Gespräch mit MinDirig. Hans Konrad Koch, Bundesministerium für Bildung und Forschung

Herr Koch, warum befürwortet die Bundesregierung den Ausbau der Ganztagsschulen?

Mit Ganztagsschulen wollen wir Schülerinnen und Schülern in Deutschland bessere Bildungschancen eröffnen. Im Mittelpunkt steht deshalb die Entwicklung einer neuen Lern- und Lehrkultur: mit mehr individueller Förderung der Schülerinnen und Schüler, mehr sozialem Lernen, besserem Unterricht durch die Verzahnung von schulischen Unterrichtsangeboten mit außerschulischen Bildungs- und Freizeitangeboten, einer Öffnung der Schulen für außerschulische Partner, der intensiven Einbeziehung von Eltern und Schülern und der gemeinsamen Qualifizierung derjenigen, die Ganztagsschule prägen, sowohl der Lehrenden als auch der Partner, die von außen dazukommen. Zweitens wollen wir die Eltern unterstützen, die sich vor die immer noch schwierige Aufgabe gestellt sehen, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Welchen Beitrag können die Ganztagsschulen zur Nachhaltigkeit von Bildung leisten?

Ganztagsschulen ermöglichen eine Pädagogik der Vielfalt, die Schülerinnen und Schüler ernst nimmt mit ihren individuellen Interessen und Fähigkeiten, und die von den Stärken ausgeht, die jedes Kind mitbringt, die verschiedene Lernwege zulässt und unterschiedliche Lernvoraussetzungen berücksichtigt. Dies ist gleichermaßen Voraussetzung für das Vermeiden und den rechtzeitigen Abbau von Benachteiligungen wie für das frühzeitige Erkennen und Fördern von Begabungen. Insofern sind Ganztagsschulen wesentliche Instrumente eines grundlegenden Umdenkens und Umsteuerns hin zu einem individuell fördernden und fordernden Bildungssystem. Sie können damit dazu beitragen, den dramatischen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland zu überwinden.

Welche Unterstützung erhalten Kommunen bei der Einrichtung von Ganztagsschulen?

Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Kommunen sowohl als Schulträger als auch als Träger der Jugendhilfe durch die Investitionsmittel des Bundes finanziell entlastet werden. Darüber hinaus ist nicht zu unterschätzen, dass Ganztagsschulen als Orte der Vernetzung eine sehr positive Rolle im kommunalen Umfeld spielen können. Ein wichtiger Beitrag zum Gelingen der neuen Ganztagsangebote wird ja gerade durch die Zusammenarbeit der Ganztagsschulen mit Partnern im kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Umfeld geleistet. Wichtig ist, dass die Kommune selbst der Motor dieses Prozesses ist, um zum Beispiel Barrieren zwischen Schule und Jugendhilfe zu überwinden. Ein Schlüssel hierfür ist die gemeinsame Fortbildung für Lehrerinnen und Lehrer sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendhilfe.

Wie viele Schulen nehmen das Investitionsprogramm des Bundes in Anspruch?

Nach dem aktuellen Stand der Erhebungen liegen wir bei rund 5.800 durch das Investitionsprogramm geförderten oder 2006 zur Förderung vorgesehenen Ganztagsschulen. 76 Prozent dieser Schulen sind neue Ganztagsschulen, 14 Prozent schaffen zusätzliche Ganztagsplätze in bereits bestehenden Ganztagsschulen, und bei 10 Prozent handelt es sich um die qualitative Weiterentwicklung bestehender Ganztagsschulen, etwa durch ein gemeinsames pädagogisches Konzept für Schule und Hort. Ein Schwerpunkt der Förderung liegt im Primarbereich: 51 Prozent der geförderten Schulen sind Grundschulen. Die Investitionsmittel werden von den Ländern auf Grund unterschiedlicher Antrags- und Bewilligungsverfahren unterschiedlich schnell abgerufen. Inzwischen teilen uns jedoch alle Länder mit, dass die beantragten Mittel die Fördermöglichkeiten bei weitem übersteigen. Mehrere Länder haben deshalb bereits zusätzliche Landesprogramme aufgelegt.

Wo liegen Ihrer Erfahrung nach die größten Schwierigkeiten und/oder Widerstände?

