Gespräch mit Prof. Dr. Claus Tully, DJI

Herr Tully, Sie arbeiten aktuell in einer interdisziplinär besetzten Forschungsgruppe und koordinieren den Schwerpunkt „Jugend, Konsum und Nachhaltigkeit“. Die Forschungsgruppe hat sich ein wichtiges, aber schwieriges Ziel gesetzt: die Herausbildung einer nachhaltigen Konsumkultur bei Jugendlichen. Wer hatte diese Idee, und wer ist am Projekt „Bildungsinstitutionen und Nachhaltiger Konsum“, kurz BINK, noch beteiligt?

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hatte einen Ideenwettbewerb im Bereich SÖF (Sozialökologische Forschung) ausgeschrieben; aus der Vielzahl der Projektideen, es waren wohl gut 100, wurden zehn ausgewählt. Unter diesen zehn waren auch wir. Unser Forschungsteam besteht aus dem DJI, der Leuphana Universität Lüneburg, der Humboldt-Universität zu Berlin und der Hochschule Fresenius in Idstein. Unsere Projektidee stand relativ früh fest. Als wir erfahren hatten, dass wir zum engeren Kreis der Bewerber gehören, wurde im Projektteam intensiv am Forschungsdesign und weiteren Vorgehen gefeilt.

Da ganz unterschiedliche Fächer (Psychologie, Pädagogik, Medienpraxis und Jugendforschung) im Projekt BINK zusammenarbeiten, ging es auch darum, die unterschiedlichen methodischen Vorgehensweisen abzustimmen und für die Praxispartner, also die Bildungsinstitutionen, plausibel darzustellen. Erst als uns dies gelungen war, haben wir uns erneut einem abschließenden Begutachtungsverfahren stellen können. Zugleich waren wir so gerüstet, mit unseren Praxispartnern eine Kooperation vorzubereiten.

Ist das Thema Jugend und Konsum eigentlich nicht schon hinreichend erforscht?

Soweit es um die Geldverwendung geht, ist Konsum ja für die Marktforschung von herausgehobenem Interesse. Heranwachsende gelten als wichtiger und wachsender Markt für eine Vielzahl von Produkten. Egal, ob es um Klingeltöne, um Musikdownloads, um Snacks, um Kleidung oder Kommunikation geht. Zugleich gelten Jugendliche als Trendsetter. Letzteres ist beispielsweise mit der jugendkulturellen Besetzung von SMS als zentraler Kommunikationsform einmal mehr unter Beweis gestellt worden.

Anders verhält es sich in der Jugendforschung: Mit der Ausdehnung der Jugendphase geht eine wachsende Bedeutung des jugendkulturellen Lebensalltags einher. Und dieser jugendkulturelle Alltag ist von Konsum durchwoben; und er ist in wachsendem Maße geldpflichtig geworden. Zum Beispiel nutzen weit über 90 Prozent der Jugendlichen ein Handy, um sich zu verabreden, sie kommunizieren bevorzugt über dieses Medium. Zudem zeigt das benutzte Handy an, mit wem man es zu tun hat (Freak, Nerd usw.). Die Jugendforschung spiegelt diese gewachsene Ökonomisierung des Jugendalltags nur wenig. Studien zur Verschuldung, zu Aufwendungen für Handy und Spieleabonnements decken nur einen sehr kleinen Teil ab. Faktisch ist der moderne Jugendalltag grundlegend kommerzialisiert. Insofern ist die Befundlage zu Jugend und Konsum, an sozialwissenschaftlichen Kriterien bemessen, sehr dürftig.

Marktforschung und Marketing haben offensichtlich Erfolg mit ihren Bemühungen. Denn Kinder würden am liebsten jeden Tag Süßigkeiten und neue Spielsachen kaufen, und für Jugendliche sind teure Klamotten und Handys wichtige Statussymbole. Stoßen Sie angesichts eines derartigen Konsumverhaltens beim Thema „Nachhaltigkeit“ nicht auf taube Ohren in der Jugendszene?

Uns geht es ja zunächst darum zu erfahren, was Jugendliche mit Konsum verbinden, welche Rolle Konsum für sie spielt, ob das für Mädchen etwas anderes ist als für Jungen usw. Es geht also nicht um Konsumvermeidung. Unser Ziel ist es ja, im kleinen und beim Individuum anzusetzen; es geht um Sensibilisierung für die Folgen des Konsums und auch darum, dass beim Konsum ganz unterschiedliche Kriterien den Ausschlag geben können (kurzfristig vs. langfristig; Geschmack vs. Trend, in sein vs. Out sein, etwas Nützliches erwerben etc.). Durch die Beteiligung der Bildungseinrichtungen, die ja Partner des Projekts sind, wird versucht zu vermitteln, dass Konsum gestaltbar ist.

