Gespräch mit Irene Hofmann-Lun (DJI)

Wegen des demographischen Wandels droht der deutschen Wirtschaft ein Fachkräftemangel – vor allem in den technischen Berufen, aber auch im Handwerk. Um dem entgegen zu wirken und die Chancen von jungen Frauen auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt zu verbessern, möchte man ihr Interesse an Berufen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich wecken. Während das bei Abiturientinnen schon ganz gut funktioniert, lässt sich diese Entwicklung bei den Hauptschülerinnen noch nicht feststellen, wie ein Forschungsprojekt des DJI und der Universität Hamburg belegt. Irene Hofmann-Lun erläutert die Hintergründe im DJI Online Gespräch.  


Frau Hofmann-Lun, der Nationale Pakt für Frauen in MINT-Berufen „Komm, mach MINT“ hat gerade eine Erfolgsmeldung herausgegeben: In den Ingenieurwissenschaften, Physik, Astronomie sowie Mathematik und den Naturwissenschaften gibt es soviel Studienanfängerinnen und -absolventinnen wie noch nie. Das Interesse von Hauptschülerinnen an den so genannten MINT-Fächern ist nach jüngsten DJI-Erkenntnissen allerdings noch eher gering. Wofür steht MINT eigentlich?

MINT ist ein Kürzel für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Es gibt derzeit zahlreiche Maßnahmen, junge Frauen für diese MINT-Studiengänge und -Berufe zu gewinnen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) etwa 1.000 Projekte verschiedenster Anbieter in diesem Bereich.

In Ihrem Kooperationsprojekt haben Sie für das DJI und Jessica Rother von der Universität Hamburg sowohl Lehrkräfte an Hauptschulen als auch außerschulische Anbieter von entsprechenden Angeboten zur  Berufsorientierung danach befragt, ob und wie man Hauptschülerinnen MINT-Berufe schmackhaft machen kann. Konnten die von Ihnen in Hamburg und München befragten Lehrkräfte mit dem Kürzel MINT überhaupt etwas anfangen?

Die meisten der Lehrkräfte verbinden mit dem Kürzel MINT noch wenig. Im Prinzip kämen für Hauptschülerinnen ja Berufe wie Mechanikerin, Klempnerin, Metallbauerin, Edelmetallprüferin, KFZ-Mechatronikerin, Zweiradmechanikerin, Fotolaborantin oder Industrieelektrikerin in Frage. Doch die Lehrkräfte nannten in unserer Befragung nur die KFZ-Mechatronikerin, Elektrikerin und Anlagenmechanikerin. Viele Berufe im gewerblich-technischen Bereich sind ihnen offenbar nicht bekannt.

Wie schätzen die Lehrkräfte denn ihre Chancen ein, auf die Berufswünsche junger Frauen Einfluss zu nehmen?

Die Spielräume in den Schulen werden noch wenig erkannt und zu selten genutzt, weil die Lehrkräfte ihre pädagogischen Einflussmöglichkeiten auf die Erweiterung des Berufswahlspektrums für begrenzt halten.

Warum?

Vor allem ist es die vermeintlich geringe Aussicht auf Erfolg, die dazu führt, dass die Orientierung auf MINT-Berufe für diese Schülerinnengruppe noch wenig gefördert wird.

Die Lehrkräfte begründen die mangelnden Erfolgsaussichten erstens mit den spezifischen Interessen der jungen Frauen, die sich von vornherein auf traditionelle weibliche Berufsfelder festlegen, was häufig noch durch die Vorstellungen der Eltern unterstützt wird und zweitens mit dem begrenzten oder mangelnden Angebot an passenden Ausbildungsplätzen. Deswegen halten sie die Einmündung von Hauptschülerinnen in gewerblich-technische Berufe und eher männerdominierte handwerkliche Berufe insgesamt für problematisch.

Sie orientieren sich daher an diesen aus ihrer Perspektive „realen Gegebenheiten“ und unterstützen die Hauptschülerinnen eher bei der Berufswahl in Richtung frauentypische Berufe im pflegerischen, sozialen Bereich sowie im Bereich Verkauf.

