Gespräch mit Dr. Christian Alt, Leiter des DJI-Kinderpanel

Die Themen Kinder und Kindheit sind zu einem zentralen Gegenstand in den Sozialwissenschaften avanciert. Einen wichtigen Beitrag zum aktuellen Diskurs haben auch das DJI-Kinderpanel und die DJI-Kinderbetreuungsstudie geleistet. Die Befunde werden im Kontext weiterer empirischer Studien auf einer wissenschaftlichen Fachtagung des DJI am 15. und 16. Oktober 2008 präsentiert und u.a. als Herausforderung für Politik, Fachpraxis und Wirtschaft sowie für die Wissenschaft selbst diskutiert. Dr. Christian Alt verantwortet das DJI-Kinderpanel seit seinen Anfängen im Jahr 2002. DJI-Online hat mit ihm im Vorfeld der Fachtagung gesprochen.

Herr Dr. Alt, in den Medien hat derzeit das Thema Bildung Konjunktur. Im Zentrum der DJI-Fachtagung und des diesjährigen Parlamentarischen Abends in Berlin stehen die „Kinder in Deutschland“. Warum diese Schwerpunktsetzung?

Kinder waren lange Zeit kein eigenständiges Thema der Sozialforschung, schon gar nicht der Sozialberichterstattung. Wenn wir uns für sie interessiert haben, so wurden über jedwede Belange der Kinder deren Mütter als Auskunftspersonen herangezogen, die schon immer als kompetenteste Informationsquelle in Sachen Familie und Kinder galten. Dahinter steckte ein ganz bestimmtes Bild von Kindern und Kindheit, welches sich stets daran orientierte, dass Kinder etwas noch nicht oder noch nicht richtig konnten, verstanden oder taten. Man traute ihnen auch keine eigene Meinung oder gar eine eigene Verantwortung für die Dinge zu, die sie betrafen. Ihre Lebenswelt war – so die landläufige Meinung – geprägt durch das elterliche Erziehungsengagement und durch deren Sorge für das Wohl und Weh der Kinder.

Und das ist heute anders?

Ja, weil sich seit einem guten Jahrzehnt etwas Entscheidendes geändert hat. Im Zuge des Wandels und der Entwicklungen im Bereich der familialen Lebensformen wurde auch über die Lebenswelt der Kinder neu nachgedacht. Eine Familie, in der Vater und Mutter erwerbstätig sein wollen oder müssen, ist auf eine Unterstützung bei der Kinderbetreuung angewiesen. Fällt diese unzureichend aus, weil die traditionell zur Verfügung stehende Oma doch nicht zur Verfügung steht, der Kindergarten nicht in der Lage ist, den gesamten Betreuungsbedarf zu decken und die Schule als Halbtageseinrichtung die Kinder ab mittags in eine elternfreie Wohnung entlässt, dann steigen die Anforderungen an die Selbstständigkeit der Kinder. Diese erreicht man – wie die Familien uns schon seit längerer Zeit deutlich machen –, indem man die Kinder möglichst bald an dem Alltag partizipieren lässt.

Mit einer möglichen Überforderung als Folge?

Das nicht, aber wer partizipieren will, der muss recht bald eigene Vorstellungen von seinem Leben entwickeln, muss lernen, sich in diesen Belangen durchzusetzen und wird recht bald auch die Verantwortung für bestimmte Dinge übernehmen wollen. Er oder sie werden zu Akteuren, die eigeninitiativ bestimmte Probleme lösen wollen und werden. Dies setzt selbstverständlich eine Reihe von Kompetenzen voraus wie aber auch ein neues Verständnis von Familienleben. Neben die Welt der Erwachsenen tritt nun mit zunehmendem Alter immer mehr die Welt der Kinder. Die Form, wie mit dieser Entwicklung umgegangen wird, kennen wir unter dem Label des Verhandlungshaushaltes. Wer Partizipation will, muss die anderen Partner akzeptieren und sich mit diesen ins Benehmen setzen. Familien tun dies.