Für die Umsetzung dieses Ansatzes müssten die Schulen und andere Bildungsinstitutionen aber hervorragende und „nachhaltige“ Unterstützung bekommen?

Das Projekt verfolgt einen transdisziplinären Ansatz. D.h. die Forschungspartner und die beteiligten Bildungsinstitutionen arbeiten eng zusammen, um praktikable Lösungen für nachhaltigen Konsum in den jeweiligen Einrichtungen zu finden. Dazu wurden an allen Bildungseinrichtungen – unter Einbindung beteiligter ProjektwissenschaftlerInnen Workshops durchgeführt. Zwischen diesen Workshops erarbeiteten die Praxispartner mit Unterstützung der KollegInnen der Universität Lüneburg einen Katalog von Leitzielen mit dazugehörigen Maßnahmen. Diese Ziele und Maßnahmen wurden dann konkretisiert, und es wurde ausgewählt, was umgesetzt werden soll. Auch während der jetzt anlaufenden Phase, in der es um die Realisierung geht, erhalten die Praxispartner Hilfestellung von allen am Forschungsverbund Beteiligten. Von Seiten des DJI sind dies vor allem Informationen über die Alltagswelt der Jugendlichen.

Welchen Themenkomplex bearbeiten Sie innerhalb des Projekts?

In einem ersten Schritt wurde eine Sekundäranalyse mit dem Titel „Konsum und Umwelt im Jugendalter“ erarbeitet, die gerade veröffentlicht wurde. Damit liegt eine umfassende Sichtung von Studien zur Einstellung Jugendlicher, deren Bereitschaft, sich für gesellschaftsbezogen Zusammenhänge zu interessieren, zu den Themen Peers und Konsum usw. vor.

Auf Basis unserer ersten Gruppendiskussionen haben wir darüber hinaus eine erste Typisierung jugendlichen Konsumenten vorgenommen, um deren Ansprechbarkeit durch die Bildungsinstitutionen vor Ort zu unterstützen. Hierzu wurde zudem ein weiteres  Arbeitspapier für die Praxis erstellt.

Wie lauten dessen zentrale Ergebnisse?

Es sind im Kern vier Ergebnislinien: (1) Konsum ist eine nicht-natürliche Selbstverständlichkeit. D.h. es wird konsumiert, als gehörte dies möglicherweise auch alternativlos zu unserer Natur. (2) Konsum ist etwas gesellschaftlich Organisiertes ist. (3) Mit Konsum geht die Produktion von Abfall einher. Im Dienste eines Umsteuerns in Richtung nachhaltigen Konsums ist es unabdingbar, sich dessen bewusst zu sein. (4) Nachhaltigkeit lässt sich nicht allein über die Vermittlung von Wissen erzielen.

Wie die ersten empirischen Arbeiten zeigen, gilt es zunächst, unterschiedliche Typen von Konsumenten und Konsumentinnen zu identifizieren, für die dann auch unterscheidbare Wege in Richtung eines nachhaltigen Konsums zu entwickeln sind. Erst bei denjenigen, die sich für Nachhaltigkeit interessieren, ist die Bereitstellung von detaillierterem Wissen sinnvoll.

Das BINK Projekt wird noch zwei Jahre laufen. Wie geht es für Sie und Ihre Arbeitsgruppe weiter?

Derzeit werden noch Gruppendiskussionen bei den beteiligten Partnereinrichtungen, d.h. Schulen, Berufsschulen und Hochschulen durchgeführt. Weiter ist eine quantitative Erhebung geplant. Im Winter wollen wir im Rahmen eines Seminars mit Studierenden unser methodisches Vorgehen und unsere ersten Befunde diskutieren. Es geht darum, unsere Verfahren und Befunde in einem anderen, weder rein praxisbezogenem noch wissenschaftlich orientierten Kontext zu spiegeln. Ziel der empirischen Untersuchung ist es, mehr Detailwissen über Konsum, Jugend und Ansatzmöglichkeiten für nachhaltigen Konsum im Jugendalltag zu identifizieren.

Herr Tully, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Links

DJI-Projekt: Jugend, Konsum und Nachhaltigkeit

Prof. Dr. Claus Tully (Homepage)

 

Kontakt

Prof. Dr. Claus Tully, DJI


DJI Online / Stand: 1. Oktober 2009

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