Gespräch mit Sibylle Friedrich, DJI Stipendiatin aus Hamburg

Sibylle Friedrich ist Diplom-Psychologin. Seit April 2005 ist sie Gastwissenschaftlerin am DJI. Sie hat untersucht, wie die informellen Netzwerke von Familien, die Familienhilfe in Anspruch nehmen, besser genutzt werden können. Wir haben mit ihr über die Ergebnisse gesprochen.

Frau Friedrich, Sie haben sich für die Endphase Ihrer Dissertation um ein DJI-Stipendium beworben. WSibylle Friedrichelches Thema bearbeiten Sie?
Es geht ganz konkret um Aktivierung informeller Unterstützungsnetzwerke von Familien, die Sozialpädagogische Familiehilfe - also eine bestimmte Form der Hilfen zur Erziehung nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz - in Anspruch nehmen.

Was müssen wir uns in diesen Fällen unter einem Netzwerk vorstellen? Wer gehört potenziell dazu?
Das sind zu allererst Familienmitglieder, also Eltern und Geschwister aus der Herkunftsfamilie sowie der Partner oder die Partnerin und die eigenen Kinder. Auch entferntere Verwandte spielen oft eine Rolle und können sehr unterstützend sein. Dazu kommen bei den meisten Menschen FreundInnen und Bekannte, evtl. auch Kontakte in der Nachbarschaft oder im Kollegenkreis. Natürlich gehören auch professionelle HelferInnen zum sozialen Netzwerk der Familien, und die FamilienhelferInnen nehmen hier eine besondere Stellung ein. In meinem Forschungsprojekt stand ihre Unterstützungsleistung jedoch nicht im Fokus, da sie keine informellen Bezugspersonen der betreffenden Familien sind.

Aber brauchen diese Familien nicht gerade deswegen die professionelle Familienhilfe, weil sie über keine oder nur über unzureichende Netzwerke verfügen?
Sicherlich ist es richtig, dass Familien, die Familienhilfe in Anspruch nehmen, dies auch deshalb tun, weil die soziale Unterstützung ihres privaten Umfeldes nicht ausreicht, um die Alltagsprobleme zu bewältigen. Daraus aber zu schlussfolgern, die Familien verfügten über gar keine hilfreichen informellen Kontakte, birgt die Gefahr, wertvolle soziale Ressourcen zu übersehen. Die Analyse der sozialen Netzwerke der am Projekt beteiligten Familien hat vielmehr gezeigt, dass sehr wohl eine ganze Reihe von Netzwerkmitgliedern vorhanden sind, die auch auf vielfältige Weise bereits Unterstützung leisten. Offenbar geht es für die Betroffenen eher darum zu lernen, die vorhandenen sozialen Ressourcen zu nutzen und zu erhalten.

Ihre Idee war nun, die FamilienhelferInnen so zu schulen, dass sie den Ausbau und die Nutzung der vorhandenen Netzwerke aktiv vorantreiben.

Für diese Idee gibt es Vorbilder. Ermutigende Ergebnisse kommen beispielsweise aus den Niederlanden, aus Skandinavien und aus den USA, wo mit einer anderen Selbstverständlichkeit auf die informellen sozialen Ressourcen der KlientInnen zurückgegriffen wird, um die formellen Hilfsangebote nicht nur zu ergänzen, sondern auch, um ihre Nachhaltigkeit zu gewährleisten.
Der Grundgedanke dabei ist, dass jede staatliche Hilfe zur Erziehung irgendwann beendet wird, es also neben der Stärkung personaler Ressourcen in jeder Hilfeform auch um die Stärkung sozialer Ressourcen gehen muss, also darum, Unterstützungsleistungen in das natürliche Netzwerk der Familien zurück zu verlagern.
In Deutschland hat es mit AIB (Ambulante Intensive Begleitung) ja ebenfalls bereits ein netzwerkorientiertes Angebot im Jugendhilfebereich gegeben - allerdings waren die Zielgruppen da nicht Familien, sondern Jugendliche. Ansonsten wird dieser Gedanke aber in der bundesdeutschen Sozialarbeit - obwohl er keinesfalls neu ist - noch wenig umgesetzt. Netzwerkarbeit wird vielmehr zumeist verstanden als Vernetzung der Hilfeeinrichtungen untereinander, teilweise ergänzt durch ein Bemühen darum, die KlientInnen im Stadtteil sozial zu integrieren. SozialpädagogInnen, die mit der Betreuung der Familien betraut sind, haben deren Bezugspersonen selten im Blick und die persönlichen Bindungen zu Verwandten, FreundInnen oder Nachbarn werden kaum gezielt analysiert, gefördert oder genutzt.

