Gespräch mit Dr. Christian Alt, DJI

Mit dem 2008 verabschiedeten Kinderförderungsgesetz (KiFöG) wurde ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren (U3) ab August 2013 festgeschrieben. Die jährlich im Mai vorgelegten KiFöG-Berichte geben seitdem Auskunft über den Stand des „bedarfsgerechten“ Ausbaus. Schätzungen der soeben mit Bezug auf die aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes vorgelegten DJI-Länderstudie zufolge wird der durchschnittliche Bedarf 2013 bei 39,4 Prozent liegen. Zudem wird deutlich, dass es zwischen den einzelnen Bundesländern hinsichtlich der gewünschten und der tatsächlichen Betreuungssituation große Differenzen gibt. Dr. Christian Alt, stellvertretender Leiter des Zentrums für Dauerbeobachtung am DJI und für die Länderstudie verantwortlich, spricht mit DJI Online über die aktuellen Ergebnisse.

Herr Dr. Alt, es sind noch knapp zehn Monate, bis Eltern im Notfall einen Kita-Platz für ihre Kleinkinder einklagen können. Die Betreuungsquote bei den unter Dreijährigen liegt laut drittem KiFöG-Bericht 2012 bei 25,4 Prozent. Gerechnet wird mit einem bundesweiten Bedarf von etwa 39 Prozent. Gibt es Beispiele auf Länderebene dafür, welche Effekte "Anreize" wie ein Rechtsanspruch auf die Nutzung des Betreuungsangebots haben können?

Bisher vorliegende Evaluationen zum KiFöG zeigen jetzt schon Zusammenhänge zwischen der Nutzung des Betreuungsangebotes in den jeweiligen Bundesländern und dem unterschiedlichen Umgang mit dem Rechtsanspruch oder mit den vorhandenen Steuerungsmechanismen wie z.B. Gutscheinen oder einem länger gezahlten Elterngeld.

Und wie sieht dieser Zusammenhang aus?

Dort, wo jetzt schon ein uneingeschränkter Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz gilt - zum Beispiel in Sachen-Anhalt - finden wir auch die höchsten tatsächlichen Betreuungsquoten. Dort, wo das Elterngeld recht lange gezahlt wird, steigen die Betreuungsquoten erst dann sehr deutlich an, wenn dieser Anspruch ausläuft. Wir gehen davon aus, diese Effekte auch in der Länderbefragung wiederzufinden.

Das bedeutet, es ist durchaus anzunehmen, dass die Zahl der Eltern, die sich eine frühe Betreuung für ihre Kinder wünschen, aufgrund des Rechtsanspruchs mittelfristig über den Schätzwerten liegen wird? 

Wir müssen an dieser Stelle zunächst einmal zwischen dem Wunsch nach Betreuung und dem tatsächlichen Bedarf unterscheiden. Seit der DJI-Kinderbetreuungsstudie wissen wir, dass der Wunsch der Eltern nach Betreuung stets größer ist als der tatsächliche Bedarf. Dies lässt sich dort sehr gut zeigen, wo es ein (Über-)Angebot an Betreuungsplätzen gibt – wie zum Beispiel bei den Kindergartenplätzen im Osten der Republik. Tatsächlich aber werden nicht alle angebotenen Plätze genutzt.

Zurzeit gilt laut drittem KiFöG-Bericht jedoch bundesweit: der Bedarf liegt insgesamt deutlich über dem Angebot. Und darüber hinaus wird der von den Eltern geäußerte Betreuungsbedarf sicher noch weiter steigen. Denn die Erfahrung hat gezeigt: Wird das Angebot erhöht, wächst der Wunsch ebenso und in der Folge der Bedarf an Betreuungsplätzen. Erst wenn der Ausbau soweit fortgeschritten ist, dass wir von einem Angebotsmarkt für die institutionelle Betreuung für Kinder unter drei Jahren sprechen können, wird sich diese Situation entspannen.

Es deutet sich an, dass nach den Befunden der Länderstudie Bayern beim Ausbau gut im Rennen liegt. Woher rührt das?

In Bayern haben wir ein sehr günstiges Verhältnis von Angebot und Nachfrage, was daran liegt, dass die Nachfrage in Bayern im Vergleich zu anderen Bundesländern recht niedrig ist.

Warum müssen dann in Großstädten wie München die Mütter und Väter trotzdem regelmäßig zu Protestaktionen wegen des Platzmangels in den Kitas auf die Straße gehen?

