Gespräch mit Donata Elschenbroich, DJI

Frau Dr. Elschenbroich, Sie sind nicht nur eine erfolgreiche und bekannte Autorin, sondern drehen gemeinsam mit Otto Schweitzer seit zwanzig Jahren Filme, die für die Aus- und Fortbildung von ErzieherInnen gedacht/geeignet sind. Warum das Medium Film?

Erzieher und Eltern sind gute Beobachter. In dieser Eigenschaft üben sie sich täglich. Und sie sind selbstbewusste Beobachter. Die Lektüre von Fachliteratur liegt ihnen ferner und es gibt in ihrem Alltag selten genug Zeit dafür. Bilder gehen tiefer als Worte. In unseren Filmen greifen wir Themen auf, die in der Frühpädagogik gerade in der Luft liegen. Wir schauen uns um nach eindrucksvollen Beispielen in der Praxis, immer möglichst auch in anderen modernen Gesellschaften. Und wir holen Statements ein von Experten „aller Art“ – das sind wissenschaftlich oder praktisch ideenreichen Fachleute –, um Erzieher und Eltern auf diesem Weg an neue Diskurse anzuschließen. Weil Bilder vieldeutiger sind als Wörter, regen sie die Zuschauer an, sich eigene Gedanken zu machen. Deshalb halten wir uns im Autorenkommentar zurück. Unsere Filme sind keine bebilderten Referate. 

Der jüngste Film beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Kindern und alten Menschen in Japan. Japan hat eine lange Tradition der Selbstkultivierung bis ins hohe Alter. Können wir in Deutschland davon lernen? Oder ist uns die japanische Kultur/Religion so fremd, dass es keine Berührungspunkte gibt?

Japan und Deutschland werden bald die Gesellschaften mit dem weltweit höchsten Anteil alter Menschen sein. In Japan begegnet man dem Altern weniger abwehrend, in den wohlhabenden Schichten ebenso wie in den ärmeren. Schon früh beginnt etwas wie eine Vorbereitung für ein „gutes Alter“, d.h. ein körperlich und geistig bewegliches Alter.

Japan hat weltweit die höchsten Raten von Erwachsenenbildung. Aber seit neuestem sucht man auch dort, nicht anders als in Deutschland, nach mehr Begegnung zwischen den Generationen. Da sich das in den ökonomisch produktiven Zentren der Städte nicht so leicht herstellen lässt, haben wir uns vor allem in Vorstädten und Dörfern umgeschaut.

Sie haben für die Dreharbeiten einige Pflegeheime und Demenzzentren aufgesucht – und dort nicht nur alte Menschen getroffen, sondern auch viele Kinder. Dahinter steckt ein neuer Ansatz. Können Sie uns den erläutern?

Den Planern der neuen Community-Zentren in Japan sind die demografischen Daten bewusst. Sie versammeln möglichst die Tagesheime und Pflegezentren für ältere Menschen unter einem Dach mit den Krippen und Kindergärten. Ähnlich baut man heute ja auch in Deutschland. Dann aber  müssen die Begegnungen zwischen Jung und Alt inszeniert werden. In manchen japanischen Zentren sind sie inzwischen schon selbstverständlich und spontaner geworden.

Das eindrucksvollste Beispiel war für uns das Pflegezentrum Showa am Stadtrand von Tokio. Dort werden 250 alte Menschen tagsüber betreut, nur wenige bleiben stationär für einige Wochen im Haus. In den groß dimensionierten Gemeinschaftsräumen begegnen die alten Menschen, auch Hochbetagte und körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen, täglich hundert Kindern vom Krippenalter bis ins Grundschulalter. Es sind die Kinder der dreihundert Betreuern und Betreuerinnen. Warum, dachte der Gründer, Dr. Ryuji Sato, sollen die Kinder woanders spielen und lernen als am Arbeitsort ihrer Eltern? Es wurden Erzieher eingestellt, die nur für sie zuständig sind. Aber diese arbeiten Hand in Hand mit den AltenpflegerInnen, TherapeutInnen und den Honorarkräften für Kultur. Dort haben wir viele eindrucksvolle Interaktionen zwischen sehr alten Menschen und sehr jungen Kindern beobachtet. Die Einrichtung hat dafür einen Namen gefunden: „child assisted therapy“.

