September 2011 mit Erich Sass, Manfred Bröring und Dr. Maik-Carsten Begemann (Forschungsverbund DJI/TU Dortmund)

In welchem Verhältnis stehen Freizeitverhalten, Mediennutzung und freiwilliges Engagement Jugendlicher zueinander? Ein Projektteam des Forschungsverbundes DJI/TU Dortmund hat im Kontext des DJI-Surveys AID:A (Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten) mögliche Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Engagementformen untersucht.
Ihr Fazit: Freiwillig engagierte Jugendliche nutzen das Netz im gleichen Maße wie ihre nicht engagierten Altersgenossen.
Computer und Internet sind integraler Bestandteil jugendlicher Freizeitgestaltung und alltägliches Hilfsmittel – auch im traditionellen Ehrenamt. Negative Einflüsse einer verstärkten Mediennutzung auf die Engagementbereitschaft Jugendlicher lassen sich nicht erkennen.

Herr Sass, nahezu alle Jugendlichen zwischen 13 und 20 Jahren haben in Deutschland Zugang zum Internet. Wie viele von ihnen nutzen das Netz für politische Aktivitäten?

Hier stellt sich zunächst einmal die Frage, was wir unter „politische Aktivitäten“ verstehen wollen. Versteht man politisches Handeln ausschließlich als Einmischung in tagesaktuelle Fragen, z.B. der Umweltpolitik, oder als Beteiligung an formellen politischen Gruppierungen (Parteien, Initiativen), dann lässt sich sagen, dass weniger als 10 Prozent der befragten Altersgruppe das Netz für derartige „politische“ Tätigkeiten nutzen. Hier scheint das Interesse insbesondere bei jüngeren Jugendlichen nicht sonderlich hoch.

Fasst man den Begriff des politischen Handelns aber weiter und bezieht beispielsweise auch den freiwilligen Einsatz in Jugendverbänden, Sportvereinen, im kulturellen Bereich und in anderen Organisationen ein, dann ist diese Gruppe größer. 22 Prozent der von uns befragten Jugendlichen sind freiwillig in Organisationen engagiert, und weitere 52 Prozent sind hier als Mitglieder aktiv. Drei Viertel der im engeren Sinne Engagierten nutzen das Netz im Rahmen dieser Tätigkeit. Besonders profitieren von den Möglichkeiten des Internets Jugendliche, die in der Informations- und Öffentlichkeitsarbeit der Organisationen tätig sind, Treffen und Veranstaltungen organisieren oder Vorstandstätigkeiten ausführen. Genutzt werden in erster Linie die vorhandenen Kommunikations- und Informationsangebote des Netzes. Eigene Homepages und Blogs der Jugendlichen oder auch die Nutzung spezieller Software für die Vereinsarbeit spielen hier nur eine geringe Rolle (vgl. Abschlussbericht, Kap. 5.2).

Es heißt oft, junge Männer würden am PC mehr spielen, Mädchen hingegen nutzten das Internet eher für die Kommunikation. Herr Bröring, schlägt sich dieser geschlechtsspezifische Nutzungsunterschied auch beim sozialen oder politischen Engagement im Web nieder?

Sie sprechen hier mit den sogenannten „Gamern“ eine Gruppe an, die sicherlich eher aus jungen Männern besteht, über eine vergleichsweise geringe Schulbildung verfügt und wenig Bereitschaft zum klassischen Engagement zeigt. Auch wenn diese Gruppe in den Medien häufig als der Prototyp des internetnutzenden Jugendlichen dargestellt wird, gehen wir davon aus, dass der Großteil der Jugendlichen ihre Zeit im Netz nicht unbedingt ausschließlich mit Spielen verbringt.

Um neue Formen internetgestützten Engagements herausfiltern zu können, haben wir in unserer Studie versucht, drei Gruppen zu identifizieren, die Vorformen eines (internetgestützten) Engagements 2.0 aufweisen.

Welche sind dies?

