Gespräch mit Elisabeth Helming (DJI) und Dr. Heinz Kindler (DJI)

 Herr Dr. Kindler, wer den Büchermarkt nach Veröffentlichungen zu Pflegekindern durchforstet, findet eine Reihe von Titeln, die mit weniger Seiten auskommen als das neue Handbuch von DJI und DIJuF mit mehr als 1.000 Seiten. Worin unterscheidet sich Ihre Neuveröffentlichung von den anderen Publikationen?

Dr. Heinz Kindler: Natürlich ist die Seitenzahl für sich genommen kein Qualitätsmerkmal. Das Handbuch bietet aber dreierlei: zum ersten einen fundierten Forschungsüberblick zu Hintergrund- und Praxisfragen in der Pflegekinderhilfe, zum zweiten Empfehlungen für ganz konkrete Praxisanforderungen, beispielsweise zu Rückführungen, und drittens unsere umfangreichen Forschungsergebnisse zur Situation und Entwicklung von Pflegekindern, die wir in den Mittelpunkt gerückt haben. Eine Besonderheit liegt auch darin, dass das Handbuch kostenlos über die Broschürenstelle des Bundesfamilienministeriums zu beziehen und auch als Volltext frei im Internet zugänglich ist. Wir denken, dass dies ein attraktives Angebot vor allem für die Fachkräfte der Pflegekinderhilfe ist.

Frau Helming, Sie erforschen seit Jahren die Qualität des Pflegekinderhilfesystems und haben im Projekt zahlreiche Gespräche mit Eltern und Kindern aus Pflege- und Herkunftsfamilien geführt, um herauszufinden, wie sich das Qualitätsniveau anheben bzw. sicherstellen lässt. Wo ist aus Ihrer Sicht am dringendsten anzusetzen?

Elisabeth Helming: Auf der Tagesordnung stehen muss eine generelle Stärkung der Pflegekinderhilfe in Deutschland, mit Blick auf den quantitativen Ausbau im Verhältnis zur Heimerziehung ebenso wie hinsichtlich der qualitativen Weiterentwicklung.

Wichtig ist insbesondere eine angemessene Unterstützung von besonders problembeladenen Pflegekindern in Bezug auf ihre psychische Gesundheit, soziale Teilhabe und ihren Bildungserfolg, wie das in Kapitel B.3 beschrieben wurde. Das beginnt mit einer systematischen Einschätzung der Bedürfnisse von Pflegekindern und der Perspektivklärung am Anfang der Inpflegegabe. In Kapitel C.1 ist ein Vorschlag von Heinz Kindler zur Erstellung eines Bedürfnisprofils von Kindern zu finden. Eine sehr große Herausforderung ist immer noch, qualifiziert die Rückführung von Pflegekindern zu prüfen, zu fördern und zu begleiten; ausführliche Hinweise zu den Entscheidungskriterien finden Fachkräfte in Kapitel C.9.

Ein weiteres Thema ist das der Beziehung zwischen Pflegeeltern und Pflegekindern. Hier qualifizierte Formen der Begleitung und Beratung zu entwickeln, könnte zu einer Stabilisierung von Pflegeverhältnissen beitragen und zugleich die wichtigen Kontinuitäten im Leben von Pflegekindern sichern helfen. In Kapitel 5 stellen wir Ansätze einer prozesshaften Begleitung vor.

Zur Kontinuität im Leben von Pflegekindern gehört auch die Förderung der Umgangskontakte mit den Herkunftsfamilien. Auch hier dürfen wir die Beteiligten – Kinder und ihre Eltern, aber auch die Pflegeeltern – mit der Gestaltung und Durchführung nicht allein lassen. Kapitel C.8 gibt Empfehlungen und klare Kriterien für die Einschätzung und Gestaltung von Umgangskontakten. Kinder in Pflegefamilien können ihre ungewöhnliche Lebenssituation besser bewältigen, wenn es eine Balance zwischen ihren beiden Familien gibt. Zusätzlich zur Haltung der Pflegeeltern tragen Herkunftsmütter und -väter ganz entscheidend dazu bei, wie gut oder schlecht ihr Kind mit der Realität der Fremdplatzierung aufwächst. Die konzeptionelle Gestaltung und strukturelle Verankerung von Herkunftselternarbeit ist in Deutschland überfällig. Kapitel C.7 setzt sich mit diesem Thema kritisch auseinander.

Frau Helming hat eben schon das mitunter schwierige Kapitel der Regelung von Umgangskontakten angesprochen. Herr Kindler, wie oft darf oder sollte ein Pflegekind seine leiblichen Eltern sehen? Wer entscheidet darüber und auf welcher Grundlage?

HK: Es ist zwar richtig, dass Streitigkeiten sowie Gerichtsverfahren um Umgangsregelungen bei Pflegekindern nicht selten sind. Gleichwohl ist darauf hinzuweisen, dass Fachkräfte in der Mehrzahl der Fälle von funktionierenden Besuchsregelungen berichten. In strittigen Fällen entscheiden zunächst einmal die Sorgeberechtigten, auf Antrag das Familiengericht. Den Fachkräften der Pflegekinderhilfe kommt eine beratende und klärende Rolle zu, wobei Umgangskontakte grundsätzlich zu fördern sind, im Einzelfall aber mitunter auch Umgangseinschränkungen oder eine Unterbrechung von Umgangskontakten vorgeschlagen werden müssen.

Welche Informationen und Handlungsempfehlungen hält das Handbuch hierzu bereit?

