Gespräch mit Angelika Diller, Projekt Eltern-Kind-Zentren,DJI

Sie bieten Kindertagesbetreuung, Familienbildung und -förderung unter einem Dach: integrativ, niederschwellig und im sozialen Nahraum verankert. Ein Gespräch mit Angelika Diller über Entstehung, Potenzial und Zukunft der Eltern-Kind-Zentren.

Frau Diller, Sie führen gerade eine Recherche zu Eltern-Kind-Zentren (EKZ) durch und haben darüber bereits einen Grundlagenbericht verfasst. Handelt es sich bei den EKZ um ein rein theoretisches Konzept, oder gibt es solche Einrichtungen schon in Deutschland?

Die Eltern-Kind-Zentren sind kein rein theoretisches Konzept, sondern eine Angebotsstruktur, die sich aus der Praxis heraus entwickelt hat. Das heißt: MitarbeiterInnen von Tageseinrichtungen für Kinder, Familienbildungsstätten und Mütterzentren haben irgendwann festgestellt, dass die Angebote ihrer Einrichtungen nicht ausreichen, um die umfänglichen "Bedarfe" – so der Fachterminus – von Kindern, Eltern und der ganzen Familie abzudecken. Deswegen haben sich unabhängig von einander an unterschiedlichen Orten Eltern-Kind-Zentren entwickelt, mit dem Ziel, breiter gefächerte Angebote unter einem Dach bereit zu stellen.

Das heißt, es gibt unterschiedliche (konzeptuelle) Varianten von Eltern-Kind-Zentren?

Ja, das stimmt. Die Konzepte der Einrichtungen sind unterschiedlich ausgestaltet, denn sie sind abhängig vom den Bedarfen der Familien, die im Einzugsgebiet der Einrichtung leben, und auch von den Angeboten, die es vor Ort bereits gibt.

Wie würden Sie ein Ideal-typisches Eltern-Kind-Zentrum beschreiben?

Ein idealtypisches Zentrum ist eine Kindertageseinrichtung, die an ihr Regelangebot zusätzliche Angebote koppelt, sowohl für Kinder oder Eltern, als auch für Kinder und Eltern. In der Regel sind das Angebote der Elternbildung, der Elternberatung und der Elternunterstützung, aber auch zusätzliche Betreuungsangebote für berufstätige Eltern.

Ein weiteres wichtiges Kriterium ist, dass sich zumindest ein Teil dieser Angebote nicht nur an die "Stammkunden der Einrichtungen" wendet, also an Eltern, die ihre Kinder schon in der Kindertageseinrichtung angemeldet haben, sondern offen ist für alle Familien aus dem Einzugsgebiet.

Wann ist die Idee der Angebotsbündelung unter einem Dach entstanden? Am DJI gab es ja bereits 2004 die erste Untersuchung zu "Häusern für Kinder und Familien".

Die Vorläufer der Eltern-Kind-Zentren reichen weit bis in die 1980-er Jahre zurück. In mehreren Kinder- und Jugendberichten der Bundesregierung wurde die Gemeinwesen-orientierte Öffnung der Kindertageseinrichtungen bereits diskutiert. Auch das DJI-Projekt "Orte für Kinder"
(Laufzeit: 1991-1994) ist ein Vorläufer der Eltern-Kind-Zentren. Und es ist sicher kein Zufall, dass eine Anzahl von Einrichtungen, die jetzt Eltern-Kind-Zentren sind, auch an diesem Projekt bereits beteiligt war.

In der Recherche aus dem Jahr 2004 hat das Deutsche Jugendinstitut im Auftrag des Bundesfamilienministeriums eine erste telefonische Bestandsaufnahme durchgeführt. Die aktuelle Recherche hat das Ziel, weitere Daten über ausgewählte Einrichtungen zu erfassen. Das heißt: wir erheben in persönlichen Interviews, wie Einrichtungen arbeiten, was ihre Stärken und ihre Schwächen sind. Daraus können Schlussfolgerungen gezogen werden für einen weiteren Ausbau dieser Einrichtungen.

