Interview

mit Dr. Susanne Nothhafft, DJI

„Aktuelle Rechtslage und -praxis bei Fällen von Kindesvernachlässigung“

Frau Nothhafft, in München gibt es aktuell einen Fall, in dem die Eltern der Zwillinge Leon und Luisa, die ihnen aufgrund eines richterlichen Beschlusses kurz nach der Geburt weggenommen wurden, von „staatlichem Kinderklau“ sprechen und via Medien um Rückgabe der Kinder flehen. Auf welcher Rechtsgrundlage basiert die Entscheidung des Jugendamtes, diese von Vernachlässigung bedrohten Kinder, zum eigenen Schutz aus der Familie zu holen?

Grundsätzlich gibt es die gesetzliche Möglichkeit zur Inobhutnahme: Bei einer akuten Gefährdung des Kindeswohls durch Vernachlässigung oder Gewalt kann das Jugendamt Kinder oder Jugendliche gemäß § 42 SGB VIII (Achtes Sozialgesetzbuch, auch Kinder- und Jugendhilfegesetz, KJHG) – auch gegen deren Willen – vorläufig in einer geeigneten Einrichtung unterbringen. Stimmen die Erziehungsberechtigten dem nicht zu, ist eine Entscheidung des Familiengerichts gemäß § 1666 BGB herbeizuführen. Ist die Gefährdung des Kindes so dringlich, dass eine Entscheidung des Gerichts nicht abgewartet werden kann, ist das Jugendamt berechtigt, das Kind unmittelbar in Obhut zu nehmen (vgl. § 8a Abs. 3 SGB VIII). Die Entscheidung des Familiengerichts muss dann aber unverzüglich nachgeholt werden.

Der Begriff des Kindeswohls spielt bei diesen Entscheidungen eine zentrale, aber schwer zu definierende Rolle.

Das stimmt. Deswegen ist eine Inobhutnahme mit dem in Art. 6 Abs. 2 und Abs. 3 GG gewährleisteten Elternrecht nur vereinbar, wenn ein schwerwiegendes – auch unverschuldetes – Fehlverhalten der Eltern und dadurch eine erhebliche Gefährdung des Kindeswohls vorliegt. Nicht jede Nachlässigkeit der Eltern berechtigt den Staat, diese von der Pflege und Erziehung ihrer Kinder zu entheben. Das elterliche Fehlverhalten muss vielmehr ein Ausmaß erreicht haben, dass das Kind bei einem Verbleiben in der Familie in seinem körperlichen, geistigen oder seelischen Wohl nachhaltig gefährdet ist. Die Trennung der Eltern von ihrem Kind unterliegt dabei einem strengen Verhältnismäßigkeitsgrundsatz: Eine Inobhutnahme ist nur zulässig, wenn andere Maßnahmen der Jugendhilfe nicht ausreichen, um die Gefahr für das Kind abzuwenden.

Das Wohl des Kindes kann dabei gefährdet sein, ohne dass die Eltern ein Schuldvorwurf trifft bzw. ein Verschulden festgestellt werden muss. Es gehört zum Beispiel nicht zum staatlichen Wächteramt, für eine den Fähigkeiten des Kindes bestmögliche Förderung zu sorgen. Vielmehr gehören die Eltern und deren sozioökonomische Verhältnisse zum „Lebensrisiko“ eines Kindes. Es reicht also für eine Trennung des Kindes von den Eltern nicht aus, dass es in einem anderen Rahmen ggf. besser erzogen oder gefördert würde. Grundlage für eine Inobhutnahme ist immer eine drohende Kindeswohlgefährdung.

Das ist im Fall von emotionaler oder kognitiver Vernachlässigung, deren oftmals gravierende Folgen erst mit zeitlicher Verzögerung spürbar werden, vermutlich schwer nachzuweisen?

