Gespräch mit Barbara Rink, DJI

 Frau Rink, Ihr Thema sind männliche Jugendliche, die in benachteiligten Stadtvierteln groß werden. In Deutschland?

Nicht nur, es handelt sich um eine qualitative deutsch-französische Vergleichsuntersuchung. Qualitative Studien, die sich mit dem Thema grenzüberschreitend und in einem europäischen Kontext auseinandersetzen, sind selten, obwohl das Thema eine hohe gesellschaftspolitische Relevanz in zahlreichen europäischen Ländern aufweist.

Worauf richtet sich Ihr Forschungsinteresse besonders?

Ich interessiere mich in erster Linie für die Bewältigungsstrategien, die die Jugendlichen im Laufe ihrer Sozialisation entwickelt haben, um mit ihrer spezifischen Lebenslage umzugehen. In diesem Zusammenhang wird der Blick vorwiegend auf die Kompetenzen und Ressourcen der Jugendlichen gerichtet.

Denn obwohl die vielen jungen Menschen, die in „Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf“ und „quartiers en difficulté“ aufwachsen, über vielfältige Kompetenzen verfügen, wird diesen zu wenig Bedeutung beigemessen. Es wird überwiegend auf Probleme und Mängel geschaut. Es gibt zwar bereits Untersuchungen auch vom DJI zu den in benachteiligten Gebieten vorhandenen strukturellen und sozialen Ressourcen, aber die Ressourcen der Jugendlichen selbst wurden bisher nicht thematisiert.

Können Sie ein Beispiel für die besonderen Ressourcen dieser Jugendlichen nennen?

Ein Beispiel ist die Fähigkeit dieser Jugendlichen, sich in unterschiedlichen Milieus zurecht zu finden, anpassen und integrieren zu können. Das bezeichne ich als „Switching-Kompetenz“. Eine These, die ich gerade genauer untersuche.

Gerade in Frankreich hat sich gezeigt, dass die Jugendlichen in dem untersuchten Gebiet in einem Umfeld leben, das durch bestimmte Regeln, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen geprägt ist, die sich von denen der gesellschaftlichen Mehrheit stark unterscheiden. Es gibt Jugendliche, die in ihrem jeweiligen Milieu ihren Platz erworben haben und sozial integriert sind. Zudem sind sie in der Lage, sich in einem anderen Umfeld problemlos konstruktiv anzupassen und zu integrieren. D.h. sie sind in der Lage in unterschiedlichen Milieus ohne Schwierigkeiten zurechtzukommen. Sie sind flexibel und anpassungsfähig.

Meine Annahme ist, dass gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund ein hohes Potenzial für die Entwicklung dieser Kompetenz besitzen, denn sie sind zum Teil früh mit unterschiedlichen Wertvorstellungen, Regeln und Verhaltensmustern konfrontiert und lernen, sofern sie auf die notwendigen Ressourcen zur Unterstützung zurückgreifen können, früh mit diesen Unterschieden zu jonglieren.

Allerdings braucht es eine weitere Voraussetzung zur Entwicklung dieser Kompetenz. Das Umfeld, der Lebensraum, in dem sie leben, muss durchlässig sein. Sie müssen die Gelegenheit haben, frühzeitig in unterschiedlichen Milieus soziale und kulturelle Erfahrungen zu machen und sich unterschiedlichen Herausforderungen zu stellen.

Gerade für Jugendliche, die in stark benachteiligten Stadtteilen aufwachsen, ist das Risiko groß, dass sie durch unsichtbare Grenzen daran gehindert werden. Diese Grenzen kommen vor allem durch strukturelle Benachteiligung im Bildungswesen und auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt zustande.

Diese Kompetenz haben auch andere Wissenschaftler wie z.B. Tarek Badawia (2002), Clemens Dannenbeck (2002) und auch Kerstin Hein (2006) bereits beschrieben. Sie haben in ihren Untersuchungen ähnliche Befunde aufweisen können. Allerdings fanden diese Untersuchungen in anderen Zusammenhängen statt.

Für Ihre Untersuchung werten Sie keine vorliegenden Daten aus, sondern Sie haben selbst recherchiert. In welchen Problemvierteln waren Sie vor Ort?

