Gespräch mit Lutz Stroppe, Leiter der Abteilung 5 „Kinder und Jugend“ im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)

 

Herr Stroppe, vor dem Hintergrund der besonderen Herausforderungen junger Menschen muss Jugendpolitik alles dafür tun, dass für junge Menschen bestmögliche und passgenaue Bedingungen in der vielfältigen Jugendphase geboten werden. Was versteht das BMFSFJ unter „eigenständiger“ Jugendpolitik?

Mit der Eigenständigen Jugendpolitik wollen wir das Jugendalter insgesamt neu in den Blick nehmen. Nachdem zuletzt die ersten Lebensjahre von Kindern besondere Beachtung gefunden haben, wollen wir nunmehr unsere Aufmerksamkeit stärker auf Jugendliche und Heranwachsende richten.

In den Medien erscheinen Jugendliche viel zu oft als Problemverursacher oder Problemträger. Schlagzeilen machen Gewaltausbrüche oder das sogenannte „Komasaufen“, nicht aber die Aktivitäten und das Engagement vieler Jugendlicher in der und für die Gesellschaft. Das Engagement Jugendlicher für Zukunftsthemen ist erstaunlich. Eigenständige Jugendpolitik hat alle Jugendlichen im Blick!

Sie will die Interessen der Jugendlichen aufgreifen und wahrnehmen. Im Zentrum stehen dabei die vielfältigen Lebens- und Problemlagen Jugendlicher und ihre Anliegen, ihr Bedarf an Förderung, Teilhabe und Anerkennung, sowie an Zeit und Räumen.

Unser Ziel ist: Anerkennung und Respekt für Jugendliche in der Gesellschaft. Das sind wir nicht nur den jungen Menschen schuldig, es ist auch ein wichtiger Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft.

Jugendpolitik wird sich ihren Platz im Zusammenspiel mit den anderen Politikfeldern erst erarbeiten müssen. Deshalb legen wir die Entwicklung der eigenständigen Jugendpolitik auf einen längeren, über die aktuelle Legislaturperiode hinausgehenden Zeitraum an.

Welche Vision von einer guten, erfüllten Zeit der Jugend legen Sie in ihrer Strategie zu Grunde – vor dem Hintergrund, dass die nachwachsende Generation angesichts des demographischen Wandels häufig nur im Arbeitsmarkt-Verwertungs-Zusammenhang als verknappter „Rohstoff“ ins Visier politischer Betrachtung gerät?

Die Jugendphase in Deutschland zeichnet sich durch eine starke und zunehmende Heterogenität und Individualisierung aus. Nicht alle Jugendlichen absolvieren zur gleichen Zeit die gleichen Entwicklungsschritte. Aber sie stehen alle vor einer ganzen Reihe von vergleichbaren Entwicklungsaufgaben, die sie im Laufe der Zeit erfüllen müssen. Dazu gehört die Ausbildung einer eigenen stabilen persönlichen Identität genauso wie die Entfaltung eines Bewusstseins als verantwortliche Staatsbürger als auch der notwendige Kompetenzerwerb, um eine wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erzielen. Wir wissen, dass diese Herausforderungen heute ganz unterschiedlich gemeistert werden.

Die Schule und die Angebote der nicht-formalen Bildung sowie Angebote zum Engagement beispielsweise in der Jugendverbandsarbeit sind Bereiche, die außerfamiliäre Entwicklungsschritte ermöglichen. Jugendliche lernen gerade in ihrem Engagement Fähigkeiten, die für ihr weiteres Leben wichtig sind. Genauso bedeutend sind Freiräume, in denen Jugendliche Zeit für sich und ihre Freunde haben. Auch hier werden Rollen ausprobiert und wichtige Bausteine zur eigenen Identität zusammengefügt. Die Shell-Studie spricht von „akzeptierten Auszeiten“.

Unsere Vision baut auf Chancen für die Jugend auf. Wir wollen den Jugendlichen die Zeit geben, die sie benötigen, um als gefestigte Persönlichkeiten unsere Gesellschaft mittragen und selbst die weitere Gestaltung beeinflussen zu können.

Wie können Sie sicher stellen, dass Sie mit dieser Vision die Vorstellung treffen, die die Jugendlichen selbst von einem guten Leben und ihrer Zukunft haben?  

Jugendliche sollen selber mitentscheiden, was die richtigen und wichtigen Themen und Schritte auf dem Weg zu einer Eigenständigen Jugendpolitik sind. Wir arbeiten aber auch eng mit dem DJI zusammen und sind froh, dass wir hier etwa mit dem AID:A-Projekt auf einen bereits großen Fundus an Daten zurückgreifen können. Daneben sind die Kinder- und Jugendberichte der letzten Jahre eine gute Basis. Das Thema ist ja nicht „vom Himmel“ gefallen, es wird seit Jahren diskutiert. Wir wollen jetzt damit ernst machen.

Jugendpolitik ist sehr häufig ein Thema der Erwachsenen. Welche konkreten Gremien planen Sie strukturell zu verankern, um zukünftig auch Vertreter der jungen Menschen mit in die Planungen einzubeziehen?

