Gespräch mit Christiane Gerber, DJI

Kinderschutz ist ein Thema, das seit Jahren in einschlägigen Projekten und Publikationen des DJI einen festen Platz hat. Das Informationszentrum Kindesmisshandlung / Kindesvernachlässigung (IzKK) feierte 2010 sein zehnjähriges Bestehen, das Online-Handbuch Kindeswohlgefährdung und Allgemeiner Sozialer Dienst gilt ebenso als Standardwerk wie die Veröffentlichungen von DJI-Kinderschutz-Experten wie Dr. Heinz Kindler. Trotz umfangreicher vorliegender empirischer Befunde krankt die öffentliche und fachliche Debatte zur Qualitätsentwicklung des Kinderschutzes bisweilen immer noch am schlechten, bisweilen gänzlich fehlenden Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis in der Kinder- und Jugendhilfe. Um diesen Dialog zu fördern, hat das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH) zu einem Workshop eingeladen. Ziel war es, aktuelle Befunde und Erkenntnisse aus der Forschung vorzustellen und gemeinsam mit der Praxis und der Politik ihre Bedeutung für die Qualitätsentwicklung zu diskutieren. Die Dokumentation des Workshops kann ab November 2012 auf der Homepage www.fruehehilfen.de heruntergeladen oder als Druckversion bestellt werden. Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eingerichtete NZFH wird vom Deutschen Jugendinstitut und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung getragen.

Frau Gerber, wenn es um gefährdete Kinder geht, denen in ihren Familien oder im Freundeskreis Gewalt angetan wird, wird eine Fachkraft in der Regel die Familie zu Hause aufsuchen und sich darum bemühen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, um die Kinder effektiv und nachhaltig zu schützen. So etwas braucht persönlichen Einsatz, Geduld, Einfühlungsvermögen, Beharrlichkeit und vor allem Zeit. Stehen die von den Organisationen/Ämtern/Behörden vielfach geforderten „schnellen Lösungen“ diesem Bemühen nicht entgegen?

 

In einen guten Kontakt zu den Familien zu kommen und Beziehung herzustellen, ist in der Praxis in der Tat aus zwei Gründen zentral. Zum einen leistet der Aufbau einer helfenden Beziehung zu den Eltern einen konkreten Beitrag zum Schutz der Kinder, weil er es den Familien leichter macht, Hilfen anzunehmen und entsprechend zu nutzen. Zum anderen spielen der Kontakt und die Beziehung zur Familie auch bei der Risikoeinschätzung eine Rolle. Wenn Eltern alle Energie in die Flucht vor dem Jugendamt setzen, wird es für die Fachkräfte schwer, zu einer guten Risikoeinschätzung zu kommen. Analysen von problematisch verlaufenen oder gescheiterten Fällen kommen daher immer wieder zu dem Schluss, dass eine der Schwierigkeiten darin bestand, nicht in Kontakt mit den Familien gekommen zu sein.

Gleichzeitig gibt es ebenso nationale, wie internationale Befunde, die darauf hinweisen, dass in der Forderung nach Herstellung eines möglichst guten Kontaktes zur Familie auch das Risiko besteht, dass die Fachkräfte die Konfrontation mit den Eltern vermeiden, um den Kontakt zu ihnen nicht zu gefährden. Dieses Risiko wird zusätzlich erhöht, wenn die Organisation von den Fachkräften erwartet, dass sie die von Ihnen vorhin angesprochenen schnellen und einfachen Lösungen entwickelt. Darauf weisen zum Beispiel die Ergebnisse des Projekts „Qualitätsentwicklung für den Kinderschutz in Jugendämtern in Rheinland-Pfalz“ hin, das im Rahmen des Workshops vorgestellt wurde. Hier hat die Analyse von Einzelfällen gezeigt, dass in der Organisationslogik einer möglichst schnellen Weitervermittlung der Familie oder einer Entwicklung von praktikablen und schnellen Lösungen ein strukturelles Risiko für das Handeln im Kinderschutz liegt. Denn dies kann dazu führen, dass Fachkräfte einfache Lösungen akzeptieren, die bei genauerer Betrachtungsweise eigentlich für den Schutz und das Wohl des Kindes nicht ausreichend sind.