Ich war vier Monate in einem benachteiligten Stadtteil in Mainz und vier Monate in einem „quartiers sensibles“ in Aubervilliers. Das ist ein Vorort im Norden von Paris, der im 93. Departement liegt. Ich habe vor Ort jeweils als „Praktikantin“ in einem Jugendzentrum gearbeitet und währenddessen meine Untersuchung durchgeführt.

Während ich dort tätig war, habe ich zunächst die Besucher dieser Einrichtung in ihrem Verhalten und ihren Interaktionen untereinander beobachtet. Zudem habe ich vor Ort mit bestimmten Jugendlichen narrative Interviews durchgeführt, d.h. die Jugendlichen haben ihre Lebensgeschichte erzählt und daran anschließend noch spezielle Fragen über das Leben im Stadtteil, Familie, Freunde, Fähigkeiten und den Umgang mit spezifischen Situationen wie Streit, Wettkampf, schwierigen Lebensereignissen etc. beantwortet. Außerdem wurden intensive Recherchen zu dem jeweiligen Gebiet bzw. Quartier und seinem sozialräumlichen Kontext durchgeführt.

Welche und wie viele Jugendliche haben Sie in die Untersuchung einbezogen?

Um der Vielseitigkeit des Gegenstandes möglichst gerecht zu werden, habe ich mich für ein Untersuchungskonzept entschieden, dass mehrere Untersuchungsebenen einschließt, die in einem engen Zusammenhang zueinander stehen: Die erste Ebene stellt der Sozialraum dar, die zweite der Lebensraum und die dritte das Individuum bzw. der einzelne Jugendliche.

Sozialraum bedeutet ...?

Die Jugendlichen wachsen in einem spezifischen Raum auf, der in einen Stadtteil eingebettet ist, der selbst wiederum Teil einer Stadt oder Banlieue ist. Diesen Kontext zu erfassen, ist für die weiteren Analysen von Bedeutung und wird mittels Sekundäranalyse von Sozial-Struktur-Daten umgesetzt. Der Sozialraum bestimmt den Lebensraum der Jugendlichen entscheidend mit. Die Analyse sozialräumlicher Daten gibt Hinweise auf die sozio-strukturellen Lebensbedingungen der Bewohner dieser Gebiete.

Deckt sich der Sozialraum nicht mit dem Lebensraum?

Nein, denn Lebensraum heißt, dass das gemeinsame Zusammenleben an diesem Ort, diesem Sozialraum geprägt ist durch einen spezifischen Umgang untereinander. Dieser Umgang wird durch Regeln bestimmt, denen ein gemeinsam geteiltes (unbewusstes) Wissen zu Grunde liegt. Diesen spezifischen Lebensraum der Jugendlichen zu erfassen, ist eine weitere notwendige Voraussetzung, um individuelle Bewältigungsstrategien kontextualisieren  zu können.

Durch die teilnehmende Beobachtung konnte ich einen Teilaspekt der Lebenswelt der Jugendlichen, insbesondere den Freizeitbereich und die damit verbundenen Verhaltensweisen gut erfassen. Die Orte, an denen die Beobachtung durchgeführt wurde, wurden an manchen Tagen von mehr als 70 Jugendlichen frequentiert, die natürlich nicht alle gleichzeitig beobachtet werden konnten.

Des Weiteren trug die teilnehmende Beobachtung dazu bei, einzelne Jugendliche auswählen zu können, was für die letzte Untersuchungsebene von Bedeutung ist. Die dritte und letzte Dimension stellen die individuellen Bewältigungsstrategien von Jugendlichen dar. Dafür habe ich mit zwölf ausgewählten Jugendlichen narrative Interviews durchgeführt, die durch einen problemzentrierten Nachfrageteil erweitert wurden. Pro Land analysiere ich sechs Fälle.

Und wie haben Sie diese ausgewählt?

Es handelt sich um männliche Jugendliche im Alter zwischen 15 und 19 Jahren.

Keine Mädchen?

Nein, ich habe mich bewusst auf die männliche Zielgruppe beschränkt. Denn den Zugang zur Zielgruppe bekam ich ja über die Jugendzentren. Und sowohl in Frankreich als auch in Deutschland wurden diese nur von wenigen Mädchen frequentiert, die dann mehrheitlich auch noch jünger waren.