Die „politikinteressierten Internetnutzer/innen“ sagen von sich selbst, dass es bei ihren Internetaktivitäten auch um wichtige politische und gesellschaftliche Fragen geht. Sie haben bereits mindestens eine (der im Fragebogen vorgegebenen) politischen Aktivitäten im Internet ausgeführt, also eine Online-Petition unterschrieben, an einer Mailing-Aktion oder einer Online-Demo teilgenommen, den Online-Wahlkampf einer Partei unterstützt, an einem Flashmob/Carrotmob/Smartmob teilgenommen oder dazu beigetragen, durch Massenmails eine Webseite zu blockieren. Etwa 15 Prozent aller Befragten lassen sich dieser Gruppe zuordnen. Es handelt sich überwiegend um männliche und ältere Jugendliche mit höherer Bildung. Sie nutzen das Netz häufiger und intensiver als andere Heranwachsende und hier besonders die Informations- und Kommunikationsangebote. Sie betreiben häufiger einen eigenen Blog (16 Prozent) oder eine Homepage (23 Prozent) und zeigen sich bei allen Internetaktivitäten aktiver. Bemerkenswert erscheint uns, dass sie häufiger organisationsgebunden freiwillig engagiert sind als andere Jugendliche.

Und die zweite Gruppe?

Die zweite Gruppe haben wir als „Mitglieder von Internetgruppen“ bezeichnet. Sie umfasst ca. 13 Prozent aller Befragten, die sich von anderen darin unterscheiden, dass sie Internetaktivitäten im Rahmen einer Gruppe ausführen und zum Teil auch freiwillig Verantwortung im Rahmen dieser Gruppenaktivitäten übernehmen. Geschlechtsunterschiede können hier nicht festgestellt werden; außerdem sind eher Jugendliche mit mittlerer Bildung Gruppenmitglieder. Blogs und Homepages werden von diesen Jugendlichen häufiger betrieben als von den Nicht-Mitgliedern, auch die Beteiligung an Foren, Newsgroups etc. ist höher. Die Gruppenaktivität bezieht sich aber nicht nur auf den Austausch im Netz, sondern auch auf Aktionen in der nichtvirtuellen Welt. Fast zwei Drittel der Jugendlichen, die in einer Internetgruppe aktiv sind, haben sich schon mit anderen Gruppenmitgliedern persönlich getroffen. 15 Prozent hat sich schon einmal an einem Flashmob beteiligt.

Und welche Merkmale hat die größte Gruppe?

Die dritte und mit 47 Prozent größte Gruppe ist die der „Produzent/inn/en“. Dies sind Jugendliche, die sich an der inhaltlichen oder technischen Entwicklung des Internets beteiligen. Dass diese Gruppe vergleichsweise groß ist, liegt daran, dass bereits Beiträge in Newsgroups, Foren oder Wikis als „Produktionen“ zählten. Berücksichtigt wurden außerdem Jugendliche, die eigene Programme oder Applikationen programmieren und einstellen oder auf Hilfeforen anderen Personen Hilfe anbieten. Auch diese Gruppe besteht eher aus männlichen und älteren Jugendlichen. Bildungseffekte sind nicht feststellbar. Produzent/inn/en nutzen das Netz häufiger und intensiver als andere und betreiben auch häufiger eine eigene Homepage oder einen eigenen Blog. 74 Prozent dieser Gruppe stimmen der Aussage zu, dass das Netz Möglichkeiten bietet, selbst kreativ zu werden (vgl. Abschlussbericht, Kap. 6).

Können Sie konkrete Beispiele für mögliche Aktivitäten eines internetgestützten Engagements geben, Herr Sass?