In der Tat. Der Richter oder die Richterin sollte sich daher im jeweiligen Einzelfall umfassend mit der Lebenssituation des Kindes und der Familie auseinandersetzen. Deswegen sind diese Verfahren als Fürsorgeverfahren der Freiwilligen Gerichtsbarkeit angelegt. D.h. das Gericht hat eine Amtsermittlungspflicht: Es muss sich also unabhängig vom Vortrag der Beteiligten ein umfassendes Bild von der Situation des gefährdeten Kindes machen und kann dazu – neben den Mitarbeiterinnen des Jugendamtes, die in solche Verfahren immer einbezogen sind – Lehrer, Sozialarbeiter, Therapeuten befragen und bei Bedarf ein Gutachten einholen.

Ist die Erstellung von Gutachten und eventuellen Gegengutachten nicht sehr zeitintensiv?

Schon, deswegen sieht die im September 2009 in Kraft getretene Reform des familiengerichtlichen Verfahrens ein Vorrang- und Beschleunigungsgebot für Verfahren wegen Gefährdung des Kindeswohls vor. Diese Verfahren müssen dann vor anderen familiengerichtlichen Verfahren und zeitnah zum Eingang eines entsprechenden Antrags beim Familiengericht bearbeitet werden. Als Ergänzung des Beschleunigungsgebots FamFG muss das Gericht jetzt – gemäß § 163 Abs. 1 – bei der Beauftragung von Sachverständigen zwingend eine Frist zur Einreichung des Gutachtens setzen.

Trotzdem brauchen die Familiengerichte und die Fachkräfte der Jugendhilfe ausreichend Zeit, um alle für eine Entscheidung notwendigen Fakten zu sammeln. Wenn die Eltern nicht kooperieren, erfordert dies oft eine umfassende Recherche im Umfeld der Betroffenen. Ein solches Vorgehen setzt ausreichende Personalressourcen auf Seiten der Jugendhilfe und der Gerichte voraus.

Bei Leon und Luisa kritisieren eingeschaltete Anwälte ein zu frühzeitiges, zu hartes Eingreifen. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder Fälle von massiver Kindesvernachlässigung, bei denen die Familie schon im Kontakt mit Hilfestrukturen war, die aber offensichtlich versagten – wie bei der dreijährigen Sarah aus Thalmässing, die qualvoll verhungerte.

Vor dem Hintergrund derartiger Fälle hatte das Bundesministerium der Justiz schon 2006 eine Arbeitsgruppe zu „Familiengerichtlichen Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls“ eingesetzt. In dem am 17. November 2006 vorgelegten Abschlussbericht wurde festgestellt, dass Familiengerichte häufig zu spät und überwiegend mit dem Ziel angerufen werden, den Eltern das Sorgerecht ganz oder teilweise zu entziehen. Der Einschaltung des Gerichts kann ein langwieriger und unergiebiger Hilfeprozess vorausgehen, so dass der sich zuspitzenden Gefährdung nur noch mit einem Eingriff in die elterliche Sorge begegnet werden kann.

Ist das nun anders geregelt?

Ja. Die Bundesregierung hat mit dem „Gesetz zur Erleichterung familiengerichtlicher Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls“ reagiert, das am 12. Juli 2008 in Kraft getreten ist. Damit sollten Tatbestandshürden abgebaut und für die Familiengerichte ein breiteres Spektrum von möglichen Anordnungen anhand von Regelbeispielen aufgezeigt werden. Das Vorrangs- und Beschleunigungsgebot für Verfahren wegen Gefährdung des Kindeswohls wurde noch in das alte Verfahrensrecht der Freiwilligen Gerichtsbarkeit (FGG) eingeführt. Seit September 2009 gilt nun nach der umfassenden FGG-Reform das FamFG – das „Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit“.

Was war das Ziel dieses Gesetzes zur Erleichterung familiengerichtlicher Maßnahmen?

Damit soll dazu beigetragen werden, dass die sozialpädagogischen Hilfe- und Unterstützungsangebote die Familien so frühzeitig erreichen, sodass sie noch zur Gefahrenabwehr in der Lage sind. Mit der frühen Einbindung der Familiengerichte kann frühzeitiger und sowohl niedrigschwelliger als auch deutlicher auf die Eltern eingewirkt werden, um diese anzuhalten, öffentliche Hilfen in Anspruch zu nehmen, die ihre Elternkompetenz wieder herzustellen versuchen bzw. unterstützen.