Weitere Auswahlkriterien waren, dass die Jungen in dem jeweiligen Quartier aufgewachsen sind und/oder aktuell dort leben und/oder dort einen Großteil ihrer Freizeit verbringen. Sie besuchten oder besuchen noch die Hauptschule bzw. das Collège im Quartier und befinden sich überwiegend im Übergang zwischen Schule und Beruf, müssen also ihre berufliche Integration bewältigen.

In der Mehrzahl sind sie nicht-deutscher bzw. nicht-französischer Herkunft. Sie und ihre Familien haben Problemlagen wie Arbeitslosigkeit oder Arbeitslosengeld II-Abhängigkeit/Sozialhilfe-Abhängigkeit und/oder psychosoziale Problemlagen wie Alkoholabhängigkeit, Verwahrlosung oder Gewalttätigkeit und/oder Trennung/Scheidung zu bewältigen.

Wie lange hat es gedauert, das Material zu sammeln?

In beiden Ländern war ich ca. 4 Monate vor Ort. Ein bis zwei Wochen habe ich davon zunächst benötigt, um mich vor Ort zu „akklimatisieren“ und mich in das Mitarbeiterteam zu integrieren. Nach dieser Einführungsphase war es notwendig, die Jugendlichen über einen längeren Zeitraum zu beobachten, um die Einrichtungen, ihre Besucher und deren spezifische Lebensumstände und Milieus kennen zu lernen.

Hierfür ist es vor allem erforderlich, das Vertrauen der Jugendlichen zu gewinnen. Dies ist auch Voraussetzung für die Bereitschaft der Jugendlichen, an den Interviews teilzunehmen.

Schwierig war für mich, zwei Rollen gleichzeitig einzunehmen, die der Praktikantin und die der Forscherin. Natürlich hatten die Jugendlichen und auch die Mitarbeiter Erwartungen an mich, die ich erfüllen musste und auch gerne erfüllen wollte. Neben der Arbeit in dem jeweiligen Jugendzentrum gehörte es natürlich dazu, mir den jeweiligen Stadtteil zu erschließen. Das heißt u. a. sozialräumliche Erkundungen vorzunehmen, aber auch Kontakte zu anderen Einrichtungen wie Schule etc. aufzunehmen.

Insgesamt betrachtet war es ein sehr kurzer bzw. straff organisierter Zeitraum, in dem ich sowohl aus wissenschaftlicher aber auch aus pädagogischer Sicht viele neue Eindrücke gewonnen habe. Zudem wurde meine Überzeugung, dass in diesen Stadtteilen junge Männer mit vielfältigen Kompetenzen aufwachsen, bestätigt. In jedem Fall bin ich um eine bedeutende Erfahrung in meinem Leben reicher geworden. Und weiß, dass ich mich auch nach meiner Dissertation diesem Themenbereich widmen möchte.

Nachdem Sie vor Ort waren, haben Sie einen Perspektivwechsel in der Fragestellung ihres Projekts vollzogen. Welchen und warum?

Ursprünglich ging es mir darum, den „erfolgreichen“ Jugendlichen in den Mittelpunkt meiner Untersuchung zu stellen. D.h. ich wollte herausfinden, aufgrund welcher Bedingungen bzw. Ressourcen ein Jugendlicher, der unter schwierigen Lebensbedingungen aufwächst, sich so entwickelt, dass er dennoch gänzlich die gesellschaftlichen Erwartungen und somit die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters im Sinne der Gesellschaft erfolgreich erfüllt.

Während meines Aufenthaltes vor Ort wurde mir aber bewusst, dass diese Herangehensweise den Menschen, die ich vor Ort kennen gelernt und beobachtet habe, nicht gerecht wird. Denn auch wenn ein Jugendlicher aus gesellschaftlicher Sicht in bestimmten Bereichen Defizite aufweist oder sich „abweichend“ verhält, kann er in anderen Bereichen sehr kompetent sein.

Die Jugendlichen, die in solchen Gebieten aufwachsen, haben es mit Lebensbedingungen und Schwierigkeiten zu tun, die die meisten Jugendlichen nicht kennen. Diese Tatsache muss man berücksichtigen. Ich wehre mich nun dagegen, „erfolgreiche“ Jugendliche gegen „nicht erfolgreiche“ abzugrenzen.

