Gespräch mit Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Frau Professor Pott, Sie sind selbst ausgebildete Fachärztin. Werden Ärztinnen und Ärzte während ihres Studiums auch in psychologischer Hinsicht ausreichend auf das Erkennen und Einschätzen möglicher Gefährdungen von Kleinkindern vorbereitet?

Ärztinnen und Ärzte eignen sich im Verlauf ihres Studiums und ihrer Ausbildung ein breit gefächertes medizinisches Fachwissen an. Kinderärztinnen und Kinderärzte erwerben in ihrer Ausbildung ein spezielles Wissen über die gesunde Entwicklung von Kindern, zu der grundsätzlich die körperliche und seelische Entwicklung gehört. Doch gerade das Erkennen und Einschätzen möglicher psychologischer Probleme von Kleinkindern kann unter Umständen sehr schwierig sein. Deshalb sollten Ärztinnen und Ärzte zusätzlich durch geeignete Fortbildung frühe Anzeichen von Verhaltensstörungen und psychischen Auffälligkeiten bei Kindern besser erkennen lernen. Hier gibt es Fortbildungsangebote der berufsständischen Organisationen und der Berufsverbände.

Für die praktische Arbeit ist in Verdachtsfällen eine enge Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe wichtig. Der Austausch aus dem jeweils speziellen Bereich der Medizin und der Jugendhilfe führt zu einer besseren Einschätzung der Risikosituationen. Dies ist besonders bei sehr kleinen Kindern wichtig, bei denen gesundheitliche Risiken sehr schnell fatale Folgen haben können. Es sollte die interdisziplinäre Fortbildung von Kinder- und Jugendärzten und Mitarbeitern der Jugendhilfe ausgebaut werden, damit medizinische und psychosoziale Aspekte von Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung zuverlässiger erkannt werden.

Wenn Krankenhäuser und Ärzteschaft stärker in die Frühwarnsysteme eingebunden werden, übernehmen sie automatisch auch mehr Verantwortung. Eine Verantwortung, die in tragischen Einzelfällen schnell dazu führen kann, dass sie mit der Schuldfrage verknüpft wird. Eine Erfahrung, die Jugendämter schon gemacht haben. Ein Grund für Ärzte und Ärztinnen, hier nicht mitspielen zu wollen?

Ärztinnen und Ärzte haben auch schon vor der Einbindung in soziale Frühwarnsysteme Verantwortung im Kinderschutz übernommen. Die ärztliche Schweigepflicht wird allseits als hohes Rechtsgut betrachtet und ist die wesentliche Grundlage für ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis. Die Rechte des Patienten werden damit geschützt. Allerdings können Ärztinnen und Ärzte bei einem Verdacht auf körperliche Misshandlung, sexuellem Missbrauch oder Vernachlässigung von der Schweigepflicht entbunden werden. Denn werden im Verlauf einer Behandlung Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung festgestellt, kann die Ärztin oder der Arzt zur Abwendung der Gefährdung auch ohne Einwilligung der Eltern beispielsweise das Jugendamt informieren. Gemäß § 34 StGB (Rechtfertigender Notstand) ist dies – nach Abwägung der widerstreitenden Rechtsgüter Schweigepflicht und Kindeswohl – nicht rechtswidrig, wenn das Ergebnis lautet: Die Gefährdung für das Kind kann nur durch diesen Schritt abgewendet werden. Wichtig für die Ärztinnen und Ärzte ist dabei, den Abwägungsprozess und die Entscheidung zu dokumentieren.