Dies gelingt übrigens nur, wenn sich Jugendämter und Familiengerichte als Verantwortungsgemeinschaft verstehen und das Bewusstsein für ihre jeweiligen Rollen schärfen. Das geht nicht ohne verbindliche und konkrete Arbeitsabsprachen in Form von Kooperationsvereinbarungen oder Leitlinien, die in multiprofessionellen Gremien erarbeitet werden. Gerade im Hinblick auf die föderalen Strukturen der Bundesrepublik ergibt sich daraus ein verstärkter Handlungsbedarf.

Von welchen Zeiträumen ist bei sorge- und umgangsrechtlichen Verfahren auszugehen?

Im Schnitt lag die Verfahrensdauer in Deutschland bei etwa sieben Monaten. Das Bundesverfassungsgericht und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte haben insbesondere in diesen Verfahren den Faktor Zeit als ausschlaggebend für eine nachhaltige Verwirklichung des Kindeswohls angemahnt und den Gesetzgeber zum Handeln aufgefordert. Das Familiengericht muss nun binnen eines Monats nach Eingang eines Antrags bei Gericht einen frühen ersten Erörterungstermin ansetzen. Zudem muss das Gericht in Verfahren wegen Gefährdung des Kindeswohls unverzüglich nach Verfahrenseinleitung Eilmaßnahmen prüfen.

Welche Änderungen enthält dieses neue Gesetz zur Erleichterung familiengerichtlicher Maßnahmen im Einzelnen?

Als erstes ist der Abbau von „Tatbestandshürden“ für die Anrufung der Familiengerichte zu nennen. Nach dem alten Recht konnte das Familiengericht in die elterliche Sorge nur eingreifen, wenn die Eltern durch ein Fehlverhalten – nämlich durch missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes oder durch unverschuldetes Versagen – das Wohl ihres Kindes gefährden und nicht gewillt oder in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden (§ 1666 Abs. 1 BGB). Ein solches Fehlverhalten der Eltern – ein sogenanntes „Erziehungsversagen“ – ist jedoch in der Praxis häufig schwer nachzuweisen.

Jetzt kann das Familiengericht tätig werden, wenn das Wohl des Kindes gefährdet ist und die Eltern diese Gefahr nicht abwenden wollen oder können. Ein darüber hinausgehendes Erziehungsversagen muss nicht mehr nachgewiesen werden. Damit rückt die Lebenssituation und Verfasstheit des Kindes an den Anfang der Prüfung. Diese Systematik betont, dass es nicht um eine Sanktionierung des elterlichen Fehlverhaltens in der Vergangenheit geht, sondern um die Prognose, ob die elementaren Grundbedürfnisse des Kindes zukünftig gefährdet sind – wie bei Leon und Luisa.

Offensichtlich ist mit dieser Neuerung die Eingriffsschwelle gesenkt und der amtliche „Zugriff“ erleichtert worden?

Nun ja. Mit der Änderung ist sicher nicht intendiert, die Grenze zwischen staatlichem Wächteramt und Elternrecht in Richtung Staat zu verschieben. Präventiver Kinderschutz durch die Familiengerichte wird zwar derzeit vor allem von Seiten der Politik gefordert. Zu bedenken ist dabei allerdings, dass in dieser Diskussion bzw. den nun geltenden neuen rechtlichen Rahmenbedingungen für die Praxis der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz nie außer Acht gelassen werden darf.

Dort wo „unterhalb“ des § 1666 BGB das genuine Handlungsfeld der Jugendhilfe eröffnet ist, darf das Gericht nicht tätig werden. Das bedeutet im Klartext: Das Gericht kann sicher dort seine Autorität zur Verfügung stellen, wo das Jugendamt bei seinen Bemühungen zur Sicherung des Kindeswohls und bei der Abklärung des Verdachts einer Kindeswohlgefährdung im Rahmen seiner Kompetenzen nicht weiterkommt, weil z.B. die Eltern nicht kooperieren. Aber das Familiengericht „hilft“ nicht primär dem Jugendamt, sondern hat zunächst eine eigene Aufgabe. Es prüft in eigener Zuständigkeit, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt oder droht.