Reichen denn 12 Jugendliche, um die Vielfalt der Bewältigungsstrategien aufzuzeigen?

Es handelt sich ja nicht um eine quantitative Studie, mit der diese Vielfalt zahlenmäßig belegt werden soll. Es ist eine qualitative Untersuchung, die darauf abzielt, auf der Mikroebene Erkenntnisse zu gewinnen und diese in einen ganzheitlichen Zusammenhang zu stellen.

Welche Auswertungsmethode nutzen Sie dabei?

Ich habe mich für die dokumentarische Methode entschieden. Durch diese Form der intensiven vergleichenden Analyse wird die Heterogenität im jeweiligen Untersuchungsfeld besonders gut erfasst. Denn während zum Beispiel bei der Narrationsstrukturanalyse zunächst die intensive Auswertung eines einzigen Falles im Mittelpunkt steht, und es darum geht, diesen Fall in seiner Komplexität zu erfassen, wird bei der Analyse mit der dokumentarischen Methode direkt zu Beginn vergleichend vorgegangen. D.h. andere Fälle werden hinzugezogen, um in einem Fall den Orientierungsrahmen im Vergleich mit anderen so detailliert wie möglich herauszuarbeiten.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

In dem französischen Stadtteil, in dem ich meine Untersuchungen durchgeführt habe, haben sich die Kinder und Jugendlichen untereinander immer begrüßt, in dem sie sich die Hand gegeben haben. Ist ein Jugendlicher in die Einrichtung gekommen, dann hat er jeden dort Anwesenden so begrüßt. Er hat die Runde gemacht. Auch Mädchen haben sich so verhalten. In einem anderen französischen Milieu ist es beispielsweise üblich, dass die Männer sich die Hand geben und sie die Frauen links und rechts auf die Wange küssen, wenn sie sich untereinander kennen. In wieder anderen Milieus begrüßen sich die Männer mit einem Kuss auf die linke und die rechte Wange.

Die Jugendlichen in diesem französischen Stadtteil, begrüßen sich geschlechtsunabhängig, in dem sie sich die Hand geben. Sie machen dies tagtäglich, ohne darüber nachzudenken. Diese Handlung kann demnach als Dokument für eine soziale Orientierung wie z.B. Respekt und Nähe angesehen werden. Ziel der dokumentarischen Methode ist es nun, den Orientierungsrahmen und das dieser Handlung zu Grunde liegende Wissen zu erfassen.

Letztlich ist bei der Wahl der Methode aber ausschlaggebend, dass sie für die Auswertung des vorhandenen Materials geeignet ist. Ich habe ja narrative Interviews mit einem problemzentrierten Nachfrageteil erhoben. In meinem Untersuchungsfeld ergab es sich, dass die Jungen vor allem in Frankreich große Schwierigkeiten hatten, ihre Lebensgeschichte aus dem Stehgreif heraus zu erzählen. Ich musste immer wieder Hilfestellungen geben und gezielt nachfragen. Außerdem habe ich die Interviews bewusst um einen Nachfrageteil erweitert, der ebenso bedeutend ist wie die Lebensgeschichte. Während es mit der Narrationsstrukturanalyse schwierig wäre, beide Teile auszuwerten, ermöglicht dies die dokumentarische Methode.

Außerdem kann ich mit dieser Methode auch meine Beobachtungsprotokolle auswerten. Da es sich bei meiner Untersuchung um einen Methodenmix bei den Erhebungsverfahren handelt, ist es sehr wichtig, eine kongruente Auswertung vorzunehmen. Durch die Verwendung der dokumentarischen Methode kann ich auf zusätzliche Auswertungsverfahren verzichten. Der Vergleich wird hierdurch zur systematisierenden Vorgehensweise in dieser Untersuchung. Auch im Hinblick auf die Anlage als bi-nationale Vergleichsstudie ist dies förderlich.

Denn obwohl in Frankreich und Deutschland ähnliche Problemlagen vorherrschen, sind sie in unterschiedliche länderabhängige Kontexte eingebettet. Beides, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, müssen aus ihrem Kontext heraus verstanden und erfasst werden. Der deutsch-französische Vergleich ermöglicht, die jeweiligen Verhältnisse kritisch am Beispiel anderer zu überprüfen und eventuell allgemeingültige Aussagen formulieren zu können. Außerdem können so die jeweils als allgemein geltenden nationalen Gegebenheiten in neuem Licht gesehen werden und den Erkenntnishorizont erweitern.

