Gespräch mit Bettina Arnoldt, Peter Furthmüller und Dr. Christine Steiner (alle DJI)

Der Ausbau der Ganztagsschullandschaft bedeutet einen Paradigmenwechsel im deutschen Schulsystem. Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG), die unter Mitwirkung des DJI entstand, begleitet diesen Prozess unter Einbeziehung der Perspektiven aller Beteiligten. Die Längsschnittstudie bildet ein breite empirische Grundlage für Erkenntnisse über individuelle und institutionelle Entwicklungen, Qualitätsmerkmale und Wirkungen von Ganztagsschulen.

Herr Furthmüller, seit 2004 läuft die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen, die nun abschließende Ergebnisse vorgelegt hat. Was genau wurde untersucht, und was ist das Besondere an StEG?

Bundesweite Aussagen über die Ganztagsschullandschaft waren bislang nur anhand der amtlichen Schulstatistik der Kultusministerkonferenz (KMK) möglich. Die Informationen der KMK belegen eindrucksvoll, dass sich zwischen 2005 und 2009 der Anteil der Ganztagsschulen an allen öffentlichen Schulen von rund 28 Prozent auf etwa 47 Prozent erhöht hat. Allerdings lassen diese Zahlen keine Rückschlüsse dahingehend zu, was genau an den Ganztagsschulen passiert ist: Mit welchen Problemen hatten die beteiligten Akteure zu kämpfen? Welche Wirkungen hat der Ganztagsbetrieb entfaltet?

StEG leistet einen wichtigen Beitrag zur Klärung dieser Fragen, denn es ist die erste Studie, die parallel in 14 Bundesländern an die Ganztagsschulen selbst herangetreten ist und dort umfassende Längsschnittdaten erhoben hat. Auf diese Weise wurden 2005, 2007 und 2009 insgesamt 371 Ganztagsschulen untersucht, darunter Primarschulen, Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien. Mit einem multiperspektivischen Ansatz wurden sowohl Schülerinnen und Schüler, deren Eltern, die Schulleitungen, Kooperationspartner, Lehrkräfte und pädagogisch tätiges Personal befragt.

Frau Dr. Steiner, von Ganztagsangeboten sollen vor allem die Schülerinnen und Schüler profitieren. Wie haben sich die Ganztagschüler/innen entwickelt?

Im Rahmen von StEG konnten wir einen Teil der Schüler/innen von der 5. bis zur 9. Klasse begleiten. Das ist eine ideale Gelegenheit, individuellen Wirkungen des Besuchs von schulischen Ganztagsangeboten nachzugehen. Die Analysen zeigen, dass sich der Ganztag positiv auf das Sozialverhalten auswirkt. Schüler/innen, die Ganztagsangebote in Anspruch nehmen, tendieren weniger zu Gewalt, sind freundlicher zu ihren Mitschülerinnen und und Mitschülern und stören den Unterricht seltener.

Und wie sieht es mit den schulischen Leistungen aus?

Wenn das Verhältnis zwischen Schülerschaft und den Lehrenden stimmt, die pädagogische Qualität der Angebote hoch ist und die Angebote von den Schüler/inne/n als motivierend empfunden werden, werden auch die Schulnoten in den Kernfächern Deutsch und Mathematik besser. Eine vergleichsweise dauerhafte Teilnahme an Ganztagsangeboten senkt zudem das Risiko, eine Klasse wiederholen zu müssen.

Das „Wenn“ zeigt bereits an, dass solche positiven individuellen Wirkungen nur unter bestimmten Bedingungen zu erwarten sind, nämlich dann, wenn die Schüler/innen regelmäßig Ganztagsangebote besuchen, die Qualität der Angebote hoch und die schulischen Sozialbeziehungen förderlich sind. Dies ist nicht selbstverständlich. Gerade in der Sekundarstufe I ist die Teilnahme an Ganztagsangeboten kein selbstverständlicher Teil des Schulalltags der Schüler/innen. Und nicht alle an der Studie beteiligten Schulen konnten die genannten Qualitätsansprüche erfüllen.

Können denn prinzipiell alle Schülerinnen und Schüler von den beschriebenen Wirkungen profitieren, oder werden nur bestimmte Gruppen durch die Ganztagsangebote erreicht?

Im Grundschulbereich finden sich leichte Unterschiede in der Teilnahme nach der sozialen Herkunft der Schüler/innen. Kinder mit Migrationshintergrund oder Kinder aus Haushalten mit niedrigem sozialen Status – gemessen am Beruf der Eltern – nehmen seltener an den Ganztagsangeboten teil.

