Gespräch mit Dagmar Müller, DJI

Für die meisten Frauen stellt die Geburt eines Kindes einen mehr oder weniger starken Einschnitt in ihrer Berufsbiografie dar. Ähnlich wie ihre Partner haben viele hochqualifizierte Frauen die Absicht, auch mit Kind ihren eingeschlagenen beruflichen Weg weiter zu gehen, finden sich aber wenige Jahre später häufig in Teilzeitjobs mit deutlich geringerem Einkommen wieder. Welche Faktoren inner- und außerhalb der Paarbeziehung für diese Entwicklung verantwortlich sind, untersucht derzeit ein Projekt der Forschungsgruppe Gender und Lebensplanung am DJI, das aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und des Europäischen Sozialfonds (ESF) der Europäischen Union gefördert wird.. DJI Online sprach mit der Projektverantwortlichen Dagmar Müller.

Frau Müller, das Familienministerium hat kürzlich eine erste positive Bilanz hinsichtlich der Nutzung der sogenannten Vätermonate gezogen. Ist nun bei Familien-Männern auch ein Karriereknick zu befürchten wie bei den meisten Frauen?

Das glaube ich weniger. Väter nutzen das neue Elterngeld eher für eine kurze berufliche „Auszeit“. Von Müttern wird dagegen erwartet, dass sie sich dauerhaft um das Kind kümmern. Allerdings sind die Zahlen in der Tat positive Signale dafür, dass mit entsprechenden Anreizen auch die Beteiligung der Väter an der Haus- und Sorgearbeit gestärkt werden kann. Hinsichtlich einer partnerschaftlicheren Ausrichtung in Familien bleibt allerdings noch viel zu tun.

Denn obwohl generell ein Umdenken in Richtung einer möglichen oder sogar erwünschten Erwerbstätigkeit von Müttern erfolgt, gibt es noch viele Hemmschwellen zu überwinden, damit dies auch ohne Überforderung praktikabel ist. Ich will nur zwei Punkte nennen: Erstens zeigt sich in allen Studien, dass auch bei sogenannten Doppelkarrierepaaren bislang die zentralen Probleme Mobilität und Vereinbarkeit mehrheitlich zu Ungunsten von Frauen „gelöst“ werden. Generell wird in den meisten Fällen den erwerbstätigen Müttern die alleinige Verantwortung für die Organisation des Alltags mit Kind und Beruf zugewiesen, auch wenn die Familienplanung ursprünglich anderes vorsah. Und zweitens müssen Mütter nach familienbedingten Erwerbsunterbrechungen nicht nur mit einem Dämpfer in ihrer beruflichen Karriere rechnen, sondern auch mit deutlichen Einkommenseinbußen. Ihre Einkommen entwickeln sich deutlich schlechter als die von Männern und übrigens auch sehr viel ungünstiger als die von kinderlosen Frauen.

Woran liegt das, und wie kann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder sogar „Karriere“ insbesondere für Frauen verbessert werden?

Genau das versuchen wir gerade, in unserem Forschungsprojekt herauszufinden. Ausgangspunkt der Untersuchung ist der Befund, dass der Anteil von Frauen unter den HochschulabsolventInnen seit Jahren steigt, der Anteil von Frauen in Führungspositionen von Wissenschaft, Wirtschaft und Verbänden dagegen fast stagniert. Das heißt, im Gegensatz zu früher lassen sich die gravierenden Geschlechterdiskrepanzen in den Führungspositionen nicht mehr mit dem geringeren Anteil von Akademikerinnen erklären. Deshalb muss nach Ursachen gesucht werden, die jenseits der Qualifikation von Frauen liegen. Wir wollen die Mechanismen aufzeigen, die sich hinter dem Zurückbleiben der beruflichen Entwicklung von Frauen hinter den Karrieren von Männern verbergen.

Dahinter stecke der Unwillen der Männer, sagen manche. Andere behaupten, die Frauen selbst wollten es ja so. Und wieder andere finden die Rahmenbedingungen unzureichend.

Allein am Wollen liegt es sicher nicht. Der Blick in andere Länder zeigt, dass die Rahmenbedingungen großen Einfluss haben. Zum Beispiel sind in Ländern wie Schweden oder Norwegen sichtbar mehr Frauen in Führungspositionen vertreten, nicht nur, weil sich Kind und Karriere dort besser vereinbaren lassen und weil das Zweiverdienermodell kulturell akzeptiert ist, sondern auch, weil die nordischen Länder eine konsequentere Antidiskriminierungspolitik verfolgen.