Können Sie ein Beispiel für eine „erfolgreiche“ Bewältigungsstrategie der Jugendlichen im Mainzer Jungendzentrum geben?

Ich möchte zwei Beispiele zum Thema Umgang mit Armut geben. In dem benachteiligten Wohngebiet in Mainz gibt es Jugendliche, die unterschiedlich mit dieser Problematik umgehen. Ein junger Mann, der frühzeitig Fähigkeiten in Freizeitaktivitäten wie Kickern, Billard und Tischtennisspielen gewonnen hat, fordert regelmäßig andere Jugendliche heraus, gegen ihn anzutreten und wird selbst ständig herausgefordert. Es wird um einen Einsatz gespielt, zum Beispiel um Getränke oder Zigaretten. Da der Junge regelmäßig gewinnt, kann er so seine finanzielle Not mindern, allerdings auf Kosten seiner Bekannten.

Welche Fähigkeiten und Kompetenzen liegen diesem Verhalten zu Grunde? Vermutlich verfügt der Junge über die Fähigkeit, mit anderen Jungen verhandeln zu können und dabei seine Interessen durchzusetzen, so dass er sein Ziel erreichen kann. D.h. sich in einem Wettkampf mit den anderen Jungen in seinem Alter zu messen und dabei Geld zu verdienen. Des Weiteren verfügt er über eine schnelle Auffassungsgabe und motorische Fertigkeiten, die Ausdruck in seiner schnellen Reaktionsfähigkeit finden. Mut gehört ebenfalls dazu, wenn es darum geht, gegen Gleichaltrige anzutreten, mit dem Risiko zu verlieren und den Preis dafür zu zahlen.

Ein anderer Junge hat sich zum Beispiel einen Nebenjob gesucht, den er ein bis zweimal in der Woche ausführt, um so an Geld zu kommen. Für ihn stellt dieser Job gleichzeitig eine Möglichkeit des Übergangs von der Schule in die Berufsausbildung dar. Bei diesem Jugendlichen kann eine bestimmte Berufsorientierung vermutet werden.

Während der eine auf spielerische Art und Weise versucht, das Problem der Armut zu lösen, wählt der andere einen an der Arbeitswelt orientierten Weg aus der Armut. Die unterschiedlichen Orientierungsrahmen müssen nun aber analytisch herausgearbeitet werden. Damit bin ich gerade beschäftigt.

Und können Sie an einem konkreten Beispiel beschreiben, wie andere Bewältigungsmuster in Frankreich aussehen?

Nehmen wir das Beispiel schulische Anforderungen. Ein junger Mann, der das allgemeine Gymnasium besucht, kommt zweimal in der Woche mit einigen Freunden zur kostenlosen Nachhilfe ins Jugendzentrum. Dort wird Nachhilfe von jungen Erwachsenen angeboten, die bereits die Schule abgeschlossen haben und entweder einer Arbeit oder einem Studium nachgehen.

Obwohl parallel zur Nachhilfe der offene Bereich allgemein zugänglich ist und Verlockungen wie Tischtennisspielen oder Kickern bestehen und zahlreiche Bekannte diese Angebote nutzen, nimmt der Junge regelmäßig an der Nachhilfe teil. Derselbe Junge hat mit finanziellen Nöten zu kämpfen, da seine Mutter einer prekären Tätigkeit nachgeht und sein Vater frühpensioniert wurde und ebenfalls einer prekären Tätigkeit nachging. Neben ihm haben die Eltern vier weitere Kinder.

Wie geht er mit seiner Situation um? Vor ein paar Jahren hatte er Geld von einer Ferienfreizeit übrig, die die Eltern ihm bezahlt haben. Dieses Restguthaben ist der Grundstock für die Teilnahme an den „Stadtteilgeschäften“. D.h. er kauft zum Beispiel ein Handy und verkauft es zu einem höheren Preis weiter. So verdient er sich sein eigenes Taschengeld. Problematisch ist hierbei natürlich, dass vermutlich ein Teil der Ware von anderen Händlern illegal erworben wurde. Für ihn ist es aber eine der wenigen Möglichkeiten, an Geld zu kommen. Einen Nebenjob zu finden, ist für ihn kaum möglich. Er ist nicht der einzige junge Mann, der sich so verhält.

