„Eine sehr schmerzliche finanzielle Lücke wird bei Familien bleiben“

Ein Interview mit der Familienökonomin Dr. Christina Boll über die wirtschaftliche Situation von Familien und das Rollenverhalten der Eltern in der COVID-19-Krise

DJI:  Die Familieneinkommen sind akut gefährdet. Viele Familien müssen jeden Cent zweimal umdrehen. Warum?

Dr. Christina Boll:
Viele Eltern sind von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit bedroht. Das Bruttoinlandsprodukt wird stark einbrechen, um 12,2 Prozent im 2. Quartal 2020, schätzt das ifo-Institut. Die Anträge auf Kurzarbeit bei der Bundesagentur für Arbeit sind enorm gestiegen: Schon jetzt sind in den Monaten März und April dieses Jahres drei Mal mehr Anträge eingegangen als für das gesamte Krisenjahr 2009. Der Anstieg verdeutlicht, wie brisant die aktuelle Situation für die Einkommen der Familien ist. Es trifft nicht nur den industriellen Sektor, sondern aufgrund der Kontaktbeschränkungen auch die Dienstleistungsbranche. In diesem Bereich arbeiten viele Frauen und Mütter. Die Familieneinkommen beider Elternteile sind somit aktuell stark betroffen. Und die Unterstützungsleistungen greifen leider zu kurz. 

Warum sind die Entschädigungen für den Entgeltausfall durch Kita- und Schulschließungen nicht ausreichend?

Nach dem Infektionsschutzgesetz der Bundesregierung vom März 2020 erhalten Sorgeberechtigte, die durch die Schließungen von Kitas und Schulen einen Verdienstausfall erleben, 67 Prozent ihres Nettoeinkommens ersetzt, wenn sie Kinder unter 12 Jahren haben. Diese Unterstützung greift nur dann, wenn erstens die Eltern keine Betreuung finden – Großeltern sind als Risikogruppe hier ausgenommen – und zweitens, wenn sie berufsbedingt nicht im Homeoffice arbeiten können. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich Homeoffice und Kinderbetreuung für die Eltern vereinbaren lassen. Und die Betroffen, das ist der dritte Punkt, dürfen keine Entschädigung, wie etwa das gesetzliche Kurzarbeitergeld erhalten. Das Problem ist hier, dass die 67 Prozent – das ist im europäischen Vergleich eher wenig – in der Regel für Familien nicht ausreichen. Ein weiterer Nachteil: die Bezugsdauer ist auf sechs Wochen beschränkt.


Auch das Kurzarbeitergeld greift nur teilweise und zeitverzögert.

Genau. Das ist ebenfalls ein Problem. Die Kurzarbeit dient dazu, Menschen vor Arbeitslosigkeit zu bewahren. Nur wer in die Arbeitslosenversicherung einzahlt, hat einen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Deshalb sind hier geringfügig Beschäftigte sowie Selbstständige außen vor. Auch hier erhalten Berechtigte nur 67 Prozent des Nettoeinkommens. Diese Situation ist für Familien mit geringem Einkommen schwer zu verdauen. Sie kommen damit nur wenige Wochen über die Runden. Die gestaffelte Erhöhung auf 77 Prozent, die ab dem vierten Monat des Kurzarbeitergeldbezugs vorgesehen ist, und ab dem siebten Monat auf 87 Prozent steigt, ist gut, hilft den Familien aber in der ersten Zeit erstmal nicht.

Zusammengenommen helfen alle bisherigen Instrumente nur sehr unvollständig, die finanziellen Probleme der Familien zu lösen

Warum trifft es Frauen besonders hart?

