Gespräch mit Dr. Stefan Borrmann, DJI

Dr. Borrmann, Sie haben ein Buch über die Arbeit mit rechten Jugendgruppen geschrieben. Woran kann ich rechte Jugendcliquen erkennen?

Rechte Cliquen lassen sich durch fünf Merkmale kennzeichnen. Erstens durch eine jugendkulturelle Verortung z.B. durch spezifische Kleidungsmarken wie Lonsdale oder Thor Steinar, sowie durch rechte Musik und Codes, zweitens durch Gewaltverhalten und -akzeptanz nach außen und innen gerichtet. Als drittes Merkmal würde ich hegemoniale Geschlechterrollenbilder nennen, die in den Cliquen auch ausgelebt werden. Viertens gilt es spezifische Cliquenstrukturen zu beachten, die vor allem durch informelle, aber dennoch starke Hierarchien gekennzeichnet sind. Und schließlich rechte Wert- und Normvorstellungen, die zwar kein geschlossenes Weltbild ergeben, aber durch fremdenfeindliche Einstellungen und stark ausgeprägten Nationalismus geprägt sind.

 

Gibt es Gebiete, in denen diese Gruppen verstärkt auftreten?

Es lässt sich nicht ein Gebiet besonders herausstellen, aber ein Schwerpunkt liegt auf ländlichen Regionen. Zudem kann man konstatieren, dass rechte Cliquen zwar kein typisches Ostproblem sind, aber es verstärkt Regionen in Ostdeutschland sind, die Auffälligkeiten aufweisen. Das hat natürlich auch etwas mit Ressourcendefiziten zu tun.

 

Damit sprechen Sie schon mögliche Ursachen an. Welches ist Ihrer Ansicht nach die vorherrschende?

Nach meinen Erkenntnissen lässt sich kein isoliertes Erklärungsmerkmal herausstellen. Das macht die öffentliche Diskussion über die Ursachen auch so schwierig. Aber wenn man sich theoretische Erklärungsmodelle zum Entstehen rechter Cliquen ansieht und aktuelle empirische Studien dazu nimmt, dann zeichnet sich ab, dass Erziehung einen entscheidenden Einfluss hat.

 

Das heißt?

Wenn Eltern ihre Kinder beispielsweise autoritär erziehen, dann behindert dies die Entwicklung von Empathie- und Perspektivenübernahmefähigkeiten. Zudem ethnisieren diese Jugendlichen soziale Probleme. Also: strukturelle Ursachen für Ressourcenmängel zum Beispiel an Arbeits- und Ausbildungsplätzen werden kulturell gedeutet. Dies tun aber auch Politiker und Teile der Medien. Kein Wunder also, dass auch Jugendliche sich dieser Deutungsmuster bedienen.

Daneben spielt das Ausleben von bestimmten Männlichkeitsbildern eine große Rolle. Cliquen dienen dabei auch als Bühnen für solche Geschlechterinszenierungen.

 

Rechte Jugendcliquen sind aber noch keine Rechtsextremisten?

Nicht unbedingt. Oft bestehen die Cliquen schon länger und entwickeln sich im Laufe der Zeit allmählich nach Rechts. Die rechten Norm- und Wertvorstellungen sind also nicht der eigentliche Grund für den Zusammenschluss. Anders als bei eindeutig rechtsextremistischen Gruppen finden gezielte politische Aktionen und Propaganda seltener und oft ungeplant, spontan, statt. Aspekte einer jugendkulturellen Verortung und ihre Inszenierung sind sehr viel wichtiger. Die Grenzen sind aber fließend, nicht unbedingt hin zu politischen Parteien, aber hin zur Kameradschaftsszene.

 

Das heißt: hier sollte soziale Arbeit rechtzeitig ansetzen. Aber wie?

Wichtig ist, dass die soziale Arbeit langfristig angelegt und auch entsprechend ausgestattet ist. Es geht darum, von drei Seiten aus zu agieren.

Erstens früh und präventiv tätig zu werden, bevor sie Gruppen bilden, in denen Gewalt akzeptiert wird. Also müssen wir schon mit kleinen Kindern zu arbeiten beginnen. Hier können diejenigen agieren, die ohnehin Zugang zu den Kindern haben, Erzieherinnen in Kitas, LehrerInnen in der Schule und natürlich die Eltern. Dazu wurde auch schon vor einigen Jahren am DJI eine Zusammenstellung von Projekten erarbeitet.

