Gespräch mit Mariana Grgic und Prof. Dr. Thomas Rauschenbach (DJI)

Medien, Kultur und Sport sind bedeutsame Lernfelder für junge Menschen – unabhängig davon, wo und wie sie damit in Kontakt kommen. Das Projekt „Medien, Kultur und Sport bei jungen Menschen“ (MediKuS) hat kulturelle, mediale und sportive Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersucht. Bei dieser Zusatzerhebung der DJI-Studie „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A) wurden knapp 5.000 junge Menschen im Alter zwischen 9 und 24 Jahren telefonisch befragt. Kooperationspartner war das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Über die Ergebnisse, die Ende September in München präsentiert wurden, hat DJI Online mit dem DJI-Direktor Prof. Dr. Thomas Rauschenbach und der Projekt-Koordinatorin Mariana Grgic (DJI) gesprochen.

Frau Grgic, viele Eltern beobachten oder befürchten, dass ihre Kinder – vor allem die Jungen – Fußball bald nur noch auf dem Sofa spielen, indem sie mit dem Controller in der Hand die Spieler ihrer Wahl über den Bildschirm laufen lassen, anstatt selbst aktiv zu sein. Können die MediKuS-Ergebnisse hier Entwarnung geben?

Ja, in gewisser Weise schon. Über 80 Prozent der Jungen im Kindheits- und Jugendalter treiben regelmäßig Sport. Bei den Mädchen sind es je nach Alter mindestens 70 Prozent. Und dieses Niveau geht im jungen Erwachsenenalter auch nur leicht zurück. Es gibt also keinen Hinweis darauf, dass es im Zuge der medialen Neuentwicklungen der letzten Jahre zu einem starken Rückgang sportlicher Aktivitäten bei Kindern und Jugendlichen gekommen ist. Mehr als die Hälfte der 9- bis 12-Jährigen Jungen spielt regelmäßig Fußball; das ist die häufigste Sportart der Jungen. Aber auch bei den Mädchen ist der Fußball mittlerweile unter den häufigsten zehn Sportarten vertreten.

Während Jungen die Medien eher zum Spielen nutzen, sehen Mädchen ihre Handys, Smartphones und Computer eher als Kommunikationsmittel. Gleichzeitig gelten sie im Vergleich zu ihren männlichen Pendants als stärker kulturell und künstlerisch aktiv. Kollidieren nach MediKuS-Erkenntnissen bei den Mädchen mediale und musische Aktivitäten?

Grundsätzlich dürfen die Medien nicht automatisch als Konkurrenz für künstlerische oder sportliche Aktivitäten gesehen werden. Sie sind mittlerweile Teil des Alltags und werden auch im Kontext von Sport und Musik genutzt. Kinder und Jugendliche informieren sich im Internet über die neuesten Trends in der Musik oder im Sport, tauschen sich mit anderen in Foren aus, berichten über eigene sportliche Erfolge oder laden über das Internet zu Wettkämpfen ein, an denen sie teilnehmen. Außerdem sind einige kulturelle Aktivitäten, wie Bilder am Computer erstellen oder Musik sampeln, gleichzeitig auch mediale Aktivitäten. Dennoch zeigt sich die Tendenz, dass bei den Jugendlichen, die das Internet sehr intensiv, d.h. mindestens drei Stunden pro Tag nutzen, der Anteil der musikalisch oder künstlerisch Aktiven geringer ist als bei den Jugendlichen, die das Internet weniger intensiv nutzen. Das weist darauf hin, dass eine sehr intensive Internetnutzung zu Lasten anderer Aktivitäten gehen kann.

Medien, Sport, Kultur – in welchem Bereich konnten Sie die größten Unterschiede ausmachen, die im Zusammenhang mit der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen stehen? 