Es muss eine Jugendbeteiligung geben. Dabei möchte ich mich noch nicht festlegen, wie diese genau aussehen wird. Wir werden natürlich weiterhin unsere erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Trägern der Jugendarbeit fortsetzen.

Wird es z.B. analog zum „Bürgerforum“ des Bundespräsidenten ein „Jugendforum“ geben?

Richtig, wir wollen auch neue Wege gehen. Daher werden wir erproben, wie das Internet als Beteiligungsraum für Jugendliche eingesetzt werden kann. Wir wollen mit Jugendlichen gemeinsame Initiativen zur Beteiligung im Internet entwickeln.

Häufig sitzen in vergleichbaren Gremien Schulsprecher und Einser-Gymnasiasten oder ehrenamtlich engagierte Vorzeige-Jugendliche. Wie können Sie sicher stellen, dass die Repräsentanten der Jugendlichen in den Arbeitsgruppen wirklich repräsentativ sind?

Ich teile Ihre Ansicht hier nicht ganz. Auch die in Verbänden organisierten Jugendlichen sind keine homogene „Gymnasiasten-Gruppe“. Das ist ein Vorurteil, das bei der Vielfalt der Jugendverbände mit ihren speziellen Zielgruppen nicht zutrifft. Die Jugendlichen aus den Jugendverbänden sind uns als Multiplikatoren – auch in ihre Peer-Gruppe außerhalb des Verbandes hinaus – sehr wichtig.

Sie haben aber damit Recht, dass wir Jugendliche aus den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen erreichen müssen. Dies ist in der Tat immer wieder eine besondere Herausforderung. Hier werden wir sowohl vor Ort arbeiten müssen – und dafür benötigen wir die Unterstützung in den Kommunen – als auch neue Wege beschreiten. Einer dieser Wege führt uns – wie schon gesagt – ins Internet. Dabei knüpfen wir an dem Projekt Dialog Internet an und werden uns die Chancen ansehen, die das Internet für mehr und bessere Beteiligung der Jugendlichen bietet.

Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass sich alle Akteure aus Bildungseinrichtungen, aus der Jugendarbeit, aus der Politik über kommunale, Länder- und Bundesebenen hinweg – unter Einbeziehung der europäischen Vorgaben – in absehbarer Zeit auf drei möglichst konkrete Ziele einigen werden?

Wir haben im Rahmen der Europäischen Jugendstrategie gute Erfahrungen mit der Erarbeitung konkreter Zielvorgaben im Konsens gemacht. Das stimmt mich hoffnungsvoll auch für die Eigenständige Jugendpolitik. Natürlich ist die Themenbandbreite sehr groß – denn alle Entscheidungen, die einen direkten Einfluss auf Jugendliche ausüben, können grundsätzlich Inhalte und Ziele der Eigenständigen Jugendpolitik bestimmen. Diese Offenheit wollen wir uns auch im Prozess bewahren.

Es gibt aber eine Reihe von Forderungen die besonders drängend sind. Hier sind sich auch alle Akteure einschließlich der Jugendlichen einig.

Welche Themen wären das im Einzelnen?

Eines unser zentralen Ziele wird aus dem Bereich des Mega-Themas Bildung formuliert werden. Ein weiteres Thema werden Zeiten und Räume im Alltag der Jugendlichen sein. Und auch die Themen Übergange von der Schule in Ausbildung und Beruf sowie der Ausgleich von Bildungsbenachteiligung sind Top-Themen, genauso wie die Fragen um die Partizipation der jungen Generation.

Welche Rolle kann dabei Ihre Abteilung spielen, wenn der Einfluss des Bundes schon durch das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in Bildungs- und Kulturfragen stark eingeschränkt ist?

Sicherlich können wir nicht alleine bestimmen, wo die Reise hingehen soll – und das wollen wir auch gar nicht. Es ist ja nicht nur hinderlich, sondern auch förderlich, dass sich viele Institutionen und Ebenen um Jugendliche kümmern. Wir benötigen eine horizontale und vertikale Zusammenarbeit aller Ebenen.Und dabei sehe ich unsere Aufgabe darin, die entscheidenden Anstöße zu geben und den Prozess in Gang in Gang zu bringen.

Es ist unser Ziel, die Jugend besser zu unterstützen. Das Bundesjugendministerium sollte auf lange Sicht die Rolle eines Interessensvertreters – etwa die Rolle eines Anwalts – für die Jugend bzw. die Jugendpolitik einnehmen und sich überall dort für Jugendliche stark machen, wo diese ihre Anliegen nicht direkt selber schlagkräftig einbringen können. Dies wird aber nur gelingen, wenn wir auf einen breiten Konsens über alle Ebenen hinweg aufbauen können.

Sehen Sie angesichts der Einspannung in diesen großen Bezugsrahmen eine Gefahr für Ihre Arbeit – ähnlich wie beim Nationalen Aktionsplan für ein kindergerechtes Deutschland (NAP)?