Laut Gesetz ordnet das Familiengericht bei Vernachlässigungsfällen Maßnahmen an, die zur Abwendung der Gefährdung erforderlich sind. Wie wird der durch diese Formulierung gegebene Gestaltungsspielraum genutzt?

Leider wurden die bestehenden Möglichkeiten bislang nicht in ausreichendem Umfang ausgeschöpft. Aus diesem Grund enthält das neue Gesetz einen beispielhaften Katalog möglicher Maßnahmen, sogenannte Regelbeispiele. Gerichte können sich aus diesem Katalog bedienen, oder andere, darin nicht aufgeführte Maßnahmen anordnen. Hierdurch wird klargestellt, dass das Familiengericht auch Maßnahmen unterhalb eines Sorgerechtsentzugs treffen kann. Auf diese Weise können die Jugendämter ermutigt werden, die Familiengerichte frühzeitiger anzurufen. Das Gericht kann die Eltern dann zum Beispiel verpflichten, Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe – wie etwa eine Erziehungsberatung, ein Anti-Gewalttraining oder ein Angebot der Frühen Hilfen – in Anspruch zu nehmen. Es kann die Eltern aber auch konkret anweisen, ihrem Kind den Besuch eines Kindergartens zu ermöglichen oder für den regelmäßigen Schulbesuch des Kindes zu sorgen.

Diese Handlungsspielräume werden aber nur dann zielführend genutzt werden können, wenn der Anordnung des Familiengerichts eine qualifizierte Hilfeplanung vorausgeht und diese mit den Inhalten der Anordnung korreliert. Angeordnete Leistungen, die sich auf der konkreten Durchführungsebene der Jugendhilfe als nicht geeignet erweisen, werden gemäß § 36a KJHG eventuell nicht gewährt. Dies führt dann zu einer doppeldeutigen Botschaft an die betroffenen Eltern und gefährdet in jedem Fall die Hilfebeziehung und kann die Kooperationsbereitschaft der Eltern untergraben. Entzieht das Familiengericht die elterliche Sorge nicht und bietet das Jugendamt im Verfahren noch keine konkreten Leistungen an, sollte sich das Gericht daher auf die Aufforderung an die Eltern beschränken, mit dem Jugendamt zusammen zu arbeiten und die später im weiteren Hilfeprozess entwickelten Hilfeangebote anzunehmen.

Im Prinzip kann nun der Druck auf die Eltern erhöht werden. Kann das nicht zu verstärkten Konfrontationen führen und letztendlich kontraproduktiv auf die Haltung der Eltern wirken?

Um dieser Gefahr entgegen zu wirken, führt das Gesetz als neuen Bestandteil des familiengerichtlichen Kindesschutzverfahrens die „Erörterung der Kindeswohlgefährdung“ ein. Danach soll das Familiengericht künftig mit den Eltern, dem Jugendamt und ggf. auch mit dem Kind mündlich erörtern, wie die Gefährdung des Kindeswohls abgewendet werden kann. Das Erörterungsgespräch soll – so die Begründung des Gesetzesentwurfs – die Eltern stärker in die Pflicht nehmen, indem es ihnen den Ernst der Lage vor Augen führt, und darauf hinwirkt, dass sie notwendige Leistungen der Jugendhilfe annehmen und sie auf die andernfalls eintretenden Konsequenzen (z. B. den Entzug des Sorgerechts) hinweist.

Eine solche Erörterung war zwar schon nach altem Recht möglich, wurde jedoch in der Praxis wenig genutzt. Sinnvollerweise sollte dieses Gespräch dazu bestimmt sein, die Eltern tatsächlich an der Auswahl der Maßnahmen zu beteiligen und sie damit in die Mitverantwortung für deren Gelingen zu nehmen. Dabei soll das in der Psychologie als „Voice Effect“ bezeichnete Phänomen zum Tragen kommen. Demnach führt das rechtliche Gehört-Werden zu dem Eindruck, die eigene Stimme im Sinne einer Selbstbestärkung zu hören. Daraus resultiert wiederum eine höhere Akzeptanz und Bindung an die folgende Entscheidung.