In Bezug auf die Mediennutzung hat sich auch bei uns gezeigt, dass Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Elternhäusern das Internet intensiver und weniger zur Information nutzen. Beim Sport ergeben sich zwar Unterschiede in Abhängigkeit der sozialen Herkunft, allerdings vor dem Hintergrund eines insgesamt hohen Aktivitätsniveaus. Bei den kulturellen Aktivitäten sind die Differenzen eher darin zu sehen, was die Kinder und Jugendlichen genau machen: Junge Menschen aus Elternhäusern mit wenig kulturellem Kapital spielen deutlich seltener ein Instrument oder Theater und fotografieren seltener. Gleichzeitig tanzen oder zeichnen sie aber genauso häufig wie Kinder aus Elternhäusern mit viel kulturellem Kapital. Auffällig ist außerdem, dass sie sowohl im sportlichen als auch im kulturellen Bereich deutlich häufiger nur im Privaten aktiv sind. Sie werden also deutlich seltener durch organisierte Angebote von Vereinen, Musik-, Kunst- und Sportschulen erreicht. 

Und welchen Einfluss hat die Variable „Migrationshintergrund“ auf den Grad der Aktivitäten in diesen Bereichen?

Der Migrationshintergrund hat keinen gesonderten Einfluss auf das Ausmaß sportlicher und kultureller Aktivitäten. Insbesondere beim Instrument spielen zeigen sich keine Unterschiede, obwohl dies eine sozial sehr selektive Aktivität ist. Das heißt, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind gleichermaßen sportlich und künstlerisch aktiv und nutzen dabei auch gleichermaßen die organisierten Angebote verschiedenster Akteure im Bereich Kultur und Sport.

Prof. Rauschenbach, Sie sind ein großer Befürworter der Ganztagsschule, nicht zuletzt weil sie die Chance eröffnet, soziale Unterschiede auszugleichen und das Bildungsspektrum über die reine Wissensvermittlung hinaus zu erweitern. Wie die MediKuS-Studie sehr deutlich zeigt, sind die Kunst- und Musikschulen, Vereine und andere außerschulische Organisation derzeit die Säulen medialer, musischer und sportlicher Aktivitäten junger Menschen. Sind Sie sicher, dass eine schnelle Verschiebung dieser Säulen in Richtung Schule möglich ist, ohne die Statik zu gefährden?

Das muss man differenzieren. Auf der einen Seite sind die Orte sogenannter non-formaler Bildung, also die außerschulischen Anbieter, wichtig, weil sie viel bieten, was die herkömmliche Halbtagsschule nicht bieten kann. Daher sind sie unverzichtbar. Auf der anderen Seite erreichen sie oft gerade auch die jungen Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern nicht in der gewünschten Weise. Und für die wäre die Ganztagsschule eine Riesenchance. Zudem würde ich diese beiden Varianten der Ergänzung einer unterrichtszentrierten Bildung nicht gegeneinander ausspielen, sondern mir viel mehr Gedanken machen, wie sich diese wechselseitig ergänzen und wie sie besser miteinander kooperieren können. Darin liegt die Zukunft.

Wird dabei nicht außer Acht gelassen, welch wichtige Rolle die Familie bei der non-formalen Bildung spielt?

Nein, im Gegenteil. Wir sollten erst einmal das ungeheure Potenzial und den erheblichen Einfluss der Familie zur Kenntnis nehmen, den diese direkt als Bildungswelt und indirekt als Förderer auch gerade bei diesen eher außerunterrichtlichen Themen spielt. Zugleich muss man aber auch die Grenzen sehen: Nicht jede Familie vermittelt ihren Kindern einen Zugang zum und die nötige Begeisterung für den Sport, regt sie nachhaltig in den Bereichen Kunst und Musik an, hilft ihnen, einen einigermaßen gefahrenfreien Umgang mit den neuen Medien und dem Web 2.0 zu finden. Zumindest weist unsere Studie auf das große Potenzial der selbstorganisierten Aktivitäten, auch im Freundeskreis, hin. Oft wirkt also eher ein ganzes Bündel von Impulsen und Anreizen, die Kinder und Jugendliche zu Aktiven werden lassen. Und da spielt neben dem Spaß und den wachsenden Fähigkeiten auch die soziale Anerkennung, die sie in diesen Bereichen erfahren können, eine wichtige Rolle. 