Berufsorientierung ist heute ein fest- und vorgeschriebener Bestandteil der Lehrpläne an Schulen der Sekundarstufe I wie beispielsweise den Haupt- und Mittelschulen in Bayern oder den Stadtteilschulen in Hamburg. Geleistet wird diese wichtige, aber auch ressourcenfordernde Arbeit nicht nur von den Lehrkräften allein, sondern häufig in Kooperation mit außerschulischen Unterstützern. Gab es hier wesentliche Unterschiede zwischen den von Ihnen untersuchten Bundesländern Hamburg und Bayern?

Grundsätzlich ähnelt sich das Spektrum an außerschulischen Projekten, das in beiden Städten die Berufsorientierung der Schulen unterstützt und ergänzt. Sowohl in Hamburg als auch in München gibt es monoedukative, also speziell für Mädchen konzipierte Angebote als auch koedukative Angebote für Mädchen und Jungen gemeinsam. Einige der Maßnahmen richten sich dabei ausschließlich an Hauptschülerinnen und/oder Hauptschüler. Andere sind für Schülerinnen und/oder Schüler verschiedener Bildungsniveaus gedacht. Manchmal erfolgt dies durch eine kontinuierliche Kooperation, vielfach aber im Rahmen von sporadischen Kooperationen zu ausgewählten Themen.

Neben diesen Gemeinsamkeiten weist das Hamburger System eine Besonderheit auf. An den Hamburger Stadtteilschulen wurden Berufskoordinatorinnen und -koordinatoren eingesetzt. Als zentrale Ansprechperson können sie die Kooperation mit Betrieben und außerschulischen Anbietern von Berufsorientierungsmaßnahmen besser organisieren und den Informationsfluss innerhalb der Schulen sicherstellen.

Kritiker/innen haften Gender-Themen gern das Etikett „Luxusproblematik“ an. Ein Vorwurf, den man auch dem Bestreben, Hauptschülerinnen den Weg in MINT-Berufe zu ebnen, machen könnte?

Nein, denn die Erweiterung des Berufswahlspektrum für junge Frauen an Hauptschulen hat ja gleich mehrere positive Aspekte. Zum einen könnte damit dem drohenden Fachkräftemangel entgegengewirkt werden. Und zum anderen wäre die Erweiterung der beruflichen Perspektiven für junge Frauen von Vorteil, weil MINT-Berufe in der Regel ein höheres Einkommen ermöglichen und bessere Aufstiegschancen bieten als beispielsweise Berufe im sozialen und pflegerischen Bereich.

Nun mag die Erweiterung des Berufsspektrums für Hauptschülerinnen wünschenswert sein. Ist sie auch realistisch?

Unsere Untersuchung zeigt ganz klar, dass die Umsetzung sich in der Tat schwierig gestaltet. Denn die Hauptschülerinnen stehen beim Versuch, in MINT-Berufe einzumünden – ebenso wie ihre männlichen Mitschüler – in Konkurrenz zu den Absolventen und Absolventinnen der Realschulen, die sich vielfach auf dieselben Ausbildungsplätze bewerben. Ein weiteres geschlechtsunabhängiges Problem sind zudem sind die gestiegenen Anforderungen in den Berufsschulen. Die schulischen Leistungen und Abschlussnoten der Hauptschülerinnen entsprechen diesen Anforderungen oft nicht in ausreichendem Maße.

Nehmen wir nun einmal an, trotz all dieser Widrigkeiten würde ein junges Mädchen mit Migrationshintergrund eine Ausbildung zur Elektrikerin beginnen und als einzige 16-jährige junge Frau auf einer Baustelle arbeiten. Schiebt man den jungen Mädchen damit nicht zu viel Verantwortung für die politisch gewollte Umsetzung von Gender-Forderungen in die Schuhe?