Sind die Situationen der Jugendlichen in Frankreich und Deutschland vergleichbar?

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Situation der Jugendlichen in „sozialen Brennpunkten“ oder „Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf“ mit der in den „quartiers en difficulté“ vergleichbar ist.

Trotz ähnlicher Lebensbedingungen und Schwierigkeiten, mit denen die Bevölkerung solcher Gebiete zu kämpfen hat, gibt es aber auch Unterschiede. Ein Unterschied liegt im Städtebau. Vergleicht man die Städte Berlin, Köln oder Mainz mit Paris, fällt auf, dass sie sich wesentlich in Anlage und Entwicklung unterscheiden.

Während die deutschen Städte sich vor allem mit der Industrialisierung räumlich ausgedehnt haben und es zur Eingliederung von nah gelegenen Gemeinden kam und die Städte insgesamt gewachsen sind, wurde die Umgebung von Paris, auch als Banlieue bezeichnet, dazu genutzt, um außerhalb der Metropole die Wirtschaft anzusiedeln. So sind mit der Industrialisierung ganze Arbeitervorstädte, vor allem im Norden von Paris entstanden. Parallel dazu, haben sich allerdings auch reiche Vororte vor Paris herausgebildet, d.h. auch die Pariser Banlieue ist sehr heterogen.

Diese verschiedenen „Stadtkonstruktionen“ sind auf die Verwaltungsstruktur beider Länder zurückzuführen. Frankreich ist ein „dezentralisierter Zentralstaat“ und Deutschland weist eine föderale Verwaltungsstruktur auf. Während Deutschland in 16 Bundesländer mit einer Landeshauptstadt, eigenen parlamentarischen Strukturen und einer eigenen Wirtschaft gegliedert ist, konzentriert sich in Frankreich heute immer noch ein Großteil der Wirtschaft auf Paris. Vor allem in bzw. um die Großstädte herum treten die Schwierigkeiten viel massiver auf als in Deutschland.

Neben dem Städtebau ist die Migrationsgeschichte beider Länder sehr unterschiedlich. Frankreich hat eine bedeutende Kolonialgeschichte, die es in Deutschland in dieser Weise nicht gibt. Auch wenn die Mehrzahl der in den „Banlieues“ lebenden jungen Menschen die französische Staatsbürgerschaft haben und somit nach dem Recht „französische Bürger“ (citoyens) sind und das seit Geburt, fühlen sie sich häufig als „Franzosen zweiter Klasse“. Sie fühlen sich diskriminiert und ausgegrenzt. Die Rechte, die ihnen mit der französischen Staatsbürgerschaft versprochen werden, bleiben für sie zum großen Teil unerfüllt. Das erfahren sie vor allem auf dem Ausbildungs- bzw. Arbeits- und Wohnungsmarkt. Vielleicht sind gerade deshalb ihre Reaktionen auf Diskriminierungen so heftig.

In Deutschland hingegen fühlen sich noch viele Migrantenjugendliche als „Ausländer“ bzw. „Fremde“ und fühlen sich nicht als Zugehörige. Deswegen orientieren sich viele in Richtung „ethnischer“ Milieus bzw. Netzwerke. Diese Tendenz wiederum ist auch in Frankreich spürbar. Die erfahrene Diskriminierung zwingt diese jungen Menschen, für sich eine andere Form von Zugehörigkeit zu finden.

Frau Rink, an Ihrem Dissertationsprojekt haben Sie durch ein Stipendium hier am DJI weiter arbeiten können. Wie lange waren Sie hier?

Ich bin seit dem 1. Dezember 2006 hier, also etwas mehr als sechs Monate. Vor kurzem wurde mein Stipendium glücklicherweise um weitere drei Monate verlängert.

Wie und durch wen wurden Sie in Ihrer Arbeit unterstützt? 

Vor allem mein Betreuer Dr. René Bendit hat mich während meines Aufenthaltes hier sehr unterstützt. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich überhaupt hier sein konnte. Er hat mit sehr großem Interesse meine Forschungstätigkeiten verfolgt, immer ein offenes Ohr für Schwierigkeiten gehabt, so dass ich ihn jeder Zeit ansprechen konnte. Darüber hinaus hat er selbst in seiner eigenen Dissertation an einem ähnlichen Thema gearbeitet. Zudem hat er mich an andere Experten weitervermittelt, wenn er dachte, dass sie mir bei speziellen Fragen weiterhelfen können.