Das Bestreben müsste aber doch sein, Risiken zu minimieren. Der Kinderschutz ist ja im Prinzip ein Hochrisikobereich, in dem Fehleinschätzungen schwerwiegende Folgen haben. Im Industrie- oder Finanzsektor gehört das Risikomanagement zur Tagesordnung. Wie steht es damit im Kinderschutz?

Aus dem Projekt „Aus Fehlern lernen – Qualitätsmanagement im Kinderschutz“, das die Alice-Salomon-Hochschule in Kooperation mit dem Kronberger Kreis für Qualitätsentwicklung durchgeführt hat, wissen wir, dass Risiko- und Fehlermanagement im Kinderschutz eher implizit als explizit Thema sind. Viele Jugendämter haben Verfahren, Abläufe und Instrumente zur Qualitätssicherung im Kinderschutz. In der Regel werden diese jedoch nicht unter dem Namen Risiko- oder gar Fehlermanagement geführt.

Außerdem wird der Kinderschutz aktuell weder von der Praxis noch von der Politik offensiv als Hochrisikobereich definiert. Im Gegenteil. Es gibt immer noch viele, die die Sorge haben, dass dadurch Fachkräfte verschreckt und zusätzlich unter Druck gesetzt würden. Daher vertreten manche gern die Position, Kinderschutz sei im Grunde ganz einfach: hinsehen und dann verbindlich handeln. Leider stimmt diese Vorstellung mit dem Arbeitsalltag im Kinderschutz nicht überein. Kinderschutz ist nicht einfach und vor allem liegen die Lösungen nicht auf der Hand. Entscheidungsprozesse im Kinderschutz sind geprägt von Ambivalenzen und Unsicherheiten. Dem  Wissen, das die Fachkräfte über die Familien erlangen, steht immer auch Unbekanntes und Nicht-Wissen gegenüber. Das erschwert die ohnehin diffizile Aufgabe, Prognosen für die Zukunft abzugeben. Es liegt daher in der Natur der Sache, dass das Handeln im Kinderschutz auch risikobehaftet ist. Fehleinschätzungen als individuelles Versagen abzutun, halte ich daher für riskant. Eine solche Einstellung verhindert die Entwicklung eines Risiko- oder Fehlermanagements. Anstatt Handlungssicherheit zu suchen oder zu versprechen, sollte es vielmehr darum gehen, Fachkräfte im Umgang mit Unsicherheit besser zu unterstützen.

Wie könnte ein Risikomanagement in der Praxis aussehen?

In dem Workshop wurden Befunde aus sechs Forschungsprojekten rund um den Kinderschutz und die öffentliche Jugendhilfe vorgestellt. Einige der Projekte kommen zu dem Ergebnis, dass das Handeln der Fachkräfte von unbewussten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern beeinflusst wird. So zeigt das Projekt „Aus Fehlern lernen“, wie unterschiedliche Klienten- und Klientinnenverständnisse das Zugehen auf die Eltern, Kinder und Jugendlichen prägen und in der Fallarbeit Wirkung entfalten. Das Projekt „Familiale Gewalt“ der Universität Kassel hat unterschiedliche Praxismuster identifiziert, die als Formen des Handelns im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) akzeptiert sind und die sich bis hin zu Team-Profilen entwickeln können. Solche Muster können nicht nur die Fallbearbeitung engführen, sondern haben auch Einfluss auf die Art und Weise, wie Teams auf Standardisierungs- und Steuerungsprozesse reagieren. Darüber hinaus gibt es kognitive Verzerrungen, die in der Luftfahrt, dem Ingenieurswesen oder in der Medizin bereits als Risiken behandelt werden und auch im Kinderschutz wirksam sind.

Kognitive Verzerrungen – was müssen wir uns darunter vorstellen?

