Gespräch mit Tina Friederich, DJI

Frau Friederich, wie sieht in Deutschland derzeit die Ausbildung derjenigen aus, die später einmal in Kindertageseinrichtungen arbeiten möchten?

Hierzulande ist die Ausbildung seit 1908 staatlich geregelt. Sie dauerte anfangs ein Jahr und endete mit dem Abschluss „staatlich geprüfte Kindergärtnerin“. In der Weimarer Republik wurde die Ausbildung auf zwei Jahre verlängert und galt dann für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen. 1967 wurde die Ausbildungsdauer schließlich auf die heute geltenden drei Jahre angehoben mit dem Abschluss „Staatlich anerkannte Erzieherin“. Ergänzt wurde diese Ausbildung, die an einer Fachschule, bzw. -akademie absolviert wird, bis 1982 durch ein einjähriges Zugangspraktikum. Dann trat eine Rahmenvereinbarung der Kultusministerkonferenz in Kraft, die statt des einjährigen Zugangspraktikums eine mindestens zwei Jahre dauernde abgeschlossene Berufsausbildung vorsah. Außerdem ist ein mittlerer Schulabschluss Voraussetzung. Somit dauert die Ausbildung faktisch fünf Jahre, was für eine Berufsausbildung eine lange Zeit ist!

Die ErzieherInnenausbildung ist eine Ausbildung auf Fachschulniveau. Wie ist die Ausbildung frühpädagogischer Fachkräfte in anderen Ländern Europas organisiert?

Wie sich die Ausbildungsstrukturen für FrühpädagogInnen entwickelt haben, ist stark von den jeweiligen Systemen der Kinderbetreuung abhängig. Da Frankreich und England ein schulisches System der Vorschulerziehung entwickelt haben, übernehmen dort LehrerInnen die Aufgabe der Bildung von über Dreijährigen. Das bedeutet, dass dort Bildung und Betreuung getrennt voneinander gesehen werden, mit unterschiedlichem Stellenwert. Die akademisch ausgebildeten VorschullehrerInnen sind für die Bildung zuständig, während die Betreuung von Hilfspersonal übernommen wird.

In Schweden, Dänemark und Deutschland dagegen wird Bildung und Betreuung als Einheit verstanden. In Dänemark gibt es – ähnlich wie in Deutschland – eine wenig spezialisierte Breitbandausbildung zur „PädagogIn“, allerdings auf Hochschulniveau, und man ist in dreieinhalb Jahren fertig. In Schweden werden die VorschullehrerInnen dreieinhalb Jahre lang gemeinsam mit den Elementarlehrkräften an einer Universität ausgebildet. Voraussetzung ist die Hochschulreife, wodurch bereits deutlich wird, dass hier ein entscheidender Unterschied zu Deutschland besteht. Ein Hochschulstudium ist aber nicht mit einer Ausbildung gleichzusetzen, auch wenn sie ähnlich lange dauert.

Wie groß ist der Anteil der AkademikerInnen, die in den genannten Ländern im Vorschulbereich tätig sind?

Dänemark hat mit einem Anteil von 60 Prozent AkademikerInnen formal den höchsten Anteil an hochschulisch gebildeten Beschäftigten in den Kindertagesstätten. Die anderen 40 Prozent verfügen über eine nur sehr einfache Ausbildung. Auch Frankreich beschäftigt neben den VorschullehrerInnen AssistentInnen, die keine oder nur eine geringe Ausbildung haben. In Schweden hat gut die Hälfte der Fachkräfte in den Vorschulen ein Hochschulexamen, aber 40 Prozent sind Fachkräfte mit dreijähriger Ausbildung. Die Hilfskräfte im Bildungsbereich in England verfügen über eine zweijährige Ausbildung, daneben gibt es jedoch im Betreuungssektor einen sehr hohen Anteil an unqualifiziertem Hilfspersonal.

Deutschland hat bekanntlich mit 2,6 Prozent hochschulisch Gebildeten besonders wenig AkademikerInnen in den vorschulischen Einrichtungen. Dennoch sind die Beschäftigten in deutschen Kindertageseinrichtungen zu über 70 Prozent fachlich qualifiziert und werden ergänzt durch KinderpflegerInnen, die ebenfalls eine zweijährige Ausbildung vorweisen können. Die Schlussfolgerung lautet also, dass es zwar wenig Personal auf Hochschulniveau gibt, daneben aber kaum unqualifizierte Kräfte.