In der Sekundarstufe, also ab der fünften Jahrgangsstufe, lassen sich diese Selektionseffekte kaum mehr finden. In dieser Altersgruppe besteht vor allem das Problem, dass die Teilnahmebereitschaft der Jugendlichen in der Regel mit zunehmendem Alter abnimmt. Eine Teilnahme in der neunten Jahrgangsstufe ist dann wahrscheinlicher, wenn der Schüler oder die Schülerin bereits früher gute Erfahrungen mit Ganztagsangeboten gemacht hat. Wichtig ist demnach ein Angebot, das auch auf das Interesse der Jugendlichen stößt.

Frau Arnoldt, der Aus- und Aufbau der Ganztagsschulen geschieht in den allermeisten Fällen durch die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern wie der Kinder- und Jugendhilfe, Sportvereinen oder Musikschulen. Die Strukturen für eine solche Zusammenarbeit mussten erst geschaffen werden. Mit welchem Erfolg?

Zu Beginn der Studie stellten wir fest, dass zwar zwei Drittel aller Ganztagsschulen für die Durchführung ihrer zusätzlichen Angebote mit Kooperationspartnern zusammenarbeiteten, die Rahmenbedingungen dafür aber in vielen Fällen noch optimierbar sind. Beispielsweise basierte nur rund die Hälfte aller Kooperationsbeziehungen auf einer Kooperationsvereinbarung, und nur die wenigsten Partner hatten die Möglichkeit, an schulischen Gremien teilzunehmen. Nur selten fand Abstimmung und Austausch zwischen Lehrkräften und weiterem Personal statt.

Ergebnis unserer Längsschnittuntersuchung ist, dass innerhalb von vier Jahren nur wenig Veränderung bei den Rahmenbedingungen festzustellen ist. Es gibt nun mehr Schulen, die einen Arbeitskreis zur Konzeption und Gestaltung von Ganztagsangeboten eingerichtet haben, in denen auch die außerschulischen Partner vertreten sind. Hiervon profitieren aber nur solche externen Partner, die für die Schule ein größeres Gewicht haben: Beispielsweise werden erst bei länger bestehenden Kooperationsbeziehungen deutlich häufiger pädagogische Ziele vereinbart. Für Kooperationspartner, die mit weniger Stunden oder Personal in der Schule vertreten sind oder die erst seit kurzem involviert sind, heißt es weiterhin: wenig Kommunikations- und Austauschmöglichkeiten mit der Schule und den Lehrkräften.

Sind diese Nachmittagsangebote mit den schulischen Inhalten am Vormittag verknüpft?

Rund 45 Prozent der Kooperationspartner sehen im Jahr 2009 ihre Angebote mit dem Unterricht verknüpft. Hierbei kann es sich zum Beispiel um eine thematische Abstimmung handeln oder um eine inhaltliche Vor- oder Nachbereitung im Unterricht. Bei länger bestehenden Kooperationsbeziehungen ist die Verbindung höher. Diese Einschätzung deckt sich in etwa mit den Einschätzungen der Schulleitungen. Außerdem hat sich auch in diesem Bereich im Verlauf der vier Untersuchungsjahre nicht viel geändert.

Was müsste getan werden, um Verbesserungen herbeizuführen?

Eine Verbindung von diesen beiden Elementen ist dann höher, wenn der Bildungsaspekt in den Angeboten im Fokus steht, wenn das Personal hauptamtlich angestellt ist und gemeinsame Fortbildung mit den Lehrkräften erhält und, wenn die Schule bereits länger im Ganztagsbetrieb läuft. Vereinfacht gesagt: Es wird hierfür Personal benötigt, dass durch seine Anstellungsart auch Zeit für Vor- und Nachbereitung der Angebote hat, und es müssen strukturierte Möglichkeiten des Kennenlernens und des Austauschs zwischen den Lehrkräften und dem weiteren Personal bestehen.

Ist eine solche Verknüpfung von allen Seiten gewünscht und überhaupt sinnvoll?