Dazu gehören Lücken oder Verzerrung in der Wahrnehmung und Zusammenfassung von aktuellen Fallsituationen ebenso wie kognitionspsychologische Phänomene wie der Bestätigungsfehler, der die Neigung der Menschen beschreibt, Informationen zu suchen, bzw. so zu verarbeiten, dass bestehende Einschätzungen nicht in Frage gestellt, sondern eben bestätigt werden. Kognitive Verzerrungen und unbewusste Handlungsmuster beeinflussen damit auch das Handeln im Kinderschutz und können zum Risiko werden, wenn sie dazu führen, dass Situationen falsch eingeschätzt werden.

Und wie kommt man diesen unbewussten Handlungsmustern auf die Spur?

Das ist leider nicht so ohne Weiteres möglich. Um dysfunktionale Muster aufzudecken und gegebenenfalls auch verändern zu können, bedarf es exklusiver Zeit- und Gelegenheitsstrukturen, also gesicherter „Orte für Reflexion“. Supervision sowie Fallbesprechungen, die methodisch so konzipiert sind, dass sie „riskante“ Sichtweisen, Erklärungs- und Handlungsmuster aufdecken, sind wichtige Bestandteile eines Risikomanagements. Leider genießen weder Supervision noch methodisch gesicherte Fallbesprechungen in allen Jugendämtern einen entsprechend hohen Stellenwert. Vor dem Hintergrund der knappen zeitlichen Ressourcen werden stattdessen Kurzberatungsverfahren bevorzugt, die ihren Fokus eher auf die Lösung als auf die Reflexion legen.

Sind Supervisionen denn Standard in der Kinderschutz-Praxis?

Bei freien Trägern nach wie vor mehr als in Jugendämtern. Supervision in Jugendämtern wird häufig nur bei Bedarf bewilligt und ist keineswegs selbstverständlicher Standard. Eileen Munro, die sich seit vielen Jahren mit der Fehlerforschung im Kinderschutz beschäftigt, hat dazu einmal geschrieben: „Wenn im System kein Verständnis dafür vorhanden ist, wie schwierig es für Fachkräfte ist, ihre eigenen Urteile infrage zu stellen, und Mechanismen wie die Supervision so begrenzt sind, ist eine hohe Fehlerquote zu erwarten“. Ich will damit nicht sagen, dass wir in Deutschland eine hohe Fehlerquote haben. Das wissen wir gar nicht, weil es dazu keine Forschung gibt. Das Zitat von Eileen Munro unterstreicht lediglich den Stellenwert, den Supervision und Fallreflexion im Risikomanagement haben könnten.

In dem letzten Workshop des NZFH saßen Wissenschaft und Praxis zusammen. Was war aus Ihrer Sicht ein zentrales Ergebnis der Diskussion?

Die Forderung nach Stärkung und struktureller Sicherung von Selbstreflexion in den Organisationen, den Teams und bei den Fachkräften sowie nach Entwicklung einer selbstbewussten sozialpädagogischen Expertenschaft zog sich wie ein roter Faden durch beide Tage. So kommen die Kolleginnen und Kollegen aus dem Projekt „Familiale Gewalt“ der Universität Kassel zu dem Ergebnis, dass die Fachkräfte in der Bearbeitung der Fälle häufig keine explizite und souveräne sozialpädagogische Expertise formulieren. Stattdessen wird die Falldeutung regelmäßig an Experten und Expertinnen anderer Disziplinen, wie z.B. an die Psychologie oder die Rechtswissenschaften, abgegeben.

Dieser Befund ist aus meiner Sicht nicht nur ein Hinweis auf ein nach wie vor nur sehr gering ausgeprägtes professionelles Selbstbewusstsein und Selbstverständnis in der Sozialen Arbeit, sondern auch ein Hinweis auf die erhöhte Angst der Fachkräfte, einen Fehler zu machen. In der Folge entsteht zunehmend der Bedarf, sich durch externe Expertisen abzusichern. In eine ähnliche Richtung ging das Plädoyer aus dem Projekt „Qualitätsentwicklung für den Kinderschutz in Jugendämtern in Rheinland-Pfalz“. Darin wird gefordert, dass die Fachkräfte in einem von Unsicherheiten geprägten Arbeitsfeld, wie dem Kinderschutz, sowohl in der Lage sein müssen, Grenzen kompetent einzuschätzen als auch sich sicher an Grenzen zu bewegen.