In Österreich werden viele Eltern-Kind-Zentren von Sponsoren unterstützt. England legt in den Early Excellence Centers (EEC) den Akzent auf frühkindliche Bildung. Vorbilder für das deutsche Modell?

Die Entwicklung der englischen EECs hat in den 1990er Jahren wichtige Impulse für die deutsche Entwicklung gesetzt. Insbesondere zwei Kernelemente der ECCs sind für uns von Interesse: die frühzeitige Einbindung der Eltern in die Bildungsprozesse der Kinder und die integrierte Angebotsstruktur, das heißt Eltern finden viele Angebote unter einem Dach gebündelt und müssen keine zusätzlichen Institutionen aufsuchen.

Worin liegt langfristig gesehen nach Ihren Erkenntnissen das größte Potenzial der Eltern-Kind-Zentren?

Die Potenziale der Eltern-Kind-Zentren und ihre positiven Effekte liegen auf mehreren Ebenen: sie ermöglichen ein ganzheitliches Angebot für Familien, in dem die unterschiedlichen Bedarfe der Generationen integriert sind. Durch sie können frühzeitig Gefährdungen erkannt und präventive Maßnahmen initiiert werden. Sie sind nutzerfreundlich, weil viele Angebote ortsnah unter einem Dach angeboten werden.

Aber auch aus der Perspektive des Gemeinwesens sind hier wichtige Punkte zu nennen. Die EKZ aktivieren das Gemeinwesen und stärken den Zusammenhalt. Insbesondere dort, wo eine Verknüpfung mit den lokalen Bündnissen vorliegt, kann sich ein kommunales Gesamtkonzept entwickeln, dabei sind auch Kooperationen mit Wirtschaftsunternehmen eine wichtige Ressource, die noch ausbaufähig ist.

Soweit die Theorie. Wo vermuten Sie die größten Schwachstellen oder Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung?

Natürlich gibt es Schwachstellen und Schwierigkeiten, die aber aus meiner Perspektive nicht unüberwindbar sind: da wäre zunächst für einen Teil der Einrichtungen das Raumproblem zu nennen. Insbesondere Kindertageseinrichtungen haben häufig keine ausreichenden Räumlichkeiten für die Arbeit mit Erwachsenen. Außerdem kostet es in der Aufbauphase viel Zeit und Kraft, Kooperationsbeziehungen und Vernetzungsstrukturen auf die Beine zu stellen, was aber erforderlich ist, wenn man bisher getrennte Angebotssegmente zusammenführt. Und es kostet Geld, diese Strukturen nachhaltig einzuziehen. Aber die Finanzierung ist immer eine Schwachstelle.

Unterschiedliche bauliche Voraussetzungen sind das Eine. Gilt es andererseits nicht auch die diversen Sozialstrukturen der Stadtviertel zu beachten?

Selbstverständlich sind die Bedingungen des Sozialraumes höchst unterschiedlich und müssen beachtet werden. Daraus ergeben sich grundsätzliche Fragestellungen. Einerseits: wer sind die Eltern und Familien, die in diesem Sozialraum wohnen? Was sind ihre spezifischen Lebensbedingungen? Leben dort überwiegend Familien mit Migrationshintergrund oder zum Beispiel sogenannte "gutsituierte" Familien? Oder handelt es sich um einen sozialen Brennpunkt – gibt es viele Arbeitslose? Andererseits: welche institutionellen Angebote gibt es in dem Stadtteil/Einzugsgebiet, die sich vernetzen lassen? Das sieht ja in ländlichen Gebieten anders aus als in dicht besiedelten Großstädten.

Wie ist die Stimmung "vor Ort"? Wie bewerten ErzieherInnen, Jugendämter und SozialarbeiterInnen die Eltern-Kind-Zentren?