Die Wirksamkeit solcher Netzwerk-Maßnahmen ist noch wenig erforscht. Wie sind Sie vorgegangen?
Quantitative Wirksamkeitsforschung ist auf diesem Gebiet wirklich rar, was man bereits daran erkennen kann, dass in den USA trotz jahrzehntelanger Tradition, netzwerk- und ressourcenorientiert zu arbeiten, bisher lediglich fünf Studien mit Kontrollgruppendesign vorliegen. Das liegt unter anderem daran, dass es nahezu unmöglich ist, in der Praxis der Sozialen Arbeit Familien nach dem Zufall auf zwei äquivalente Gruppen zu verteilen, von denen nur die eine die zu beforschende Maßnahme erhält.
Ich habe mich darum für den Einsatz einer sorgfältig gematchten Kontrollgruppe entschieden. Die 20 FamilienhelferInnen der Untersuchungsgruppe erhielten ein Training in den von mir weiter entwickelten netzwerkorientierten Interventionsmethoden und den Auftrag, diese in den darauf folgenden neun Monaten selbstständig in ihre Berufspraxis in 26 laufenden Fällen zu integrieren. Die Fälle der Kontrollgruppe wurden mit traditioneller Familienhilfe bearbeitet, wobei die dort eingesetzten KollegInnen nicht in der Methodik geschult wurden. Insgesamt konnten acht Träger ambulanter Jugendhilfe in Hamburg zur Mitarbeit gewonnen werden.
Die betreuten Familien aus beiden Gruppen habe ich dann jeweils vor und nach dem Interventionszeitraum mithilfe eines standardisierten Interviews (Mannheimer Interview zur sozialen Unterstützung) zu ihrem Netzwerk befragt.

Mit welchem Ergebnis?
Die Netzwerk- und Unterstützungsanalyse hat ergeben, dass die beteiligten Familien insofern von dem Netzwerkfokus profitiert haben, als dass die Unterstützungsleistung, die sie aus ihrem sozialen Netzwerk ziehen konnten, in der Untersuchungsgruppe im Gegensatz zur Kontrollgruppe gestiegen ist, wenn auch nur im Teilbereich der Alltagsunterstützung signifikant (auf dem 5%-Niveau).
Im Bereich der Krisenunterstützung gab es in beiden Gruppen keinen signifikanten Anstieg der wahrgenommenen sozialen Unterstützung. Parallel dazu hat der Bedarf an zusätzlicher sozialer Unterstützung, also die Unzufriedenheit mit ihrem aktuellen Ausmaß in der Untersuchungsgruppe um ein Drittel abgenommen, während er in der Kontrollgruppe stagnierte, wobei dieses Ergebnis ebenfalls signifikant auf dem 5%-Niveau ist.
Aus Sicht der befragten KlientInnen wurden in dem neunmonatigen Untersuchungszeitraum zudem fast doppelt so viele Hilfeziele, die in den Erziehungskonferenzen zuvor schriftlich vereinbart wurden, in der Untersuchungsgruppe wie in der Kontrollgruppe erreicht. Diese Differenz ist signifikant auf dem 1%-Niveau. Insofern konnten die Hypothesen, die mit der Implementierung dieser Methoden verbunden waren, weitgehend bestätigt werden.

