Gespräch mit Sonya Saroyan, Stipendiatin am DJI

Frau Saroyan, Sie stammen aus Armenien, einem Land mit ausgeprägter christlicher Tradition. Wie sind Sie auf das Thema des Kopftuches gekommen?

Armenien hat eine sehr homogene Bevölkerungsstruktur. Wir sind zwar umgeben von muslimischen Nachbarländern – bis auf Georgien – haben aber kaum Minderheiten in unserem Land. Als ich vor drei Jahren mit einem DAAD-Stipendium nach Deutschland kam, war ich überrascht, auf den Straßen Münchens Menschen aus so vielen verschiedenen Kulturen zu begegnen. Besonders auffällig war für mich dabei die große Zahl muslimischer Frauen, die Kopftücher tragen.

Sie haben in Armenien ein sechsjähriges Studium der Klinischen Psychologie abgeschlossen. Mit welchem Schwerpunkt?

Am Lehrstuhl von Frau Dr. Gayane Shahverdyan haben wir unter ihrer Anleitung vorwiegend mit der Mask-Therapie gearbeitet, einer besonderen Form der Körperarbeit zur Bewältigung psychologischer Probleme. Grundlegend ist dabei die Annahme, dass das Verhältnis zum eigenen Körper entscheidend für die Selbstwahrnehmung und unsere Identität ist. Deswegen ist für mich die Verhüllung des Körpers durch Schleier oder Kopftücher ein sehr interessantes Phänomen, das ich in während meines sozialpsychologischen Studiums an der Ludwig-Maximilians-Universität für meine Magisterarbeit näher untersucht habe: The Clothes That Wear Us: The Veil of Marginal Muslim Women in Europe. Ich werde dieses Thema in meiner Dissertation, die ich in den nächsten drei Jahren in England schreiben werde, weiter verfolgen, vor allem den Zusammenhang zwischen sozialer Identität und sozialem „Körper“ bei der Stressbewältigung.

Als Vorbereitung dazu haben Sie im Rahmen eines sechsmonatigen DJI-Stipendiums ein interessantes Experiment durchgeführt.

Ja, bei diesem Experiment ging es nicht darum, wie muslimische Frauen mit Kopftuch auf die sogenannte „Zielgesellschaft“ – in diesem Fall Deutschland – wirken, sondern um die Selbstwahrnehmung muslimischer Frauen in verschiedenen Kontexten.

Dafür habe ich in einer ersten Befragung 94 muslimische Frauen (im Durchschnittsalter von 24 Jahren) in München und Berlin auf Deutsch befragt. Die Mehrheit der Teilnehmerinnen waren sunnitische und einige wenige schiitische Muslimas. 51 der befragten Frauen trugen Kopftuch, die anderen 43 dagegen nicht.

Sie sind keine Muslima. Trugen Sie während der Befragungen aus Forschungsgründen ein Kopftuch?

Mal ja und mal nein. Darauf hatte ich mich übrigens zwei Wochen lang vorbereitet und bei meinen U-Bahnfahrten ein Kopftuch getragen.

Es war sehr aufschlussreich, wie stark sich meine Kopfbedeckung bereits auf die Bereitschaft zur Teilnahme der Frauen an der Befragung auswirkte. Mit Kopftuch brauchte ich zwei Wochen, um 30 Interviews zu führen. Ohne hingegen dauerte es zwei Monate, um 20 gesprächsbereite Frauen zu finden. Insgesamt habe ich bei der Suche nach Interviewpartnerinnen 205 muslimische Frauen angesprochen, darunter 112 Frauen mit und 93 Frauen ohne Kopftuch. 94 Frauen beteiligten sich an der Befragung.

Bei Muslimas ohne Kopftuch waren die Ab- bzw. Zusagen offenkundig unabhängig davon, ob ich selbst ein Kopftuch trug (55% Ab- und 45% Zusagen) oder ohne Kopftuch auftrat (53% Ab- und 47% Zusagen).

Demgegenüber wirkte sich meine Bekleidung deutlich auf die Gesprächsbereitschaft von Kopftuch tragenden Muslimas aus: Hatte ich ebenfalls ein Kopftuch auf, so stimmten 79% der Angesprochenen einem Interview zu, 21% sagten ab. Trug die Interviewerin jedoch kein Kopftuch, stimmten nur 28% zu und 72% nicht. Das heißt, wenn die Interviewerin selbst ein Kopftuch trug, wurde sie von den befragten Frauen mit Kopftuch als Teil ihrer eigenen Gruppe (Ingroup) und somit als Teil des „Wir“ anerkannt. Ohne Kopftuch wurde sie jedoch von ihnen als ein Teil der „Anderen“ (Outgroup) wahrgenommen.

Diese Wahrnehmung des Gegenübers als „Ihresgleichen“ hat doch sicher Konsequenzen für das dann folgende Gespräch!

In der Tat. Tragen Interviewerin und Befragte beide ein Kopftuch findet die Kommunikation auf „gleicher Ebene“ innerhalb der Ingroup, statt – vom Ich zum Du auf der Basis der persönlichen Identität als muslimische Frauen. Dann spielt die Zugehörigkeit zur muslimischen Gemeinschaft laut den Resultaten aus der Beschreibung ihres Aussehens und der kollektiven Selbstachtungs-Skala (Crocker/Luhtanen) eine untergeordnete Rolle. Darüber hinaus haben sie nach der PANAS-Skala (Positive and Negative Affect Schedule) sehr offen über ihre eigenen Gefühle berichtet, dabei überwiegen negative Emotionen wie z. B. Ängstlichkeit und Unsicherheit.

