Gespräch mit Dr. Hans Rudolf Leu, Leiter der Abt. Kinder und Kinderbetreuung (DJI)

Herr Dr. Leu, in der Diskussion um die Frühförderung von Kindern wurde schon vom „Forschergeist in Windeln“ gesprochen. Haben wir die Säuglinge bislang unterschätzt?

Dass Kinder früh schon viel und Wichtiges lernen, ist für Fachleute der Frühpädagogik nicht neu. Der Entwicklungspsychologe Martin Dornes prägte bereits 1993 den Begriff des „kompetenten Säuglings“. In den vergangenen Jahren hat die Säuglings- und Kleinkindforschung aber enorme Fortschritte gemacht und konnte viel detaillierter als bislang aufzeigen, wie intensiv die Kinder an ihren Lern- und Entwicklungsprozessen beteiligt sind und sich bereits Säuglinge aktiv mit ihrer Umwelt auseinandersetzen und sie zu verstehen versuchen. Sie setzen dafür schon sehr früh ein breites Spektrum von Fähigkeiten und Kompetenzen ein. Die Forderung, diese Lernfähigkeit von Kleinkindern auch gezielt zu nutzen und die Vermittlung wichtiger Fähigkeiten und Kompetenzen zeitlich nach vorn zu verlegen, liegt auf der Hand. Insbesondere sind es einige Eltern, die alle denkbaren Möglichkeiten nutzen möchten, um die künftigen Lern- und Lebenschancen ihrer Kinder zu verbessern.

Ist die Vorverlegung der Schule in die Kinderzimmer oder
-krippen dafür der richtige Weg?

Eben nicht. Hier ist Übereifer sogar kontraproduktiv. Eine einseitig an den Zielvorstellungen der Erwachsenen, womöglich noch der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes orientierte „Durchrationalisierung“ der Pädagogik mit dem Ziel „früher, schneller, besser“ zeitigt sicher nicht die erwünschten Erfolge. Das zeigen auch Befunde zu Auswirkungen unterschiedlicher Formen vorschulischer Lernangebote. Kleinkinder brauchen ganz besondere, ihrem Alter angepasste Rahmenbedingungen für nachhaltiges, „intelligentes“ Lernen.

Wie sieht die ideale Lernumgebung demzufolge aus?

Eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltiges frühkindliches Lernen ist die Qualität des sozialen Umfeldes sowie der Interaktionserfahrungen. Emotionale Zuwendung, verlässliche Beziehungen und das berechenbare Verhalten der InteraktionspartnerInnen, die ein Gefühl von Sicherheit und Ordnung gewährleisten, zählen ebenso dazu wie die Feinfühligkeit dieser LernpartnerInnen, sprich: die Fähigkeit, anhand der Mimik, der Körpersprache und Lautäußerungen eines Kleinkindes zu erkennen, in welchem Gefühlszustand es sich befindet und welche Bedürfnisse und auch Interessen es äußert. Ein solches intimes und sensibles Verständnis- und Verständigungssystem ist die Basis für ausgreifendes Explorationsverhalten und erste Selbstwirksamkeitserfahrungen von Kindern. Das heißt: Der Erwerb von jeglichem Wissen ist von vornherein in soziale Zusammenhänge eingebettet.

Ist dies nur innerhalb des familiären Rahmens möglich oder auch in Kindertagesstätten?

Es geht darum, dass Kinder Lernangebote als Teile eines für sie bedeutsamen Geflechtes von Beziehungen zu Menschen, Orten und Dingen erfahren. Das kann sowohl in der Familie als auch in anderen Kontexten geschehen – wenn die genannten Voraussetzungen erfüllt sind.

Zudem ist der Austausch der Kinder untereinander nicht minder wichtig als die Interaktion mit Erwachsenen. Besonders im Bereich des sozialen Lernens gibt es Erfahrungen, die nur mit Gleichaltrigen gemacht werden können: Wie gewinne ich Partner für meine Spielideen? Wie kann ich begeistern? Wie mit Konflikten konstruktiv umgehen, Argumente austauschen und Kompromisse aushandeln? Besonders für Einzelkinder bieten Spielgruppen ergänzende Möglichkeiten des Austauschs.

Was halten Sie von Englischkursen für Einjährige oder Spaß-Lern-Angeboten für Überflieger, die sogenannten „Fast Track Kids“?