Aus diesem Grund bin ich davon überzeugt, dass die Beteiligung der Ärzteschaft an sozialen Frühwarnsystemen bzw. Netzwerken früher Hilfen nicht ein Mehr an Verantwortung bedeutet, sondern vor allem die Handlungssicherheit für die Ärztinnen und Ärzte erhöht. Ein Ziel sozialer Frühwarnsysteme besteht darin, sichere Übergänge von einem Hilfesystem in das nächste zu schaffen. Dies beinhaltet zunächst ein Wissen über die Möglichkeiten und Grenzen der beteiligten Hilfesysteme. Wenn Ärztinnen und Ärzte innerhalb eines sozialen Frühwarnsystems bereits im präventiven Bereich von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung mit Einrichtungen der Jugendhilfe kooperiert haben, ist davon auszugehen, dass die Zusammenarbeit im Ernstfall – bei einer akuten Kindeswohlgefährdung – störungsfreier verlaufen wird. Letztlich geht es beim Kinderschutz nicht darum, Verantwortung von einem System auf das nächste „abzuwälzen“, sondern innerhalb eines Netzwerks gemeinsam Verantwortung für das Wohl gefährdeter Kinder zu übernehmen.

Wie kann vermieden werden, dass durch restriktivere Kontrollen das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Familie beeinträchtigt wird und Ärzte als „Spione“ in Misskredit geraten?

Wie bereits erwähnt, basiert das Arzt-Patienten-Verhältnis auf einer besonderen Vertrauensbeziehung. Diese Beziehung wäre dann gefährdet, wenn Ärztinnen und Ärzte Kontrollinstanzen werden würden, die Familien – ohne deren Wissen – ausspionieren. Aber im Mittelpunkt der Arbeit von Ärztinnen und Ärzten steht nach wie vor der Aspekt des Helfens. Aus diesem Grund sollen festgestellte Auffälligkeiten offen mit den Eltern angesprochen und auf mögliche Hilfs- und Unterstützungsangebote hingewiesen werden. Wenn sich Ärztinnen und Ärzte über das weitere Vorgehen noch unsicher sind, haben sie auch die Möglichkeit der anonymisierten Fallberatung beim Jugendamt.

In diesem Zusammenhang wurde in den vergangenen Monaten diskutiert, ob Früherkennungsuntersuchungen als Instrument zur Prävention und Aufdeckung von Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung genutzt werden können. Hierzu sind Früherkennungsuntersuchungen allein sicherlich nicht geeignet. Allerdings können im Rahmen von Früherkennungsuntersuchungen gegebenenfalls Auffälligkeiten festgestellt werden, die Hinweise auf Probleme geben, die mit den Eltern angesprochen werden sollten. Dabei kann auf Hilfs- und Unterstützungsangebote hingewiesen werden.

Wie schätzen Sie generell die Bereitschaft auf Seiten des Gesundheitswesens ein, mit Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Wohlfahrtsverbänden u.ä. zu kooperieren?

Das Team des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) hat seit seiner Gründung auf mehr als 90 Veranstaltungen seine Aufgaben und die Thematik „Frühe Hilfen“ vorgestellt. Die Anfragen kamen und kommen sowohl von Verbänden und Institutionen aus dem Gesundheitswesen als auch der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Ebenso erlebt das NZFH bei seinen Fachtagungen und Regionalkonferenzen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen am Kinderschutz beteiligten Bereichen teilnehmen. Darüber hinaus wird das NZFH von einem Fachbeirat begleitet, dessen Mitglieder aus einem breiten Spektrum unterschiedlichster Institutionen und Organisationen berufen wurden. Dort sind unter anderem vertreten: die Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege, Spitzenverbände der Sozialen Arbeit und Jugendhilfe, die Bundesärztekammer sowie unterschiedliche Berufsverbände der Ärztinnen und Ärzte und des medizinischen Personals.