Ich habe vor Ort sowohl großes Interesse, als auch großes Engagement festgestellt. Die Praxisverantwortlichen vor Ort wissen längst, dass eine Anpassung der sozialen Infrastruktur an veränderte familiale Bedarfe, eine aktuelle Herausforderung, beziehungsweise das Gebot der Stunde ist.

Die Erwartung ist aber auch, dass dieser Prozess politisch abgefedert und mit zusätzlichen Ressourcen unterstützt wird und nicht allein auf den Schultern der PraktikerInnen liegt. Das wäre auf Dauer eine Überforderung, die Motivationen und Engagement wieder zu Nichte macht. Auch das familienpolitische Konzept der Ära Renate Schmidt mit seinen unterschiedlichen Bausteinen ist längst in der Praxis angekommen, und es besteht eine konkrete Erwartung, dass initiierte Prozesse auch von Seiten der Politik unterstützt werden.

Es gibt in Deutschland eine Vielzahl karitativer und sozialer Einrichtungen, die Hilfen für Eltern und Kinder anbieten. Sollen die nun alle unter ein Dach? Besteht da nicht die Gefahr eines möglichen Konkurrenzverhaltens?

Wir haben in Deutschland eine "versäulte" Angebotsstruktur, das heißt Kindertageseinrichtungen, Familienbildung, Familienhilfe etc. haben ihre eigene Institutionsgeschichte, ihre eigene Kultur, eigene administrative Strukturen und ihre eigenen Finanzierungslogiken. Es ist ganz selbstverständlich, dass es da latente oder auch offene Konkurrenzen gibt.

Die entscheidende Klammer kann meines Erachtens eine gemeinsame, Träger übergreifende Leitidee sein und das Bewusstsein, dass langfristig kein Weg an der jetzigen Entwicklung vorbeiführt.

Größere Beunruhigung löst eher die Frage der nicht geklärten Finanzierung aus. Diese betrifft insbesondere die Leitung großer Zentren, die nach der jetzigen Logik kaum zu finanzieren sind, oder aber auch viele Vernetzungsressourcen, die zusätzlich bereitgestellt werden müssen.

Selbst, wenn alle mittun wollen: verderben viele Köche nicht den Brei? Wir sehen ja bei der Einführung der Ganztagsschulen, wie schwierig es ist, Jugendhilfe und Schule auf gleicher Augenhöhe an einen Tisch zu bringen.

Um in Ihrem Bild zu bleiben: für ein komplettes Menü mit mehreren Gängen zur Auswahl sind viele Köche erforderlich. Aber zurück zur Realität: der Aufbau von Kooperationsbeziehungen erfordert ein gemeinsames Handlungskonzept und ein zuverlässiges, mit den Beteiligten abgestimmtes Verfahren, in dem Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten klar geregelt sind. Das gilt es aufzubauen. Damit meine ich, man braucht Steuerungsinstrumente und Handlungskonzepte, um verschiedene Träger unter einen Hut zu bekommen, unter dem sich keiner übervorteilt fühlt und Zusammenarbeit auf Augenhöhe gelingen kann.

Welche Handlungsorientierungen oder konkreten Vorschläge würden Sie den Kommunen mit auf den Weg geben?

Die Kommunen sind klug beraten, sich die Förderung dieser Zentren auf die Fahnen zu schreiben. Da, wo diese Zentren bereits arbeiten, haben die Kommunen die schon genannten vielfältigen positiven Effekte. Lassen sie mich einen zusätzlichen nennen: die Eltern-Kind-Zentren sind ein Standortvorteil, der für Unternehmen von hoher Bedeutung ist und im Effekt Familien auch lokal binden kann.

Es bedarf natürlich einer Steuerung durch die Kommunen, aber dafür muss man das Rad nicht neu erfinden. Die Steuerungsinstrumente sind im Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz (KJHG) festgeschrieben. Sie liegen beim öffentlichen Jugendhilfeträger, der die Planungsverantwortlichkeit hat.