Zweitens präventive Arbeit mit Jugendlichen der entsprechenden Altersgruppe, um zu verhindern, dass diese in rechte Cliquen gehen oder sich bestehende Cliquen nach rechts entwickeln. Hier sind ebenfalls die Personen und Institutionen zu involvieren, die ohnehin Zugang zu den Jugendlichen haben. LehrerInnen, Ausbildungsleiter, Jugendarbeiter, die Sportvereine, Schule hier besteht Potenzial.

Der dritte Punkt ist der schwierigste, nämlich die Arbeit mit den Jugendlichen aus rechten Cliquen selbst. Doch auch hier ist viel möglich. Aufsuchende Jugendarbeit, Streetwork, wird schon seit Jahren erfolgreich mit Cliquen praktiziert. Wenn man dort hingeht, wo sich die Jugendlichen treffen, dann entsteht über kurz oder lang auch eine vertrauensvolle Beziehung. Wichtig ist hierbei, dass sich der Streetworker klar von den Wert- und Normvorstellungen der Jugendlichen distanziert. Hier darf es kein Ausweichen geben, um den Kontakt nicht zu gefährden.

 

Sie haben die Eltern schon angesprochen. Machen Sie sich da wirklich Hoffnung auf Unterstützung?

In der Tat ist das ein nicht zu unterschätzendes Problem. Wir gehen bislang wie selbstverständlich davon aus, dass Eltern in der Lage sind, Kinder zu erziehen. Fakt ist, dass viele heute mit dieser Aufgabe überfordert sind. Ich denke, wir sollten darüber nachdenken, wie wir Eltern dabei unterstützen können und die Familienbildung stärken. Eine geschlechtersensible, demokratische Erziehung wäre die beste Prävention.

 

Die LehrerInnen haben auch langsam die Nase voll. Wenn Probleme auftauchen, Eltern versagen und kein Geld für soziale Arbeit da ist, soll es die Schule richten.

Vor diesem Hintergrund ist meines Erachtens die Entwicklung hin zu Ganztagsschulen, sehr zu begrüßen. Wenn LehrerInnen und Akteure der Kinder- und Jugendhilfe kooperieren und ein verändertes Bildungsverständnis gemeinsam umsetzten, könnten an den Schulen ein Klima und Räume entstehen, in dem Jugendliche Anerkennung erfahren können und nicht mehr nur ausschließlich auf den Halt in Cliquen und die Anerkennung über die dort herrschenden Rituale, Codes und Verhaltensnormen angewiesen sind. Solange die Schule ein Ort der reinen Wissensvermittlung gilt, in dem SchülerInnen häufig Versagenserlebnissen ausgesetzt sind, ist das nur eingeschränkt möglich.

 

Welche Projekte sollten darüber hinaus von der Politik unterstützt werden?

Ich halte die in Ostdeutschland arbeitenden Mobilen Beratungsteams für einen viel versprechenden Ansatz um zivilgesellschaftliche Akteure zu aktivieren und zusammen zu bringen. Es muss aber auch mit den rechten Jugendlichen gearbeitet werden, z.B. mit Projekten der aufsuchenden Sozialarbeit. Eine Mischung aus dem Aktionsprogramm der 1990er Jahre, dem Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt (AgAG), und den noch aktuellen Programmen Civitas, Entimon und Xenos wäre der richtige Ansatz. Wir haben es insgesamt mit einem hochkomplexen Problemfeld zu tun. Dazu braucht es eine vernetzte Strategie, die langfristig angelegt sein muss.

Eine Möglichkeit wäre, regionale Koordinierungsstellen zu schaffen, die im Gegensatz zu bestehenden runden Tischen auch direkt Mittel vergeben können aber auch die Ergebnisse überwachen können und gegebenenfalls intervenieren. Eine solche Koordinierungsstelle hätte das notwendige lokale, regionale Wissen gleichzeitig aber auch die Distanz, unvoreingenommen auf die Projektkonzeption und -ergebnisse zu schauen. Das heißt, die verschiedensten Projekte müssen klare Ziele entwickeln, die genaue Zielgruppe benennen und klären, wie diese erreicht werden kann. Da besteht mir momentan noch zu wenig Differenziertheit. Wenn ein Projekt nicht beantworten kann, wen es genau erreichen will, mit welchem Ziel und welchen Methoden, dann ist es auch nicht förderungswürdig.

 

Herr Dr. Borrmann, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Kontakt:
Dr. Stefan Borrmann


Buchtipp:
Stefan Borrmann (2005): Soziale Arbeit mit rechten Jugendcliquen. Wiesbaden: VS Verlag, 298 S., 34,90


Weiterführende Links:

Der frühe Vogel fängt den Wurm (DJI Publikation)

Arbeitsstelle Rechtsextremismus DJI in Halle