Der Film Treibhäuser der Zukunft. Wie in Deutschland Schulen gelingen von Reinhard Kahl zeigt, dass wir auch in Deutschland bereits vorzügliche Beispiele für gelungene Ganztagsschulen finden. Aber zugleich machen erste Erhebungen der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) deutlich, dass die meisten der mit dem Investitionsprogramm geförderten Schulen noch am Anfang der Entwicklung stehen. Die Verwirklichung einer neuen Lern- und Lehrkultur kann nur schrittweise gelingen. Dabei erreichen auch offene Ganztagsschulen bereits wichtige Erfolge. Schwierigkeiten und Widerstände bleiben natürlich gerade dann, wenn die Schulen sich auf den Weg machen, nicht aus das beginnt bei der Neuorganisation von Räumen, es betrifft den Aufbau von Kooperationen mit außerschulischen Partnern, und das umfasst auch Diskussionen des Kollegiums über veränderte Arbeits- und Präsenzzeiten der Lehrerinnen und Lehrer.

Ganz wichtig ist es deshalb, die neuen Ganztagsschulen bei ihren ersten Schritten hin zu einer besseren individuellen Förderung von Kindern und Jugendlichen zu begleiten. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt daher in enger Zusammenarbeit mit den Ländern Schulen und Schulträger bei der inhaltlichen Gestaltung der neuen Ganztagsangebote mit einer Reihe von Maßnahmen, die eng miteinander verzahnt werden. Zu nennen sind hier vor allem das Begleitprogramm Ideen für Mehr! Ganztägig lernen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, aber auch handlungsorientierte Forschungsvorhaben beispielsweise zu Gelingens- und Misslingensbedingungen der Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe und die bereits erwähnte wissenschaftliche Begleitforschung StEG.

Ein Großteil der Nachmittagsangebote ist nicht verpflichtend. Gibt es Erkenntnisse darüber, wie stark diese Angebote generell genutzt werden?

Fragen wie diese werden mit StEG untersucht. Verlässliche Aussagen werden jedoch erst auf der Grundlage einer Erhebung im Laufe des beginnenden neuen Schuljahres möglich sein. Grundsätzlich ist aber festzustellen, dass die Teilnahmequoten sehr unterschiedlich sind, je nachdem ob es sich um eine offene Ganztagsschule, ein teilgebundenes oder ein vollgebundenes Modell handelt. Die Teilnehmerzahlen variieren jedoch auch in Abhängigkeit von der Schulform. Gleichwohl ist zu erkennen, dass auch nicht verpflichtende Angebote wie beispielsweise eine Hausaufgabenbetreuung ein Fortschritt sind, der dazu beiträgt, Ungleichheiten auszugleichen.

Machen Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Schichten oder Jugendliche mit Migrationshintergrund (mehr oder weniger) Gebrauch von diesen freiwilligen Angeboten der offenen Ganztagsschule?

Auch hier wird uns StEG schon bald verlässliche Informationen liefern. Nach den bisherigen Erkenntnissen und dabei beziehe ich mich auf Befunde aus dem jüngst veröffentlichten Bildungsbericht nehmen Migrantenkinder ebenso häufig an den Angeboten der offenen Ganztagsschulen teil wie Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund. Die vorliegenden Daten zeigen dabei auch, dass die Teilnahme an spezifischen Angeboten zwischen den Migrantengruppen differieren. Das unterstreicht, dass man den Blick nicht nur darauf werfen sollte, ob Migrantenkinder oder Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Schichten Ganztagsangebote besuchen, sondern auch untersuchen sollte, welche Angebote genutzt werden.

Wie schätzen Sie die zukünftige bundesweite Entwicklung der Ganztagsschulen ein?

Mit dem Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung hat der Bund eine Entwicklung aufgegriffen und erheblich beschleunigt, die in einzelnen Ländern bereits im Gange oder im Stadium fortgeschrittener Planung war. Inzwischen haben wir in allen Ländern einen Stand der Entwicklung erreicht, der ohne das Programm nicht vorstellbar wäre. Da das Ziel des Programms, ein bedarfsgerechtes Angebot an Ganztagsschulen aufzubauen, von allen politischen und gesellschaftlichen Kräften mitgetragen und von mehreren Ländern durch eigene Landesprogramme zusätzlich unterstützt wird, bin ich für die Zukunft sehr zuversichtlich.

Herr Koch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!


Hans Konrad Koch
(Jg. 1942) ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte Jura und Politik in Freiburg, Paris und Marburg. Seit 1972 ist er im Bundesbildungsministerium (BMBW/BMBF) tätig. Von 1996 bis 1999 leitete er die Entwicklungsabteilung der European Training Foundation in Turin und von 1999 bis 2002 den Arbeitsstab Forum Bildung. Seit 2002 ist er Leiter der Abteilung Lebenslanges Lernen, Bildungsforschung, Weiterbildung .

Kontakt: hanskonrad.koch@bmbf.bund.de

Internet: www.bmbf.de und www.ganztagsschulen.org

DJI Online / Stand: 1. September 2006