Deshalb gehe ich generell von einer hohen Kooperationsbereitschaft zwischen den unterschiedlichen Systemen im Feld Früher Hilfen aus. Es wird aber letztlich vor Ort entschieden, wie gut sich die Systeme miteinander vernetzen. Dafür müssen auch die Rahmenbedingungen und ganz konkrete, verbindliche Absprachen geschaffen werden. Hierzu haben Bund und Länder in Zusammenarbeit mit Kommunen und mit Unterstützung des NZFH in Umsetzung des Auftrages aus der Konferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefs der Länder vom 19. Dezember 2007 zum Beschlusspunkt "1. Starke Netze für Kinder und Eltern knüpfen" Vorschläge für vernetzte Strukturen und regelhafte soziale Frühwarnsysteme und Fördersysteme entwickelt. Die im Rahmen des Bundesaktionsprogramms „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und Soziale Frühwarnsysteme“ vom NZFH geförderten Projekte haben zum Teil den Auftrag, Bedingungsfaktoren für eine gute Vernetzung herauszuarbeiten.

Eine Schlüsselposition nehmen auch Hebammen und Krankenschwestern ein: einerseits für die frühe Identifizierung von Risikofaktoren und andererseits als mögliche Brückenbauerinnen zwischen Einrichtungen des Gesundheitswesens und der Kinder- und Jugendhilfe. Von welcher Seite und in welcher Hinsicht brauchen diese Berufsgruppen zukünftig (mehr) Unterstützung?

Es ist wichtig, dass innerhalb der Netzwerke Früher Hilfen auch Hebammen und Krankenschwestern entsprechend geschult werden. Krankenschwestern haben beispielsweise in Geburts- und Kinderkliniken häufiger Kontakt zu Eltern und ihren Kindern als Ärzte. Sie erleben die Eltern im täglichen Umgang mit ihrem Kind und können dabei auch Unsicherheiten und Unterstützungsbedarfe unmittelbar wahrnehmen. Hierzu ist es aber wichtig für sie zu wissen, worauf sie achten müssen und wie sie, insbesondere auf belastete Eltern, zugehen können.

Hebammen sind durch die aufsuchende Arbeit ganz nah am Familiengeschehen. Dies gilt insbesondere für die Familienhebammen, die belastete Familien bis zu einem Jahr nach der Geburt des Kindes begleiten. Das bedeutet zwar einerseits, dass auch sie recht schnell sehen, wo Unterstützungsbedarfe liegen, stellt andererseits aber auch eine hohe Belastung dar, weil sie sehr direkt mit den Familien zusammenarbeiten. Deshalb sollte es neben der notwendigen Aus- und Fortbildung immer auch eine begleitende Supervision für die Fachkräfte geben.

Schließlich müssen auf Seiten der Kostenträger (Bund, Länder, Kommunen, Krankenversicherungen) Vereinbarungen getroffen werden, wie die wertvolle Arbeit der Familienhebammen zukünftig vergütet und möglicherweise in die Regelfinanzierung aufgenommen werden kann.

 

Prof. Dr. Elisabeth Pott (Jg. 1949), Ärztin für öffentliches Gesundheitswesen, ist Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln. Sie arbeitete nach ihrem Medizinstudium (in Bonn und Kiel) und ihrer Promotion seit 1976 als Chirurgin, wechselte 1978 als Referentin für Gesundheitsvorsorge und Früherkennung in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zum Bundesministerium für Arbeit und wurde 1981 Referatsleiterin im Niedersächsischen Sozialministerium. Seit 1986 ist sie Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Sie hat eine Professur an der Medizinischen Hochschule Hannover im Fachbereich Sozialmedizin.

Links
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung www.bzga.de

Die BZgA ist die größte nationale Bundesbehörde zur Prävention und Gesundheitsförderung und wird durch zwei Bundesministerien teilfinanziert (Gesundheit und Familie). Sie verbindet vielfältige massenmediale Kampagnen mit interpersonalen Aufklärungsaktivitäten, z.B. beim „Flaggschiff“ Aids-Aufklärung, in der Drogen- und Suchtprävention, Sexualaufklärung oder zur Blut- und Organspende.

Kontakt
Prof. Dr. med. Elisabeth Pott
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Ostmerheimer Straße 220
51109 Köln
Tel.: 0221/ 89920

E-Mail: elisabeth.pott(at)bzga.de


DJI Online / Stand: 1. September 2008