Gespräch mit Dr. Andrea Müller und Ulrike Berg-Lupper, DJI Abt. Kinder und Kinderbetreuung

 

Welchen Stellenwert hat das interkulturelle Lernen für die Arbeit mit jüngeren Kindern – zum Beispiel in den Kindertagesstätten, die heute eine große Bandbreite an Kindern unterschiedlicher Herkunftskulturen aufweisen?

Andrea Müller: Das interkulturelle Lernen, wie wir es heute verstehen, hat deutlich an Bedeutung gewonnen. Vor allem hat es sich, zumindest in der Theorie, auch qualitativ verändert: vom „Anpassungslernen“ zur interkulturellen Erziehung als pädagogischem Grundprinzip.

Ulrike Berg-Lupper: In den 1980er Jahren fanden Begriff und Konzept der interkulturellen Erziehung Eingang in die Pädagogik des Elementarbereichs, als zunehmend klar wurde, dass ausländische Familien in Deutschland auf Dauer anwesend sein würden und die bis dahin praktizierte „Ausländerpädagogik“ zu kurz griff. Letztere richtete sich in den 1970er Jahren nur auf die „Gastarbeiterkinder“, die aufgrund ihrer „Andersartigkeit“ besonderer Hilfen bedurften. Sie konzentrierte sich darauf, die Defizite der ausländischen Kinder zu beheben – vorrangig in der deutschen Sprache – und sie an die einheimischen Normen und Werte heranzuführen. Dieser kompensatorische Ansatz wurde jedoch stark kritisiert.

KritikerInnen forderten das Einbeziehen der Migrantenkultur in den Bildungsprozess von Kindern und Jugendlichen. In den Anfängen lag der Bezugspunkt „Interkultureller Erziehung“ oftmals noch in einer nationalistisch und folkloristisch ausgerichteten Kultur des Herkunftslandes. In den 1990er Jahren verschob sich die Perspektive hin zu einem Verständnis von Kultur als unterschiedlich praktiziertem Alltag der hier lebenden Familien.

Welche Möglichkeiten eröffnen sich dadurch in den Kindertagesstätten für interkulturelles Lernen?

U. B.-L.: In der pädagogischen Arbeit gilt es seitdem, zum einen an die tatsächlichen Lebenssituationen und Lebenserfahrungen der Kinder anzuknüpfen und allen einen gleichwertigen Platz einzuräumen. Zum anderen kommt damit interkulturelle Erziehung nicht nur in multikulturell zusammengesetzten Kindergruppen zum Tragen, sondern sie wendet sich an alle Kinder und will auf ein gleichberechtigtes Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft vorbereiten.

Ein vormals defizitärer und ausgrenzender Blick soll abgelöst werden durch die Frage, wie ein pädagogisches Klima geschaffen werden kann, in dem jedes Kind mit seiner Familie einen Platz findet und auf der Grundlage seiner Fähigkeiten weiter gefördert wird. Gleichzeitig sollen Kompetenzen vermittelt werden, die gesamtgesellschaftlich von Bedeutung sind und allen Mitgliedern der Gesellschaft abverlangt werden, wie Toleranz, Solidarität und konstruktiver Umgang mit Befremdung.

In Gang gebracht werden kann somit ein Integrationsprozess, in dem beide Seiten gefordert sind. Von Migrantenfamilien wird erwartet, dass sie bereit sind, die gesellschaftlich-politische Grundordnung des Einwanderungslandes (als Grundwertekonsens) anzuerkennen. Die Menschen ohne Migrationshintergrund ihrerseits müssen den Menschen mit Migrationshintergrund Respekt und Offenheit gegenüber bringen, so dass diese sowohl ihre ethnische, kulturelle und religiöse Identität beibehalten als auch ihren Lebensmittelpunkt in der Gesellschaft finden und sichern können. Gefordert wird ein hohes Maß an Aufgeschlossenheit und auch die Bereitschaft, sich mit dem eigenen kulturellen Selbstverständnis auseinander zu setzen.