Unterm Strich müssen Familien irgendwie über die Runden kommen; da sein Gehalt meist höher als ihres ist, trifft es die Familie oft härter, wenn er Arbeitszeit reduziert, als wenn sie es tut. Leider holt der Gender Pay Gap die Familien gerade jetzt bitter ein, also die Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt 20 Prozent weniger verdienen als Männer, aus unterschiedlichen Gründen. Einer davon ist, dass Frauen schwerpunktmäßig in anderen Berufen und Branchen arbeiten als Männer. Denn viele der systemrelevanten Berufe – mit Ausnahme der IT und der Medizin – werden unterdurchschnittlich bezahlt und gerade darin stellen Frauen die Mehrheit. Frauen, vor allem Mütter, arbeiten darüber hinaus viel häufiger in Teilzeit oder sind geringfügig beschäftigt. Dazu kommt, dass der Verdienst bei Teilzeit auch pro Stunde gerechnet geringer ausfällt als in Vollzeit. Teilweise erhalten Frauen auch für die gleichen Tätigkeiten weniger Geld als Männer. Hier spielt unter anderem unterschiedliches Verhandlungsgeschick in Lohnverhandlungen eine Rolle, sofern das Gehalt verhandelbar ist. Erwerbsunterbrechungen sind ein weiterer Grund für ein geringeres Einkommen. Frauen bleiben viel häufiger zuhause, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen. Alle diese Aspekte bewirken enorme Lohneinbußen. In der aktuellen Situation verschärft sich die Benachteiligung. Da die Berechnung des Kurzarbeitergelds den Nettolohn zugrunde legt, wird das Einkommen durch die Steuerklasse 5, die viele Frauen als Zuverdienerinnen haben, noch zusätzlich reduziert.

Sie untersuchen in Ihrem Forschungsbereich unter vielem anderen den Einfluss der Digitalisierung auf die Erwerbstätigkeit. Wird sich das Arbeitsleben dauerhaft ändern?

Ich nehme an, dass unser Alltag durch den enormen Digitalisierungsschub nach der Coronakrise anders aussehen wird. Sehr kurzfristig wurde das Berufsleben auf Homeoffice, flexible Arbeitszeit und Vertrauensarbeitszeit umgestellt, auch in Branchen, in denen dies bisher nicht üblich war. Hier liegen inzwischen Lerneffekte auf allen Hierarchiestufen vor, die, wie ich vermute, nicht mehr zurückzudrehen sind. Daher hoffe ich, dass wir das Gelernte nach dieser Ausnahmesituation nicht wieder aufgeben, sondern mit in unsere neue Normalität nehmen. So lassen sich ein Stück weit Präsenzpflichten im Betrieb reduzieren, die oftmals nicht familienfreundlich sind. Diese neuen Voraussetzungen könnten für weibliche Karrieren einen großen Sprung nach vorne bedeuten, denn Frauen sind in der Vergangenheit sehr oft daran gescheitert, dass sie nicht oder nicht so lange bis weit in den Abend hinein wie ihre männlichen Kollegen präsent sein konnten. Zugleich zeigt die Forschung, dass es die ausgeübten Berufe Frauen erlauben würden, noch zu höheren Anteilen im Homeoffice tätig zu sein, als sie dies bisher nutzen. Das sogenannte unausgeschöpfte Homeofficepotenzial ist bei Frauen sogar größer als bei Männern. Es wird Zeit, dass wir diese Potenziale heben.

 

Das sogenannte unausgeschöpfte Homeofficepotenzial ist bei Frauen sogar größer als bei Männern

Wie schätzen Sie die aktuelle Elterngeldreform ein?

Die Reform liegt frisch auf dem Tisch. Eltern, die in systemrelevanten Berufen arbeiten und geplant hatten, in Elternzeit zu gehen oder aktuell in Elternzeit sind, verlieren den Anspruch nicht, wenn sie die Elternzeit im Moment nicht wahrnehmen können. Sie haben jetzt die Möglichkeit, die Elternzeit weiter aufzuschieben. Auch die Restriktionen des engen Arbeitszeitkorridors beim Partnerschaftsbonus sind nun für die Zeit der Pandemie ausgesetzt. Das ist gut. Es ist auch zu begrüßen, dass die Entgeltersatzleistungen, die die Eltern in Elternzeit bedingt durch die Pandemie bekommen, nicht auf das Elterngeld angerechnet werden. Ich sehe jedoch nicht, dass unterm Strich sehr viel mehr Netto bei den Familien ankommt. Zusammengenommen helfen alle bisherigen Instrumente nur sehr unvollständig, die finanziellen Probleme der Familien zu lösen, zumal wenn die Krise länger anhält.

