Gespräch mit Angelika Diller, DJI

Frau Diller, in vielen familien- und sozialpolitischen Zusammenhängen ist immer häufiger von Netzwerken die Rede. Netzwerke sollen es richten, zum Beispiel durch lokale Bündnisse oder Allianzen für Familien. Sie haben am Beispiel der Eltern-Kind-Zentren untersucht, was dabei zu beachten ist.

Genau, in der Recherche über Eltern-Kind-Zentren, die wir von Juni 2005 bis Anfang 2006 durchgeführt haben, haben wir Einrichtungen recherchiert, die ihre Angebote für Eltern und die ganze Familie erweitert haben. Wir haben dazu mehrstündige Interviews vor Ort geführt  und sind zu dem Schluss gekommen, dass Kooperation und Vernetzung der Motor institutioneller Weiterentwicklung ist und dadurch zusätzliche, neue Angebote entstehen können.

Welche Definition von Netzwerk haben Sie dabei zu Grunde gelegt?

Man muss grundsätzlich zwischen kooperativen Aktivitäten und einem funktionierenden Netzwerk unterscheiden. Ohne Kooperation kann es kein funktionierendes Netzwerk geben; aber gelegentliche Kooperationen machen noch kein Netzwerk.

Hinzukommt, dass „Kooperation“ eine Chiffre ist; in der Praxis werden sehr unterschiedliche Aktivitäten darunter gefasst. Aus unserer Sicht zeichnet sich ein funktionierendes Netzwerk dadurch aus, dass Einrichtungen nicht nur gelegentlich, sondern kontinuierlich, anlassübergreifend zusammenarbeiten

Was ist die beste Motivation für die Einrichtung eines Netzwerks?

Vernetzung ist kein Selbstzweck, sondern beschreibt ein fachliches, zielorientiertes Handeln. „Netzwerke rund um die Familie“ haben das Ziel, eine integrierte Angebotsstruktur zu entwickeln, damit Zugangshürden abgebaut werden und  Familien einen leichten Zugang zu den Angeboten haben.  

Welches sind die Störfaktoren, die den Aufbau eines Netzwerkes behindern können?

Kooperationen zwischen unterschiedlichen Institutionen sind störanfällig, da verschiedene Akteure, unterschiedliche Sichtweisen, divergierende Interessenslagen „im Spiel“ sein können. Störfaktoren sind z.B. unklare Vorgaben, Ambivalenz der Beteiligten oder auch mangelnde Ressourcen für den Aufbau von Netzwerken.

Ein gutes Stichwort: Sind Netzwerke deswegen als Allheilmittel in aller Munde, weil sie als kostengünstige Variante gelten, nach dem Motto: wir multiplizierten einfach das Know-how und würzen mit ein bisschen good will?

Hierbei ist zweierlei zu berücksichtigen. Die Politik fordert familienfördernde Netzwerke, um Lebenslagen von Familien zu verbessern. Konkret bedeutet das, die bestehende fragmentierte Angebotsstruktur zu einem kooperierenden Netzwerk zusammenzuführen. Das ist ein Prozess, in den zunächst Ressourcen investiert werden müssen. Langfristig kann man aber davon ausgehen, dass dieser Weg effektiver und auch effizienter sein wird. Good will allein reicht dafür aber nicht aus. Netzwerkarbeit bedeutet professionelles Handeln.

Gibt es „gute“ und „schlechte“ Netzwerke oder nur verschiedene Formen?

Aus meiner Sicht gibt es funktionierende Netzwerke, die zielorientiert arbeiten und fachlichen Mehrwert erbringen. Und es gibt Netzwerke, die sich so nennen, in denen unterschiedliche Akteure aber lediglich miteinander kommunizieren, und weder kooperieren noch gemeinsame Aktivitäten auf den Weg bringen.

Netzwerke sind keine Selbstläufer. Sie bedürfen der Steuerung. Wer steuert, und was ist dabei zu beachten?

Damit sprechen sie eines der größten Missverständnisse an: eine Anzahl unterschiedlicher Einrichtungen ergibt noch kein kooperierendes Netzwerk. Netzwerke können auf unterschiedlichen Strukturebenen initiiert werden. Ausgehend vom kommunalen Raum wäre die ideale Lösung, eine Koordinierungsfunktion, die nicht innerhalb der beteiligten Einrichtungen „verortet“ ist, sondern bei einem öffentlichen Jugendhilfeträger, d.h. bei der Instanz, die auch die kommunale Planungsverantwortung hat.

Darüber hinaus ist zu beachten, dass Netzwerkarbeit nicht linear, sonder zirkulär gesteuert werden muss, d.h. der ablaufende Prozess muss regelmäßig mit Blick auf die Ziele reflektiert werden.

Wie wichtig ist es, dass die „Chemie“ zwischen den Partnern stimmt?

