisen, Professor für Pädagogische Psychologie. Walper arbeitet an seinem Lehrstuhl in internationalen Forschungsgruppen mit, nimmt an Konferenzen im Ausland teil und verbringt 1981 nach ihrem Diplom ein Jahr an der US-amerikanischen Elite-Universität Berkeley.

Sie forscht über Kinder, Jugendliche, Eltern und was diese besonders belastet

Obwohl sich früh abzeichnet, dass sie in der Wissenschaft bleiben will, absolviert Walper später auch ihre Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin und arbeitet zeitweise mit Patientinnen und Patienten. Als junge Forscherin interessiert sie sich zunächst vor allem für die sozialkognitive Entwicklung von Kindern sowie die Eltern-Kind-Interaktionen; später steigt sie voller Begeisterung in die Jugendforschung ein. Bis zum Frühling 1989 bleibt sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Berlin, geht dann nach München, wo sie bis heute lebt. „Dass ich so kurz vor der Friedlichen Revolution die Stadt verlassen habe, hat mich nachträglich schon gewurmt“, gibt Walper lachend zu. Während in Berlin die Mauer fällt, sitzt sie auf einer Tagung in Salzburg fest. „Dabei wäre ich am liebsten sofort hingefahren.“

Schon mit ihrem Promotionsthema – Walper untersucht, was Einkommensverlust und Armut für Familien bedeutet – liegt sie 1986 gesellschaftspolitisch auf der Höhe der Zeit. Westdeutschland wird damals von der zweiten Ölkrise und hoher Arbeitslosigkeit gebeutelt. Die sozialpsychologischen Folgen ökonomischer Deprivation erforscht sie auch in den kommenden Jahrzehnten ausgiebig. „Sie ist eine der führenden Wissenschaftlerinnen beim Thema Familienarmut“, sagt Rudolf Tippelt, emeritierter Professor für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung.

Walper und Tippelt kennen sich schon aus der Zeit, als beide an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) lehrten. 2001 wird Walper auf die Professur für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Jugendforschung berufen und bleibt dort bis 2012. „Ihre wissenschaftliche Exzellenz steht außer Frage“, sagt Tippelt. Walper habe bereits damals viele drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte durchgeführt und war außerdem bei den Studierenden als hervorragende Lehrende beliebt. „Ihre großen Stärken sind ihre wertschätzende Kommunikation und ihre ausgeprägte Teamfähigkeit.“ Walper höre sehr genau zu, denke sich schnell in neue Themen hinein und habe zudem große Verdienste bei der Nachwuchsförderung. „Dass sie nun die Leitung des Deutschen Jugendinstituts übernimmt, halte ich für eine sehr gute Lösung“, sagt Tippelt, der seit Jahren im Wissenschaftlichen Beirat des DJI sitzt.
 

In die Gesellschaft hineinwirken – das ist immer schon ihr Anspruch

Lange bevor Sabine Walper von ihrer LMU-Professur ans Deutsche Jugendinstitut wechselt, nimmt sie den Dialog mit Politik und Fachpraxis auf und transportiert ihre Forschungsergebnisse – beispielsweise über Bildung und Erziehung in Familien, über Scheidungs- und Stieffamilien, über die Auswirkungen elterlicher Konflikte auf die Entwicklung von Kindern oder über Problemverhalten im Jugendalter – aktiv in die Gesellschaft hinein. Sie wird von Parteien zu Vorträgen eingeladen, referiert über Scheidungsrisiken, Trennungsverläufe, Diversität von Familien. Als bekannte Armutsforscherin nimmt sie Stellung zu der Frage, ob der Staat eher in Infrastruktur für Familien investieren oder Fasmilie direkt finanziell stärken soll. Walper spricht sich ausdrücklich für Ersteres aus. Gemeinsam mit dem Familiennotruf München entwickelt sie das Programm „Kinder im Blick“, das sich an getrennte Eltern richtet und mittlerweile bundesweit verbreitet ist.

Als 2011 die Anfrage aus dem Kanzleramt kommt, ob Walper am Zukunftsdialog von Angela Merkel mitwirken möchte, sagt sie sofort zu. „Wie wollen wir zusammenleben?“, lautet die Leitfrage, die die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Auftrag der Politik bearbeiten. „Das war eine sehr wertvolle Erfahrung“, erinnert sie sich. Denn am Ende sprechen die Forschenden konkrete Empfehlungen aus – ein anspruchsvolles Unterfangen. Für Walper macht der Praxisbezug absolut Sinn: „Ich finde es wichtig, dass wir immer im Blick behalten, wem unsere Forschung nützt und wie wir es schaffen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verbesserung der Lebenslagen angewendet werden.“

Am Deutschen Jugendinstitut, an der direkten Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Fachpraxis, gelingt ihr der Brückenschlag seit vielen Jahren. 2021 führt sie den Vorsitz der unabhängigen Sachverständigenkommission, die den Neunten Familienbericht der Bundesregierung („Eltern sein in Deutschland“) verfasst. Neben monetären Leistungen fordert die Kommission insbesondere, dass die Beteiligung beider Elternteile am Erwerbsleben gefördert werden soll. „Die beste Absicherung gegenüber einem Armutsrisiko sind zwei erwerbstätige Eltern, die gemeinsam zum Familieneinkommen beitragen“, betont Walper als Kommissionsvorsitzende.
 