In Deutschland wird berufliche Gleichstellung häufig auf Vereinbarkeitsfragen reduziert. Dabei haben wir es bei der Unterrepräsentanz von Frauen mit einem recht komplexen Ursachengeflecht zu tun. Angefangen von geschlechtsspezifischen Berufsfindungsprozessen über die Segregation des Arbeitsmarkts in höher dotierte „Männer-“ und geringer dotierte „Frauenberufe“, betriebliche Laufbahnmodelle, die sich am männlichen Ernährermodell orientieren bis hin zu informellen Ausschlussmechanismen, die Frauen an die „gläserne Decke“ stoßen lassen. Auf jeder Karrierestufe und in jeder Lebensphase können unterschiedliche Ausschlussmechanismen wirksam werden. Daher ist es wichtig, die berufliche Entwicklung von Frauen und Männern im zeitlichen Längsschnitt zu untersuchen. So gehen auch wir vor.

Darüber hinaus hat unser Forschungsprojekt einen speziellen Fokus: Wir untersuchen die wechselseitige Verflechtung der Berufsverläufe von (qualifizierten) Frauen und Männern im Paarkontext. Denn gerade qualifizierte Paare, in denen beide Partner berufliche Ambitionen haben, stehen vor dem Problem, wie sie unterschiedliche externe Karriereanforderungen beispielsweise hinsichtlich Arbeitszeit, Qualifizierung oder Mobilität unter einen Hut bringen und synchronisieren. Dass viele Frauen beruflich zurückstecken, hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass sie in einer Partnerschaft leben, in der die Karriere des Mannes priorisiert wird. Wie es dazu kommt, welche Aushandlungsprozesse diesbezüglich bei Paaren stattfinden, wie die Partner ihre jeweiligen Lebensentwürfe und beruflichen Pläne aufeinander abstimmen und wie sie berufsbiografische Brüche verarbeiten, all das werden wir genauer analysieren.

Dabei gehen wir davon aus, dass Paare auch wichtige Adressaten für innovative Unterstützungssysteme sind und jedes dieser Systeme nur greifen kann, wenn es die Paardynamiken berücksichtigt. Das Paar ist das soziale System, das gegebenenfalls auch erst nach einigen Kontroversen Prioritäten setzt, wenn es darum geht, betriebliche, kommunale oder private Unterstützungssysteme zu nutzen, etwa für die Betreuung eines Kindes.

Sie sprechen in ihrem Projekt von der „Rush Hour“ des Lebens. Was bedeutet das?

Die sogenannte „Rush Hour of Life“ bezeichnet jene Lebensphase, in der mehrere entscheidende berufliche und persönliche Weichenstellungen in einem engen Zeitrahmen vollzogen und in Paarbeziehungen miteinander verknüpft werden müssen. In Deutschland schrumpft diese Phase häufig auf die Zeitspanne zwischen dem 27. und dem 34. Lebensjahr zusammen. Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf die Verkürzung des Lebenszeitfensters für eine Familiengründung. Dies betrifft vor allem Akademikerinnen, aber auch andere Bildungsgruppen, deren Übergang in den Beruf sich als besonders schwierig erweist.

Tatsächlich schieben viele Hochschulabsolventinnen die Geburt des ersten Kindes bis ins dritte Lebensjahrzehnt auf. Im Westen Deutschlands gilt dies für 52 Prozent der Akademikerinnen. Insgesamt steigt der Anteil kinderloser Partnerschaften unter den AkademikerInnen, weil aus zunächst aufgeschobenen Geburten zu einem nicht unbeachtlichen Teil „verpasste“ Geburten werden. Eine mögliche Lösung ist die Entzerrung der „Rush Hour“, z.B. indem die Vereinbarkeit von Familie und Ausbildung bzw. Studium erleichtert wird. Allerdings muss in diesem Fall gewährleistet sein, dass sich „frühe“ Mutter- oder Elternschaft nicht negativ auf die weiteren beruflichen Chancen auswirkt. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass nicht alle Paare Kinder wollen.

Männer sind aber von der verkürzten „Rush Hour“ nicht so betroffen wie Frauen, oder?

Auch wenn die „biologische Uhr“ das Zeitfenster bei Männern für die Familiengründung nicht so eng fasst wie für Frauen, ist erkennbar, dass junge Männer der qualifizierteren Mittelschichten zunehmend die Familiengründung aufschieben oder dass sie sie ganz vermeiden. Das hat natürlich unterschiedliche Gründe, die ein weiteres DJI-Projekt gerade untersucht hat (s. DJI Online Thema 2008/11 Vater werden - zwischen Wunsch und Wirklichkeit).