Dafür kann in Kindertagesstätten eine Basis gelegt werden.

Soweit die Theorie – wie sieht es in der Praxis aus?

A. M.: Nicht nur im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, sondern auch in der Arbeitswelt werden mit interkultureller Kompetenz sehr unterschiedliche Inhalte verbunden. Welche Angebote interkulturelle Kompetenz tatsächlich fördern, wird jedoch immer noch breit diskutiert. So ist Interkulturalität zwar mittlerweile ein gängiger Begriff in der pädagogischen Diskussion, aber bei weitem noch keine Selbstverständlichkeit.

Auch in den Kindertagesstätten wird der Anspruch, interkulturelle Erziehung habe als Grundprinzip für die gesamte pädagogische Arbeit zu gelten, in der Praxis nur selten eingelöst.

Einige vielversprechende Ansätze, die derzeit noch die Ausnahme darstellen, sind in der vom DJI eingerichteten Datenbank ProKiTa dokumentiert. In den Bereichen „Interkulturelle Erziehung und Migration“ und „Sprachförderung“ informiert die Datenbank beispielhaft über einige dieser Projekte.

Sie sprechen die Sprachförderung an. Welche Rolle spielt die Sprache beim interkulturellen Lernen?

U. B.-L.: Sprachförderung ist ein integraler Bestandteil der Grundidee interkultureller Erziehung. Vor dem Hintergrund der schlechten Ergebnisse von SchülerInnen mit Migrationshintergrund bei den PISA- und IGLU-Studien rückte in den letzten Jahren das Thema Migration wieder in den Vordergrund politischer und pädagogischer Diskussion. Dabei liegt der Fokus auf der sprachlichen Entwicklung und Förderung. Sprachförderung für Kinder nichtdeutscher, aber auch deutscher Herkunft ist zu einem der wichtigsten bildungspolitischen Themen geworden, das sich auch in den Bildungs- und Erziehungsplänen der Länder für den Elementarbereich widerspiegelt.

Das Deutsche Jugendinstitut hat mit dem Projekt Schlüsselkompetenz Sprache – Bundesweite Recherche zu Maßnahmen und Aktivitäten im Bereich der sprachlichen Bildung und Sprachförderung in Tageseinrichtungen für Kinder erstmals über 30 Konzepte und Maßnahmen der sprachlichen Förderung von ein- und mehrsprachigen Kindern im Elementarbereich zusammengestellt und nach wissenschafts- und praxisorientierten Kriterien eingeordnet. Dieser 2007 in zweiter Auflage in Buchform veröffentlichte Überblick zeigt die völlig unterschiedlichen Schwerpunkte, die bei der sprachlichen Förderung gesetzt werden und soll damit auch als Orientierungsleitfaden für die Praxis dienen.

Es wird häufig von Sprachbarrieren oder sprachlichen Defiziten – insbesondere bei Kindern mit Migrationshintergrund – gesprochen. Könnte die Sprachenvielfalt im Kindergarten nicht positiv verstanden und als Potenzial auch für Kinder deutscher Herkunft genutzt werden?

A. M.: Kenntnisse der deutschen Sprache sind für den Bildungserfolg und den Kompetenzerwerb von zentraler Bedeutung. Für manche Kinder mit Migrationshintergrund bedeutet der Besuch einer Kindertagesstätte, erste Erfahrungen mit der deutschen Sprache zu sammeln.

Gleichzeitig ist es von großer Bedeutung, die Erfahrungen und Kompetenzen, die Kinder mit nichtdeutscher Herkunftssprache in ihrer anderen Sprache bereits gewonnen haben, anzuerkennen und wertzuschätzen. Diese anderen Sprachen sollten durchaus als Potenzial der Kinder verstanden werden und im Kindergartenalltag von ErzieherInnen beispielsweise in Form von kleineren Projekten aufgegriffen werden.

Die Mehrsprachigkeit der Kinder aus verschiedensten Kulturen erfordert auch auf Seiten der ErzieherInnen große interkulturelle Kompetenz. Wie werden die Fachkräfte in ihrer Ausbildung darauf vorbereitet? 