Werden denn solche Perspektiven in den aktuellen Qualitätsentwicklungsstrategien ausreichend berücksichtigt?

Aus meiner Sicht nicht. In den letzten Jahren wurde in der Qualitätsentwicklung vor allem auf die Festlegung verbindlicher Verfahren und Abläufe sowie die Einführung von Instrumenten zur Risikoeinschätzung gesetzt. Mein Eindruck ist, dass diese Strategien – nicht nur, aber auch – davon ausgehen, dass die Fachkräfte die größte Schwachstelle im System sind, deren Entscheidungen gesteuert und kontrolliert werden müssen, um sie sicherer zu machen.

Glaubt man jedoch dem renommierten Organisationsforscher Karl Weick, so investieren Organisationen, die sehr stark auf Pläne, standardisierte Betriebsverfahren, Protokolle, Rezepte und Routinen setzen, in die Unachtsamkeit ihrer Mitarbeiter/innen. Kinderschutz aber braucht Achtsamkeit und Sensibilität für Kleinigkeiten – Routinen können hier schnell zum Risiko werden. Die Forderung nach selbstbewussten, qualifizierten, reflektierten und von ihren Organisationen gestützten Fachkräften im Kinderschutz ist in meinen Augen daher besonders hervorzuheben.

Das heißt, eine rein quantitative Aufstockung des Fachpersonals würde nicht ausreichen, um den Kinderschutz effektiver zu gestalten?

Die Höhe der Fallzahlen schlägt sich natürlich auch in der Qualität der Arbeit im Einzelfall nieder. Zu hohe Fallzahlen erhöhen das Fehlerrisiko. Daher spielen die personellen und zeitlichen Ressourcen natürlich eine wichtige Rolle. Gleichzeitig ist dies jedoch keineswegs die einzige Stellschraube, an der es zu drehen gilt. Ebenso müssen die Konzepte und Kompetenzen für die direkte Arbeit mit den Familien weiter entwickelt werden. Dazu gehören ausdifferenzierte und in die praktische Arbeit übersetzte Konzepte zu Motivation und Willenskraft sowie der konstruktive Umgang mit Widerstand. Dies alles sind Schlüsselthemen bei der Begleitung und Unterstützung von Veränderungsprozessen in Familien.

Darüber hinaus steht das Thema Risikoeinschätzung immer noch weit oben auf der Agenda. Obwohl in den letzten Jahren viele Checklisten und Risikoinventare entwickelt wurden, besteht hier nach wie vor Qualifizierungsbedarf. Vor allem bedarf es der Schulung der Fachkräfte in der Exploration und Bewertung insbesondere von weniger leicht beobachtbaren Risikofaktoren.

Welche wären das?

Dazu zählen zum Beispiel die elterlichen Erziehungsmodelle sowie die Entwicklungsgeschichte der Eltern inklusive ihrer eigenen Bindungserfahrungen sowie die Veränderungsfähigkeit der Eltern. All dies sind Faktoren, deren Erhebung nicht alleine durch Beobachtung möglich ist.

Darüber hinaus hat das Projekt „Migrationssensibler Kinderschutz“ gezeigt, dass sich die Fachkräfte bei der Risikoeinschätzung häufig unsicherer sind, wenn das Kind aus einer Familie mit Migrationshintergrund stammt. Um in diesen Fällen die Risikoeinschätzung zu verbessern, wären nicht nur Fortbildungen sinnvoll, sondern auch die Bereitstellung von Kulturdolmetschern, also Dolmetschern, die weit mehr sind als nur reine Sprachmittler. Die Liste der Maßnahmen ließe sich noch um einige Punkte verlängern. Mit einer Aufstockung des Fachpersonals ist es aber keineswegs getan.

Wie sähe demnach ein ideales Konzept zur Verbesserung der Qualitätssicherung aus?

