Gespräch mit Birgit Riedel, Grundsatzreferentin für Einrichtungen, Entwicklungen und Governance der Kindertagesbetreuung (DJI)

Frau Riedel, die meisten Familien sind heute darauf angewiesen, für ihre Kleinkinder einen Betreuungsplatz zu finden, denn der Krippenplatz ist mittlerweile von existenzieller Bedeutung. Viele lassen sich schon vor der Niederkunft auf 20 Wartelisten setzen und gehen doch leer aus. Daher brennt der Ausbau der Kindertagesbetreuung für die unter Dreijährigen auch den Kommunen auf den Nägeln. Allerdings sind diese durch die Finanz- und Wirtschaftskrise schwer angeschlagen. Wird der Ausbau aufgrund mangelnder Finanzkraft der Kommunen ausgebremst?

Die Gefahr ist natürlich groß. Wenn man die jüngeren Stellungnahmen seitens des Deutschen Städte- und Gemeindebundes verfolgt, dann mehren sich die Stimmen, dass der Ausbau von den Kommunen finanziell nicht zu stemmen ist. Auch der Rechtsanspruch ab 2010 wird zum Teil in Frage gestellt. Allerdings wird gleichzeitig eine Bildungsdebatte geführt, die gerade die Bedeutung der frühkindlichen Bildung betont. Nimmt man das Ziel der Chancengleichheit als Maßstab, sollten Kinder schon frühzeitig die Möglichkeit erhalten, in qualitativ hochwertigen KiTas Förderung und Anregungen zu erhalten, die das Elternhaus nicht in jedem Fall bieten kann. Wenn man diese Überzeugung teilt, muss sich das finanziell niederschlagen. Dann müssen die Kommunen in ein gutes frühkindliches Bildungs- und Betreuungsangebot investieren, dann müssen aber auch der Bund und die Länder ihnen finanziell noch stärker und nachhaltiger unter die Arme greifen.

Gleichzeitig war uns jedoch ein Anliegen, anhand dieser Studie zu zeigen, dass es nicht nur eine Frage des Geldes ist, ob vor Ort ein Ausbauprozess in Gang kommt. Hier spielen auch andere Faktoren eine Rolle, z.B. wie gut es den Kommunen gelingt, Träger wie Kirchen, Wohlfahrtsverbände oder Elterninitiativen als Mitstreiter für diesen sogenannten U3-Ausbau zu gewinnen, einen gemeinsamen Qualitätsdialog anzuregen oder auch neue Ressourcen, z.B. über die Kooperation mit Firmen, einzubinden. Dies hängt auch vom Selbstverständnis und der Dialogfähigkeit der kommunalen Politik und Verwaltung sowie von der Kooperationskultur ab, die vor Ort gepflegt wird. Hier sind in der Regel längst nicht alle Potenziale und Handlungsmöglichkeiten ausgeschöpft.

Der Bund unterstützt den Krippenausbau der Kommunen mit großem finanziellen Aufwand. Eltern benötigen aber nicht nur in der Zeit vor dem Kindergartenalter Betreuungsmöglichkeiten, sondern auch danach. Die nächste Lücke folgt meist, weil die Hortplätze nicht ausreichen. Welche Konzepte verfolgen die untersuchten Kommunen in punkto „Nachhaltigkeit“?

Tatsächlich wäre ein reiner Krippenausbau zu kurz gedacht. Die Realität von Familien hat sich derart verändert, dass kontinuierliche familienbegleitende Angebote der Bildung, Betreuung und Unterstützung von der frühen Kindheit bis ins Schulalter immer dringender benötigt werden.

Dieser Tatsache sollte durch eine Angebotsstruktur Rechnung getragen werden, die institutionelle Schwellen ab- und nicht aufbaut. Hier befinden sich aber viele Kommunen in einem Dilemma: Auf der einen Seite müssen im Moment ganz gezielt Angebote für unter Dreijährige geschaffen werden, um die drängendsten Lücken in diesem Bereich zu schließen. Auf der anderen Seite erweist man Eltern und Kindern jedoch keinen guten Dienst, wenn man, vor dem Hintergrund, dass für die Kinder schon nach kurzer Zeit wieder ein Einrichtungswechsel ansteht ausschließlich Kinderkrippen plant.

Je mehr Wahlmöglichkeiten die Eltern erhalten, desto schwerer dürften sich solche Angebote auf dem Markt behaupten können. Den Kommunen und Trägern ist hier eine Strategie zu empfehlen, die langfristig auf eine wohnortnahe, altersübergreifende und mit Blick auf die demografische Entwicklung möglichst flexible Angebotsstruktur zielt. Es stellt sich allerdings die Frage, wie weit das Investitionsprogramm der Bundesregierung das unterstützt oder eher andere Anreize setzt.

Aus der Not heraus greifen Eltern zur Selbsthilfe. Allerorten entstehen aus Elterninitiativen heraus private Betreuungseinrichtungen. Daneben bietet die Schieflage in der Angebots-Nachfrage- Relation eine gute Wachstumschance für professionell-gewerbliche Anbieter. Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Aber belebt sie auch immer die Qualität der Angebote? Verfügen alle Kommunen über ausreichend altersangemessene Bildungs- und Betreuungskonzepte für unter dreijährige Kinder und können sie die Qualität sichern?