Natürlich ist es auch schön, wenn die Chemie stimmt, aber hinsichtlich professioneller Handlungsvollzüge kein Muss. Kooperationspartner sucht man sich ja nicht nach persönlichen Vorlieben aus, sondern nach professionellen Anforderungen. Ein entscheidendes Kriterium der Professionalität ist die Fähigkeit, mit beruflichen Partnern zusammenzuarbeiten, mit denen man z.B. nicht ins Kino gehen würde.

Die Kooperationspartner/innen müssen konfliktfähig sein und auftretende Differenzen verhandeln können, das ist eine der zentralen und notwendigen Kompetenzen der Netzwerkakteure.

In jüngerer Zeit wird eine stärkere Vernetzung der Kindertageseinrichtungen mit anderen Akteuren gefordert. Warum?

Im Kontext familienfördernder Netzwerke sind Kitas zentrale Institutionen, die spezifische institutionelle Vorzüge haben: zum Beispiel die flächendeckende Verbreitung, den langjährigen und kontinuierlichen Aufbau von Beziehungskontinuitäten und die hohe Akzeptanz bei Eltern. Immerhin nutzen ca. 80% aller Eltern in Deutschland unabhängig von Status und Lebenslagen diese Institution. Das ist ein „Kapital“ nicht nur für die Förderung der Kinder, sondern auch für die Unterstützung der Eltern.

Wenn die „Keimzelle“, der „Knotenpunkt“ oder Motor für Netzwerke rund um die Familie die Kindertageseinrichtungen sind. Wer sind die möglichen Netzwerkpartner?

Kitas können eine Keimzelle sein, aber andere Institutionen ebenfalls. Der Anfang für ein kooperierendes Netzwerk kann in Einrichtungen, beispielsweise in der Kita gelegt werden. Das Ganze kann aber auch in Familienbildungseinrichtungen oder Mütterzentren seinen Anfang nehmen. Letztlich geht es um den Aufbau eines Netzwerkes „rund um Familie mit kleinen Kindern“, und daran können sich sehr unterschiedliche Institutionen beteiligen: Kita, Familienbildung, Gesundheitsinstitutionen und arbeitsmarktfördernde Institutionen.  Die konkrete Entscheidung ist abhängig von den vorhandenen Einrichtungen innerhalb eines bestimmten Einzugsgebietes, das für Eltern erreichbar ist.

Wie schätzen Sie das Potenzial einer verbesserten Zusammenarbeit von Allgemeinem Sozialen Dienst (ASD)/Jugendamt und Kita in puncto Kinderschutz ein?

Der Kinderschutz hat in diesem Jahr aufgrund der dramatischen Fälle von Kindesmisshandlung oder Kindestötung eine traurige Aktualität bekommen, außerdem ist er in §8 KJHG verankert.

Grundsätzlich denke ich, dass die Anliegen des Kinderschutzes in der fachlichen Arbeit der Kita systematischer verankert werden könnten, dieses Thema ist noch nicht „ausbuchstabiert“. Allerdings muss man dabei die „Ressourcenorientierung“ im Blick behalten; darin liegt die hohe Akzeptanz bei Eltern begründet, dass sie nicht an Defiziten, sondern an vorhandenen Kompetenzen und Ressourcen anknüpft. Das ist das wichtigste Kapital in der Zusammenarbeit mit Eltern, dass es auch bei dieser Frage zu beachten gilt.

Wo finde ich fachkundige Hilfe, Tipps oder einen Leitfaden mit den zu beachtenden Kriterien, wenn ich als LeiterIn einer Kita in meinem Stadtteil oder Sozialraum ein Netzwerk aufbauen möchte?

Ich denke, aus der Perspektive der Erzieherin steht zunächst mal die Frage im Vordergrund: Welche zusätzlichen Angebote wollen wir entwickeln? Mit welchen Einrichtungen können wir kooperieren? Das ist eine fachliche Entscheidung, die grundsätzlich mit dem Träger rückgekoppelt werden muss.

Kooperationen sind auch von den regionalen Bedingungen im Einzugsgebiet abhängig: Welche potenziellen Kooperationspartner gibt es? Zu welchen Konditionen sind diese bereit, in die Kooperation einzusteigen?

Die fachliche Unterstützung durch Fachberatung, Fortbildung, Supervision ist erforderlich und dringend angeraten, aber auch hier sind die regionalen Möglichkeiten sehr unterschiedlich.

Frau Diller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Links

Angelika Diller: Netzwerke schaffen – Rahmenbedingungen und Voraussetzungen interinstitutioneller Kooperationsprozesse (22 Seiten/pdf)

DJI Online Gespräch mit Angelika Diller über Eltern-Kind-Zentren

Kontakt

Angelika Diller, DJI

DJI Online / Stand: 1. Mai 2007