Darüber hinaus macht es Sinn, zum Beispiel über das Instrument der Lokalen Bündnisse auch andere kommunale Akteure einzubinden, wie Wirtschaftsunternehmen, aber auch Institutionen von Kunst und Kultur, um diese Angebotsstruktur auf eine breite Basis zu stellen, die über den Bezugsrahmen der Jugendhilfe hinausgeht.

In der aktuellen Diskussion finden wir verschiedene Formulierungen wie "Eltern-Kind-Zentren" oder "Häuser für "Familien". Mitten in Ihrer Forschungsarbeit kam es ja zu einem Regierungswechsel. Die neue Familienministerin Ursula von der Leyen spricht nun von Mehrgenerationenhäusern ...

Ob man diese Einrichtungen nun "Eltern-Kind-Zentren" nennt oder "Häuser für Kinder und Familien" oder "Familienkompetenzzentrum" ist meines Erachtens nachrangig. Entscheidend sind die Spezifika der Angebotsstruktur. Es wäre sicher sinnvoll, auf Dauer ein Label im Sinne eines Markenzeichens zu entwickeln , damit die Nutzer wissen, mit welchem Angebot sie rechnen können.

Zum Regierungswechsel: der Koalitionsvertrag – und auch andere politische Verlautbarungen – vermitteln mir, dass die bisherige Familienpolitik in der Substanz fortgeführt werden soll. Meiner Einschätzung nach gibt es einen parteiübergreifenden Konsens, dass die durch den gesellschaftlichen Wandel verursachten Herausforderungen für Familien abgefedert werden. Ende Januar haben nochmals alle großen Parteien und der Bundespräsident die Bedeutung der Familie unterstrichen.

Unstrittig ist auch, dass sowohl monetäre Transferleistungen wichtig sind – wie das von Ministerin von der Leyen geplante Elterngeld – aber eine an den Bedarfen der Familien orientierte soziale Infrastruktur unverzichtbar ist.

Eltern-Kind-Zentren sind ein zentraler Baustein der sozialen Infrastruktur für Familien. Dass die neue Ministerin den Akzent auf Zusammenhalt, Hilfe und Unterstützung zwischen den Generationen setzt, schärft den Blick für ein zentrales gesellschaftliches Thema.

In der Mehrzahl der Institutionen ist dieses Thema schon seit langer Zeit angekommen. Bei meinen Recherchen bin ich auf einige Einrichtungen gestoßen, die interessante intergenerative Angebote machen –von Begegnung bis hin zu lebenslangen Bildungsprozessen. Diesbezüglich gibt es sicher noch große Entwicklungspotenziale, die gefördert werden könnten.

Aber was wird dann aus den Eltern-Kind-Zentren?

Dieser intergenerative Ansatz kann problemlos in die Eltern-Kind-Zentren integriert werden. Er ersetzt aber nicht das Kernthema der Zentren, die durch die Bündelung professioneller Angebotssegmente die soziale Infrastruktur für Familien optimieren wollen.

Beide fachlichen Schwerpunkte haben ihre Berechtigung. Ein Verschwinden der Eltern-Kind-Zentren aus dem Fokus der Bundespolitik würde aus meiner Sicht im Praxisfeld erhebliche Irritationen auslösen, da es keine fachlichen Begründungen dafür gibt und dies im Widerspruch zur angekündigten Kontinuität der Familienpolitik stünde. Meines Erachtens kann man ein Rahmenkonzept entwickeln, in dem diese unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkte integriert werden.

Frau Diller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Die Fragen stellte DJI Online Redakteurin Susanne John.)



Kontakt:
Angelika Diller, DJI



Links:
DJI Projekt: Eltern-Kind-Zentren
Eltern-Kind-Zentren: Die neue Generation kinder- und familienfördernder Institutionen Grundlagenbericht Eltern-Kind-Zentren


DJI Online / Stand: 15. März 2006