Eine der Leitfragen der Studie lautete: Was machen Kinder und Jugendliche in ihrer Freizeit? Angesichts der immer enger getakteten Zeitpläne junger Menschen fragt man sich doch: Über wie viel im wirklichen Wortsinn „freie“ Zeit verfügen junge Menschen denn heute überhaupt? Gibt es dazu Erkenntnisse aus AID:A bzw. MediKuS?

Nein, dazu gibt es im engeren Sinne keine Erkenntnisse aus unserer Studie. Aber lassen Sie mich dennoch dazu zwei Sätze sagen. Einerseits ist dies ein Lieblingsthema des Bildungsbürgertums, das ungebrochen von der positiven Kraft der Selbstfindung aufgrund frei verfügbarer Zeiten überzeugt ist. Wenn junge Menschen ihre freie Zeit in diesem Sinn nutzen, ist dies unübersehbar oft ein Riesengewinn. Wenn wir das verallgemeinern könnten, wäre das wunderbar. Andererseits wissen wir, dass es viele Kinder und Jugendliche gibt, die wenig mit ihrer Zeit anzufangen wissen, die nie gelernt haben, diese für sich zu nutzen, bei denen die Umwege und das ziellose Verweilen am Ende sie eben nicht automatisch zu gereiften, eigenen Persönlichkeiten formen. Das heißt: Es gibt gleichermaßen Heranwachsende, die zu viel und solche, die zu wenig Zeit haben. Wir sollten nicht immer die einen gegen die anderen ausspielen. Anhand unserer Daten werden wir noch einmal genauer analysieren, wie sich die vielbeschäftigten von den nicht-aktiven jungen Menschen unterscheiden – und ich fürchte, wir werden hier die alten Muster der Bildungsdisparitäten wieder finden.

Der kürzlich verstorbene ehemalige Leiter des DJI, Walter Hornstein, hat schon vor Jahren davor gewarnt, die Jugendlichen nur noch als „flexibel einsetzbare Träger von Kompetenzen und Qualifikationen“ in einer Gesellschaft der Enthumanisierung zu verstehen. Fakt ist: Noch nie zuvor sind geforderte und tatsächliche Kompetenzprofile der Kleinkinder, Schüler/innen und jungen Erwachsenen in Deutschland so umfassend beschrieben und dokumentiert worden wie heute. Wie bewerten Sie diese Entwicklung: Chance oder Gefahr?

Es gab lange Zeit eine Diskussion, die die Frage der Kompetenzen fast ausschließlich im Sinne einer Zurichtung auf den Arbeitsmarkt, also mit Blick auf eine spätere Berufstätigkeit, verstanden hat. „Humankapital“ war für viele das entsprechende Reizwort. Wenn wir heute von Kompetenzen sprechen, so zielt das sehr viel mehr auf eine breite Aneignung allgemeiner Fähigkeiten zur Lebensführung. Es geht gewissermaßen um eine soziale, personale, emotionale und kognitive Alphabetisierung der nachwachsenden Generation. Nur mit einer entsprechenden Grundausstattung werden sich junge Menschen in einer modernen Gesellschaft zurecht finden können.

Diese Notwendigkeit hätte vermutlich auch Walter Hornstein gesehen. Deshalb ist die Betrachtung der Kompetenzen junger Menschen vor allem eine Chance, die gleichwohl Risiken birgt. Wir dürfen die Gefahren nicht aus dem Blick verlieren, aber wir sollten wegen vieler Befürchtungen auch nicht erstarren.

Frau Grgic, Herr Prof. Rauschenbach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

Links

Wichtige Ergebnisse der MediKuS-Studie im Überblick

DJI-Projekt „Medien, Kultur und Sport bei Jungen Menschen“ (MediKuS)

DJI-Studie „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A) 

Nationaler Bildungsbericht 2012

DJI Online Gespräch mit Prof. Dr. Rauschenbach zum Bildungsbericht

Kontakt
Mariana Grgic, DJI
Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Leiter des DJI



DJI Online / Stand: 25. September 2012

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