DJI-Online Gespräch Oktober 2004 mit Dr. Angelika Tölke, DJI

Nachdem die Analysen zum Wandel im Partnerschafts- und Fertilitätsverhalten bislang fast ausschließlich aus der Perspektive der Frau vorgenommen wurden, rücken die Männer zunehmend in den Blickpunkt. Angelika Tölke erforscht am DJI seit vielen Jahren das Zusammenwirken von Erwerbspartizipation, Berufskarriere und privater Lebensform - in den letzten Jahren vor allem in männlichen Biografien. Wir haben mit ihr über den Zusammenhang von beruflicher Laufbahn und Familiengründung gesprochen.

Frau Dr. Tölke, bei den Frauen, die heute immer später Mütter werden, spricht man häufig von der biologischen Uhr, die bedrohlich tickt. Da haben es die Männer besser, oder?
Das ist nur auf den ersten Blick der Fall, nämlich wenn man an die "prinzipielle" biologische Uhr denkt, die es ermöglicht, dass Männer bis ins hohe Alter zeugungsfähig bleiben. Meine Analysen zeigen jedoch, dass ab dem Alter von Mitte Dreißig die Aussichten, das erste Mal Vater zu werden, deutlich abnehmen, und zwar auch dann, wenn die Männer in einer Partnerschaft oder Ehe leben. Die biologische Fähigkeit der Männer, bis ins hohe Alter Kinder zeugen zu können, kann nicht gleich gesetzt werden mit den sozialen Möglichkeiten.
Bei Männern, die in höherem Alter Vater werden - man denke hier etwa an prominente Politiker, Schauspieler oder Sportler, die immer mal wieder in den Medien Schlagzeilen machen - , handelt es sich zumeist nicht um eine erste Vaterschaft. Meist sind sie in jüngeren Jahren schon einmal Vater geworden.

Auf welcher Grundlage können Sie dies so genau sagen?
Für den Familiensurvey 2000 wurden rund 10.000 Männer und Frauen für Deutschland repräsentativ ausgewählt und befragt. Ich habe für die Analysen erwerbstätige Männer aus Westdeutschland in den Altersgruppen 50-54, 45-49, 40-44 und 35-39 genauer angeschaut.

Haben Sie herausgefunden, welche sozialen Gegebenheiten maßgeblich die Entscheidung der Männer beeinflussen, Kinder zu bekommen oder nicht?
Erstens zeigt sich, dass frühe Verlusterfahrungen, sei es durch den Tod eines Elternteils oder durch eine Scheidung der Eltern, das eigene Verhalten im Hinblick auf eine Familiengründung negativ beeinflussen. Ehen werden aufgeschoben, die Entscheidung für eigene Kinder unter Umständen auch dauerhaft negativ beschieden. Sind die Männer nicht als Einzelkind, sondern mit mehreren Geschwistern aufgewachsen, erhöht das wiederum die Chance, selbst Vater zu werden.

Gut. Das heißt, je "heiler" die Herkunftsfamilie, desto größer die Fortpflanzungsbereitschaft des Mannes. Und wie steht es mit der Karriere? Wann gibt es da den richtigen Zeitpunkt für's Kinderkriegen?
Ja, das ist der zweite Punkt, den wir betonen müssen. Bei der Familiengründung herrscht offensichtlich immer noch die traditionelle Vorstellung vom Mann als Familienernährer vor. Das bedeutet, dass von den wenigsten eine Eheschließung und noch weniger ein Kind während der Ausbildung gewagt wird. Unser Bildungssystem ist auch nicht dazu angetan, die Unvereinbarkeit, oder sehr schlechte Vereinbarkeit von Ausbildung und Elternschaft zu beheben.
Aber auch der Eintritt in das Berufsleben ist heute keine Garantie mehr für einen dauerhaften Arbeitsplatz. Das erschwert für die Männer, die meinen, ein Mann müsse vor der Familiengründung beruflich "Fuß gefasst" und eine ökonomisch sichere Basis hergestellt haben, natürlich die Entscheidung.
Darüber hinaus ist Arbeitslosigkeit ein ganz einschneidender dritter Faktor im Prozess der Familiengründung. Phasen der Arbeitslosigkeit wirken sich eindeutig hemmend auf den Wunsch, oder besser die Möglichkeit, Vater zu werden, aus.

Keine guten Aussichten in Zeiten, in denen Firmen immer mehr sparen und Mitarbeiter "outsourcen". Der Anteil der unfreiwilligen und freiwilligen Selbständigen wächst doch enorm.
Gerade die Selbständigen werden von der Destabilisierung des Arbeitsmarktes besonders hart getroffen. Keinerlei Beschäftigungsgarantie und die Abhängigkeit von konjunkturellen Schwankungen führen zu einem überdurchschnittlich hohen Arbeitseinsatz. Im Vergleich zu Beamten, Angestellten und Arbeitern investieren Selbständige die meiste Zeit in ihren Beruf und haben im Vergleich die geringsten Zeitanteile bei Haus- und Familienarbeit. Sie tun sich daher im Hinblick auf Ehe und Vaterschaft sehr schwer: Nach unseren Ergebnissen resultiert diese berufliche Situation in signifikant späteren bzw. selteneren Familiengründungen.

Was ist zu tun, damit diejenigen, die Kinder bekommen wollen, diesen Wunsch auch verwirklichen können?
Es müssen dringend Maßnahmen eingeleitet werden. Denn die Entwicklung wird sich ja nicht verbessern, sondern eher noch weiter verschlechtern. Beim Arbeitsmarkt zeichnet sich mittelfristig keine Entspannung ab, auch die Beständigkeit der Herkunftsfamilien wird nicht wieder zunehmen. Die Zahl der Trennungen und Scheidungen steigt kontinuierlich an. Gleichzeitig wachsen die Ansprüche der Gesellschaft und der Eltern selbst hinsichtlich einer verantwortungsvollen und aktiveren Rolle der Väter. Und die Frauen sind, wie wir wissen, auch keine "Hilfe". Denn sie selbst sind sich häufig unsicher, ob und wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um Kinder zu bekommen.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen also dringend verbessert werden: zum Beispiel durch ein größeres Angebot institutioneller Kinderbetreuung, wie wir sie in Frankreich und Schweden finden. Aber auch das kann frühestens mittelfristig eine Veränderung bringen.


Dr. Angelika Tölke
(Jg. 1953) ist Soziologin und seit 1987 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am DJI tätig; von 2000 bis 2003 hatte sie sich am DJI beurlauben lassen und am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock gearbeitet. Ihr Spezialgebiet ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei Männern und Frauen.