Eigentlich finden wir kaum noch Engagementformen, die nicht zumindest in Ansätzen „internetgestützt“ sind. Die angehende Jugendleiterin hat ihren Juleica-Antrag online gestellt, versorgt ihre Jugendgruppe per E-mail mit Informationen zur Ferienfreizeit, informiert sich auf der Homepage ihres Bundesverbandes über anstehende Veranstaltungen und bestellt sich im Internetshop eines Outdoor-Anbieters einen neuen Schlafsack, über dessen Qualität sie dann in einem Online-Forum mit Gleichgesinnten diskutiert. Offline- und Online-Aktivitäten werden derart verknüpft, dass es zunehmend fraglich erscheint, ob diese sprachliche Trennung überhaupt noch sinnvoll ist.

Sicherlich gibt es auch „reine“ Online-Aktivitäten, die allein zuhause am Rechner ausgeführt werden. So haben 9 Prozent aller Befragten schon einmal eine Online-Petition unterschrieben oder an einer Mailing-Aktion bzw. einer Online-Demo teilgenommen, 6 Prozent den Online-Wahlkampf einer Partei unterstützt, 8 Prozent an einem Flashmob o.ä. teilgenommen und 2 Prozent dazu beigetragen, durch Massenmails eine Webseite zu blockieren. Allerdings sind bei näherer Betrachtung auch diese Formen politischer Beteiligung keine Erfindungen des Internets. Sit-Ins, Spontan-Aktionen, Blockaden und Massenbriefsendungen wurden schon von politischen Bewegungen früherer Jahrzehnte eingesetzt. Im Grunde genommen bringt das Internet keine neue Qualität in die Aktionen, wohl aber eine neue Quantität: Mehr Menschen können in kürzerer Zeit erreicht werden (vgl. Abschlussbericht, Kap. 4.4).

Herr Begemann, gibt es Anzeichen dafür, dass sich das soziale Engagement von Jugendlichen von der realen in die virtuelle Welt verlagern wird?

Nein, davon gehen wir nicht aus. Das durch die Medien geisternde Bild vom „Nerd“, der allein vorm Rechner sitzt, seine sozialen Kontakte nur in virtuellen Gruppen findet und auch seine politischen Aktivitäten auf das Agieren im Netz beschränkt, trifft auf die von uns untersuchte Gruppe nicht zu. Jugendliche nutzen das Netz als ein Mittel der Kontaktaufnahme und zur Kontaktpflege – ihre Freundschaften und sozialen Aktivitäten pflegen sie auch weiterhin im richtigen Leben.

Obwohl 30 Prozent der Jungen und 22 Prozent der Mädchen meinen, dass das Engagement im Internet auf Dauer andere Formen ablösen wird, verstehen sie darunter wohl eher einzelne Tätigkeiten im Rahmen des Engagements. So muss vielleicht in Zukunft niemand mehr Handzettel verteilen und Plakate kleben, um für einen Event zu werben, weil die Zielgruppe über die Kommunikation in den Sozialen Online-Netzwerken erreicht wird. Der Event selbst wird aber in absehbarer Zeit noch offline zu organisieren sein.

Haben Sie feststellen können, welche politischen Gruppierungen interaktive Features im Internet (Web 2.0) nutzen, um Jugendliche für ihre Anliegen zu interessieren und zu aktivieren?

Unsere Internetrecherchen zu Beginn des Projektes haben ergeben, dass nahezu alle politischen Gruppierungen das Netz nutzen, um Jugendliche anzusprechen. Hier spielen die Sozialen Online-Netzwerke sicherlich eine wichtige Rolle. Dass auch rechtsextreme Gruppen versuchen, mittels Facebook, Twitter, YouTube und anderer Internet-Plattformen Jugendliche zu ködern, ist bekannt. Allerdings standen in unserer Studie Fragen der individuellen Internetnutzung im Mittelpunkt. Der Frage, wie einzelne Organisationen das Netz für ihre Zwecke nutzen, sind wir empirisch nicht weiter nachgegangen.

In welche Richtung müssten nach Ihrer Einschätzung vertiefende Forschungsarbeiten gehen?