HK: Im Handbuch findet sich zu dieser Aufgabe etwa in Kapitel C.8 eine Forschungsübersicht zu Wirkungen von Umgangskontakten, eine Übersicht, was hinter den berichteten Belastungsreaktionen von Pflegekindern nach Umgangskontakten stecken kann und was dann zu tun ist, sowie unter C.10 eine Übersicht zu relevanten Entscheidungen der Familiengerichte.

Pflegeeltern bekommen in der Regel mehr Unterstützung bei ihrer schwierigen Aufgabe – allein schon durch entsprechende Literatur, über Internetforen oder Gesprächskreise – als die Herkunftseltern. Diese stehen seltener im Fokus, haben keine Lobby und organisieren sich nicht. Frau Helming, sind die fachlichen Stellen entsprechend ausgerüstet, um hier stärkere Unterstützungsleistung z.B. bei der Wiederherstellung der Erziehungsfähigkeit anzubieten?

EH: Nein, Herkunftseltern sind in Deutschland im Großen und Ganzen eine vernachlässigte Gruppe. Häufig ist unklar, welche Stelle im Hilfesystem für sie zuständig ist, wenn Kinder längerfristig in Pflegefamilien leben. Fachkräfte des ASD beispielsweise können mit Sicherheit nicht in fachlich erforderlichem Ausmaß intensivere Beratungsprozesse von Herkunftseltern im Sinne einer genuinen Herkunftselternarbeit leisten, sondern sind momentan sowieso mit Kinderschutzaufgaben chronisch überlastet.

Das ist in Bezug auf die Arbeit mit Herkunftseltern beunruhigend, und es stellen sich eine Reihe von Fragen: Kann die Inpflegegabe unter diesen Bedingungen fachlich qualifiziert vorbereitet werden? Haben die Eltern nach der Inpflegegabe eine Ansprechperson, mit der sie ihre Trauer und ihren Verlust, ihre Scham über ihr Versagen als Eltern besprechen können? Haben sie einen Ort, an dem ihre Verzweiflung Platz hat, so dass sie im Interesse der Kinder langfristig Kontakt halten können? Wer arbeitet – wenn überhaupt – an der Wiederherstellung der Erziehungsfähigkeit der Herkunftseltern, die in den Pflegekinderdiensten im Großen und Ganzen eher als ein randständiges Thema und als Aufgabe des ASD gesehen wird?

Auch die Pflegekinderdienste sind – bezogen auf ihre Ressourcen – bisher eher nicht in der Lage, diese Aufgabe zu übernehmen. Unter C.2 und C.7 finden sich allgemeine Informationen zu strukturellen Aspekten der Pflegekinderhilfe sowie konkrete Empfehlungen zur Frage, wie die Verortung von Herkunftsfamilien im Jugendhilfesystem aussehen könnte.

Was geschieht, wenn Pflegekinder erwachsen bzw. volljährig werden? Welche Unterstützung benötigen und erhalten die jungen Erwachsenen seitens der Jugendhilfe in dieser entscheidenden Lebensphase?

HK: Tatsächlich ist die Bewältigung der Aufgaben des Erwachsenenalters der zentrale Gradmesser für den Erfolg von Jugendhilfe. Deshalb ist es auch so schade, dass wir in Deutschland relativ wenig darüber wissen, wie Kindern mit Jugendhilfeerfahrung das Erwachsenenleben gelingt. Das gilt auch für Pflegekinder.

Rechtlich haben wir in Deutschland im Prinzip sehr gute Möglichkeiten, um auch nach dem 18. Geburtstag Hilfen in der Phase des Erwachsenwerdens zu leisten. Wir haben jedoch festgestellt, dass dies nur selten geschieht und bei problematischen Entwicklungsverläufen im späten Jugendalter zu selten Warnleuchten angehen. Deshalb haben wir in das Handbuch unter C.9.6 auch einen sehr praktischen Leitfaden zur Ermittlung des Unterstützungsbedarfs während des Übergangs in die Selbstständigkeit aufgenommen.

Das im DJI erarbeitete Buch „Beratung im Pflegekinderbereich“ aus dem Jahr 1987 war jahrzehntelang das Standardwerk für die Pflegekinderhilfe. Das neue Handbuch hat nun sogar die 1.000-Seiten-Marke geknackt. Wie lange wird diese stolze Leistung Bestand haben? Anders gefragt: Wann müssen die ersten Seiten umgeschrieben werden?

EH: Im Handbuch wurden viele grundlegende Einsichten auf der Basis des momentanen nationalen und internationalen Forschungsstandes erarbeitet, die sicher lange Bestand haben werden. Grundprinzipien der Arbeit mit Pflegekindern, Herkunftseltern und Pflegeeltern werden sich nicht so schnell ändern. Veränderungen der Rechtslage können allerdings Aktualisierungen notwendig machen. Wir haben aus diesem Grund für die gedruckte Fassung des Handbuchs einen Ringordner als Format gewählt, so dass Kapitel z.B. leicht ausgetauscht werden können. Auch mit der Online-Version, die sowohl als Gesamtdatei als auch in Form einzelner Kapitel zum Download zur Verfügung steht, sind ebenfalls Updates möglich.

Frau Helming, Herr Dr. Kindler, wir danken Ihnen für das Gespräch.

(Die Fragen stellte DJI Online Redakteurin Susanne John.)

Links

DJI-Publikation: Handbuch Pflegekinderhilfe

DJI Projekt: Pflegekinderhilfe

DJI Thema 2009/05: Pflegekinder und ihre Familien. Chancen, Risiken, Nebenwirkungen



DJI Online / Stand: 18. Mai 2011