Traditionell sind es vor allem die Träger, die für Qualität zuständig sind. Die komplexen Herausforderungen, die sich im u3-Bereich stellen, werden aber nicht zu bewältigen sein, wenn sich nicht auch die Kommunen für Qualität stark machen. Dabei geht es um die Weiterentwicklung der Tagespflege zu einem Bildungs- und Betreuungsangebot mit einer verlässlichen Qualität ebenso wie um die Öffnung der Kindergärten, die gut vorbereitet und fachlich begleitet werden muss. Es geht auch nicht ohne zusätzliche Investitionen in Personal, Ausstattung und eine systematische Weiterqualifizierung der Fachkräfte. In den Fallstudien finden sich Beispiele dafür, wie die Kommunen Qualität fördern können. So hat z.B. in Heidelberg die Kommune einen trägerübergreifenden Qualifizierungsprozess angestoßen und eine Stiftung dafür als Förderer gewonnen. In Frankfurt moderiert die Kommune eine lokale Qualitätsdebatte. Dabei geht es auch um Qualitätsziele und Rahmenbedingungen für die Betreuung von unter Dreijährigen. In München zeichnen sich vor allem die städtischen Krippen durch eine kontinuierliche Qualitätsentwicklung aus, die sie für andere Träger zum Vorbild macht.

Gleichzeitig wachsen den Kommunen auch mit der größeren Vielfalt von Anbietern neue Aufgaben der Regulierung und Unterstützung zu. Gerade kleine Träger, ob gewinnorientiert oder nicht, haben mit typischen Strukturproblemen zu kämpfen, die die Qualität beeinträchtigen können – geringe Ressourcen für Fachberatung, Weiterbildung und Vernetzung, eine dünne Personaldecke, fehlende Vertretungskräfte usw. Auch das muss eine Kommune im Blick haben, wenn sie auf den schnellen Ausbau mit „Privaten“ setzt.

Sie haben mit Frankfurt a.M., München, Heidelberg und dem Ortenaukreis vier Kommunen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen gewählt. Welche Aussagen können Sie aufgrund ihrer Untersuchungen über die unterschiedliche Gebührengestaltung – und die Auswirkung auf Chancengleichheit sowie eine mögliche Bildungsbenachteiligung machen?

Man kann davon ausgehen, dass Eltern sehr genau abwägen, ob sie für ihr Kleinkind einen Betreuungsplatz in Anspruch nehmen. Die Kosten sind sicherlich ein Faktor, der dabei zu Buche schlägt und viele Familien von einer Inanspruchnahme abhält. Für die Eltern ist ein Krippenplatz oder ein Platz bei einer Tagesmutter erheblich teurer als später ein Platz im Kindergarten. Gebühren von 500 Euro im Monat und mehr sind keine Seltenheit. Damit hier nicht unter der Hand ein Angebot nur für Besserverdienende geschaffen wird, muss die Frage der Kosten noch deutlich mehr Aufmerksamkeit erhalten als das bisher der Fall ist.

Das zweite Problem neben den hohen Kosten ist vielerorts die große Spannweite bei den Elterngebühren. Damit läuft man Gefahr, ein Zwei-Klassen-System der Betreuung zu schaffen, das niemand ernsthaft wollen kann. In den untersuchten Kommunen hat man auf unterschiedliche Weise versucht, dem Problem beizukommen. In Frankfurt, das in dieser Hinsicht besonders vorbildlich ist, gibt es stadtweit und trägerübergreifend einheitliche Elterngebühren, auf die sich die Kommune mit den Anbietern geeinigt hat. Das erhöht nicht nur die Wahlfreiheit der Eltern – die nicht nach ihrer Geldbörse entscheiden müssen – sondern schafft auch mehr Transparenz und nicht zuletzt für die Träger faire Wettbewerbsbedingungen. In Heidelberg hat man das Problem der Elterngebühren anders gelöst, indem man Gutscheine an einkommensschwächere Familien ausgibt. Aus anderen Ländern weiß man auch, dass Gutscheine eine gute Möglichkeit darstellen, um schwer erreichbare Zielgruppen anzusprechen.

Aber auch hier ist die Frage gleicher Zugangschancen nicht nur eine Frage des Geldes. Um Angebote für unter Dreijährige stärker für Familien mit Migrationshintergrund oder benachteiligte Gruppen zu öffnen, muss zugleich an der Angebotsgestaltung angesetzt werden – indem man z.B. niedrigschwellige Angebote fördert, diese auf unterschiedliche kulturelle Kontexte zuschneidet und für die Eltern durch zusätzliche Dienste attraktiver macht.

Links
Kurzfassung der Studie
Langfassung der Studie

Kontakt
Birgit Riedel, DJI

DJI Online / Stand: 15.2.2010

Diese Seite verwendet Cookies um die Funktionalität sicherzustellen, Zugriffe zu analysieren und die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern.
Durch die weitere Verwendung stimmen Sie der Verarbeitung von Cookies zu. Weitere Informationen und Hinweise zum Widerspruch finden Sie in der Datenschutzerklärung.