Auf Bundes- und Landesebene sollte es zunächst darum gehen, sich im Dialog zwischen Praxis, Wissenschaft und Politik über die Ziele im Kinderschutz zu verständigen. Die Diskussion im Workshop hat gezeigt, dass es hier durchaus unterschiedliche Vorstellungen gibt, allein schon deshalb, weil manche Ziele zum Einsatz von Ressourcen verpflichten würden, die aktuell nicht zur Verfügung stehen. Darauf aufbauend sollten dann Qualitätsstandards im Sinne von Leitplanken oder Orientierungshilfen entwickelt werden. Da sowohl die Strukturen und Organisationen als auch die regionalen Anforderungen sowie die Fragestellungen im Einzelfall sehr unterschiedlich sind, sollte dabei ausreichend Spielraum für Heterogenität gegeben sein. Denn die Nivellierung von Heterogenität führt nicht zwingend auch zur Verbesserung der Qualität.

Und auf kommunaler Ebene?

Da Innerhalb der Kommunen und Institutionen möchte ich nur einen, aus meiner Sicht zentralen Aspekt, herausgreifen. Qualitätsentwicklung im Kinderschutz muss als ein abgestimmter und auf Dauer angelegter Prozess gestaltet werden, der mit ausreichend Kapazitäten hinterlegt ist. Viele Jugendämter betreiben Qualitätsentwicklung, indem sie einzelne Projekte auf den Weg bringen, die auf ein konkretes Problem fokussieren. Häufig fügen sich diese Konzepte aber nicht gut in die vorhandenen Strukturen und Arbeitsweisen ein, sodass sie in der Praxis zur Belastung werden und neue Probleme entstehen, auf die mit neuen Projekten reagiert wird. Viele Fachkräfte berichten davon, dass sie durch neue Verfahren und Projekte so sehr mit sich beschäftigt sind, dass die Gefahr besteht, die Familien und die konkrete beraterische Arbeit aus dem Blick zu verlieren.

Für Bund, Länder, Kommunen und Institutionen gilt gleichermaßen, dass alle Maßnahmen einer kritischen wissenschaftlichen Überprüfung bedürfen, ob sie dem Anspruch, Qualität im Kinderschutz zu gewährleisten oder gar zu verbessern, auch erfüllen. So weisen die Ergebnisse des Projektes „Individuelle Ressourcen und professionelle Unterstützung bei der Bewältigung von Systembrüchen“ darauf hin, dass die Schaffung der vielen Spezialdienste nicht nur Vorteile hat, sondern auch zusätzliche Schnittstellen entstehen, die schnell zu Schwachstellen werden können.

Wir haben nun primär über die Fachkräfte des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) gesprochen. Handlungsleitende Idee für die Einrichtung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen war es ja, im Kinderschutz Netzwerke über die verschiedenen Disziplinen hinweg einzurichten. Gab es im Workshop zu dieser Netzwerkarbeit schon positive Erfahrungen zu vermelden?

Die Befunde aus dem Projekt „Aus Fehlern lernen“ zeigen, dass die professionsübergreifende Kooperation im Kinderschutz von den Fachkräften in der Theorie geradezu als Ideal zur Verbesserung der Kinderschutzpraxis angesehen wird. Hinter der einfach klingenden Theorie verbirgt sich jedoch ein anspruchsvolles Unterfangen, da professionsübergreifende Vernetzung und Kooperation bedeutet, die Arbeit vieler unterschiedlicher Berufsgruppen, mit ihren jeweiligen Denkweisen, Handlungslogiken und Sprachcodes, im Interesse der Kinder und ihrer Familien zu koordinieren. Dies mag erklären, warum die konkrete Zusammenarbeit von den im Rahmen dieses Projektes befragten Fachkräften in der Realität wiederum als problematisch und schwierig thematisiert wurde.