Großstädte zeichnen sich u.a. dadurch aus, dass sie eine Vielzahl von Arbeitsplätzen anbieten, welche zunehmend von höher qualifizierten Fachkräften besetzt werden sollen.  Nicht selten leben aber eben diese nicht neben der Arbeitsstelle und benötigen daher einen Betreuungsplatz, der entweder nah am Wohnort oder an der Arbeitsstätte zur Verfügung stehen sollte. Wegen des vorhandenen Ausbaustands vor Ort und dem benötigten Betreuungsumfang fällen Eltern die Entscheidung häufig zu Gunsten des Betreuungsplatzes in der Stadt, da hier sowohl Angebot als auch Öffnungszeiten bedarfsgerechter sind. Dies führt dazu, dass die Versorgungsquoten der Stadt sehr hoch sind, die Betreuungsquote der hier lebenden Kinder aber geringer ausfällt, da die vorhandenen Plätze mit den Kindern vom Land geteilt werden müssen.

Fragt man die Eltern danach, inwieweit sie mit der angebotenen Betreuung und vor allem mit dem Betreuungsumfang zufrieden sind, stößt man auf ein weiteres Phänomen: Etwa ein Drittel der Eltern ist mit dem angebotenen Betreuungsplatz unzufrieden, weil er mit dem eigenen Bedarf nicht übereinstimmt: sei es, dass zu wenig oder zu viel Betreuung angeboten wird. Mit unserer Studie soll dieser „Mismatch“ noch einmal länderspezifisch unter die Lupe genommen werden.

Im Prinzip müssten also die Ausbauplanungen auf kommunalen Bedarfsermittlungen fußen. Wird in den Städten und Gemeinden denn so verfahren? 

Das ist richtig. Nur wer die Bedarfe vor Ort wirklich kennt, wird die Ausbauplanung auf kommunaler Ebene bedarfsgerecht gestalten können. Unsere Zahlen werden bei den kommunalen Bedarfsermittlungen nicht sehr hilfreich sein. Bei den Befragungen zur Evaluation des KiFöG haben wir den Eindruck gewonnen, dass von Seiten der Städte und Gemeinden diejenigen, die den Bedarf am besten artikulieren könnten, nämlich die Eltern, allzu oft nicht danach gefragt werden. Ein Defizit, was sich leicht beheben ließe. Ein Projekt des Forschungsverbunds Deutsches Jugendinstitut/TU Dortmund hat für die kommunale Bedarfsermittlung einen sehr hilfreichen Lösungsansatz entwickelt, den ich den Kommunen und den zuständigen Planern nur empfehlen kann.

Der Ausbau der Tageseinrichtungen kämpft vielerorts mit Platz- oder Fachkräftemangel. Die Kindertagespflege wird deshalb als weitere tragende Säule des Betreuungssystems gezielt gestärkt. Ist die Idee der Tagesmutter für alle Eltern gleichermaßen eine attraktive Alternative? 

Die Idee der Tagesmütter und der Ausbau dieser Betreuungsform ist in letzter Zeit sehr stark von der Politik gefördert worden. Dabei wurde als Planungsgröße ein Anteil von 25 Prozent diskutiert, mit dem die Tagespflege gleichrangig neben den Tageseinrichtungen  etabliert werden soll. Nun zeigt sich bereits in den Elternbefragungen zum KiFöG, dass auf Seiten der Nutzer andere Präferenzen bestehen. Vor allem in den neuen Bundesländern sind Tagesmütter kaum eine echte Alternative. Gefragt, welche Betreuungsform den Eltern denn lieber wäre, gibt es auch im Westen ein deutliches Votum für die Kindertageseinrichtung.

Unsere Länderstudie soll nun dazu beitragen, diese Präferenzen auch in Abhängigkeit von den jeweils vorhandenen Anreizsystemen darzustellen und die dabei möglichen Unterschiede aufzuzeigen. Dabei wird auch die Tatsache eine Rolle spielen, dass die Kindertagespflege auch im Westen eine Betreuungsform ist, die vor allem für Kinder im Alter zwischen acht und 24 Monaten gewählt wird. Allein daran kann man schon erkennen, dass die Tagespflege noch keine gleichwertige Alternative darstellt.

In der Bildungsrepublik Deutschland wird seit Jahren dafür plädiert, die Kindertageseinrichtungen stärker für das frühe Ergreifen von Bildungschancen zu nutzen. Ist das Bildungsangebot, z.B. die Sprachförderung, ein wichtiges Kriterium für Eltern bei der Wahl der Kita?

Nach unseren Befunden spielen eine Reihe von Gründen eine Rolle bei der Auswahl einer Tagesbetreuung. Dabei muss man sich noch einmal vor Augen führen, dass die Kinder unter drei Jahren alt sind. Vor diesem Hintergrund versteht man, dass der Kontakt zu den Erziehern und Erzieherinnen im Vordergrund des Interesses steht. Weitere wichtige Faktoren sind die richtigen Öffnungszeiten, die leichte Erreichbarkeit, eine angemessene Ausstattung der Einrichtung oder die Gruppengröße.