Gerade stark belastete Familien können von dieser Form der Partizipation profitieren, wenn es nicht um den Aufbau eines Druckszenarios geht, sondern um Wertschätzung durch Beteilung am Verfahren. Dieses Gespräch sollte in der Tat einen kooperativen Charakter haben – und zwar für alle Beteiligten. Deswegen erscheint es auch sinnvoll, dass dafür – in Abweichung vom bayerischen Vorschlag eines „Erziehungsgesprächs“ – der Terminus „Erörterung der Kindeswohlgefährdung“ gewählt wurde. Die Übernahme genuin pädagogischer Funktionen erscheint mit einem fachgerecht angelegten richterlichen Selbstverständnis wenig vereinbar.

Voraussetzung für ein Gelingen dieser Erörterungstermine ist jedoch eine sehr gute Kooperation zwischen Familiengericht und Jugendhilfe. Die Erörterung des Kindeswohls gemeinsam mit den Eltern darf nicht zu einem Kompetenzgerangel oder zu einem negativ geführten Fachdiskurs über die Sinnhaftigkeit einer Maßnahme gerinnen. Eltern würden in einem derart verlaufenden Gespräch wohl kaum die Bereitschaft entwickeln, vom Gericht verordnete Angebote oder Beratung der Jugendhilfe anzunehmen.

Diese angestrebte Verantwortungsgemeinschaft von Jugendhilfe und Familiengericht wird flankierend durch die Einführung einer Überprüfungspflicht auf Seiten der Familiengerichte unterstützt.

Gab es bislang keine Überprüfungspflicht?

Nein, bislang musste das Familiengericht nach der Ablehnung eines Antrags, der z.B. durch das Jugendamt gestellt wurde, diese Entscheidung später nicht noch einmal überprüfen. Nach der gesetzlichen Änderung soll das Gericht nun gemäß § 166 Abs. 3 FamFG in angemessenem Zeitabstand, in der Regel nach 3 Monaten, überprüfen, ob seine Entscheidung unverändert richtig ist. Damit soll gewährleistet werden, dass das Gericht erneut tätig wird, wenn sich die Kindeswohlsituation nicht verbessert oder sich sogar verschlechtert. Machen die Eltern vor Gericht die Zusage, mit dem Jugendamt zu kooperieren und hält das Gericht diese Zusage für glaubhaft, kann es von einer Maßnahmenanordnung absehen. Verweigern die Eltern jedoch später entgegen ihrer Zusage die Kooperation mit dem Jugendamt, erfährt dies das Familiengericht nicht ohne weiteres. Durch die Einführung der gerichtlichen Überprüfungspflicht wird im Interesse des Kindes gewährleistet, dass sich das Gericht noch einmal mit dem Fall befasst.

Aktuell engagiert sich das DJI als Kooperationspartner im Nationalen Zentrum Frühe Hilfen für eine stärkere Zusammenarbeit von Gesundheitssystem und Jugendhilfe. Ergeben sich dabei aus rechtlicher Sicht neue Herausforderungen?

Eine große Herausforderung stellt in dem komplexen Geflecht von gewünschter Kooperation verschiedenster Stellen die Informationsweitergabe und damit der Datenschutz dar. Häufig wird vermutet, dass durch das aktuelle deutsche Datenschutzrecht ein Informationsaustausch verhindert wird. Das ist in meinen Augen nicht der Fall. Datenschutzvorschriften beinhalten nicht ausschließlich Verbote, sondern in der Regel Befugnisse zur Erhebung und Verarbeitung von Daten. Allerdings ist dabei der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz zu beachten.

Können Sie den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz erläutern?

Dieser Grundsatz besagt, dass die Erhebung und Übermittlung von persönlichen Daten nur zulässig ist, wenn das Allgemeininteresse oder ein höherwertiges Rechtsgut, etwa die Gesundheit oder das Leben eines Kindes, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung überwiegt. Das Diktum: „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ bringt den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz auf den Punkt. Rechtlich und fachlich handelt es sich also um einen Abwägungsprozess. Der Impuls liegt nahe, bei einer Abwägung im Zusammenhang mit Kinderschutzfällen eine Gewichtung zugunsten der Kinderrechte vorzunehmen. Das Recht des Kindes und das Recht der Eltern auf informationelle Selbstbestimmung würden damit aber gegeneinander ausgespielt, womit den Kindern wiederum nicht gedient ist.