Die Kindheitsforschung hat jetzt nachgezogen und ist den Familien auf ihrem Weg gefolgt. Sie hat akzeptiert, dass Kinder zu großen Teilen die Akteure ihres eigenen Lebensentwurfs sind, hat sie dazu befragt und ihnen damit eine Stimme gegeben. Sie hat die Perspektive dieser Kinder eingenommen und ihnen die Möglichkeit offeriert, die Lebenswelt aus dieser uns bislang unbekannten Perspektive zu schildern. Dabei ging es nicht nur um Familie. Es ging genauso um die Wohnumwelt, die Nachbarschaften, die Freunde, die Freizeit, die Arbeitswelt der Eltern, die Schule und andere Institutionen, die Geschwister und vieles mehr. Aber nicht nur die sozialstrukturellen Bedingungen waren von großem Interesse. Gleichzeitig wurde der Versuch gestartet, die Entwicklung der Kinder in ihren jeweiligen Kontexten mitzuverfolgen. Dabei ging es um deren soziale Kompetenzen, die Persönlichkeitsentwicklung und die Folgen der Sozialisationsprozesse im Kontext der Familie. Allein die Auflistung dieser Themenblöcke macht deutlich, dass es vieles aufzuarbeiten galt und gilt.

Zum Beispiel durch das sogenannte Kinderpanel, eine Studie des DJI?

Ja, es gibt seit Beginn des neuen Jahrhunderts einige empirische Studien, die versuchen, Kindern und ihren Lebenswelten gerecht zu werden. Dazu zählen neben dem DJI-Kinderpanel insbesondere das LBS-Kinderbarometer und die WORLD VISION Kinderstudie.

Diese kindzentrierte Forschung veränderte nicht nur die Kinderpolitik, sondern auch die Kindheitsforschung selbst: Die Ausrichtung von einer erwachsenenzentrierten Perspektive mit der Kindheit als Vorbereitung auf die Erwachsenenwelt, d.h. beispielsweise einer Forschung über Faktoren, die den späteren Berufs- oder Lebenserfolg, die späteren gesundheitlichen Einschränkungen oder spätere Armutsrisiken von Kindern als Erwachsene im Blick haben, änderte sich hin zu einer Perspektive, die die Kindheit selbst als Bezugspunkt nimmt. Aktuelles Well-being der Kinder wird ins Zentrum gerückt, statt zukünftigem Well-becoming. D.h. aktuelle Lebensverhältnisse der Kinder stehen in der Forschungshierarchie über zukünftigen möglicherweise daraus resultierenden. Damit wird die aktuelle Veränderung und Verbesserung der Lebenssituation von Kindern als Wert an sich wichtig, ohne dabei vordringlich auf die zukünftigen Auswirkungen dieser Verbesserungen im Leben dieser Kinder zu schauen.

Außerdem resultiert aus der umfassenden Befragung und Analyse aller gesellschaftlichen Teilgruppen von Kindern (also nicht nur von so genannten Problemgruppen) ein facettenreicheres Bild, das zwar Benachteiligungen von bestimmten Kindern nicht ausblendet, aber auch die positiven Lebensbedingungen großer Gruppen von Kindern nicht unberücksichtigt lässt. Weiterhin ist die Themensetzung einer kindzentrierten Kindheitsforschung eine andere als die einer erwachsenenzentrierten: Aus Kindersicht sind häufig andere Themen wichtig: beispielsweise Freundschaften oder Schule als „sozialer Erlebnisraum“. Auch wenn alle drei Studien zeigen, wie stark die Erwachsenenwelt in vielen Bereichen auch die Kinderwelt durchdringt –  wie beispielsweise die Angst vor Arbeitslosigkeit. Schließlich resultiert aus einer solchen Kindheitsforschung eine Weiterentwicklung der Methodik: Sollen Kinder selbst als Befragte eine bedeutende Rolle in der Kindheitsforschung spielen, so müssen die Befragungsinstrumente entsprechend gestaltet sein. Die Erfahrungen aus allen drei Studien zeigen, dass es möglich und erkenntnisreich ist, Kinder als Zielgruppe von Kindheitsforschung zu begreifen. Die Ergebnisse jedenfalls sind aussagekräftig; das belegen die vielen Übereinstimmungen in den Ergebnissen, die trotz unterschiedlicher Zugänge der drei Studien erlangt wurden.

Damit ist die methodische Entwicklung allerdings nicht abgeschlossen: ein weiteres Ziel, das kindzentrierte Kindheitsforscherinnen und -forscher wirklich einen könnte, wäre es, Kinder nicht nur als zu beforschende Subjekte zu betrachten, sondern selbst als (Mit-)ForscherInnen in den gesamten Forschungsprozess einzubeziehen. Die Veröffentlichung der drei großen Kinderstudien 2007 und 2008 könnte also den Beginn einer wichtigen wissenschaftlichen und politischen Entwicklung darstellen.

