Gespräch mit Prof. a.V. Dr. Claus Tully, DJI

Sehr viele 18-Jährige haben ein eigenes Auto, Schulkinder verbringen ihre Ferien auf Mauritius oder den Seychellen statt auf Wangerooge, und schon für die ganz Kleinen gibt es Laufräder – die Jugend ist hochmobil. Wirklich ein Fortschritt – oder eine Gefährdung?

Die moderne Welt ist eine mobile. In traditionellen Gesellschaften war das anders, da gab es aber auch keine Jugend. Die Jugend ist ebenso wie die umfassende Mobilität ein Produkt der Nachkriegsperiode. Jugendliche sind immer mobiler als der Rest der Gesellschaft. Jugendliche bewältigen mehr Wege als Erwachsene. Das hat eben damit zu tun, dass Ablösungen und Neueinbettung ohne Mobilität nicht zu realisieren sind.

Das Bewusstsein für den Schutz der Umwelt ist heute sicher größer als vor dreißig Jahren. Hat dies auch Konsequenzen für das Mobilitätsverhalten der Jugendlichen?

Ganz sicher ist, dass Jugendliche die mit dem Verkehr verbundenen Risiken sehen. Wenn sie jedoch 18 werden, ist das Bedürfnis nach selbstbestimmter Mobilität, nach dem Führerschein doch unabweisbar. Fast alle erwerben in diesem Alter den Kfz-Führerschein und sind dann auch häufiger mit dem PKW unterwegs. Auf Grund des gewandelten Generationenverhältnisses häufig mit dem Familienfahrzeug.

Schon in Kindertagesstätten gibt es heute Konzepte zur nachhaltigen Mobilitätserziehung (wie die Idee "1000 Füße für die Umwelt"). Hat die herkömmliche Verkehrserziehung ausgedient?

Wichtig ist, dass gelernt wird, Mobilität in unterschiedlicher Weise zu realisieren. Von daher sind Modelle, mit Kindern gemeinsam Wege zu Fuß zu bewältigen der richtige Ansatz. Die moderne Gesellschaft vergisst gelegentlich, dass es auch im Dienst des Unterwegsseins viele Möglichkeiten gibt. Neben dem Auto gibt es das Rad, die öffentlichen Verkehrsmittel, die Bahn und die eigenen Füße. Nur die, die den Führerschein gerade erworben haben, fahren explizit auf das Auto ab.

Wird die Bereitschaft zur Mobilität in der Schule gefördert?

Die diversen Schul- und Bildungstypen fördern die Bereitschaft zur Mobilität ganz unterschiedlich. Während in den Gymnasien fast jeder dritte Schüler einen Schüleraustausch mitmacht und auch für Studierende der Weg ins Ausland immer einfacher wird, verlassen Haupt- und Realschüler häufig während ihrer gesamten Schulzeit und Ausbildung ihr Umfeld nicht. Damit entgeht ihnen eine wichtige Erfahrung, aber auch soziales Kapital. Die Jugendlichen von heute sind im Gegensatz zu früher stärker gezwungen, ihre Zukunft selbst zu entwerfen. Dazu benötigt man Kompetenzen, die von der Schule bis heute nicht vermittelt werden – und die einem folglich im Elternhaus oder in der außerschulischen Bildung mitgegeben werden müssen.

Von allen ArbeitnehmerInnen wird heute Mobilität eingefordert, das heißt konkret, die Bereitschaft lange An- und Abfahrtswege zum Büro oder Ausbildungsplatz in Kauf zu nehmen. Ist das unter dem Aspekt Umwelt nicht kontraproduktiv?

Richtig ist, dass zur modernen Gesellschaft der "Mobilitätsimperativ" gehört. Alle müssen mobil sein: Ohne Mobilität funktioniert weder Bildung, noch Beschäftigung, noch Konsum. Ökologisch gesehen sind viele Wege tatsächlich ein Problem, aber auch für die Personen, die lange Wege auf sich nehmen müssen. Ganz offensichtlich wird es zum Privileg, in der Nähe des Ausbildungsplatzes zu wohnen. Aber die Einheit von Wohnen und Arbeiten ist ja mit der Durchsetzung der Industriegesellschaft beendet worden.

Haben die jungen Leute überhaupt eine Wahl, "frei" über ihr Mobilitätsverhalten zu entscheiden?

Das hängt davon ab, wo Heranwachsende leben. Wer im Stadtviertel wohnt, kann in der Regel fußläufig oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln seine Freunde aus der Schule erreichen. Wer auf dem Land lebt, hat's da schon schwerer. Einerseits sind die Einzugsräume der Schulen sehr groß und damit die Wege zu den Freunden auch länger geworden.

In den Straßenbahnen sitzen meist mehr weibliche Fahrgäste als männliche. Warum?