Und wie verändert sich das Verhalten der Muslimas, die ein Kopftuch tragen, wenn sie eine Ansprechpartnerin ohne Kopftuch vor sich haben?

Vorwegschicken möchte ich, dass es für muslimische Frauen, die kein Kopftuch tragen, zwar weniger wichtig ist, ob die Gesprächspartnerin zur eigenen Gruppe gehört. Dennoch legen auch sie Wert darauf, der Ansprechpartnerin deutlich zu machen, dass es für ihre Identität von großer Bedeutung ist, eine Muslima zu sein.

Trifft nun eine Muslima, die ein Kopftuch trägt, auf eine Interviewerin ohne Kopftuch, tritt bei der Muslima die soziale Identität noch viel stärker in den Vordergrund. Wenn die Kommunikation zwischen dem „Wir“ und den „Anderen“ stattfindet, dann bekommt in diesem speziellen Kontext für Kopftuchträgerinnen die Identifikation mit der eigenen Gruppe eine sehr große Bedeutung. Gegenüber Anderen (Outgroup) demonstrieren sie deutlich, dass sie ein höheres Ansehen haben und „wertvollere“ Mitglieder der islamischen Gemeinschaft (Ingroup) sind. Dabei reagieren sie zwar ängstlicher auf eine unbekannte gruppenfremde Person (Outgroup) als auf eine unbekannte gruppenzugehörige Person (Ingroup). Im Outgroup-Kontext gaben die befragten Frauen mit Kopftuch eher positive Emotionen wie z. B. Selbstsicherheit, Freude, Stolz an: „Andere“ sollen nur etwas über „unsere“ positiven und angenehmen Gefühle erfahren. Zu dieser Gruppe gehörten übrigens auch fünf Frauen aus den neuen Bundesländern, die zum Islam übergetreten sind und nicht nur ein Kopftuch, sondern sogar einen Tschador tragen.

Vor allem aber gibt es keine Einblicke mehr in intime Details. Bei den Beschreibungen des eigenen Aussehens beschränken sich die Frauen dieser Gruppe auf externe Attribute wie Schuhe oder Brille, eventuell noch die Farbe der Augen oder die Form der Fingernägel. Aber allein die Preisgabe der Haarfarbe wäre für sie eine zu intime Aussage.

Welche Bedeutung hat in Ihren Augen das Kopftuch für diese Frauen?

In erster Linie ist das Kopftuch ja ein religiöses Zeichen. Die Trägerin bekennt sich damit zum Islam. Meines Erachtens hat sich die Signifikanz aber dahingehend verschoben, dass es für Muslimas mehr zu einem Demonstrationsattribut geworden ist, das untrennbar mit der sozialen Identität verbunden ist. Es ermöglicht Frauen, den „Anderen“ das „Wir“ entgegen zu halten und wirkt somit identitätsstabilisierend – möglicherweise auch präventiv, sozusagen aus Angst vor Diskriminierungserfahrungen. 

Wenn das Kopftuch das Trennende, Abgrenzende betonen kann, fordert es doch auch mögliche Diskriminierung heraus und erschwert damit eher die Integration. Hatten Sie den Eindruck, dass sich diese Frauen in die deutsche Gesellschaft integrieren möchten?

Vermutlich schon, aber sicherlich ohne Druck und Zwang. Sie sollten diejenigen sein, die entscheiden und nicht der Staat. Sie haben möglicherweise Angst, wenn sie sich „einfügen“, ihre Identität als Muslima mit allen Werten zu verlieren. Und das ist natürlich verständlich.

Das heißt, wir brauchen mehr positive Identifikationsfiguren, die zeigen, dass Integration durchaus gelingen kann, ohne die eigenen Wurzeln und Kultur zu verleugnen: Erzieherinnen, Lehrerinnen, Politikerinnen, Schauspielerinnen?

Ich habe das nicht erforscht, aber ich könnte mir vorstellen, dass die Stärkung von Frauen, die sich der deutschen Kultur öffnen und ihre Identität selbst herstellen, und auch die, die kein verhüllendes, schützendes Kopftuch mehr tragen, positiv auswirken könnte. Denn nur sie können als erfolgreiche Vermittlerinnen zwischen beiden Welten fungieren und den muslimischen Frauen alternative Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen.

Mit Anordnungen von oben kann das nicht funktionieren, weil sich die Ingroup reflexartig dem anmaßenden Zugriff der Outgroup verschließt und mit einem re-ethnisierenden Verhalten, also einem verstärkten Rückzug auf die eigene Herkunftsgruppe reagiert. Diese Tendenzen hab ich in meinem Experiment ja sehr gut feststellen können.

Frau Saroyan, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Sonya Saroyan (Jg. 1981) stammt aus Jerewan, Armenien. Sie studierte Klinische Psychologie an der Staatlichen Universität Jerewan, hat einen Magisterabschluss der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität im Fach Sozialpsychologie, war sechs Monate lang Stipendiatin am Deutschen Jugendinstitut und arbeitet derzeit in Exeter (England) an ihrer Dissertation zum Thema „Sichtbare Minderheiten: Soziale Körper und soziale Identität bei der Stressbewältigung“.


Links

DJI Forschungsgruppe: Migration, Integration und interethnisches Zusammenleben

DJI Thema 2007/10: Integration

Stipendien am Deutschen Jugendinstitut



Kontakt

Sonya Saroyan
Research Assistant
(Project: The individual in the group: Social identity and the dynamics of change)
School of Psychology
University of Exeter
Exeter EX4 4QG
United Kingdom


DJI Online / Stand: 1. Oktober 2007