Gespräch mit Kirsten Bruhns (DJI)

Zum ersten Mal hat das DJI verstreut vorliegende Daten zur Bildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zusammengestellt und ausgewertet. Der Gesamtreport steht im Internet als PDF-Version zur Verfügung. Das aktuelle DJI Impulse Heft präsentiert eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse. DJI Online hat mit Kirsten Bruhns über Kriterien, Einflussfaktoren und die mögliche Gefahr einer Kulturalisierung gesprochen.

Frau Bruhns, in Deutschland gibt es bislang kein Bildungsmonitoring, das sich speziell auf die Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund bezieht. Kann der Jugendmigrationsreport, den das DJI nun erstmalig erstellt hat, diese Lücke schließen?

Der Jugend-Migrationsreport stellt verstreut vorliegende Daten zur Bildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Schule, Ausbildung, Studium und Jugendarbeit zusammen. Er kann also nur das wiedergeben, was in Statistiken und empirischen Studien bereits vorhanden ist. Dabei zeigt sich, dass Informationen nicht ausreichend differenziert und dass die Datenqualität sehr unterschiedlich ist. Letztlich gleicht unser Wissen über die Bildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund einem Puzzle, in dem nicht alle Teile zusammenpassen und manche Lücken bleiben.

Dieses nicht ganz vollständige Puzzle speist sich also aus verschiedenen Datenquellen. Wie steht es da mit der Vergleichbarkeit des empirischen Materials? Ist die Variable Migrationshintergrund eine gesicherte Größe?

Das ist leider nicht der Fall. Die Schulstatistik unterscheidet beispielsweise Schülerinnen und Schüler anhand ihrer Staatsbürgerschaft. Im Mikrozensus wird der Migrationshintergrund über die Tatsache der Zuwanderung der Jugendlichen und ihrer Eltern bzw. Großeltern bestimmt. In anderen Definitionen wird noch zusätzlich die zu Hause hauptsächlich gesprochene oder die in der Kindheit erlernte Sprache berücksichtigt. Um die Bildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund vergleichend beschreiben zu können, müssten sich statistische und  repräsentative Erhebungen auf eine übereinstimmende Definition von Migrationshintergrund einigen. Anstrengungen hierzu gibt es bereits.

Aber ist das wirklich die Lösung? Würde man eine klare und einheitliche Definition des Migrationshintergrunds für alle statistischen Erhebungen zu Grunde legen, gehörten zu dieser Gruppe gleichermaßen die Kinder spanischer oder französischer oder indischer Akademikerfamilien wie die von benachteiligten Haushalten anderer Kulturen oder Nationalitäten.

Das ist ein generelles Problem: Wenn wir Oberbegriffe verwenden, gehen Unterschiede verloren. Problematisieren wir, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund unzureichende Bildungschancen haben, so bleibt unberücksichtigt, dass dies z.B. für junge Menschen vietnamesischer Herkunft nicht gilt. Wenn wir nach Herkunftsländern differenzieren, dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass sich damit die Gefahr der Kulturalisierung erhöht.

Was heißt das?

Das heißt, dass z.B. mangelnde oder hohe Bildungserfolge auf kulturelle Unterschiede zurückgeführt werden. Nicht aber darauf, dass die Jugendlichen möglicherweise aus Elternhäusern kommen, die über unterschiedliche Möglichkeiten verfügen, um die Bildung ihrer Kinder zu unterstützen. Schlimmstenfalls begründen oder stärken Kulturalisierungen Vorurteile und Stigmatisierungen. Deswegen ist es notwendig, weitere Faktoren in ihrem Einfluss auf Bildungsverläufe und -erfolge zu analysieren. Jugendliche mit Migrationshintergrund unterscheiden sich nicht nur nach Herkunftsland, sondern auch danach, welches Geschlecht sie haben, in welcher Region sie wohnen, ob sie oder ihre Eltern in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und wie das Bildungsniveau oder der sozioökonomische Status in ihrer Familie ist.

Welche Einflussfaktoren halten Sie für aussagekräftiger?

Ich stütze mich da auf vorliegende wissenschaftliche Analysen: Sie zeigen, dass der sozioökonomische und der Bildungsstatus der Familie eine wichtige Rolle für die Bildungslaufbahnen von Jugendlichen spielen. Das heißt, dass familiale soziale, kulturelle und ökonomische Ressourcen die Bildungs- und Ausbildungschancen wesentlich beeinflussen. Und das gilt für Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund. Doch auch wenn die Erklärungskraft dieser Einflüsse relativ hoch bewertet werden muss, bleiben teilweise noch Restunterschiede, die auf den Migrationshintergrund zurückzuführen sind, z.B. bei den geringeren Einmündungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in eine Berufsausbildung. Inwiefern dies, wie öfter vermutet, auf deren Diskriminierung auf dem Ausbildungsmarkt zurückzuführen ist, verlangt weitere Aufklärung.

Die Ergebnisse des Reports sind in der Zusammenschau ziemlich verheerend. Sie warnen jedoch davor, die Jugendlichen mit Migrationshintergrund teilweise dramatisierend als „Problemgruppe“ des deutschen Bildungs- und Ausbildungssystems zu etikettieren. Würde ein spezielles Monitoring, das sich der Gruppe dieser Jugendlichen widmet, dieser Stigmatisierung nicht Vorschub leisten?

Wenn wir Jugendliche mit Migrationshintergrund als Problemgruppe beschreiben, dann scheren wir nicht nur alle über einen Kamm, sondern unterschlagen auch ihre Erfolge und Potenziale. So hat sich beispielsweise das Niveau der Schulabschlüsse in den letzten zehn Jahren erhöht; vor allem die jungen Frauen haben in der Schule und im Studium aufgeholt. Auch dass Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund trotz ungünstiger Ausgangsbedingungen äußerst zielstrebig sind, wenn sie akademische und berufliche Ausbildungsziele verfolgen, stellt abwertende Urteile infrage. Und schließlich deutet sich eine Verringerung von Bildungsdifferenzen im Generationenverlauf an. Bildungsbiografien von Jugendlichen, deren Großeltern nach Deutschland eingewandert sind, ähneln denen der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.

Sind dann gezielte Fördermaßnahmen überhaupt notwendig? Werden sich die Schwierigkeiten bei der Bildungsintegration nicht einfach über die Generationen hinweg verlieren?

Die Hoffnung darauf, dass sich die Probleme „auswachsen“, wird dadurch gemindert, dass wir durchaus immer noch Zuwanderung haben und zwar nicht nur im Rahmen des Familiennachzugs. Politische und wirtschaftliche Krisen lösen Migration aus und erhöhen auch bei uns die Zuwanderung. Deswegen wird weiterhin die Unterstützung junger Menschen mit Migrationshintergrund notwendig sein.

Außerdem möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass nicht der Migrationshintergrund allein dafür verantwortlich ist, dass Jugendliche in Bildung und Ausbildung benachteiligt sind. Ebenso wie für Jugendliche ohne Migrationshintergrund aus Familien mit geringem Bildungsniveau und geringen sozialen und ökonomischen Ressourcen sind Fördermaßnahmen notwendig, die dann natürlich nicht den Migrationshintergrund, sondern die Lebenslagen und -bedingungen dieser Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen müssen.

Frau Bruhns, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

(Interview: DJI Online Redakteurin Susanne John)

Links
Schulische und außerschulische Bildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Jugend-Migrationsreport. Ein Daten- und Forschungsüberblick

Kontakt
Kirsten Bruhns (DJI)

DJI Online / Stand: 1. Juli 2012