Ob das stimmt, müsste überprüft werden. Ich hatte früher auch einmal geglaubt, dass Sportwagen von Männern gefahren werden und nicht von Frauen. Die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel muss aber in jedem Fall attraktiver werden, und die mobilen Menschen müssen lernen, dass "Gefahrenwerden" Vorteile hat: Man kann dabei lesen, entspannen, schlafen. Bei Jugendlichen kommt es ja ohnehin nicht nur darauf an, wie, sondern mit wem man unterwegs ist. Von daher erleben Jugendliche auch die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln als Event.

Wie wichtig oder identitätsstiftend ist der eigene fahrbare Untersatz für die Jugendlichen heute?

Die Selbstbestimmung der Mobilität ist ein hohes Gut. Und wer über seinen Aufenthalt frei disponiert, ist wirklich frei. Da die Räume, in denen Jugendliche heute agieren, weitläufiger geworden sind, nimmt das Bedürfnis nach entsprechenden Vehikeln zu. Vieles, was im Jugendalltag wichtig ist - Kommunikation, Musik - ist selbst mobilisiert und stiftet zusätzliche Mobilität. Das "Eventhopping" ist hier beispielhaft zu nennen. Erst mit der mobilen Kommunikation wird es möglich nachzufragen, wo was los ist. Mit solchen Informationsmöglichkeiten ausgestattet, kann die passende Aktivität "en passant" gesucht und gefunden werden.

Wie mobil müssen Jugendliche sein, um ihre Freizeit heute zu gestalten?

Das hängt von den Freizeitbedürfnissen ab. Klar, Sport, Musik, Freunde – das sind die zentralen Anlässe für Mobilität. Gelegentlich muss weiter gereist werden, um als Fan seine Musik zu erleben. Auch muss trendiges, modernes Styling nicht nur gekauft, sondern auch gefunden werden. Letztlich ist alles, was den Jugendalltag kennzeichnet, mobilitätsstiftend (Bildung, Freunde, Mode, Nebenjobs).

Der Flug nach New York kostet heute oft weniger als die Bahnreise ins Fichtelgebirge, eine einfache Fahrt mit einem öffentlichen Verkehrsmittel bereits über 2 Euro. Wie soll man das jungen Menschen erklären?

Problematisch ist dies nur vor dem Hintergrund der Umweltbelastung, die mit der Nutzung von Flugzeugen einhergeht. Ansonsten wird eben dorthin gereist, wo was los ist. Dies ist zunächst der Maßstab. Freilich haben wir herausgefunden, dass Jugendliche, die sich für Umwelt interessieren, ihre eigene Mobilität auch im Hinblick auf die Umweltbelastung gestalten. Was die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs betrifft, so gibt es zahlreiche Modelle, wie dies geschehen kann. Kombitickets, Tickets für bestimmte Personengruppen, für bestimmte Räume sind hier zu nennen. Häufig sind es nicht ökologische, sondern auch ökonomische Gründe sowie Zeitersparnis, die zum Umsteigen einladen. Wenn sie zum Beispiel nach Arosa in die Schweiz fliegen oder mit dem Auto fahren würden, hätten sie weder einen Zeit- noch einen Geldvorteil. Gut 50 % aller Besucher kommen dorthin mit der Bahn. Das Hotelgewerbe und die Stadt sind darauf eingerichtet. Dass Gäste von der Bahn abgeholt werden, gehört zum Standard. In Werfenweng, einer kleinen Gemeinde in Österreich, wird ein Modell erprobt, die Gäste mit Solarmobilen von der Bergstation abzuholen und zu transportieren. Wer Urlaub macht, will in der Regel eine unverbrauchte Natur. Um dies möglich zu machen, müssen entsprechende Angebote entwickelt werden.

In ihrem jüngsten Buch empfehlen Sie das Führen eines Mobilitätskalenders. Was ist das?

Ziel ist es, sich den eigenen Mobilitätsstil bewusst zu machen. Insofern ist es sinnvoll festzustellen, welche Wege mit welchem Transportmittel bewältigt werden. Gerade bei der Mobilität hat man es mit einer Habitualisierung zu tun. Und sehr oft wird mit Notwendigkeiten argumentiert, um zu beweisen, dass eine andere Form der Verkehrsmittelnutzung ausgeschlossen ist. Statt eines erhobenen Zeigefingers, kann so mit dem Mobilitätskalender die konkrete Mobilitätspraxis festgehalten werden.

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Prof. a.V. Dr. Claus Tully untersucht seit vielen Jahren das Mobilitätsverhalten junger Menschen. Er ist wissenschaftlicher Referent am DJI, Privatdozent an der Freien Universität Berlin und Professor auf Vertrag an der Freien Universität Bozen. Seine Arbeitsfelder sind: Technik, Lernen, Mobilität. Seine aktuellen Buchveröffentlichungen: Lernen in flexibilisierten Welten, Juventa 2006 und Mobiler Alltag, VS-Verlag 2006 (gemeinsam mit Dirk Baier).

DJI Online / stand: 10. Oktober 2006