Die Verbindung von Angebot und Unterricht wird als ein Qualitätskriterium der Ganztagsschule angesehen. Sie wird als Chance betrachtet, bei der pädagogischen Arbeit Lernprozesse und Lernergebnisse einzelner Felder gezielt aufeinander zu beziehen. So wichtig es ist, dass Ganztagsschulen ihr Programm auf Grundlage einer pädagogischen Konzeption entwickeln, bei der Vor- und Nachmittag zusammen gedacht werden, gibt es doch aus meiner Sicht drei Dinge zu beachten:

Erstens sollte der Ganztag auch Entspannungsphasen beinhalten, da nach Ansicht des Ganztagsschulverbandes Schülerinnen und Schüler bei überfrachtetem Stundenraster überfordert oder zu stark belastet werden können. Zweitens sind Phasen notwendig, in denen die Schülerinnen und Schüler selbstbestimmt und weitgehend ohne Aufsicht eigenen Interessen nachgehen können. Dieses Element ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung; zudem wächst mit zunehmendem Alter das Autonomiebedürfnis von Jugendlichen. Und drittens macht Hans Haenisch vom Projekt „Wissenschaftliche Begleitung der offenen Ganztagsschule (OGS) im Primarbereich in Nordrhein-Westfalen“ darauf aufmerksam, dass Angebote auch eine komplementäre Funktion haben können, indem sie ein spezifisches Profil abdecken, das bislang nicht Inhalt des Unterrichts ist.

Frau Dr. Steiner, in der Diskussion um die Ganztagsschule wird nicht zuletzt seitens der Eltern die Befürchtung laut, dass ihre Kinder zu viel Zeit in der Schule verbringen. Welchen Effekt hat nach Ihren Ergebnissen der Ganztagsschulbesuch auf die Familien?

Dass der Besuch von Ganztagsangeboten zu Lasten des Familienlebens geht, lässt sich auf der Basis der StEG-Daten nicht belegen. Weder die innerfamiliären Sozialbeziehungen noch familiäre Aktivitäten wie gemeinsame Mahlzeiten, Gespräche oder Ausflüge werden durch die Teilnahme am Ganztag im nennenswerten Maß verändert, d.h. sie finden in den Familien von Ganztagsschüler/innen genauso häufig statt wie in den Familien von Halbtagsschüler/inne/n.

Neben der Unterstützung und Förderung der Kinder und Jugendlichen sollen Ganztagsangebote vor allem den Eltern, insbesondere den Müttern, die Möglichkeit geben, Beruf und Familie besser miteinander verbinden zu können. Dies ist gerade für Eltern mit Kindern im Grundschulalter von Relevanz. Nach den Angaben der Eltern aus der dritten StEG-Befragungswelle aus dem Jahr 2009 nahmen 80 Prozent der Kinder am Ganztag teil, deren Mütter einer Vollzeiterwerbstätigkeit nachgingen. Der Wunsch nach einer verlässlichen Betreuung spielt jedoch auch für nicht erwerbstätige Mütter und Väter eine wichtige Rolle. Darüber hinaus fühlt sich ein beträchtlicher Teil der Eltern durch Ganztagsangebot bei der Betreuung der Hausaufgaben entlastet und bei Erziehungsproblemen unterstützt. Das trifft insbesondere auf Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status zu.

Herr Furthmüller, wie werden die StEG-Ergebnisse von den politischen Entscheidern bewertet? Wie wird es mit dem Ganztagsschulausbau weitergehen?

Bund, Länder und auch die Schulen konzentrierten sich in den letzten Jahren vor allem auf den programmatischen Auf- und Ausbau des Ganztagsbetriebs. Die Ganztagsschule stellt nicht länger die Ausnahme, sondern immer mehr die Regel dar. Mit StEG liegen nun empirische Erkenntnisse darüber vor, in welchen Bereichen der Ausbau zufriedenstellend verlaufen ist und wie den Herausforderungen begegnet werden kann. Generell wird es in den kommenden Jahren neben dem weiteren Ausbau vor allem auch um die Verbesserung der Qualität von ganztagsschulischen Angeboten gehen.

Frau Arnoldt, Herr Furthmüller, Frau Dr. Steiner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

Literatur
Heinz Günter Holtappels, Eckhard Klieme, Thomas Rauschenbach, Ludwig Stecher, Ivo Züchner (Hrsg.) (2011): Ganztagsschule: Entwicklung, Qualität, Wirkungen. Weinheim

Links
Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen 2005 bis 2010 (StEG)
DJI Online Thema 2010/11 Schule der Zukunft: ein ganzer Tag mit guten Angeboten
Interview mit dem DJI-Direktor Prof. Dr. Thomas Rauschenbach zum 1. NRW-Bildungsbericht Ganztag


Kontakt
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Dr. Christine Steiner


DJI Online/Stand: 1. November

2011