Die Einmündung in männerdominierte Berufsbereiche erfordert von jungen Frauen in der Tat sehr viel Eigenständigkeit und Kraft. Selbst wenn junge Frauen für MINT- und männerdominierte Berufe häufig im geschützten Rahmen – z.B. in monoedukativen Schulstunden, Kursen und Infoveranstaltungen in Mädchen-Treffs – Begeisterung zeigen, haben sie in den konkreten Arbeitssituationen mit verschiedenen Problemen sowohl im Arbeitsumfeld als auch in der Peergroup zu kämpfen.

Hilfreich wären hier – erfolgreiche Ausnahmefälle belegen dies – weibliche Rollenvorbilder in männlich dominierten Berufsfeldern. Diese können ebenso wie Job-Mentorinnen eine wichtige Funktion übernehmen, um junge Frauen bei ihrem Weg in eher frauenuntypische Berufe zu begleiten und zu unterstützen.

Umgekehrt gilt dies übrigens auch für Jungen, die als Kinderpfleger arbeiten möchten, aber in der Peergroup möglicherweise Gefahr laufen, dann als „uncool“ zu gelten.

Ist das Berufsziel Erzieherin oder Altenpflegerin für die Mädchen nicht mindestens ebenso zukunftsträchtig wie die KFZ-Mechatronikerin oder Heizungsmonteurin?

Wenn man zukunftsträchtig nur so versteht, dass sich die Aussichten, einen Job zu bekommen, erhöhen, mag das zutreffen. Aber im Sinne der Chancengleichheit ist es notwendig, dass junge Frauen Zugang zu einem breiteren Spektrum an Ausbildungsberufen haben und sich nicht nur an Berufen orientieren, bei denen aktueller und zukünftiger Bedarf vorhanden sind. Meist handelt es sich ja bei den von jungen Frauen gewählten Berufen im sozialen und pflegerischen Bereich um Berufe, die zwar nachgefragt werden, jedoch mit geringerer Bezahlung verbunden sind. Zudem bieten die typischen Frauenberufe weniger Aufstiegsmöglichkeiten und hinsichtlich der eigenen Existenzsicherung schlechtere Rahmenbedingungen als etwa Berufe im gewerblich-technischen Bereich.

Sie haben Ihre Ergebnisse kürzlich auf einer Abschlussveranstaltung vor Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Praxis präsentiert. Wird es angesichts der erkennbaren Widerständigkeiten weitere konkrete Maßnahmen geben, um traditionelle Berufsorientierungen bei den Hauptschülerinnen aufzubrechen?

Wichtig ist, für diese Thematik verstärkt Aufmerksamkeit zu gewinnen und integrierte Berufsorientierungskonzepte weiter zu entwickeln. Darüber hinaus müssen Qualitätsmaßstäbe für Projekte und Maßnahmen in enger Zusammenarbeit aller an der Berufsorientierung beteiligten Personen und Institutionen erarbeitet werden.

Frau Hofmann-Lun, vielen Dank für dieses Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

Literatur

Hofman-Lun, Irene/Rother, Jessica (2012): Sind MINT-Berufe zukunftsträchtig auch für Hauptschülerinnen? Pädagogische Einflussmöglichkeiten auf die Erweiterung des Berufswahlspektrums. München (Download/PDF)

Lippegaus-Grünau, Petra/Mahl, Franciska/Stolz, Iris (2011): Berufsorientierung. Programme und Projekte von Bund und Ländern, Kommunen und Stiftungen im Überblick. München (Download/PDF)

Links

DJI-Projekt: Berufsorientierung auf zukunftsträchtige Berufe. Gelingensbedingungen und Barrieren pädagogischer Interventionen zur Förderung des Interesses junger Frauen an MINT-Berufen

DJI-Forschungsschwerpunkt: Übergänge im Jugendalter

DJI Online Thema 2011/10: Ein guter Start ins Erwerbsleben für alle? Ausbildungsbiographien junger Menschen im Wandel

Kontakt

Irene Hofmann-Lun (DJI)

DJI Online / Stand: 15. April 2012

 

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