In der Tat wäre eine empirische Analyse der Netzangebote von Organisationen speziell für Jugendliche ein interessantes Forschungsfeld. Dabei sollte es nicht nur um Gruppierungen aus dem engeren politischen Bereich gehen, sondern auch um Organisationen des Dritten Sektors. Im Fokus sollte dabei stehen, wie diese das Web 2.0 nutzen, um mit Jugendlichen zu kommunizieren. Hier zeigt der erste, empirisch wenig abgesicherte Blick, dass die Bandbreite beträchtlich ist.

Inwiefern?

Während einige Organisationen die interaktiven Medien durchaus professionell einzusetzen scheinen, tun sich andere diesbezüglich schwer. Insbesondere der erforderliche hohe Aufwand an Kommunikation (und damit an Personalressourcen) scheint von vielen Organisationen nicht hinreichend berücksichtigt zu werden.

Ein weiteres interessantes Feld für die Jugend- und Engagementforschung ist die Untersuchung von neuen sozialen Disparitäten im Kontext der Nutzung des Web 2.0. Ziel muss dabei sein, strukturelle sowie kulturelle Einflussfaktoren auf gesellschaftlicher, kontextualer sowie individueller Ebene auszuloten, die zu solchen Disparitäten führen. Dies gilt umso mehr, als das Web 2.0 in Zukunft weiterhin an Bedeutung gewinnen wird. Gerade für Heranwachsende wird es immer mehr zu einem qualitativ wichtigen Sozialisationsort, als Bildungs- und Kompetenzerwerbsort, aber auch als Ort gesellschaftlicher und politischer Teilhabe.

Schließlich fehlt nach wie vor eine genauere, qualitativ angelegte Analyse der jugendlichen Mediennutzung im Zusammenhang mit freiwilligen Tätigkeiten. Von der Erkenntnis unseres Projektes ausgehend, dass in der Regel nicht das Netz selbst im Zentrum des Interesses steht, sondern nur Mittel zum Zweck ist, könnte erforscht werden, welches die eigentlichen Beweggründe für das Handeln sind, was die Jugendlichen antreibt und welche Rolle der Rechner und das Netz bei der Umsetzung von Ideen oder der Wahrnehmung von Interessen spielen. Im Grunde geht es um Fragen der Partizipation und darum, ob und wie die neue Technik die Möglichkeiten der Teilhabe beeinflussen kann bzw. verbessert.

Herr Begemann, Herr Bröring, Herr Sass, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

(Interview: Susanne John)

 

Literatur

Jugendliche Aktivitäten im Wandel. Gesellschaftliche Beteiligung und Engagement in Zeiten des Web 2.0. Endbericht

Dr. Maik-Carsten Begemann (Jg. 1971) ist promovierter Soziologe und seit 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsverbundes DJI/TU Dortmund. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kinder- und Jugendarbeit sowie Methoden der empirischen Sozialforschung

Manfred Bröring (Jg. 1983) ist Diplompädagoge und seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsverbundes DJI/TU Dortmund. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die Kinder- und Jugendhilfestatistik (insbesondere Jugendarbeit) sowie Freiwilliges Engagement.

Erich Sass M.A. (Jg. 1957) ist Soziologe und seit 2002 als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Forschungsverbund DJI/TU Dortmund tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kinder- und Jugendarbeit, Freiwilliges Engagement, Medien und Jugendkultur.

 

Links

Forschungsverbund: Deutsches Jugendinstitut und Technische Universität Dortmund

Projekt: Jugendliche Aktivitäten im Wandel. Gesellschaftliche Beteiligung und Engagement in Zeiten des Web 2.0

DJI-Survey AID:A (Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten)

Auswertung DJI-Survey AID:A: Soziale und politische Partizipation junger Menschen

DJI Online Thema 2011/09: Die Jugendfreiwilligendienste – Chancen und Herausforderungen

 

Kontakt

Erich Sass, TU Dortmund


DJI Online / Stand: 1. September 2011

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