Soeben ist der 5. Band des DJI-Kinderpanel mit Auswertungen der dritten Erhebungswelle erschienen. Darin geht es um die Frage, wie Kinder Persönlichkeit entwickeln. Was bedeutet es beispielsweise für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern, wenn sie in Armut aufwachsen?

Im Kinderpanel haben wir uns von Anfang an die Frage gestellt, wie Kinder in Deutschland aufwachsen und wie sich die unterschiedlichen Lebensbedingungen auf diesen Prozess des Großwerdens auswirken. Diese Entwicklungen lassen sich aus der Perspektive der Eltern wie aber auch aus der Perspektive der Kinder darstellen.

Ein vielleicht erwartbares Ergebnis ist, dass sich diese beiden Sichtweisen nicht immer entsprechen, dass zum Teil deutliche Unterschiede zu erkennen sind. Dies gilt sowohl für die Eltern-Kind-Perspektive als aber auch für die unterschiedlichen Perspektiven der Eltern. Dennoch weisen alle Aussagen auf einen Entwicklungsprozess hin, den die Kinder durchlaufen. Ganz grob kann man sagen, dass den Kindern mit zunehmendem Alter aus allen drei Perspektiven bestätigt wird, dass sie „ruhiger“ werden und ihre soziale Kompetenz steigt, dass sie aber auch mit einem sinkenden Selbstwertgefühl zu kämpfen haben, wenngleich sich dies alles auf einem hohen positiven Niveau abspielt.

Gleichzeitig wird sehr deutlich, dass Kinder – gemessen an dem Erfolg in der Schule – immer dann besonders erfolgreich sind, wenn ihre Ressourcenausstattung besonders gut ist. Gemeint sind dabei sowohl die aus PISA und IGLU bekannten sozialstrukturellen Aspekte wie Schicht oder Herkunft, als aber auch die auf der Persönlichkeit und dem Erziehungsverhalten der Eltern beruhenden Humankapitalien, über die ein Kind verfügen kann. Bekannt ist der schichtspezifische Zusammenhang: je „besser“ die Herkunft der Kinder, desto besser ihre Chancen im Bildungssystem. Weniger bekannt ist, dass auch durch eine kindzentrierte Kommunikation und einen auf Strenge verzichtenden Erziehungsstil sowie durch die Förderung der sozialen und kognitiven Aufgeschlossenheit der Kinder ein Erfolg im oben genannten Sinne zu erklären ist.

Was nun den Effekt von Armut anbelangt, so muss man sehr differenziert vorgehen. Zum einen ist zu unterscheiden zwischen rein ökonomischer Armut und einer Armut, die sich aus multiplen Faktoren zusammensetzen kann. Zum andern sollte man zwischen langfristiger Armut und einer kurzfristig auftretenden Episode von Armut unterscheiden. Kurzfristige einmalig auftretende Armutsepisoden lassen keinen Effekt auf die Entwicklungsprozesse von Kindern erkennen. Dies liegt sicherlich auch daran, dass Eltern solche Perioden überbrücken können. Selbst bei Armutsphasen von bis zu einem Jahr lassen sich nur geringe Auswirkungen im Verhalten der Kinder erkennen. Da wir mit dem DJI-Kinderpanel aber auch die Möglichkeit haben, Armut über einen längeren Zeitraum zu beobachten, können wir zeigen, dass dauerhafte Armut tatsächlich zu deutlichen Veränderungen des kindlichen Verhaltens führt. Die motorische Unruhe steigt erheblich an, und ein positives Selbstbild ist unter diesen Umständen nur schwer zu behaupten. Die Anzahl der Freunde ist geringer, und die Sozialkontakte sind schwerer aufrecht zu erhalten. Es wird ganz deutlich, wie dauerhafte ökonomische Armut zu einem multiplen Armutsproblem wird, welches die Kinder möglicherweise langfristig benachteiligt.

Sie haben mit dem DJI-Kinderpanel einige Kinder über Jahre hinweg quasi begleitet. Was ist für Sie – über die Jahre gesehen – der spannendste Befund?

Lassen sie mich mit dem Methodischen anfangen. Während man früher der Meinung war, dass Kinder nur auf Grund ihres Alters nicht als Zielpopulation für eine eigene Sozialberichterstattung relevant sind, so zeigt sich jetzt, dass dies nicht richtig ist. Wir konnten dies am Beispiel der 8- bis 9-Jährigen zeigen; andere Studien haben dies auch schon bei jüngeren Altersgruppen nachgewiesen. Jetzt gilt es, dieses Wissen in weitere Instrumente und Verfahren zu investieren, um der Lebenswelt der Kinder noch näher zu kommen.