Denn der Datenschutz in helfenden Beziehungen ist stets auch die Rahmenbedingung für ein fachliches Ringen um Vertrauen und Veränderung, ohne die Schutzbedürfnisse der Kinder aus den Augen zu verlieren. Datenschutz im Bereich der stark belasteten Familien und bei von Vernachlässigung bedrohten Kindern ist nämlich weit mehr als ein Schutz der informationellen Selbstbestimmung der Eltern. Er ist wichtiger, integraler Bestandteil einer komplizierten, auf Vertrauen aufbauenden persönlichen Beziehung von KlientInnen und HelferInnen. Diese Beziehung muss auch datenrechtlich so geschützt sein, dass sie aufrecht erhalten werden kann.

Es geht darum, Eltern mit ihren Kindern ein glaubwürdiges Angebot von Hilfebeziehungen zu machen, auf das sie sich einlassen. Vertrauen sie sich mit ihren Sorgen und Nöten, also mit Informationen im Sinne des Datenschutzes, möglichst frühzeitig an, kann für diese Familien um so besser ein Zugang zu den Hilfen hergestellt werden, der ihren Kindern ein förderliches und sicheres Aufwachsen ermöglicht. Auf der Seite des Anvertrauenden beinhaltet der Vertrauensschutz ein „sich trauen“, einem Anderen etwas zu sagen. Von der helfenden Person oder Stelle wiederum wird erwartet, dass sie sich „treu“ verhält und dieses Vertrauen rechtfertigt. Datenschutzrechtliche Regelungen bieten einen Rahmen dafür, wertvolle Vertrauensbeziehungen nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Gefährdet dieses Verständnis vom Datenschutz als Vertrauensschutz nicht den Kinderschutz?

Wie immer im komplexen Fällen gilt es abzuwägen. Ein hilfreiches Instrument ist in meinen Augen das Transparenzgebot. Es ist der zentrale Grundsatz, den das Bundesverfassungsgericht für den Datenschutz aufgestellt hat. Wenn öffentliche oder nicht-öffentliche Stellen, wie das Jugend- oder Gesundheitsamt, eine Ärztin, eine Beratungsstelle, eine Kita oder ein Entbindungspfleger, über jemanden Daten speichert oder verarbeitet, so soll der Betroffene möglichst zu jedem Zeitpunkt durchschauen können, was mit von ihm preisgegebenen oder über ihn gespeicherten Informationen geschehen soll oder bereits geschehen ist. Die Beteiligten müssen darüber aufgeklärt werden, zu welchem Zweck Daten erhoben werden und unter welchen Umständen sie später weitergegeben werden dürfen. Sie müssen gefragt werden, ob sie mit einer Weitergabe zu einem bestimmten Zweck einverstanden sind. Und sie müssen verstanden haben, welche Bedeutung die Informationsweitergabe für sie hat oder haben kann.

Und wenn dennoch Daten gegen den Willen weitergegeben werden sollen oder müssen?

In diesen Fällen kommt dem Transparenzgebot besondere Bedeutung zu. Außer in den seltenen Fälle, in denen durch Transparenz der Schutz des Kindes ernsthaft gefährdet würde, gilt der von Meysen und Fegert formulierte Grundsatz: „Vielleicht gegen den Willen, aber nicht ohne Wissen“. Dies ist nicht nur rechtlich gefordert, sondern auch ein Gebot der Fachlichkeit in helfenden Beziehungen. Nur wenn HelferInnen auch in einer solch kritischen Situation als verlässlich erlebt werden, bleibt ein dünner Faden des Vertrauens erhalten, der die Chancen für ein späteres Anknüpfen und die weitere Inanspruchnahme von Hilfe erhöht. Das spielt insbesondere für den Hilfeprozess und das Aufrecherhalten von Hilfezugängen bei stark belasteten Familien eine zentrale Rolle.

Frau Dr. Nothhafft, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Links
Informationszentrum Kindesvernachlässigung/Kindeswohlgefährdung (IzKK) am DJI

Kontakt
Dr. Susanne Nothhafft, IzKK

DJI Online / Stand: 1. Mai 2010

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