Außerdem wurde und werde ich auch von Prof. Dr. Klaus Wahl, dem Abteilungsleiter des WRbV unterstützt. Er hat sich seit Beginn meines Aufenthaltes sehr für meine Arbeit interessiert und stand mir bei konkreten Problemen immer mit einem Rat zu Seite. Er hat, seitdem Herr Bendit im Vorruhestand ist, meine weitere Betreuung übernommen. Insgesamt betrachtet wurde ich in der Abteilung WRbV sehr offen empfangen und hatte häufig die Gelegenheit mich mit „Kollegen“ wie Dr. Jürgen Barthelmes fachlich auszutauschen.

Hilfreich war für mich auch die Teilnahme an der von Dr. Jutta Stich geleiteten „Interpretationsgruppe“ des DJI, an der ich seit Januar teilnehme. Zum einen bekam ich dort eine sehr kompetente Beratung bezüglich methodischer Fragen im Bereich der qualitativen Sozialforschung. Zum anderen wurde und wird ein Teil meines eigenes Materials in dieser Gruppe exemplarisch interpretiert, was unheimlich wichtig für mich ist, da ich zusammen mit erfahrenen exzellenten WissenschaftlerInnen mein Datenmaterial analysieren kann.

Wunderbar an dem Stipendium war, dass ich während des Aufenthaltes im DJI durch die Nutzung der hier vorhandenen Ressourcen (Publikationen, Datenbanken, computergestützte Auswertungsprogramme) sehr intensiv an meinem eigenen Dissertationsvorhaben arbeiten konnte. Vor allem der Austausch mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus verschiedenen Forschungsschwerpunkten hat dazu beigetragen, dass ich mein Forschungsvorhaben entscheidend voranbringen konnte.

Zusätzlich hatte ich die Chance, an diversen Fortbildungen zu quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden teilzunehmen, was für mich eine große Bereicherung war. Schließlich ist es einfach fundamental, einen sehr gut ausgestatteten Arbeitsplatz zu haben und eine finanzielle Unterstützung zu erhalten, die Finanzierungsfragen bei Seite treten lässt, so dass man sich voll auf das Forschungsvorhaben konzentrieren kann. Das Gefühl integriert zu sein und nicht alleine vor sich hin zu strampeln, hat mir unheimlich viel Energie verliehen.

Wie geht es jetzt weiter?

Volle Kraft voraus! Die drei Monate Verlängerung nutzen, um vor allem die intensive Auswertung hier vor Ort weiter durchführen und weit voranbringen zu können. Mein Ziel ist es, Mitte nächsten Jahres mit der Dissertation fertig zu sein. 

Frau Rink, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

 

Barbara Rink (Jg. 1975) ist Diplom-Pädagogin. Sie hat an der Universität Koblenz-Landau und an der Université René Descarte - Paris V Erziehungswissenschaften studiert und an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris ein Aufbaustudium in Soziologie absolviert. Anschließend war sie zwei Jahre in der europäisch-politischen Jugendbildung im Europa-Haus Marienberg tätig und hat im Jahr 2005 mit ihrer Promotion an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz unter Betreuung von Prof. Dr. Franz Hamburger und Prof. Dr. Christian Schrapper (Universität Koblenz-Landau) begonnen. Gleichzeitig war sie freiberuflich an der Jugendakademie Walberberg tätig und hat dort verschiedene Seminare für benachteiligte Jugendliche mit den Schwerpunkten Berufsorientierung und soziales Lernen durchgeführt. Zudem hat sie seit 2003 diverse Lehraufträge an der Universität Koblenz wahrgenommen. Seit November 2005 ist sie Stipendiatin der Landesgraduiertenförderung Rheinland-Pfalz und von Dezember 2006 bis August 2007 Stipendiatin am DJI.

 

Kontakt
Haben Sie Fragen oder Anregungen zum Thema: Schreiben Sie an: barbara_rink@hotmail.com

DJI Online / Stand: 1. Juni 2007