Also auf Seiten der Familien eine erfolgversprechende Bilanz. Und auch die FamilienhelferInnen müssten doch sehr froh über die positiven Ergebnisse Ihrer Studie sein, weil sie dadurch entlastet werden ...
Inzwischen sind sie das auch. Der Zeitpunkt der Implementierung der netzwerkorientierten Methoden in die Familienhilfe war aber insofern etwas unglücklich gewählt, als dass er mit teilweise drastischen Stundenkürzungen zusammen fiel. Die den Methoden zugrunde liegende ressourcenorientierte Haltung erzeugte bei einigen PraktikerInnen zunächst die Befürchtung, sich durch ihren Einsatz als professionelle HelferInnen "überflüssig" zu machen, da ja nun dem informellen Netzwerk der Familien eine solch hohe Bedeutung zugemessen werden sollte.
Damit gerieten die Methoden in den Verdacht, die Kürzungen im Sozialbereich zu unterstützen, da sie scheinbar mit der angestrebten Steigerung der Effektivität ambulanter Hilfen ein ähnliches Ziel wie diese verfolgten. Da wurden einfach zwei Dinge zusammengeworfen, die eigentlich wenig miteinander zu tun hatten. Unter anderem war aus diesem Grund die Konzepttreue dann auch nicht so hoch, wie ich es mir gewünscht hätte.
Dazu kam, dass sich mit der Reduzierung der Betreuungszeit auch die Möglichkeit, Neues auszuprobieren, verringerte, da die Professionellen alle Kräfte brauchten, um akute Krisen zu managen. Angesicht der schwierigen äußeren Rahmenbedingungen, mit denen das Projekt zu kämpfen hatte, bin ich daher recht froh, wie viel dann doch noch umgesetzt wurde.

Haben Sie die SozialarbeiterInnen denn auch befragt?
Neben der quantitativen Netzwerk- und Unterstützungsanalyse bildete die qualitative Befragung aller am Prozess beteiligten Gruppen in diesem Projekt einen zweiten Forschungsschwerpunkt. Ziel war es, den Implementierungsprozess mit seinen Outcomes aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.
Die befragten SozialpädagogInnen bewerteten in diesen Interviews vor allem die Praktikabilität der netzwerkorientierten Interventionsmethoden, und sie berichteten von ihren Erfahrungen mit der Umsetzung des Konzeptes in die Praxis.
Aus den Befragungen der teilnehmenden Familien ließen sich Rückschlüsse auf die Akzeptanz der Methoden ziehen. Zwei SupervisorInnen, die das Projekt durch regelmäßige Praxisbegleitung unterstützten, konnten wertvolle Hinweise zu dem Gruppenprozess und auf eine beginnende Haltungsänderung der PraktikerInnen geben. Die Leitungskraft einer der beteiligten Einrichtungen schließlich äußerte sich zu den äußeren Rahmenbedingungen und den mit ihnen verbundenen Auswirkungen auf das Projekt.

Sie sind studierte Psychologin. Ich kann mir vorstellen, dass die Vorbehalte der Praxisseite gegenüber DoktorandInnen recht groß sind ...
Das hatte ich am Anfang ehrlich gesagt auch befürchtet und mich u.a. aus diesem Grund dazu entschlossen, erst einmal ein Jahr lang selber als Familienhelferin zu arbeiten. Ich hatte so nicht nur die Gelegenheit, die hohen und manchmal widersprüchlichen Anforderungen an PraktikerInnen in der Sozialen Arbeit kennen zu lernen, sondern konnte auch die notwendigen Kontakte zu den Einrichtungen knüpfen, die sich schließlich bereit erklärt haben, sich an dem Projekt zu beteiligen. Ein Akzeptanzproblem hatte ich dann während der gesamten Zusammenarbeit mit den PraktikerInnen glücklicherweise nicht. Trotzdem war es eine Herausforderung, den teilweise gegensätzlichen Erwartungen von Praxis und Wissenschaft an das Projekt gerecht zu werden.