Hier ist Skepsis geboten. Dies gilt für alle Angebote, mit denen in schulähnlichen Lektionen ein- oder zweimal wöchentlich standardisiert aufbereitete Inhalte vermittelt werden sollen, die unabhängig sowohl von der jeweiligen Einrichtung und ihrem Umfeld als auch von den Kindern mit ihren sehr unterschiedlichen Vorlieben und Kompetenzen entwickelt wurden. Das gilt umso mehr, wenn sie von fremden Personen angeboten werden, die keinen für die Kinder erkennbaren persönlichen Bezug zu den zu vermittelnden Inhalten haben. Gerade kleine Kinder haben einen natürlichen Spaß am Lernen, wenn es darum geht, Dinge besser zu verstehen oder zu beherrschen die für sie selber wichtig sind. Es geht darum, mit Kindern gemeinsam bedeutsame Lerninhalte zu entdecken und ihre individuell unterschiedlichen Lernvoraussetzungen zu beachten. Das ist nicht „von der Stange“ und „auf die Schnelle“ zu haben.

Sind die Bildungsrahmenpläne der Bundesländer für die Kindertageseinrichtungen nicht auch auf einheitliche Zielvorgaben hin ausgerichtet? 

Nein, auf die Vorgabe von verbindlichen und einheitlichen Lernzielen, die an bestimmte Altersstufen gebunden sind, wird in den Rahmenplänen explizit verzichtet. Bei aller Unterschiedlichkeit im Einzelnen gehen sie weitgehend übereinstimmend von einem konstruktivistischen Lernverständnis aus. Das heißt: diese Pädagogik stützt sich nicht auf vorbereitete und von den ErzieherInnen an das Kind gerichtete Instruktionen. Vorschulische Angebote sind am Alltag der Kinder orientiert, gehen auf kindinitiierte Aktivitäten ein und beachten die Bedürfnisse, Interessen und den Entwicklungsstand der Kinder. Die Bedeutung individueller Förderung wird betont. Die in praktisch allen Rahmenplänen zudem geforderte Beobachtung und Dokumentation der Lernprozesse der Kinder ist eine wichtige Voraussetzung, um die Eigenanteile der Kinder an ihrem Lernen und ihren Entwicklungsprozessen wahrzunehmen und zur Geltung zu bringen. Mit den „Bildungs- und Lerngeschichten“ haben wir dafür im DJI auch ein Verfahren entwickelt, das diese individuelle Sichtweise in den Mittelpunkt stellt und in der Praxis großen Anklang findet (DJI-Projekt Bildungs- und Lerngeschichten).

Dafür brauchen die Fachkräfte aber ausreichend Zeit ...

Sicherlich, neben den erforderlichen fachlichen Qualifikationen ist es vor allem die Zeit, die eine wichtige Rolle in der frühkindlichen Förderung spielt. Denn wenn wir den konkreten Kontext und die Eigenaktivität des Kindes als Ausgangspunkt für Lernen Ernst nehmen, brauchen wir viel Zeit. Forderungen nach Beschleunigung und mehr Effizienz beim frühkindlichen Lernen widersprechen zudem der Einsicht, dass jüngere Kinder nur über ein sehr eingeschränktes Potenzial zu intentionalem Lernen verfügen und „Erziehungsarbeit“ vor allem gemeinsam geteilte, soziale Zeit braucht sowie viel Geduld und Aufmerksamkeit für Vorgänge, die sich weder beliebig beschleunigen noch zeitlich aufschieben lassen.

Nach allem, was wir aus der Entwicklungspsychologie, der Psychoanalyse und einer kulturtheoretisch konzipierten Spracherwerbstheorie wissen, folgt das Bemühen, der alltäglichen Welt gemeinsam mit den Kindern Sinn zu verleihen, einer anderen Logik. Als besonders förderlich hat sich nach Ergebnissen einer englischen Studie (Effective Provision of Preschool Education) eine dialogische Interaktion erwiesen. Erfolgreiche Lernprozesse werden insbesondere durch offene, neugierige Fragen der Erwachsenen in Gang gesetzt. Das sind keine Fragen, auf die Erwachsene die „richtige“ Antwort schon kennen, sondern Fragen, mit denen sie herausfinden, wie Kinder Dinge sehen und verstehen. Diese Neugier ist die beste Voraussetzung, um mit Kindern gemeinsam Antworten zu finden, die am Wissenstand der Kinder und ihren Kompetenzen ansetzen und die weitere Entwicklung unterstützen. Die Zeit dafür sollten wir uns nehmen!

Herr Dr. Leu, wir bedanken uns für das Gespräch!

 

Links
DJI Abteilung Kinder und Kinderbetreuung

Kontakt
Dr. Hans Rudolf Leu

DJI Online / Stand: 1. Juni 2008

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