Zu den finanziellen Sorgen kommt in den Familien eine enorme zeitliche Belastung. Was raten sie Familien?

Die Lebenssituationen sind sehr unterschiedlich. Es gibt egalitäre Paare, die schon vor der Krise Arbeit, Haushalt und Kinderbetreuung weitgehend gleichmäßig aufgeteilt haben. Sie kommen beispielsweise unter Druck, sobald sie oder er den Job verliert. Der schon in Normalzeiten herausfordernde Spagat vieler Mütter, zwischen bezahltem Job und der Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung wächst auf eine Vierfachbelastung: Erwerbsarbeit, Hausarbeit, Kinderbetreuung rund um die Uhr, Home Schooling. Das übersteigt das Machbare. Dies gilt vor allem für Alleinerziehende, die alle Lasten alleine schultern. Es ist für alle grundsätzlich eine große Herausforderung, im Homeoffice zu arbeiten und gleichzeitig auf kleine Kinder zu achten. Auch dann, wenn beide Elternteile zuhause arbeiten. Beide müssen ihren beruflichen Verpflichtungen nachkommen und sich sehr gut absprechen. Paare könnten diese Situation als Chance nutzen und ausprobieren, ob sie – im Rahmen des Möglichen –  ein Stück weit von traditionellen Mustern abrücken können.

Kann sich durch die aktuelle Situation die Arbeitsteilung in den Familien ändern?

Nach meiner Einschätzung ist die Rechnung derzeit noch offen. Dafür spricht, dass die Männer, die zuhause arbeiten, erleben, was innerhalb der Familie geleistet werden muss. Sie bringen sich mit ein und entwickeln neue Routinen. Im Homeoffice sind aber vor allem besser qualifizierte Menschen tätig. Daraus ergibt sich die Hoffnung, dass Führungskräfte in dieser Phase viel dazulernen und nach der Krise als Vorbilder und Multiplikatoren ihre Erfahrungen weitergeben. Um einen Breiteneffekt zu erzielen, müsste der Rollentausch in allen gesellschaftlichen Schichten eingeübt werden. In den Familien, wo es jetzt vor allem auf sie und ihr Einkommen ankommt und wo er zuhause ist und mit anpacken kann, sehe ich eine Chance für die Einübung neuer Rollen. In anderen Familien ist der Anpassungsdruck geringer beziehungsweise besteht sogar Grund zur Sorge, dass es in einer Krisensituation, in der oft auf Altbewährtes zurückgegriffen wird, zu einer Retraditionalisierung von Geschlechterrollen kommt. Ob sich also im Ergebnis die Ungleichheit reduziert oder reproduziert, wird davon abhängen, was Betriebe, Sozialpartner und Staat sowie wir alle aus der Krise lernen.

Bringt die Corona-Krise ein Roll-back?

Ich halte nichts von Schwarzmalerei. Die Daten werden es uns zeigen. So eine Krise hat mehrere Stadien. Am Anfang haben sich viele Frauen freistellen lassen oder Urlaub genommen, um zuhause zu sein. Diese Möglichkeiten sind irgendwann erschöpft. Dann müssen Paare neu überlegen, wie sie die Lage meistern. Ich hoffe sehr, dass wir schnell zu einer neuen Normalität finden und die Eltern wieder arbeiten gehen und Kitas und Schulen wieder öffnen können. Dann hört die Abhängigkeit von Sozialtransfers oder Kurzarbeitergeld auf. Als Forscherin sehe ich es so: Wenn sich die Lage entspannt, ist der Anpassungsdruck, die Arbeitsteilung zu verändern, wieder geringer. Allerdings gehen neueste DJI-Berechnungen davon aus, dass die Hälfte oder mehr der Familien bis zum Ende der Sommerferien, also bis Mitte August beziehungsweise bis Mitte September, auf keine regelmäßige Betreuung zurückgreifen kann. Die hohe zeitliche Mehrfachbelastung von Eltern wird also voraussichtlich noch länger andauern.