Das Konzept wirkt sehr personalintensiv. Im Film sieht man in den Pflegezentren jedenfalls eine – im Unterschied zu Deutschland – sehr große Zahl von freundlichen, geduldigen Pflegekräften, die viel Zeit für die einzelnen Patienten und Kinder haben. Wissen Sie etwas über den Betreuungsschlüssel?

Die Pflegeangebote, die Kulturangebote und der Betreuungsschlüssel in Showa sind auf hohem Niveau, aber sie sind nicht utopisch und die Besucher müssen nicht wohlhabend sein. Auch die Kinder übernehmen kleine Dienste in der Pflege. Aber das wichtigste ist ihre Präsenz, ihre Vitalität.

Das Kameraauge beobachtet das Mit- und Nebeneinander von Älteren und Kindern sehr genau, Details werden geduldig und aufmerksam verfolgt – die begleitenden Kommentare enthalten sich einer Wertung. Der DVD liegt jedoch ein „Beipackzettel“ bei, in dem Sie ein Feedback der ZuseherInnen abfragen. Wie stehen die ErzieherInnen dem Ansatz gegenüber, kleine Kinder und ältere Menschen gezielt – und zum Teil forciert – zusammen zu bringen?

Der Film berührt die ZuschauerInnen immer sehr persönlich, in der eigenen Einstellung zum Altern oder im Verhältnis zu eigenen Familienangehörigen. Und er löst positives Interesse am Thema „Altern“ aus. Auch Kommentare zum eigenen Berufsverständnis: viele ErzieherInnen könnten sich diese Erweiterung im Lebensbezug ihres Berufs durchaus vorstellen.  

Und Sie persönlich?

Ich wünsche mir, dass diese Bilder in Deutschland ähnliche Projekte in Gang setzen. Freilich, die Generationen wollen auch unter sich sein. Die alten Menschen müssen erst aus ihrem verständlichen Rückzugsbedürfnis geholt werden; und auf Kinder kann das hohe Alter fremd wirken, gelegentlich auch erschreckend.

Aber dann zu sehen, wie alte Menschen sich aufrichten, wenn sie aus ihrer Isolation geholt werden, wenn sie in Berührung mit der Energie der Kinder kommen! Und die Kinder erfahren, dass sie anderen Menschen gut tun, allein durch ihr Dasein, nicht durch besondere Leistungen. Bei den gemeinsamen Konzentrationsspielen sind die Alten und die sehr Jungen ebenbürtig. Das kann für Kinder auch entlastend sein, heutzutage in ihren „bildungsoptimierten“ Kindheiten. Sie brauchen die Anschauung, dass das Alter ein Teil des Lebens ist, und dass Lebenserwartung ein Leben voller Erwartungen ist. Showa mag heute noch utopisch wirken – auch in Japan übrigens. Aber erinnern wir uns, wie hierzulande noch vor 30 Jahren die Krippen aussahen! Oder die Entbindungsstationen! 

Womit wird sich Ihr nächster Film beschäftigen?

„Elternhäuser“! Die deutschen Kindergärten sind in den vergangenen zehn Jahren anregender geworden, auch anspruchsvoller. Aber viele tausend Stunden der Kindheiten werden in der Familie verbracht. Den meisten Eltern, auch in den so genannten bildungsfernen Familien, ist bewusst, wie wichtig die frühen Erfahrungen für die Zukunft ihrer Kinder sind, und sie möchten sie selbst unterstützen auf ihren Lernwegen. Wir geben kleine Anregungen, wie das gegenständlich werden kann, ganz buchstäblich: wie Alltagsgegenstände in der Familie bespielt und untersucht werden können. Da sehen wir oft viel temperamentvolle Freude am Fragen und Entdecken und Kommunizieren. Wir beobachten solche Situationen des informellen Lernens, und werden sie in kurzen Filmspots zur Anregung zurückspielen in andere Familien.

   

Frau Dr. Elschenbroich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Links

DJI Projekt: Filme als Curriculum-Bausteine für die Erzieherinnenausbildung

DJI Online Gespräch Juni 2005 mit Dr. Donata Elschenbroich (DJI): Kinder als Naturforscher

Kontakt

Dr. Donata Elschenbroich (DJI)

DJI Online / Stand: 1. Juni 2009

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