Eine weitere Erkenntnis bezieht sich darauf, dass Kinder durchaus in der Lage sind, zu Themen eine eigene Meinung herauszubilden, die noch vor wenigen Jahren ausschließlich Erwachsenen vorbehalten waren: Arbeitswelt, Politik, Gesundheit, Wohlbefinden.

Inhaltlich fand ich einen Befund besonders spannend, der uns deutlich machte, wie anders, im Gegensatz zu Erwachsenen, Kinder ihre Lebenssituation einschätzen. Vor dem Hintergrund, dass jedes fünfte Kind in prekären Verhältnissen aufwächst, ist ein Prozentsatz von 96 Prozent glücklicher Kinder schwernachvollziehbar. Wenn man sich jedoch vergegenwärtigt, dass die Lebensumstände, in denen Kinder groß werden, von diesen nicht verändert werden können, d.h. sie können sich keine neuen Eltern aussuchen, keine andere Wohnung auswählen oder die Nachbarschaft verändern, dann zeigt sich daran, wie groß das Vermögen, aber auch das Potenzial der Kinder ist, aus allem das Beste machen zu können. Hierin sind sie Weltmeister. Wenn wir es lernen, sie darin etwas besser zu verstehen, können wir sie dabei künftig deutlich besser unterstützen.

Welches ist für Sie die erschreckendste Erkenntnis?

Ausgehend von der Erkenntnis, dass Kinder heute ihre Zukunft insbesondere dann gut meistern, wenn sie über große soziale Kompetenzen verfügen und über ein ausreichendes Humankapital, hat mich besonders betroffen gemacht, dass es eine Gruppe gibt, die in eben diesen beiden Bereichen ein besonders großes Defizit hat. Es sind die Mädchen aus den Haushalten mit strenger Armut, die allzu oft nicht in der Lage sind, ihre sozialen Kontakte zu pflegen oder gar auszubauen. Sie können dadurch nur begrenzt soziale Verhaltensweisen kennen lernen und ausbilden. Wegen der bestehenden und meist auch andauernden ökonomischen Deprivation sind kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe erschwert. Dadurch kommen sie nahezu zwangsläufig wieder in genau dieselbe Situation, die sie schon von Kindesbeinen an erlebt haben. Unter diesen Umständen eine wirklich eigene Perspektive zu entwickeln ist ausgesprochen schwierig.

Wie geht es weiter mit dem Kinderpanel?

Das Kinderpanel in seiner bisherigen Form als eigenständige Studie zum Thema Aufwachsen in Deutschland ist erst einmal beendet. Das soll aber nicht heißen, dass die Themen und die Zielgruppe als solche für uns von keinem weiteren Interesse sind. Es ist vielmehr daran gedacht, die wichtigsten Erkenntnisse und Befunde in einem neu aufzulegenden Integrierten Survey des Deutschen Jugendinstitutes fortzuführen. Dieses Forschungsvorhaben soll die diversen Forschungsstränge des DJI – Familie, Jugend und Kinder – zusammenführen, so dass ein Fundus entsteht, mit dem sich die Lebenswelten aller interessierenden Altersgruppen dezidiert darstellen lassen. Den Kindern wird damit auch zukünftig durch die Forschung am DJI eine Stimme gegeben werden.

Links

DJI-Fachtagung: Kinder in Deutschland. Eine Bilanz empirischer Studien

DJI-Abteilung: Kinder und Kinderbetreuung

DJI-Abteiung: Zentrum für Dauerbeobachtung und Methoden

DJI-Kinderpanel

DJI-Kinderbetreuungsstudie

DJI Bulletin 77 Kinder in Deutschland / Quantitative Forschungsmethoden

DJI Bulletin 80 Kindertagesbetreuung in Deutschland

DJI Bulletin 82 Kinderwelten – Familienwelten / Qualitative Forschung

DJI Bulletin 84 Das Wissen über Kinder

Christian Alt (2008): Kinderleben – Individuelle Entwicklungen in sozialen Kontexten. Persönlichkeitsstrukturen und ihre Folgen. Bd. 5. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

DJI Thema 2007/11: Kinderarmut: Einmal arm – immer arm?

DJI Thema 2008/10: Integrierte Surveyforschung am DJI

 

Kontakt

Dr. Christian Alt, DJI

DJI Online / Stand: 1. Oktober 2008

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