Die von Ihnen angesprochene Sprachförderung spielt eher eine untergeordnete Rolle, wohl auch deshalb, weil Eltern von Kindern in diesem Alter noch nicht die Notwendigkeit einer Sprachförderung sehen. Auf der anderen Seite spielt das Thema Sprachförderung eine große Rolle für die Einrichtungen selbst. Bei deren Befragung für den dritten KiFöG-Evaluationsbericht steht eine Qualifikation des Personals für diesen Bereich ganz oben auf der Wunschliste der Erzieher/innen.

In der Länderstudie wurde auch nach den Gründen von möglicher Unzufriedenheit gefragt. Gibt es hier Ungleichgewichte oder eher Übereinstimmungen im Ländervergleich?

Im Rahmen der Elternbefragung für den dritten KiFöG-Bericht haben wir auch nach der Zufriedenheit der Eltern mit den Rahmenbedingungen und mit dem Personal der genutzten Betreuungseinrichtung gefragt. Sehr zufrieden sind die Eltern mit dem Kontakt zu den Erzieherinnen. Aber auch die Öffnungszeiten entsprechen vielfach dem Bedarf. Überraschenderweise äußerten die Eltern auch eine hohe Zufriedenheit mit den Öffnungszeiten allgemein wie aber auch mit den Ferienzeiten.

Die höchste Unzufriedenheit zeigten die Eltern mit dem Personalschlüssel und der Möglichkeit der Elternbeteiligung. Unklar bleibt zunächst, ob sich diese Unzufriedenheit an der zu geringen Personalausstattung festmacht oder an der ungenügenden Qualifikation des Personals. Da die bessere Ausstattung mit Personal eine der am häufigsten genannten Voraussetzungen ist, unter denen man sein Kind in eine Tagesbetreuung geben würde, zielt diese Unzufriedenheit wohl auf den Mangel an Personal ab – und zwar über alle Bundesländer hinweg, wenn auch die Gewichte nicht immer gleich verteilt sind. 

Eine Rohfassung des DJI-Länderberichts zu Wunsch und Wirklichkeit bei der U3-Betreuung aus Elternsicht war vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangt. Das war so nicht intendiert. Wie ist der weitere Ablauf?

Dass die Rohfassungen unserer Befunde vorzeitig in Umlauf gebracht wurden, trug leider zu erheblicher Irritation bei. Der Hintergrund ist folgender: Wir führen im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Kontext der KiFöG-Berichterstattung jährlich eine Elternbefragung durch, die gerade eben für den vierten KiFöG-Bericht ins Feld geht, der im Mai 2013 veröffentlicht wird.

Daneben wurde auf Wunsch des BMFSFJ eine zusätzliche Elternbefragung zu den Betreuungswünschen in den einzelnen Bundesländern durchgeführt, die den Bedarf der Eltern nach institutioneller Betreuung erstens ermitteln und zweitens den angebotenen Plätzen gegenüberstellen soll. Dieser Bedarf der Eltern auf der Basis von repräsentativen Stichproben für die 16 Bundesländer liegt jetzt auch vor. Er wurde im Frühsommer 2012 erhoben.

Um diesen Bedarf mit der aktuellen Betreuungssituation vergleichen zu können, benötigten wir noch dringend die amtlichen Daten zum Stichtag 31. März 2012, also für den Zeitraum, in dem auch unsere Daten erhoben worden sind. Diese amtlichen Daten wurden nun am 6. November 2012 bekanntgegeben. Diese Befunde zu den Bedarfen der Eltern mit Kindern unter drei Jahren haben wir in die Studie nun einarbeiten können. Gleichzeitig sollen im Laufe des Novembers noch die ausführlicheren Informationen und Analysen zu den länderspezifischen Betreuungsbedarfen wie auch zu den Betreuungsumfängen veröffentlicht werden.

 

Herr Dr. Alt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

 

 

Links
Dritter Zwischenbericht zur Evaluation des Kinderförderungsgesetzes
DJI-Länderstudie zu Bedarf und Nutzung der U3-Kinderbetreuung


Dr. Christian Alt (Jg. 1954), Dipl.-Soziologe, ist Projektleiter der Kinderlängsschnittstudie am DJI und stellvertretender Leiter der Abteilung Dauerbeobachtung und Methoden.

Kontakt
Dr. Christian Alt

DJI Online/Stand: 30. Oktober 2012

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