Die Synchronisation von Familie und Beruf stellt sicht für die meisten Männer aus unserer Sicht jedenfalls anders dar. Mit Blick auf die Paardynamik lässt sich allgemein sagen, dass der länderübergreifende Trend einer stärkeren Teilhabe der Frauen am Erwerbsleben durch keinen vergleichbaren Trend der Männer in Richtung Familienarbeit flankiert wird. Es ist nicht wirklich gelungen, Männer an diesem Wandel insgesamt teilhaben zu lassen. Während Frauen die Sphäre des Öffentlichen heute zunehmend mit bestimmen, bleibt Männern die Sphäre des Privaten und ihrer Arbeitsbezüge weitgehend fremd. Der Anteil der Paarhaushalte, in denen nur die Männer erwerbstätig sind, sinkt seit Jahren. Das Zeitbudget von Männern für unbezahlte Arbeit in der Familie steigt jedoch im Durchschnitt nur um Minuten. 42 Prozent der erwerbstätigen Frauen gehen einer Teilzeitbeschäftigung nach, aber nur 6 Prozent der erwerbstätigen Männer – und dies auch nur selten aus familiären Gründen. Das heißt, während Männer meist auf die „Ressource Ehefrau“ zurückgreifen können, gilt dies umgekehrt in der Regel nicht.

Deswegen wollen wir in unserem Projekt nicht nur Ansätze finden, die das berufliche Fortkommen von Frauen fördern, sondern insbesondere auch Handlungskonzepte, die Männern mehr Angebote machen, aktiv am Familienleben teilzuhaben. Dazu gehören beispielsweise Arbeitszeitmodelle, die Männern partnerschaftliches Verhalten und private Verlässlichkeit ermöglichen, die ihnen Zeit für Privates und auch Zeit für Kinder geben, wie beispielsweise durch die Wahrnehmung von Führungsaufgaben in Teilzeit und mit einer nur begrenzten Präsenzpflicht.

Wie gehen Sie bei der Untersuchung vor?

Unser Untersuchungsdesign umfasst drei Teilstudien: Erstens können wir auf vorhandene Interviews aus dem Lebensthemen-Panel des DJI aus den 1990-er Jahren zurückgreifen und diese unter unserer heutigen Fragestellung noch einmal auswerten. Zweitens wird es Einzelinterviews und drittens Paarinterviews mit (hoch) qualifizierten Frauen und ihren Partnern geben. Den ersten Teil, die Re-Analyse der Panel-Interviews haben wir bereits abgeschlossen, und zur Zeit bereiten wir eine Publikation der Ergebnisse vor.

Was steht als nächstes an?

Im Moment führen wir Einzelinterviews mit Frauen und ihren Partnern durch. Dafür suchen wir noch Paare, die bereit sind, über ihre berufliche Entwicklung Auskunft zu geben. Beide Partner sollten möglichst zwischen 30 und 45 Jahre alt und zumindest die Frau in qualifizierter oder leitender Stellung berufstätig sein. Wer Interesse hat, möge sich bitte bei uns melden.

Des Weiteren wollen wir unsere (Zwischen-)Ergebnisse mit einem noch einzuberufenden Praxisbeirat diskutieren. Denn es geht ja darum, die Forschungsergebnisse möglichst umgehend politisch umzusetzen und Anregungen z. B. für die Personalplanung und Laufbahnberatung zu geben. Für den Herbst 2010 ist eine große Abschlusskonferenz geplant, auf der wir unsere Ergebnisse VertreterInnen von Hochschulen, Gewerkschaften, Unternehmen und Verbänden, PersonalberaterInnen, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten, Gender-TrainerInnen und anderen interessierten MultiplikatorInnen vorstellen wollen.

Frau Müller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Links

DJI Forschungsgruppe Gender und Lebensplanung

DJI Projekt: Karriereverläufe von Frauen

DJI Projekt: Entwicklungsprozesse familialer und beruflicher Lebenszusammenhänge junger Frauen

DJI Publikation: Lebensthemen junger Frauen

DJI Projekt: Wege in die Vaterschaft

DJI Online Thema 2008/11 Vater werden - zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Kontakt

Dagmar Müller

DJI Online / Stand: 1. November 2008