Wie werden oder könnten die Ergebnisse Ihrer Forschungsarbeit in die tägliche Arbeit der FamilienhelferInnen einfließen?
Das ist - neben vielen eher mühseligen Aspekten - nun wirklich das Schöne an Praxisforschung: Sie zeichnet sich, oder sollte das zumindest, durch eine hohe Relevanz aus. Das bedeutet, dass die Ergebnisse eben nicht in einer (virtuellen) Schreibtischschublade verschwinden, sondern unmittelbar in die praktische Arbeit oder in die Entwicklung neuer Konzepte einfließen.
Beides ist in diesem Fall glücklicherweise passiert. Mit einem der beteiligten Jugendhilfeträger arbeite ich nach wie vor sehr eng zusammen, um ihn bei der weiteren konzeptionellen Umsetzung des Netzwerkgedankens und der damit verbundenen Haltungsänderung der PraktikerInnen zu unterstützen. Aber die Ergebnisse konnten auch auf andere Bereiche der Sozialen Arbeit übertragen werden. Seit zwei Jahren arbeite ich zudem mit einem Beschäftigungsträger zusammen. Ziel ist es, die Vermittlungsquote von arbeitslosen Jugendlichen durch die Aktivierung ihres informellen Unterstützungsnetzwerkes zu erhöhen. Das Projekt wird gerade nach einer ermutigenden Pilotphase auf "breitere Füße" gestellt.

Sie sind derzeit noch mit der genauen Auswertung der quantitativen und der qualitativen Ergebnisse befasst. Werden Sie dabei durch Ihre BetreuerInnen am DJI unterstützt?
Das Stipendium als Gastwissenschaftlerin am DJI ist für mich ein echter Glücksfall. Hier bündeln sich so viele Erfahrungen mit Praxisforschung im Sozialbereich, dass eigentlich für jede im Forschungsprozess aufkommende Frage kompetente AnsprechpartnerInnen vorhanden sind. Ich erlebe alle hier auch als unglaublich hilfsbereit, selbst wenn es um Fragen abseits meines Forschungsprojektes, wie z.B. nach der besten Publikations-Strategie, geht.

Ihr DJI-Stipendium läuft Ende des Jahres aus und sie werden Ihre Dissertation im Laufe des nächsten Jahres abschließen. Möchten Sie langfristig weiter im Bereich der Sozialen Arbeit forschen?
Der Tätigkeitsbereich der Sozialen Arbeit reizt mich schon sehr. Ich finde, dass SozialpädagogInnen einen wirklich herausfordernden Job haben und habe - auch bedingt durch meine eigene Berufserfahrung - einen großen Respekt vor ihrer Arbeit.
Die Psychologie erlebe ich im Allgemeinen doch eher mittelschichtsorientiert, jedenfalls insofern, als dass Konzepte für sozial benachteiligte und mehrfach belastete Familien, die die typische Klientel der Sozialen Arbeit darstellen, kaum Erwähnung in Forschung und Lehre finden. Genau diese Schnittstelle zwischen Psychologie und Sozialer Arbeit interessiert mich aber besonders und wird das wohl auch noch eine Weile tun. In meinem Dissertationsprojekt ging es ja bereits um den Versuch, einen Teilbereich der Sozialen Arbeit durch die Implementierung psychologischer Konzepte zu bereichern.

Frau Friedrich, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

(Die Fragen stellte DJI Online Redakteurin Susanne John)



Sibylle Friedrich (Jg. 1974) ist Diplom-Psychologin. Sie hat an der Universität Hamburg studiert und dort seit 2002 einen Lehrauftrag. 2002 war sie im "Rauhen Haus" in Hamburg als Sozialpädagogin in der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe tätig. Seit April 2005 ist sie Gastwissenschaftlerin am DJI. Im kommenden Jahr wird sie ihre Promotion über informelle Unterstützungsnetzwerke in der Sozialpädagogischen Familienhilfe abschließen.

Kontakt:
Haben Sie Fragen oder Anregungen zum Thema: Schreiben Sie an Friedrichsibylle@aol.com


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DJI Online / Stand: 17. Oktober 2005