Ich sehe darin einerseits eine große Herausforderung aber auch eine besondere Chance. Es ist in der Tat eine Querschnittsaufgabe, in die viele Ressorts, Ebenen und Akteure einzubinden sind. Daher ist die Entwicklung einer Eigenständigen Jugendpolitik auch nichts, was von heute auf morgen umgesetzt werden kann, sondern einen nachhaltigen Dialogprozess voraussetzt.

Die Vielfalt der Akteure bedeutet aber zugleich, dass sobald der Konsens erzielt ist, die Jugendpolitik auf einer breiten Basis steht. Davon verspreche ich mir für die Jugendlichen sehr viel. Und deswegen haben wir uns auch für diesen langen Weg entschieden.

Lucie Wüster, die als Jugendabgeordnete an dem bis 2010 laufenden NAP-Projekt mitgearbeitet hat, lobte gegenüber DJI Online, dass sie in der Gremienarbeit ernst genommen wurde, beklagte rückblickend aber, dass nach fünf Jahren basisdemokratischer Arbeit zu wenig konkrete Maßnahmen verabschiedet wurden.

Wir werden die Ergebnisse des NAP-Prozesses bewusst in die Eigenständige Jugendpolitik einbauen – wir wollen eine Brücke zum NAP bauen – das habe ich beim Abschlusskongress zugesagt und dazu stehe ich. Denn hier sind wichtige Ergebnisse erzielt worden, die gerade auch für Jugendliche von großer Bedeutung sind.

Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht, bei diesem schwierigen Prozess erfolgreich sein zu können?

Wir haben als Ministerium und Abteilung Erfahrung in der Gestaltung und Steuerung solcher Aufgaben. Nehmen Sie das Thema Frühe Hilfen. Mit dem Nationalen Zentrum Frühe Hilfen ist es gelungen, alle wichtigen Akteure aus den unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitssystems sowie der Jugendhilfe, Länder, Kommunen, Wirtschaft und Verbänden an einen Tisch zu bringen. Das gibt mir Mut.

Einer der mächtigsten Hebel, um eine gute Sache voran zu bringen, ist die Finanzierung. Wären auch Investitionsanreize denkbar, um mehr freien und eigenen Raum für ältere Jugendliche zu schaffen und damit dem Internet als letztem großen unkontrollierten Erfahrungs- und Erlebnisraum eine Alternative entgegen zu setzen?

Zunächst möchte ich betonen, dass sich das Internet zu einem wesentlichen Moment im Aufwachsen von Jugendlichen entwickelt. Für viele Jugendliche ist das Internet Lebensraum und nicht Benutzer- oder Informationsraum. Für mich stehen daher die Chancen für junge Menschen im Vordergrund. Räume im Internet ersetzen aber keine realen Räume, genauso wenig, wie die Facebook-Freunde, die man nicht auch offline trifft, richtige Freunde ersetzen können.

Die Räume vor Ort, die Jugendliche benötigen, sollten möglichst nahe bei den Jugendlichen angesiedelt sein. Hier gibt es verschiedene Überlegungen, wie man für mehr Räume sorgen kann. So kann man den Ausbau von Schulen zu wirklichen Lebensräumen von Jugendlichen voranbringen, die den Jugendlichen auch abends und am Wochenende zur Verfügung stehen.

Hier möchten wir mit Kommunen und Trägern zuerst herausfinden, welche Räume von den Jugendlichen gebraucht und gewollt werden, wie und wo diese hergestellt werden können und welche Unterstützung dabei benötigt wird. Diese Fragen müssen zu Beginn stehen und nicht die Frage der Finanzierung.

Herr Stroppe, ein Sprichwort sagt: Denke groß – beginne klein – handle jetzt. Welches „kleine“ Projekt werden Sie als erstes angehen?

Es geht nicht um kleine oder große Projekte, die nach einigen Jahren nicht weitergeführt werden. Die Entwicklung einer Eigenständigen Jugendpolitik wird ein nachhaltiger Dialogprozess sein.

Zunächst setzten wir uns dafür ein, den Entwicklungsprozess so zu planen, dass er gute Ergebnisse bringen kann. Besonders wichtig ist mir hier die Planung einer guten Jugendbeteiligung.

Auf dem Weg des Dialogprozesses stehen wir bereits unmittelbar vor dem nächsten Meilenstein: das Fachforum auf dem 14. Kinder- und Jugendhilfetag in Stuttgart. Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse des Forums und die dort zu vereinbarenden nächsten Schritte.

Herr Stroppe, vielen Dank für dieses Gespräch.

(Die Fragen stellte DJI Online Redakteurin Susanne John.)


Kontakt
Lutz Stroppe
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Abteilungsleiter Kinder und Jugend
E-Mail: lutz.stroppe@bmfsfj.bund.de

Links
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Abteilung Kinder und Jugend



DJI Online / Stand: 1. Juni 2011

Diese Seite verwendet Cookies um die Funktionalität sicherzustellen, Zugriffe zu analysieren und die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern.
Durch die weitere Verwendung stimmen Sie der Verarbeitung von Cookies zu. Weitere Informationen und Hinweise zum Widerspruch finden Sie in der Datenschutzerklärung.