Die Wahrnehmung eines interprofessionellen Machtgefälles, das Bedürfnis nach Abgrenzung der eigenen Rolle von der Rolle anderer Akteure sowie Unklarheiten über die jeweiligen Aufgaben und Zuständigkeiten sind keine Seltenheit. Hinzu kommt oftmals ein ausgeprägtes Autonomiebedürfnis als Bestandteil des eigenen professionellen Selbstverständnisses. Zu diesem Ergebnis kommt auch das Projekt „Individuelle Ressourcen und professionelle Unterstützung bei der Bewältigung von Systembrüchen“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Diese Gemengelage kann gerade in Kinderschutzfällen eine zusätzliche Konfliktdynamik auf der Ebene der Helfer und Helferinnen befördern.

Aber wäre es nicht von Vorteil für das Wohl der Kinder, wenn sich in den kommenden Jahren eine gewisse Routine in der Zusammenarbeit der Akteure einstellte, z.B. durch regionale „Runde Tische“, an denen sich Ärzteschaft, Hebammen, Schulleitungen, ASD, Suchberatungsstellen usw. regelmäßig zum systematischen Erfahrungsaustausch träfen?

Fallübergreifende Netzwerkarbeit muss sich immer an der Frage messen lassen, ob und welchen Beitrag sie zur Verbesserung in der konkreten Fallarbeit leistet. Ein gutes Beispiel dafür sind die Vereinbarungen gemäß §8a SGB VIII. Inzwischen haben die meisten Jugendämter mit „ihren“ freien Trägern Vereinbarungen abgeschlossen, die die Aufgabenverteilung sowie die Zusammenarbeit im Kinderschutz regeln sollen. Leider stellt sich nicht selten heraus, dass dies nicht funktioniert, weil die Vereinbarungen auf einer anderen Ebene abgeschlossen wurden und anschließend nicht genug Aufwand betrieben wurde, um deren Umsetzung mit den Fachkräften zu diskutieren.

Zudem ist zu beobachten, dass der konkrete Schutz des Kindes häufig mit der Weitergabe einer Information (Meldung) in Gänze an das Jugendamt abgegeben wird, obwohl die viel beschworene Verantwortungsgemeinschaft im Kinderschutz im Prinzip von allen im Hilfesystem beteiligten Personen verlangt, Verantwortung für den Schutz des Kindes zu übernehmen. Ob und inwieweit dies im Sinne des Kinderschutzes sinnvoll und zielführend ist, bedarf einer weiteren Diskussion.

Frau Gerber, Sie kommen ja selbst aus der Praxis, haben Sozialarbeit studiert und vor Ihrem Antritt als Wissenschaftliche Referentin am DJI in kommunalen Strukturen im Bereich Kinderschutz gearbeitet. Fühlten Sie sich durch ihre Ausbildung ausreichend auf die Aufgaben im Bereich Kinderschutz vorbereitet? Oder unterschreiben Sie die auf dem Workshop geäußerte Forderung nach einer verbesserten Aus- und Fortbildung der Fachkräfte?

Insbesondere im Bereich von Beratung und Gesprächsführung mit Eltern, Kindern und Jugendlichen lässt die Ausbildung zu wünschen übrig. Das war damals vor 20 Jahren so und dass ist, soweit mir bekannt, auch heute noch nicht wesentlich anders. Wenn ich an meine Anfangszeit im Jugendamt zurück denke, dann muss ich sagen, dass ich heilfroh war, dass ich eine gute Einarbeitung hatte und tolle Kolleginnen und Kollegen, die mich zu Beginn unterstützt, beraten und auch viel begleitet haben. Wenn ich heute höre, dass es Teams gibt, in denen Berufsanfänger/innen bereits nach drei Jahren Erfahrung zu den alten Hasen zählen, dann halte ich das für ein strukturelles Risiko.

ASD und Jugendämter entwickeln sich immer mehr zu Durchlaufstationen. Die Personalfluktuation ist mancher Orts enorm. Neben der Aus-, Fort- und Weiterbildung braucht es daher auch Konzepte und Strategien, um Sozialarbeiter/innen im Job zu halten. Einen Beitrag dazu würden eine bessere gesellschaftliche Anerkennung dieser schwierigen Arbeit leisten sowie Institutionen, die hinter ihren Fachkräften stehen, sie wertschätzen, unterstützen und fördern. Die Fachkräfte im Kinderschutz als zentrale Ressource anstatt als mögliche Schwachstelle zu begreifen, darin liegt vielleicht die größte Anforderung an ein System, dessen Arbeit sich weder technisieren noch standardisieren lässt.