Welche Reformanstrengungen werden derzeit in den anderen europäischen Ländern unternommen?

Dänemark, Schweden und in starkem Maße England reagieren auf den aktuell steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften immer wieder mit Reformen und neuen Programmen. Konflikte entstehen dabei zum Beispiel durch die unterschiedlichen Ausbildungsniveaus, wenn keine klaren Aufgabentrennungen vorliegen. In den sozialpädagogischen Settings scheinen dabei insgesamt weniger Konflikte aufzutreten als in den schulisch geprägten Einrichtungen.

Die OECD kritisiert an der Ausbildung der hochschulischen Fachkräfte in Schweden, England und Frankreich die fehlende Spezialisierung auf die Vorschule. Allerdings gehen die Reformbestrebungen in diesen Ländern in unterschiedliche Richtungen. Das pädagogische Hilfspersonal in Frankreich kritisiert am stark verschulten System außerdem, dass von den Dreijährigen zu viel gefordert und zu wenig Rücksicht auf deren Bedürfnisse genommen werde. Zu wenig Spielzeit, zu wenig individuelle Zuwendung, zu viel wechselnde Betreuungspersonen lauten die Stichworte.

Welchen Ausblick würden Sie aufgrund Ihrer Recherchen für Deutschland entwerfen?

In Deutschland ist ja mit der Schaffung von Fachschulen und Fachakademien ein Zwischenstatus entstanden, da die Fachkräfte zwar einen tertiären Bildungsabschluss haben, aber noch keine hochschulische Ausbildung. Zukünftig werden aber auch in deutschen Kindertageseinrichtungen sicher mehr AkademikerInnen tätig sein – u.a. wegen der gestiegenen Anforderungen an die Fachkräfte und dem damit verbundenen erhöhten Reflexionsbedarf. Daher wird vermutet, dass eine hochschulische Ausbildung die Fachkräfte besser auf diese Aufgaben vorbereiten kann. Allerdings ist noch unklar, wie die Verzahnung mit der Praxis aussehen wird.

Aber jenseits der Frage der Akademisierung brauchen wir für den Reformprozess zunächst einmal eine Reflexion darüber, was frühpädagogische Fachkräfte an Wissen und Kompetenzen in ihrem Beruf benötigen. Leider bietet die Forschung an dieser Stelle noch wenig Aufschluss, daher wäre hier zunächst anzusetzen. Daneben ist eine Ausbildung frühpädagogischer Fachkräfte auf unterschiedlichen Ebenen hilfreich, die in der Praxis zusammen arbeiten und unterschiedliche Positionen besetzen könnten. Ein Manko der fachschulischen Ausbildung scheint die mangelnde Vorbereitung auf die Reflexion des beruflichen Alltags unter Bezugnahme auf wissenschaftliche Theorien und Modelle zu sein. Es wird erwartet, dass akademisch ausgebildete frühpädagogische Fachkräfte das leisten können.

Mit den ersten AbsolventInnen der mittlerweile 65 frühpädagogischen Studiengänge sollte zunächst das Verhältnis zwischen KinderpflegerInnen, ErzieherInnen und akademisch ausgebildeten Fachkräften geklärt werden. Bislang ist unklar, welche Rolle die zukünftigen AbsolventInnen in der Praxis spielen, wo sie eingesetzt und wie sie bezahlt werden.

Generell geht es um eine Professionalisierung der frühpädagogischen Kräfte auf den verschiedenen Ausbildungsebenen, die wir mit der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WIFF) vorantreiben möchten. Die Initiative nimmt neben der Ausbildung verstärkt die Fort- und Weiterbildung ins Visier, da eine einmalige Qualifizierung sicher nicht für das langfristige Ausüben einer Tätigkeit im Bereich frühkindliche Bildung und Betreuung ausreicht und auf diese Weise dem Wandel von Anforderungen Rechnung getragen werden könnte.

Frau Friederich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Links
DJI-Abteilung Kinder- und Kinderbetreuung
DJI-Projekt Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WIFF)

Kontakt
Tina Friederich, DJI


DJI Online / Stand: 1. September 2009