Mit der neuen Regierung die Schwerpunkte für die nächsten Jahre setzen

Dass sie die erste Direktorin ist, die ursprünglich aus der Psychologie kommt, könnte sich künftig bemerkbar machen. Traditionell ist das Deutsche Jugendinstitut sehr interdisziplinär aufgestellt, die Teams setzen sich aus Expertinnen und Experten unterschiedlichster Fachbereiche zusammen. Neben der Pädagogik ist mittlerweile auch die Psychologie stark in den Führungsebenen verankert. Für Walper hat dieses konstruktive Zusammenspiel durchaus Vorbildcharakter: „Am DJI haben wir bereits in hohem Maße eine Verständigung zwischen den Disziplinen erreicht – in der Fachpraxis ist diese Verständigung hingegen oft noch schwierig.“ Dabei zeigten die Projekte am DJI, wie stark man von verschiedenen Perspektiven profitieren könne.

Der Führungswechsel am Deutschen Jugendinstitut fällt nun zufällig zusammen mit einem Wechsel in der Bundespolitik. „Für uns wird der Blick in den neuen Koalitionsvertrag spannend“, sagt Walper. Welche Kinder-, Jugend- und Familienthemen werden die nächste Legislaturperiode beherrschen, wo gibt es Wissenslücken und demzufolge Beratungsbedarf für das Bundesfamilienministerium? „Wir stimmen unser Forschungsprogramm eng mit den Abteilungen im Ministerium ab und machen dabei auch eigene Vorschläge“, erklärt Walper. Aus ihrer Sicht sind vor allem Bildungsungleichheit, psychische Gesundheit und Digitalisierung drängende Gegenwartsthemen. „Die Bildungsdisparitäten in Deutschland beschäftigen das DJI seit vielen Jahren, und das Problem ist ja auch bei Weitem nicht gelöst.“

Beim Thema Digitalisierung will Walper das Deutsche Jugendinstitut noch besser aufstellen: mehr IT-Expertise, mehr Serverkapazitäten, mehr digitale Forschungstools. „Um die neuen Möglichkeiten auszuschöpfen, müssen wir uns technisch und methodisch verändern.“ So könnten beispielsweise mit Apps und Online-Befragungen leichter Daten erhoben oder mit niederschwelligen digitalen Angeboten Familien besser erreicht werden. „Das alles möchte ich gemeinsam mit den Teams am DJI sondieren.“
 

Wie lässt sich die psychische Resilienz von Familien stärken?

Zugleich sei das Thema psychische Gesundheit durch die Coronapandemie stark in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. „Psychische Erkrankungen sind dieVolkskrankheit Nummer eins, und wir wissen längst, dass die Grundsteine in Kindheit und Jugend gelegt werden.“ Die sozialen Ressourcen seien auch hier unterschiedlich verteilt; bei Familien in ökonomisch angespannter Lage kommen psychische Belastungen oder Suchterkrankungen weit häufiger vor. Walper will sich für das Thema einsetzen und hofft, im Familienministerium auf offene Ohren zu stoßen. „Es geht aus meiner Sicht darum, in den kommenden Jahren sinnvolle und gut aufeinander abgestimmte Unterstützungsangebote zu schaffen.“

Dass als DJI-Direktorin anstrengende Zeiten auf sie zukommen, weiß Sabine Walper. Ihr Rückzugsraum, der Ort, an dem sie Kraft tankt – das ist ihre Familie. Der Mann, die beiden erwachsenen Söhne, ihre drei Schwestern, ihre Cousins und Cousinen. „Ich bin sehr glücklich darüber, eine so große Familie zu haben“, sagt die Frau, die schon ihr Leben lang über Familien forscht. Jeden Abend nimmt sich Walper eine kleine Auszeit, verbringt Zeit mit nahestehenden Menschen, bevor sie sich dann wieder an den Schreibtisch setzt. An diesem wohltuenden Ritual will sie, wenn irgend möglich, festhalten.

Text: Astrid Herbold


Interview mit Prof. Dr. Sabine Walper[1]

 

Kontakt:

Prof. Dr. Sabine Walper
Vorstandsvorsitzende und Direktorin des DJI
Tel.: 089/62306-289
walper@dji.de

Birgit Taffertshofer
Abteilung Medien und Kommunikation
Tel.: 089/62306-180
taffertshofer@dji.de