A. M.: In der Tat ist die Umsetzung einer interkulturellen Erziehung als durchgängiges Prinzip der pädagogischen Arbeit mit hohen Anforderungen an die ErzieherInnen verbunden. Diese benötigen ein großes Maß an personalen und fachlichen Kompetenzen. Hierzu zählen kommunikative Kompetenz, Empathie, Offenheit, Flexibilität, Ambiguitätstoleranz (das Aushalten von Widersprüchen und Zweideutigkeiten), Konfliktfähigkeit, Selbstreflexion und Kreativität. Bisher werden in der Ausbildung von ErzieherInnen aber diese Aspekte interkultureller Erziehung nur wenig berücksichtigt. Verschiedene Fachschulen bieten bereits entsprechende Angebote an, eine systematische Berücksichtigung des Themas, insbesondere wenn man von einem zunehmenden Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund an der Bevölkerung ausgeht, wäre aber wünschenswert.

Des weiteren könnten ErzieherInnen mit Migrationshintergrund in den Kindertagesstätten zur Sensibilisierung und Auseinandersetzung mit der interkulturellen Erziehung im Elementarbereich beitragen. Deshalb sind gezielt weitere Anstrengungen zu unternehmen, um den Anteil von ErzieherInnen mit Migrationshintergrund in der Ausbildung zu erhöhen.

Ebenso unterstützen Maßnahmen der Fort- und Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften den Erwerb interkultureller Handlungskompetenz. Diese Ansätze dienen der Qualifizierung der Fachkräfte und der Verbreitung interkultureller Erziehung im Elementarbereich. Darüber hinaus können Teamberatung und Supervision hilfreich sein, um Irritationen, die aus sprachlicher, kultureller und religiöser Vielfalt entstehen, zu diskutieren.

Wie wichtig ist es, auch die Eltern in diese Prozesse mit einzubeziehen?

A. M.: Die Einbindung der Eltern in die Arbeit der Kindertageseinrichtungen ist natürlich von zentraler Bedeutung. Alle Eltern sind grundsätzlich an der Entwicklung ihrer Kinder interessiert. Sprachprobleme und kulturelle Unterschiede zwischen Herkunftskultur und Kultur des Aufnahmelandes werden jedoch von manchen Eltern als Hürde wahrgenommen. Niedrigschwellige Angebote von Kindertagesstätten in der Elternarbeit können dazu beitragen, diese Hürden zu überwinden.

Ich möchte noch ein Beispiel aus der Datenbank ProKita nennen: So konnte die wissenschaftliche Begleitung des Aufbaus der Essener Interkulturellen Kindertagesstätte Schalthaus Beisen zeigen, wie erfolgreich das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen sein kann und allen Beteiligten zugute kommt. In dieser Einrichtung wird entsprechend dem ausdrücklichen Trägerinteresse ein gemischt-ethnisches Team eingesetzt. Zentrale Schwerpunkte der pädagogischen Arbeit liegen auf der Sprech- und Sprachförderung sowie der Vermittlung unterschiedlicher kultureller Alltagsformen.

Die Elternarbeit nimmt in der Kita dabei einen zentralen Stellenwert ein. Aufgrund dieser intensiven Zusammenarbeit mit den Eltern erweiterte sich das Handlungsspektrum des Kita-Teams zu einer Familienbildungsstätte – mit hoher Akzeptanz als Kommunikationsort im Stadtteil.

Frau Dr. Müller, Frau Berg-Lupper, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!



Links

DJI Thema 2008/05 Miteinander voneinander lernen: Internationale Begegnungsprogramme für Kinder

DJI Abteilung Kinder und Kinderbetreuung

DJI Datenbank ProKita

DJI Projekt Sprachliche Förderung in der Kita

DJI Publikation Schlüsselkompetenz Sprache




Kontakt
Dr. Andrea Müller

Ulrike Berg-Lupper


DJI Online / Stand: 1. Mai 2008