Welche Chancen bietet die Ausnahmesituation?

Ich denke, dass der bereits erwähnte Digitalisierungsschub vorteilhaft sein kann. Wir alle können viel Zeit sparen, wenn wir ab und zu darauf verzichten durch die Republik zu reisen und uns stattdessen über Video und Telefon austauschen. Dies hilft der Umwelt und vermeidet Stress. Natürlich darf dabei der persönliche Kontakt nicht zu kurz kommen.

Ein weiterer Aspekt: In der Krise wird allen sehr deutlich, was in Sorgeberufen geleistet wird. Diese Berufsfelder müssen aufgewertet werden – nicht nur mit guten Worten, sondern mit Geldscheinen und Münzen.

Was sind aus Ihrer Sicht die nächsten Schritte?

Ich wünsche mir sehr, dass alle Bundesländer darauf achten, nicht nur den Sport wiederzubeleben, die Fußballstadien zu füllen und die Kinos wieder zu öffnen. Sie müssen auch daran denken, dass Kinder wieder Kitas und Schulen besuchen dürfen. Die soziale Schere darf sich nicht weiter öffnen. Wie Berechnungen des Forschungsverbund DJI/TU Dortmund zeigen (siehe Dokument anbei), ließen es Personal- und Raumkapazitäten in den Kitas unter Beachtung der Hygieneauflagen zu, dass viele Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen schnell wieder in die Betreuung zurückkehren sollten, dies auch tun könnten. Zumindest zunächst einmal mit einem reduzierten Umfang. Hier erwarte ich, dass die Länder und Kommunen sich nach Kräften anstrengen, dies zu ermöglichen.

Ich hoffe zudem, dass die Bundesländer mit Augenmaß handeln, damit wir auch für Wirtschaft und Beschäftigung auf eine gute Art und Weise in eine neue Normalität finden. Dies wird, wie gesagt, regional unterschiedlich geschehen müssen, wegen des unterschiedlichen Infektionsgeschehens. Auch die Wiedereingliederung der Eltern ins Arbeitsleben kommt daher in den Regionen und Branchen unterschiedlich schnell voran. Die Politik hat in kurzer Zeit viel auf die Beine gestellt, wie etwa den Notfall-Kinderzuschlag. Der Zugang dazu wurde erleichtert, vor allem für Familien mit geringem Einkommen. Diese 185 Euro pro Kind im Monat helfen den Eltern jedoch nur eingeschränkt. Eine sehr schmerzliche finanzielle Lücke wird für Familien bleiben. Fixkosten wie Miete, Versicherungen und vieles mehr sind zu bezahlen, die Lebensmittelpreise steigen. Die finanziellen Lasten sind hoch. Auch die jetzt beschlossene Elterngeldreform kann diese Lücke nur unvollständig füllen. Die Erhöhung des Kurzarbeitergeldes wird, so der Beschluss des Deutschen Bundestages vom 14. Mai, erst ab Monat 4 greifen. Zugleich wird die nur allmähliche Rückkehr zum Regelbetrieb in Kitas und Schulen noch Wochen dauern, und so lange gibt es für Eltern noch keine echte Entlastung. Am konsequentesten wäre es daher, die Bezugsdauer von Eltern auf Entschädigungsleistungen nach dem Infektionsschutzgesetz zu verlängern. Dies ist das Instrument, das direkt an die Pandemie anbindet, hier sollten die Anpassungen an den aktuellen Krisenverlauf stattfinden.

Interview: Marion Horn

Foto Dr. Christina Boll: Renate Bauereiss

Kontakt

Marion Horn
Abteilung Medien und Kommunikation
Tel.: 089/62306-311
horn@dji.de

Diese Seite verwendet Cookies um die Funktionalität sicherzustellen, Zugriffe zu analysieren und die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern.
Durch die weitere Verwendung stimmen Sie der Verarbeitung von Cookies zu. Weitere Informationen und Hinweise zum Widerspruch finden Sie in der Datenschutzerklärung.