Frau Gerber, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)


Christiane Gerber
(Jg. 1968) hat Sozialarbeit/Sozialpädagogik, Betriebswirtschaft und Organisationsberatung/-entwicklung studiert. Sie war in der Bezirkssozialarbeit sowie in der Stabsstelle Kinderschutz des Sozialreferates und im Stadtjugendamt der Landeshauptstadt München tätig, bevor sie 2009 als Wissenschaftliche Referentin der Abteilung Familie und Familienpolitik an das Deutsche Jugendinstitut kam, wo sie aktuell ihre Expertise in das Projekt "Nationales Zentrum Frühe Hilfen“ (NZFH) einbringt.

Literatur

NZFH (2012): Dokumentation des Workshops „Befunde und Einschätzungen zum deutschen Kinderschutzsystem –Wissenschaft, Praxis & Politik diskutieren Empfehlungen zur Qualitätsentwicklung im Kinderschutz“. NZFH (Hrsg.) (Druck in Vorbereitung)

Gerber, C. Backes, J. (2012): Risiko- und Fehlermanagement im Kinderschutz. In: Unsere Jugend, Heft 7/8 2012, Reinhardt Verlag, Berlin, S. 290 - 301

Gerber, C. (2011): Kinderschutz – von der Checkliste zur persönlichen Fall- und Prozessverantwortung. In: Körner W., Deegener G. (Hrsg.): Erfassung von Kindeswohlgefährdung in Theorie und Praxis. Lengerich: Pabst Science Publishers, S. 294 – 327

Gerber, C. (2011): Lernen aus problematischen Kinderschutzverläufen als Bestandteil eines Qualitätsmanagementkonzeptes im Kinderschutz in Frühe Hilfen und Kinderschutz in den Kommunen. In: Freese u.a. (Hrsg.): Frühe Hilfen und Kinderschutz in den Kommunen. Wiesbaden: Kommunal- und Schul-Verlag, S. 249-261

Gerber, C. (2011): Hochkonflikthafte Trennungen und Scheidungen aus der Sicht des Jugendamtes. In: Walper u.a. (Hrsg.): Hochkonflikthafte Trennungsfamilien, Forschungsergebnisse, Praxiserfahrungen und Hilfen für Scheidungseltern und ihre Kinder, München: Juventa Verlag, S. 71-87

Gerber, C. (2010): Über das Verhältnis der Frühen Hilfen zum Kinderschutz. In: Die Kinderschutzzentren (Hrsg.) Frühe Hilfen II, Vertrauen aufbauen, Kontakt halten, Perspektiven entwickeln, Köln, S. 101–111

Gerber, C. (2006): Kinderschutzarbeit im Dreieck zwischen standardisierten Verfahren, professionellem Handeln und strukturellen Rahmenbedingungen. In: IzKK Nachrichten, Heft 1-2: § 8a SGB VIII Herausforderungen bei der Umsetzung, DJI München, S. 34–39

Gerber, C. (2007): Risikoeinschätzung bei Kindeswohlgefährdung, Was Checklisten (nicht) leisten können. In: Deutsche Liga für das Kind e.V. (Hrsg.) Frühe Kindheit, Heft 04/07, Berlin, S. 38-41

Gerber, C. (2006): Was zeichnet eine funktionale Kooperation zwischen ASD und der Polizei bei einer vorliegenden Kindeswohlgefährdung aus? Wann ist die Polizei in Fällen von Kindeswohlgefährdung einzubeziehen? Wann muss der ASD Anzeige gegen die Sorgeberechtigten erstatten? In: Kindler H., Lillig S., Blüml H., Meysen T. & Werner A. (Hrsg.) Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). Kapitel 113, 114, 115, München: Deutsches Jugendinstitut e.V.

Links
Nationales Zentrum Frühe Hilfen

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Christiane Gerber
Mail: gerber(at)dji.de


DJI Online / Stand: 5. Oktober 2012